Geheime Gedanken zum Nachtbeginn

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre alt. Einfach nur, um zu wissen, dass das alles gut ausgeht.

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Blick zurück und Blick nach vorn

Silvester, Zeit der Jahresrückblicke. Wie war mein Jahr? Statistisch betrachtet: Vier Beerdigungen und eine Scheidung im näheren Umfeld, aber auch zwei Hochzeiten, eine Taufe und eine Verlobung. Mein Studium und ich hatten eine schwierige Phase miteinander, haben uns aber wieder zusammengerauft. Ich habe zum ersten Mal einen Roadtrip gemacht (sicher nicht zum letzten Mal!) und habe den ersten Langstreckenflug meines Lebens hinter mir. Ein paar Beziehungen sind schwächer geworden, aber mehr haben sich vertieft, zum ersten Mal oder aufs Neue. Die Beziehung zu mir selber ist ebenfalls besser geworden, ich bin zufriedener mit und freundlicher zu mir geworden. Das Jahr 2017, das sich weltpolitisch von Desaster zu Desaster hangelte, war für mich persönlich also eigentlich ganz in Ordnung. Ein paar Wünsche, die ich an 2017 hatte, nehme ich trotzdem nach 2018 mit. Möge es ein gutes Jahr werden – für uns alle.

Mein Land

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich bin froh, Deutsche zu sein – weil das heißt, in Sicherheit und relativem Wohlstand zu leben, weil ich noch nie Angst um mein Leben haben musste, weil das Recht hier zwar manchmal mühsam ist und lange dauert, aber für jeden gleichermaßen gilt, weil ich als Frau genau die selbe Wertschätzung und Bildung erfahren durfte und darf wie mein Bruder, weil ich meiner Religion nachgehen darf und genau so ihre Regeln schleifen lassen oder meinen eigenen Maßstäben anpassen, weil ich sagen und schreiben kann, was ich denke, ohne mich vor Repressalien fürchten zu müssen, weil ich wirklichen Hunger nur aus Erzählungen meiner Großmutter kenne.

Ich bin Tochter einer Deutschen und eines Deutschen. Ich spreche und schreibe fehlerfreies Deutsch, ich kenne mich mit der hiesigen Geschichte, Politik und den vielen ungeschriebenen Regeln aus. Außerdem bin ich weiß, heterosexuell und gebildet. Das alles zusammen ergibt ziemlich gute Chancen, hier ein gutes Leben führen zu können. Das freut mich natürlich. Aber ich möchte mehr: Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der auch Menschen, die nicht weiß, heterosexuell, gebildet, mit deutschem Pass und deutscher Abstammung sind, ein ebenso gutes Leben führen können. Ich möchte, dass meine dunkelhäutigen Cousins nicht andauernd nach ihrer Herkunft gefragt werden. Ich möchte, dass mein Bruder und sein Freund nicht wieder von ihrer Vermieterin gewarnt werden, doch besser die Fensterläden zu schließen, wenn sie vorhaben, sich in der Wohnung zu küssen. Ich möchte, dass die Freundin meines Cousins nicht genervt behandelt wird, weil ihr Deutsch noch nicht perfekt ist und ihr manchmal Vokabeln fehlen. Ich möchte, dass meine Schulfreundin in ihrem Rollstuhl ohne Probleme überall hinkommt, wo sie hinkommen will. Ich möchte, dass mein Freund sich nicht für seinen Atheismus rechtfertigen muss und ich mich nicht für meinen Glauben. Ich möchte, dass das Kind, das meine Cousine und ihre Frau adoptieren wollen, nicht bemitleidet wird, weil es keinen Papa hat.

In einer solchen Gesellschaft könnte ich nicht nur sagen: Ich bin froh, Deutsche zu sein – sondern sogar: Ich bin stolz, Deutsche zu sein.

Für immer?

Ich bin zur Zeit ernsthaft am Zweifeln, ob das mit der großen Liebe für immer und ewig wirklich eine gangbare Option ist oder nicht doch nur ein Marketingschwindel, der uns daran hindern soll, vorschnell zu verbittern. Gut, dass meine Beziehung kürzlich zerbrach, so what, ich bin erst Mitte Zwanzig, das war mein erster richtiger Freund, wäre ja auch unverschämt großes Glück gewesen, gleich auf Anhieb den Hauptgewinn zu ziehen. Da ist schon noch Luft nach oben. Aber wenn ich mich mal eine Generation darüber umsehe: all die Paare in meinem Bekanntenkreis, plusminus fünfzig, ein bis zwei Kinder, Eigenheim, jeder macht sein Ding, klassisches Muster, jetzt werden die Kinder, der verbindende Kitt, langsam flügge und schmerzlich wird man sich bewusst, dass die gemeinsamen Themen sich auf „Aber du hast versprochen, diese Woche die Hecke zu schneiden!“ und „Ist die Milch schon wieder alle?“ reduziert haben. Hinzu kommen natürlich noch all diejenigen, die die Fahrtrichtung schon früher erkannt und die Trennung bereits hinter sich gebracht haben. Ich war immer eine große Romantikerin. Liebe auf den ersten Blick, das war nicht so mein Ding, eher die Jane-Austen-Nummer, in der die junge, hübsche Hauptdarstellerin zufällig diesen großen, unhöflichen Typen mit dem markanten Gesicht kennenlernt, gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm aneinander gerät und trotzdem ist dem geneigten Zuschauer klar, dass spätestens nach 120 Minuten das gemeinsame Happy End folgt. Das war immer mein Wunschbild. Inzwischen mache ich mir ernsthaft Gedanken darüber, ob „friends with benefits“ ein dauerhaft umsetzbares Konzept ist. Aber wohl eher nicht, nicht langfristig, nicht für mich, jedenfalls. Das wird spätestens bewusst, wenn in dieser kitschigen BBC-Produktion nach vier Stunden Drama er zu ihr fährt und sie zu ihm, und natürlich verfehlen sie sich, aber beim Halt an einem Bahnhof in der Mitte treffen sich die beiden Züge, sie sehen sich sofort, treffen sich auf dem Bahnsteig und nach kurzem Gespräch folgt der obligatorische Kuss, der in Wirklichkeit zu dieser Zeit in dieser Gesellschaft so undenkbar gewesen wäre, alles geht gerade noch einmal so gut aus, und ich sitze vor dem Fernseher und bemerke erst beim Abspann, dass sich meine Hand ins Fell meiner Katze gekrallt hat und ich beinahe zwanghaft das kleine schnurrende Lebewesen an meiner Seite streichle und herze und an mich drücke, um dieses fast schon schmerzhafte Schmetterlingsgefühl in der Magengrube zu katalysieren. Vielleicht ist „für immer“, die wirklich gute, befriedigende Variante davon, seltener als ein Sechser im Lotto. Aber ich werde trotzdem danach suchen.

Guinnessscher Fragenkatalog

Herr Guinness stellte Fragen, ich antworte.

1) Welches Land würde Deine Persönlichkeit am besten charakterisieren?

Oh, das ist schwierig. Am liebsten hätte ich die coole Lässigkeit der Niederlande, die unaufdringliche Höflichkeit Englands, den Stil und den Charme Frankreichs und die positive Lebenseinstellung Italiens, aber das ist wohl eher Idealvorstellung als Wirklichkeit (sowohl der Länder als auch meinerseits).

2) Was wäre Deine Henkersmahlzeit?

Bratkartoffeln und Spiegelei.

3) Rot- oder Weißwein?

Weißwein.

4) Wo willst Du beerdigt werden?

In einem Friedwald, so dass meine Überreste die Grundlage für neues Leben und Wachstum bilden.

5) Was würde auf Deinem Grabstein stehen (außer Namen und Geburts- und Sterbedaten)?

Nichts weiter. Ich mag es schlicht.

6) Mit welchem Schauspieler/in würdest Du die Verfilmung Deiner Biographie besetzen?

Nach längerem Überlegen entscheide ich mich für Clémence Poésy.

7) Was wäre die Widmung Deiner Autobiographie?

Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist. Bis dahin sind mit Sicherheit noch andere Liebmenschen in meinem Leben, die Widmungen verdient hätten.

8) Wie würdest Du Stand heute Deine Tochter/Deinen Sohn nennen?

Maia / Emma / David / Jonathan

9) Stell Dir vor Du wärst Walter White aus Breaking Bad. Was hättest Du an seiner Stelle getan, als Krebs diagnostiziert wurde?

Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Mit ziemlicher Sicherheit hätte ich nicht seinen Weg eingeschlagen. Aber ich hoffe, dass ich nie in diese Situation kommen werde.

10) Stell Dir vor, Du hast [100] Mio im Lotto gewonnen und hast alle Deine Konsumwünsche erfüllt. Mit welcher (sinnvollen) Tätigkeit würdest Du Dich beschäftigen?

Zuerst würde ich die Häuser, in denen meine Mutter und mein Vater wohnen, abbezahlen, mir eine Wohnung kaufen, meinem Bruder Führerschein und Auto finanzieren und dann noch einen gewissen Betrag anlegen für schlechtere Zeiten. Dann würde ich Geld investieren in Projekte, die Kindern aus benachteiligten Verhältnissen fördern, die behinderte Menschen fördern, die sich für artgerechte Nutztierhaltung einsetzen, die versuchen, ein Klima der Toleranz und Akzeptanz gegenüber Minderheiten zu schaffen; außerdem würde ich gerne mir bekannte Menschen unterstützen, die sich in Bolivien für Bildung und im Südsudan für den Frieden einsetzen. Und wenn dann noch etwas von dem Geld übrig ist, würde ich eine Weltreise machen.

11) Welche Frage ist Dir noch nie gestellt worden, obwohl Du immer damit rechnest?

Warum denkst du immer so kompliziert?