Klinkersteingefühle

Als kleines Mädchen habe ich mit meiner Mutter unzählige Tage im Münsterland verbracht: Meine Großmutter kam von dort, und deren beide Schwestern lebten noch in der Gegend. Obwohl der Weg aus Süddeutschland weit war, machten wir regelmäßig für ein paar Tage oder auch etwas länger dort Station. Beide Großtanten waren alleinstehend, mit großen Häusern, in denen wir nicht nur gut unterkommen konnten, sondern die für ein Kind auch viel Platz zum Spielen und eine Menge spannende Dinge zum Entdecken bereithielten. Da gab es ein Klavier, auf dem ich manchmal herumklimpern durfte. Der Garten war gut bestückt mit Obst und Gemüse, so dass eigentlich immer irgendetwas reif war, was ich direkt vom Strauch oder Baum naschen konnte. Und mit einem Backstein, der im Hof herumlag, konnte man in einem ausrangierten Topf mit Wasser eine perfekte Tomatensuppe kochen – wenn auch mit weniger Geschmack als die, die es zum Mittagessen gab… Nach dem Essen war eine Partie Halma verpflichtend. Die Regeln konnte ich schnell, es gab zu Anfang auch noch hilfreiche Hinweise, wenn ich mal wieder eine gute Chance übersah – aber absichtlich gewinnen ließen sie mich nie. Umso stolzer war ich auf jeden errungenen Halma-Sieg. Besser war ich allerdings im Rummikub, das meistens nach dem Abendessen gespielt wurde. Für die Erwachsenen gab es ein Gläschen Wein oder einen Likör, für mich Limonade, und dann wurde gespielt, was das Zeug hielt. Sogar meine Mutter, ansonsten eine bekennende Nicht-Spielerin, war beim Rummikub immer dabei. So vergingen die Abende im Flug. Zum Glück waren die Tanten Langschläferinnen, so dass die Tage entsprechend auch erst später begannen…

Wenn ich heute durch Westwestfalen fahre, reicht schon der Anblick von Klinkersteingebäuden, um in mir wieder dieses alte Kindergefühl, eine merkwürdig-heimelige Mischung aus Fremde und Vertrautheit hervorzurufen. Wenn ich dann noch den Dialekt höre, der schon fast wie Niederländisch klingt, und die einzige noch lebende der drei Schwestern mich mit dieser, für meine kulinarisch fränkische Prägung fremden, aber doch irgendwie leckeren Mischung aus süß und herzhaft bekocht und mich für den Heimweg noch mit Vorräten bepackt, als wäre ich zwölf Stunden unterwegs und käme in eine Wohnung mit leerem Kühlschrank und ohne Einkaufsmöglichkeiten, dann lasse ich mich für eine kurze Weile wieder in die Vergangenheit fallen. Eine große Verwandtschaft ist unübersichtlich, manchmal kompliziert und anstrengend, aber die schönen Momente begleiten ein Leben lang.