Geboren werden – Wunder sein

Die Feiertage im Dezember kommen mir zu schnell hintereinander. Es ist schon Silvester und allgemein wird erwartet, dass man sich Gedanken zum vergangenen Jahr macht, Bilanz zieht, Vorsätze fürs neue Jahr fasst, und ich denke immer noch über Weihnachten nach. Sei’s drum.

Eigentlich verrückt, dass man so ein großes, pompöses Fest gemacht hat aus der Geschichte von einem Baby, das in einem Stall zur Welt kommt. Ich meine, es ist erstmal nur ein Baby in einer armen Familie, Eltern unverheiratet, sie schlafen in einem Stall zwischen den Tieren und legen das neugeborene Kind in eine Futterkrippe. Auf den Bildern ist die immer voll mit Heu, aber in Wirklichkeit lagen darin wahrscheinlich nur noch die strohigen Reste, die kein Tier mehr wollte. Gerade so, dass eine Stoffwindel da ist, die man dem Kleinen umwickeln kann, aber für einen kuscheligen Strampler, eine von der Oma liebevoll bestickte Decke oder ein bequemes Kissen hat es nicht gereicht.

Und dennoch hat sich diese Geschichte so hartnäckig gehalten, ist bunt ausgemalt und glorifiziert worden. Klar. Ohne Jesus hätte es kein Christentum gegeben, das so einen großen Einfluss auf die Weltgeschichte hatte – im Guten wie im Schlechten. Wie auch immer man zu der Frage steht, ob Jesus nun der Sohn Gottes war oder nicht, auf jeden Fall hat er eine Menge Dinge bewirkt, und die, die sich auf ihn berufen haben, noch viel mehr. Aber wenn man sich Jesus unter dem Sohn-Gottes-Aspekt anschaut, ist ja eigentlich das Ende seines Lebens viel entscheidender als die Geburt. Nicht umsonst ist das Kreuz als Zeichen für Tod und Auferstehung das Symbol des Christentums geworden und nicht die Futterkrippe. Warum wird also Weihnachten so viel größer gefeiert, ist mit so viel stärkeren Emotionen verbunden und auch über das Christentum hinaus in so viele Bräuche und Traditionen eingegangen?

Ich glaube, das Besondere an Weihnachten ist das Wunder, das sich mit jeder Geburt ereignet. Natürlich, aus christlicher Sicht ist das größere Wunder die Auferstehung nach dem Tod, aber das muss man eben glauben. Dass Babys geboren werden, kann man nicht nur glauben, sondern direkt erfahren. Und mit jedem Kind, das geboren wird, findet ein neuer Mensch Platz auf diesem Planeten, auf dem er oder sie ein kleines oder auch größeres Stück gestalten wird. Vielleicht wird dieses Kind wunderbare Musik schreiben. Oder wunderschöne Bilder malen. Vielleicht wird es sich für seine Mitmenschen einsetzen. Vielleicht entwickelt es spannende neue Technologien, entschlüsselt alte Rätsel der Natur oder fliegt zum Mars. Vielleicht ist es die eine Person, die mit ihrem Einsatz maßgeblich dafür sorgt, dass der Klimawandel aufgehalten wird und auch ihre Nachkommen noch etwas von der Erde haben.

„Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln.“, schreibt Hannah Arendt in ihrer Vita activa und führt damit die Natalität als Grundbedingung menschlicher Existenz ein: Ohne die Fähigkeit, neu zu denken und zu handeln, wären wir Menschen nicht denkbar. Dass jede und jeder von uns seinen oder ihren ganz persönlichen Neubeginn macht, macht uns als Menschheit erst aus. Und vielleicht passt dieser Text über Neuanfänge ja auch irgendwie zu Silvester und dem Beginn eines neuen Jahres.

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.

Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, daß ich… Daß ich mich freu.

(Mascha Kaléko)