Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

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Hochzeiten

Nun ist es also so weit: Die erste Hochzeitseinladung aus meinem Freundeskreis flatterte ins Haus. Bei der letzten Hochzeit, auf der ich eingeladen war, war ich neun Jahre alt und stolz wie Otto, dass ich die Kerze meines Onkels und der frischgebackenen Tante in die Kirche tragen durfte. Seither sind einige Jahre vergangen, in denen in der Elterngeneration allenfalls Scheidungen zelebriert wurden, und wir, wir waren doch noch Kinder. Jetzt sind wir das nicht mehr, woran mich die Einladung gemahnt. Tatsächlich ist diese nun heiratende Freundin nicht die allererste Braut im weiteren Bekanntenkreis; ein paar weitere junge Frauen und Männer sind bereits unter der Haube, aber mit niemandem davon war ich zum Hochzeitszeitpunkt noch enger als auf Facebook befreundet. Das anstehende Ereignis kommt näher an mich heran und löst merkwürdig ambivalente Regungen aus: Einerseits freue mich mich natürlich sehr für meine Freundin, die große Liebe gefunden zu haben, und ich freue mich auch auf das Hochzeitsfest und darüber, dass sie bei den Einladungen überhaupt an mich dachte, weil unser Kontakt durch große räumliche Distanz auch nicht mehr so gut ist, wie er einmal war. Andererseits bin ich auch ein klein wenig neidisch auf ihr Glück, das ist total blöd, das weiß ich, aber dieses Gefühl ist eben auch da, kombiniert mit diesem leicht diffusen Angstgefühl, als Single und noch dazu dort vermutlich kaum jemand kennend am Ende mich betrinkend an der Bar zu landen, weil um mich herum lauter exklusive Pärchengespräche geführt und Pärchendinge gemacht werden, bei denen ich alleine völlig nutzlos bin. (Auch das wird nicht passieren, sonst würde ich meine Freundin völlig falsch einschätzen, aber trotzdem bleibt leichtes Unbehagen.)

Und wenn sie dann mal verheiratet sind, dann… heiraten bestimmt bald die nächsten, es gäbe da schon ein paar vielversprechende Kandidaten. Und dann kommen die ersten Kinder, und Treffen scheitern nicht mehr wegen Unistress oder Auslandssemester, sondern wegen dem fehlenden Babysitter „und Anni hat doch immer diese schlimmen Koliken, und dann schreit sie die ganze Nacht, da muss ich wirklich zuhause bleiben“. Und wenn man sich doch mal besucht, geht es immer nur um die Kinder, und sollte ein Gespräch doch mal ein anderes Thema tangieren, fängt bestimmt gerade das Baby zu weinen an oder das Kleinkind muss daran gehindert werden, sämtliche Küchenschubladen auszuräumen, „und wenn du schon mal da bist, könntest du vielleicht mal kurz auf Maximilian aufpassen, damit ich die Waschmaschine ausleeren kann?“

Das Allermerkwürdigste an dieser Vorstellung ist allerdings, dass sie mich gleichzeitig furchtbar gruselt, während ich insgeheim den kitschig-spießigen Wunsch habe, selbst mal so eine Zukunft zu haben.

Trauerarbeit

Jetzt habe ich schon eine Weile nichts mehr gepostet. Das liegt nicht daran, dass mir nichts mehr einfällt, und auch nur bedingt am üblichen Vorweihnachtsstress. Was mich zur Zeit beschäftigt, ist ein trauriger Vorfall, der sich Anfang der Woche ereignete: Die Tochter einer Kollegin, ein Mädchen im Teenager-Alter, starb. Ganz plötzlich, auf eine sehr unschöne Art und Weise und unter teilweise ungeklärten Umständen – man wird wohl nie zweifelsfrei herausfinden, ob es sich um einen Unfall oder einen Selbstmord handelte.

Nun kannte ich das Mädchen nicht. Und mit ihrer Mutter arbeite ich ganz gut zusammen, wir sind aber nicht privat befreundet. Trotzdem hat mich dieses Ereignis sehr mitgenommen. Zuerst wirkte es so surreal; meine Kollegin hatte mir doch gerade noch von der Weisheitszahn-OP der Tochter erzählt, und angekündigt, dass sie im Frühjahr eine Woche Urlaub haben möchte, um die Feier zur Konfirmation vorzubereiten. Da kann das Kind doch nicht auf einmal tot sein. Das kann nicht sein! In mir sträubte sich alles. Aber es war wahr. Und langsam fängt ein Denkprozess an, in dem es darum geht, weniger für morgen und mehr für heute zu leben. Ich bin noch nicht besonders gut darin, aber ich will das üben. Ändern, was mich stört, und nicht auf eine ferne Zukunft hoffen, in der alles besser sein wird. Denn ganz schnell gibt es keine Zukunft mehr.

Babybäuche

Heute war ich zu Besuch bei meinem kleinen Patenkind, das jetzt stolze fünf Monate alt ist, bestaunte seine Mutter, die zur Zeit hauptberuflich den Alltag mit einem Kindergartenkind und einem Säugling managt und dachte dabei im Stillen, dass mein aktuelles Leben dagegen das reinste Freizeitparadies ist – obwohl ich mich ansonsten ja auch gerne über zu kurze Tage aufrege, wenn ich es wieder mal nicht schaffe, Vollzeitjob, Fernstudium, Haushalt, Beziehung, Freunde und so weiter unter einen Hut zu bekommen.

Ich bin auch noch nicht in dem Alter, in dem man auf 30 aufrundet; ich stehe erst am Anfang der Zwanziger, denke über Berufswechsel und Werkstudentenjobs nach und plane, mit meinem Freund zusammenzuziehen, um zu testen, ob die Beziehung nicht nur fern, sondern auch jeden Tag funktioniert. Das sind die „großen“ Zukunftspläne, die mich zur Zeit bewegen.

Und dann lese ich, so ganz nebenbei auf Facebook, dass eine ehemalige Mitschülerin ja eben gerade ein hübsches „Bellypainting“ auf ihren Babybauch gemalt bekommen hat – von einer anderen ehemaligen Mitschülerin, die vor zwei Wochen heiratete. Eine andere aus dem Klassenbunde ist schon seit zwei Jahren verheiratet und wird ebenfalls in diesen Tagen Mutter, eine ehemalige, kaum ältere Kollegin aus meinem Nebenjob hat seit Mitte des letzten Jahres eine Tochter und auch ein jetziger junger Kollege ist vor kurzem Vater geworden. Und ich bin irritiert: Heißt es nicht immer und überall, die Menschen würden keine Kinder mehr bekommen, und wenn, dann erst viel später? Und warum bin ich dann auf einmal gefühlt die einzige, bei der eine Schwangerschaft noch nicht im entferntesten in Frage kommt? Denn ja, ich möchte Kinder, und mein Freund ebenso – aber wir sind uns auch beide einig, damit noch ein bisschen zu warten. Bevor ich 30 werde, das ist der Plan, aber bis dahin ist noch so viel Zeit. Ändert unsere Generation wieder alle Statistiken und wir werden mit Ende Zwanzig schon die richtig Alten unter den zukünftigen Eltern sein? Wir werden sehen.