Gänseblümchenblütenzupfen

Er liebt mich. Sagt er. Und ich glaube ihm, was ich keinem anderen glauben würde, was ich bei jedem anderen für Schmeichelei und Verliebtheitsrhethorik halten würde; ihm glaube ich.

Er will um mich kämpfen. Sagt er. Tut er. Er hat sich geändert, das sagt er und erzählt von den letzten Monaten, und ich bin erstaunt und ehrlich beeindruckt von den kleinen Dingen, die große Paradigmenwandel zeigen.

Er will viel von mir. Im guten Sinne. Aber trotzdem, ich zögere und weiß selbst nicht genau warum. Ist es nur wegen Prinzipien? Wegen Konventionen und dem was-die-Leute-denken? Oder ist es, weil ich selbst nicht sicher bin und nicht erneut enttäuscht werden und enttäuschen möchte?

Jeden, den ich in der Zwischenzeit kennenlernte, verglich ich mit ihm. Keiner konnte ihn erreichen. Als ich einsam war, als ich herzschmerzend andere Pärchen beobachtete, war es seine Nähe, die ich vermisste. Er war präsent in meinem Leben, auch ohne ein Teil der Gegenwart zu sein. Ich sprach so oft von ihm, dass es mich selbst wunderte.

Dennoch. Irgendwo in mir ist ein Widerstreit, den ich noch nicht richtig verorten kann. „Es hat zwei Mal nicht geklappt, sinnlos, es ein drittes Mal zu versuchen.“ „Aber er ist der Eine!“ „Vielleicht kann ich mit Liebe gar nicht richtig umgehen. Vielleicht kann ich gar nicht richtig ganz und gar und dauerhaft lieben.“ „Er liebt mich jedenfalls. Das ist sicher.“ „Es ist ein großes Risiko, jemanden zu lieben. Man macht sich verwundbar, und man kann so viel leichter schwere Verletzungen verursachen, selbst wenn man das gar nicht will.“ „Dafür macht eine gute, große Liebe das Leben so viel schöner und bunter und leichter und tiefer zugleich.“ „Überhaupt, wie soll ich das denn meiner Familie und meinen Freunden beibringen, und irgendwie auch mir selbst, ich wollte nie so wankelmütig sein.“ „Aber denk an die guten Gespräche, an das federleichte Wort-Ping-Pong, das nur mit ihm geht. Denk daran, wie gut sich seine Haut anfühlt und wie es ist, wenn er dich so intensiv anschaut, dass du verlegen lächelnd den Blick senkst.“

Ich muss eine Entscheidung treffen, eine Entscheidung, an der die Zukunft – und, wer weiß?, vielleicht auch das Glück zweier Menschen hängt. Aber ich werde mir Zeit damit lassen.

Für immer?

Ich bin zur Zeit ernsthaft am Zweifeln, ob das mit der großen Liebe für immer und ewig wirklich eine gangbare Option ist oder nicht doch nur ein Marketingschwindel, der uns daran hindern soll, vorschnell zu verbittern. Gut, dass meine Beziehung kürzlich zerbrach, so what, ich bin erst Mitte Zwanzig, das war mein erster richtiger Freund, wäre ja auch unverschämt großes Glück gewesen, gleich auf Anhieb den Hauptgewinn zu ziehen. Da ist schon noch Luft nach oben. Aber wenn ich mich mal eine Generation darüber umsehe: all die Paare in meinem Bekanntenkreis, plusminus fünfzig, ein bis zwei Kinder, Eigenheim, jeder macht sein Ding, klassisches Muster, jetzt werden die Kinder, der verbindende Kitt, langsam flügge und schmerzlich wird man sich bewusst, dass die gemeinsamen Themen sich auf „Aber du hast versprochen, diese Woche die Hecke zu schneiden!“ und „Ist die Milch schon wieder alle?“ reduziert haben. Hinzu kommen natürlich noch all diejenigen, die die Fahrtrichtung schon früher erkannt und die Trennung bereits hinter sich gebracht haben. Ich war immer eine große Romantikerin. Liebe auf den ersten Blick, das war nicht so mein Ding, eher die Jane-Austen-Nummer, in der die junge, hübsche Hauptdarstellerin zufällig diesen großen, unhöflichen Typen mit dem markanten Gesicht kennenlernt, gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm aneinander gerät und trotzdem ist dem geneigten Zuschauer klar, dass spätestens nach 120 Minuten das gemeinsame Happy End folgt. Das war immer mein Wunschbild. Inzwischen mache ich mir ernsthaft Gedanken darüber, ob „friends with benefits“ ein dauerhaft umsetzbares Konzept ist. Aber wohl eher nicht, nicht langfristig, nicht für mich, jedenfalls. Das wird spätestens bewusst, wenn in dieser kitschigen BBC-Produktion nach vier Stunden Drama er zu ihr fährt und sie zu ihm, und natürlich verfehlen sie sich, aber beim Halt an einem Bahnhof in der Mitte treffen sich die beiden Züge, sie sehen sich sofort, treffen sich auf dem Bahnsteig und nach kurzem Gespräch folgt der obligatorische Kuss, der in Wirklichkeit zu dieser Zeit in dieser Gesellschaft so undenkbar gewesen wäre, alles geht gerade noch einmal so gut aus, und ich sitze vor dem Fernseher und bemerke erst beim Abspann, dass sich meine Hand ins Fell meiner Katze gekrallt hat und ich beinahe zwanghaft das kleine schnurrende Lebewesen an meiner Seite streichle und herze und an mich drücke, um dieses fast schon schmerzhafte Schmetterlingsgefühl in der Magengrube zu katalysieren. Vielleicht ist „für immer“, die wirklich gute, befriedigende Variante davon, seltener als ein Sechser im Lotto. Aber ich werde trotzdem danach suchen.

Schmetterlinge

Dank des Blogs von thesmellofgreen hat mein nach Zerstreuung suchendes Hirn mein Näschen auf einen wunderbaren Kommentar gestupst. Er stammt von Mechanicus und handelt von Schmetterlingen, ganzen Schwärmen von Schmetterlingen, und von kleinen Bäumen, die größer werden wollen oder auch nicht. Und bevor das Ganze hier in märchenhaft anmutenden Metaphern versinkt: Es geht um die Liebe, die alte Geschichte, den Dauerbrenner. Und um das Verliebtsein, das so leicht mit der Liebe verwechselt wird.

Wir erinnern uns: Ich befinde mich gerade in einer Beziehung 2.0. Mit Partner 1.1. Gleicher Mann, lediglich um einige Erfahrungen reicher, neuer Beziehungsversuch nach zwei Monaten ohne einander. Von ihm ging die Trennung aus (auch wenn er nur eine Beziehungspause wollte und ich den Schlussstrich zog), von ihm kam auch die Initiative für den Neustart. Und ich? Ich machte mit. In Beziehung 1.0. Bei der Trennung. Beim Neuanfang. In Beziehung 2.0.
Ganz am Anfang, da waren die Schmetterlinge. Wir schrieben uns endlose E-Mails, bevor wir uns das erste Mal leibhaftig zu Gesicht bekamen, manchmal zehn Stück am Tag. Alle Viertelstunde checkte ich meinen Posteingang und hing trotz schönsten Sommerwetters den ganzen Tag vor dem PC. Schon im Lesen und Schreiben verliebte ich mich hoffnungslos in ihn. Dann das erste Treffen. Wir trafen uns zum Picknick im Park. Der Käse zerschmolz in der Sonne, vom Baguette fraßen die Tauben. Wir waren zu sehr mit Küssen beschäftigt. Wir sind jetzt ein Paar, klar. Meine Mutter hielt mich für verrückt. Nach nur einem Date! Beim zweiten Treffen lernte er meine Freunde kennen. Beim dritten meine Familie. Beim vierten den ihm noch unbekannten Teil von mir.
Aus der Beziehung wurde eine Fernbeziehung. Für mich begann ein neues Leben. Neue Stadt, neue Wohnung, neuer Job, alles aufregend und anders. Er war dabei. Ihn rief ich nach meinem ersten Arbeitstag an, er erkundete am Wochenende mit mir die Gegend, mit ihm fand ich das tolle kleine Indie-Kino zwei Ecken weiter und den Lego-Laden in der Innenstadt.
Irgendwann war das alles nicht mehr neu. Der Job nervig. Die Stadt uninspirierend. Die Wohnung hatte undichte Fenster. Und die Beziehung war routiniert. Die Schmetterlinge lange ausgeflogen. Bye bye, wir suchen uns ein neues rosarot bebrilltes Pärchen. Mich störte, dass er nach dem Abwasch immer den Schaum mit allen übrigen Krümeln in der Spüle antrocknen ließ. Ihn störte, dass ich meine Hausschuhe auch anbehielt, wenn ich meine Füße auf sein weißes Sofa zog. Er wusste, wie es riecht, wenn ich pupse. Und ich wusste, wie es klingt, wenn er euphorisch Thomas Mann zitiert. Wo ich doch mit Thomas Mann überhaupt nichts anfangen kann.
Dann die Trennung. Nach zwei Jahren. Klar, die Beziehung war nicht mehr besonders frisch. Und sie fühlte sich kriselig an, am Ende. Aber dass er gleich einen Kontaktabbruch möchte? Okay, dann richtig. Ich kaufte einen Umzugskarton und füllte ihn mit all seinen Dingen. Den Wintermantel, die Badehose, das Deo und das Haarspray. Die Hausschuhe, die Zahnbürste, die Schachtel Antihistaminika, die er bei längerem Aufenthalt in meiner Wohnung gegen seine Katzenallergie schlucken musste. Paketklebeband drumherum, Adressaufkleber drauf und ab geht die Post. Das Foto im Wohnzimmer tauschte ich gegen den gerahmten Handabdruck meines Patenkindes.
Bei seinen Neuanfangsavancen war ich skeptisch. Und ziemlich hormongesteuert, das wechselte sich in schnellem Rhythmus ab. Ich tat ein paar übereilte Dinge, die ich trotz ihrer Übereiltheit nicht bereue, allein schon deshalb, weil sie einmal eine gute Geschichte für meine Enkel abgeben werden. Es gab Kopf-Herz-Bauch-Endkämpfe, in denen sich die verschiedenen Parteien mit den Positionen abwechselten. Keine klaren Grenzlinien. Viele Grautöne. Ich versuchte, Dinge klarzustellen. „Unsere Beziehung ist schließlich nicht ohne Grund gescheitert.“ „Mal ganz ehrlich, es gab schon ein paar Sachen, die mich gestört haben.“ „Manchmal hast du mich eingeengt.“ Schließlich, trotz aller Zweifel: Okay, wir probieren es noch einmal miteinander.
Er vermisste mich. Wahnsinnig. Ich ihn nur manchmal. Ich hatte mir in den zwei Monaten das Vermissen abgewöhnt. Unsere Wochenenden waren toll. Unsere Telefonate manchmal mittelmäßig und manchmal großartig. Aber dazwischen machte ich mein eigenes Ding, und dabei dachte ich nur selten an ihn. Das machte ihn traurig, ich spürte das. Aber ich konnte es nicht ändern. Wollte es vielleicht auch gar nicht.
Bei ihm waren die Schmetterlinge wieder eingezogen. Vielleicht sind sie immer noch da. Bei mir nicht. Nicht mehr seit ihrem allmählichen Verschwinden, damals. Und manchmal frage ich mich, ob sie da sein sollten. Ob ihr Fehlen mich auf etwas hinweisen soll. Auf etwas, das nicht richtig läuft. Auf Fehlendes: Aufregung und Gefühlsüberschwang und stundenlanges gegenseitiges In-die-Augen-blicken. Aber möglicherweise ist das ja gar nicht das, was ich will. Möglicherweise ist das, was ich will, ein Bäumchen, das gut gedeihen soll. Dafür braucht es einen guten Boden. Freundschaft, Verständnis, Vertrauen. Ich muss es regelmäßig gießen. Mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Und irgendwann ist es groß, trägt Blüten, spendet Schatten und ich kann endlich mit voller Gewissheit sagen: Ich habe Liebe gesät.

Richtig

Es gibt, zumindest hierzulande, dieses Konzept von „dem Richtigen“. Dieses ominöse Phantom wird am liebsten dann heraufbeschworen, wenn es um Liebeskummer, Beziehungsstress und all die anderen großen und kleinen Krisen im Leben zu zweit geht. Aber die Frage ist doch: Gibt es diesen Richtigen (oder diese Richtige, wir wollen ja gendergerecht sein) eigentlich? Und wenn ja, gibt es nur eine respektive einen oder doch eine gewisse Auswahl an Richtigen? Und was bedeutet das eigentlich – „richtig“?
Eine Freundin von mir, sie ist etwas jünger als ich, Studentin mit noch nicht besonders vielen Semestern auf dem Buckel, heiratet demnächst. Und ich konnte mir nicht verkneifen, zu fragen: Woher weißt du, dass er der Richtige ist? Ihre Antwort fand ich spannend. Sie sagte: Es gibt noch viele andere tolle Männer auf der Welt. Ich könnte sicher auch mit einem Anderen glücklich werden. Aber ich habe mich für ihn, und für niemanden sonst, entschieden. Genau das macht ihn zu „dem Richtigen“.
Es ist eine Entscheidungssache. Das klingt plausibel. Aber was beeinflusst meine Entscheidung, dass er der Richtige ist? Man wird ein bisschen auf diese „was ist Liebe“-Sache zurückgeworfen. Woher weiß ich, dass es die große Liebe ist? Vor einer Weile sah ich einen Film, ich weiß nicht mehr welchen und um was es ging, aber einer stellte genau diese Frage. Und bekam zur Antwort: Wenn du fragst, ist sie es nicht.
Klingt logisch. Aber andererseits, sind Zweifel wirklich automatisch das Aus für jede Beziehung? Ich habe zu wenig Erfahrung für empirische Werte. Und außerdem frage ich mich seit langem, ob die immer größere Zahl an alleine lebenden und zum Teil sehr einsam endenden Menschen nicht auch damit zu tun hat, dass in der heutigen Gesellschaft nur das Beste zählt. Das schnellste Auto, das luxuriöseste Haus, der besterzogenste Hund, der atemberaubendste Urlaub. Wenn etwas nicht mehr hundertprozentig passt, wird sofort Ersatz gesucht. Das finde ich zu krass. Aber wie viel Prozent sind denn dann noch „erträglich“ und ab welcher Abweichung passt es überhaupt nicht mehr? Und ist es sinnvoll, eine dauerhafte Beziehung einzugehen, wenn von vornherein feststeht, dass nur 90 % zusammenpassen? Oder ist es im Gegenteil sogar sträfliche Selbstbelügung, wenn man von 100 % Übereinstimmung ausgeht, weil das in der Praxis nie vorkommt und also ein durch Verliebtheit getrübter, nicht entscheidungsfähiger Blick vorliegt?
Vielleicht kann man sich nur an den Rat halten, den ich irgendwo, irgendwann, von irgendwem einmal gelesen habe: Suche nicht nach dem Richtigen, sei die Richtige. Aber auch da finde ich es schwierig: Kann ich für ihn die Richtige sein, aber er nicht der Richtige für mich? Oder bin ich dann auch automatisch nicht seine Richtige, oder er ist doch mein Richtiger, und wir merken es bloß nicht?
Es gibt wohl keine Patentlösung, fürchte ich. Alles, was man tun kann, ist der Versuch, Kopf und Herz und Handeln unter einen Hut zu bekommen. Und dann einfach drauflos leben und lieben.