Überraschende Wendung

Es ist spät am Abend, ich bin in der U-Bahn nach Hause, als drei vielleicht Sechzehnjährige einsteigen und im Vierersitz neben mir Platz nehmen. Sie sprechen sich gegenseitig mit „Jo, Digga“ an, tragen Lederjacke oder Mütze in Fußballvereinsfarben, kommen offenbar gerade vom Weihnachtsmarkt und ich schiele etwas misstrauisch zu ihnen hinüber, weil diese Art von Typen erfahrungsgemäß öfters für eine unruhige Fahrtzeit sorgt. Ihr erstes Gesprächsthema ist dann auch gleich der Glühwein Strägstrich Alkoholkonsum im Allgemeinen. „Ey, du hast jetzt gar keinen Glühwein getrunken oder was?“ Doch statt, wie ich erwartet hatte, den Nicht-Glühweintrinker deshalb ins Lächerliche zu ziehen, hören sich die anderen beiden seine Geschichte vom Glühwein-Vollrausch vor zwei Jahren, der für eine entsprechende Abstinenz sorgt, ruhig an und kommen zu dem Schluss, dass es ja eigentlich ganz gut sei, zu wissen, wann das eigene Limit erreicht ist. Nächstes Thema: Die dunkle Jeans des einen hat durch die Waschmaschine hellere Streifen bekommen – Mutti ist schuld. Sie denken darüber nach, woran es wohl gelegen haben könnte – vielleicht mit den falschen Sachen gewaschen -, und gerade als ich anfange, mich darüber zu ärgern, dass diese jungen Männer offenbar keine Ahnung vom Wäsche waschen haben, solche Aufgaben ganz geschlechterklischeehaft ihren Müttern überlassen und sich dann darüber aufregen, wenn mal etwas schief geht, kommt ganz gelassen vom Streifen-Jeans-Träger: „Sie muss ja auch voll viel Wäsche machen, für meine Oma und meinen Bruder und meinen Papa und mich… da passieren halt mal Fehler, ist ja nicht schlimm.“ Und Mr. Lederjacke erzählt von seinem weißen Lieblings-T-Shirt, das nach der Wäsche rosa war: „Aber ich habs trotzdem angezogen. Ist doch Blödsinn, dass Jungs kein Rosa tragen können.“ Seine Freunde pflichten ihm bei, widerlegen für sich das Vorurteil, dass nur schwule Männer Pink trügen und lästern dann noch ein bisschen über jene, die das Wort schwul als Schimpfwort benutzen, ohne seine Bedeutung zu kennen. Als ich aussteigen muss, geht es um Schuhe: „Digga, es gibt nur zwei Sachen, bei denen ich nicht aufs Geld schaue, Elektronik und Schuhe. Ey, da steht dein ganzes Gewicht drauf! Die hier waren zwar nicht günstig, aber dafür lauf ich wie auf ner Wolke.“

Und als ich vom Bahnhof nach Hause laufe, denke ich darüber nach, wie erfrischend es ist, wenn die eigenen Stereotype einfach mal aufgemischt und über den Haufen geworfen werden. „Die heutige Jugend“ – ist doch eigentlich auf einem ganz guten Weg.

Begegnungen

Ich schrieb bereits von dem verregneten französischen Konzert letzte Woche. Was ich nicht schrieb: Außer der Sängerin sprach uns noch eine ältere Dame, die wie wir zu dem sehr überschaubaren Publikum gehörte, an und fragte, ob sie vielleicht auch ein paar von den von uns gemachten Fotos haben könne. Allerdings habe sie keine Mailadresse, ob wir ihr vielleicht auch ein, zwei Bilder ausdrucken und per Post schicken könnten? Da es eine sehr nette Dame war, willigten wir ein, tauschten Adressen und entwickelten eine kleine Auswahl an Fotos für sie. Und nachdem ihre Adresse keine zehn Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt ist, fuhr ich gestern Nachmittag bei ihr vorbei und brachte ihr die Bilder. Daraus entwickelte sich ein äußerst nettes gemeinsames Teetrinken und daraus wiederum die feste Absicht, sich in Zukunft weiterhin ab und zu zu treffen. Und ich bin richtig positiv überrascht: In meinem bisherigen Leben gab es bisher keine einzige freundschaftliche oder sonstige Beziehung, die nur auf einem solchen spontanen Zusammenstoßen basiert.

Jetzt habe ich beschlossen: Ich will mehr Begegnungen machen. Auch mal Leute ansprechen, die nett aussehen. Denn eigentlich ist das Leben doch viel zu kurz, um Angst davor zu haben, sich lächerlich zu machen oder mal daneben zu langen. Und wie mir schon meine Kunstlehrerin in der fünften Klasse ins Poesiealbum schrieb: Alles wahre Leben ist Begegnung.