Die andere Seite

Gerade beschäftige ich mich überproportional viel mit dem Umgang mit einer bestimmten Sorte Menschen. Genauer gesagt, mit exakt zwei Menschen aus meinem Umfeld. Es geht dabei um unterschiedliche politische Meinungen, um deren Begründung und ihre lautstarke Kundgabe. Einer dieser beiden Menschen ist ein Arbeitskollege, ein älterer Herr um die 60. Einer der sogenannten Spätaussiedler, hat die Schule nicht länger als nötig besucht, einen bodenständigen Handwerksberuf erlernt, in seinem Leben viel geschuftet, durch harte Arbeit und ein bisschen Glück genügend Geld zur Seite gelegt, um sich auf die wohlverdiente Rente zu freuen. Und er ist CSU-Wähler aus Tradition. Allein deshalb führen er und ich, als links-grün-öko-feministisch eingestelltes Wesen, schon seit langem Debatten, die natürlich nie in einem Konsens enden. Dennoch war es durchaus interessant, mit ihm zu diskutieren, weil er manchmal wirklich Argumente hatte, die ich eben so nicht auf dem Schirm hatte, weil sie einer anderen Lebenswirklichkeit als meiner entstammen. Und dieser Austausch von Argumenten, von Dingen, die einer wichtig findet und der andere gar nicht bedenkt, ist ja spannend und lehrreich und ein Hauptbestandteil von Demokratie. Aber seit einem guten Jahr, seit Flüchtlinge ein beherrschendes Thema geworden sind, seit die AfD ihre Erfolge feiert, werden unsere Diskussionen unfruchtbarer. Seine Hauptinformationsquellen sind Blogs und Compact, sobald ich mit Zahlen argumentiere, werden diese angezweifelt und wenn ich Beispiele nenne, sind das nur Einzelfälle. Seine Hauptsorge, die AfD betreffend, ist, dass diese der CSU die Wähler wegnimmt. Weil ich ja weiß, wie die Einstellungen sind und auch eigentlich wenig Lust habe, meine Arbeitszeit mit unfruchtbaren politischen Diskussionen zu verbringen, versuche ich, das Thema Politik einfach zu vermeiden. Er leider nicht. Zwar fängt er auch selten das Gespräch direkt mit mir an, aber regelmäßig taucht er mit den neuesten Erkenntnissen (oder Verschwörungstheorien, das ist Ansichtssache) bei meiner Kollegin auf, die im rechts-links-Schema wohl irgendwo zwischen uns beiden steht. Meistens höre ich erst nur schweigend zu, aber wenn seine Erzählungen zu weit von den Fakten abdriften, kann ich nicht anders, als mich in die Diskussion einzumischen. Und dann geht es wieder los. Mein Dilemma ist dabei folgendes: Einerseits bin ich die Debatten leid. Ich weiß, dass ich seine Meinung nicht ändern werde, egal was ich sage. Was soweit ja auch in Ordnung ist. Was ich nicht mehr in Ordnung finde, ist der Versuch, andere mit halbwahren oder unwahren Behauptungen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Und weil ich diese spezielle eigene Meinung auch noch äußerst schädlich für ein friedliches Miteinander finde, habe ich das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, mich einzumischen und meine Argumente zumindest ebenso auszubreiten, so dass Dritte zumindest beide Bilder sehen können. Was ich äußerst schade finde, ist, dass in dem Raum, in dem sich das Ganze regelmäßig abspielt, außer mir und diesem Kollegen noch fast 20 andere Menschen arbeiten. Von wenigstens drei oder vier weiß ich, dass sie meine Meinung teilen. Dennoch bin es immer nur ich, die diskutiert. Niemand springt mir bei, mischt sich ein, und wenn am Ende sein Totschlagargument kommt – ich sei nämlich zu jung und zu unerfahren und zu naiv, um die großen Gefahren zu erkennen -, ist niemand da, der sagt „hey, ich bin 25 Jahre älter und sehe das genauso.“

Und dann gibt es da noch einen anderen Menschen, bei dem ich im Umgang noch weniger weiß, wie ich mich verhalten soll. Denn wo ich bei meinem Kollegen, wenn auch nicht den Unwillen zur Akzeptanz anderer Argumente, doch zumindest noch den eklatanten Meinungsunterschied durch die äußeren Umstände (Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad, Freundeskreis) erklären kann, ist das alles hier nicht mehr gegeben. Eine junge Frau, mit der ich in Schulzeiten befreundet war, wir spielten zusammen Theater, ist vor einiger Zeit aus der CDU aus- und in die AfD eingetreten. Ja, schon zu Schulzeiten war klar, dass wir unterschiedliche politische Auffassungen hatten. Aber da bewegte sich alles noch im Rahmen zwischen Grüner Jugend und Junger Union. Wir waren beide auf derselben Schule, verbrachten einen großen Teil unserer Freizeit zusammen, hatten denselben Freundeskreis, wir sind fast genau gleich alt und vermutlich auch etwa gleich intelligent. Ihre Eltern sind wohlhabender als meine, aber trotzdem sind wir beide in kleinen bis mittelgroßen Dörfern in Einfamilienhäusern aufgewachsen und verstanden uns über eine lange Zeit eigentlich recht gut. Inzwischen haben wir persönlich so gut wie keinen Kontakt mehr, sind allerdings noch auf Facebook miteinander befreundet. Und auch hier wurden ihre Posts im Laufe des letzten Jahres immer krasser, radikaler, ja, auch: hasserfüllter. Ich habe schon öfters hin- und her überlegt, auch das letzte Band, die Facebookfreundschaft, aufzukündigen. Bislang habe ich das noch nicht gemacht, aus zwei Gründen: Erstens möchte ich ganz bewusst meine links-grüne Filterblase ein Stück weit offen halten. Gerade Facebook führt mit seinen Algorithmen ja dazu, dass man meistens nur noch Beiträge und Artikel angezeigt bekommt, die man tendenziell gut findet. Durch die Posts jener Dame bekomme ich auch die andere Seite ein Stück weit zu sehen. Und zweitens habe ich auch hier manchmal den Drang, manchmal auch eine Art Pflichtgefühl, zu widersprechen. Ich mache das nur selten, weil es immer einen Rattenschwanz hinter sich herzieht: Erst muss das erste Antwortposting sorgfältig formuliert und wasserdicht faktengeprüft sein. Dann kommt eine lange Antwort von ihr, auf die muss ich mindestens noch einmal ebenso sorgfältig antworten. In der Zwischenzeit haben sich meistens schon AfD-nahe Freunde von ihr eingeschalten, die ihren Postings applaudieren. Meistens gebe ich dann irgendwann auf, denn, siehe oben: überzeugen kann ich dort sowieso niemanden mehr. Aber zumindest stehen meine Argumente auf ihrer Seite als permanente, wenn auch kleine Störenfriede in ihrer rechten Filterblase. Und auch hier im Internet wie im realen Leben frage ich mich immer wieder, warum sich auch dort nie jemand auf meiner Seite in die Diskussion einschaltet, obwohl ich von etlichen unserer gemeinsamen Facebookfreunde weiß, dass ihre Haltungen definitiv eher meiner als ihrer entsprechen. Wahrscheinlich fühlen sie sich ähnlich ohnmächtig, auch genervt, angesichts von Posts, die zur Zeit zum Beispiel den Sieg von Trump als Sieg über zukünftige Quotenfrauen, -mexikaner und -muslime deuten und sich unter Berufung auf die Stärkung der traditionellen Familie gegen eine Erwähnung von Homosexualität im Unterricht aussprechen (und das, obwohl in unserem ehemaligen gemeinsamen Freundeskreis die Homosexualität von zwei unserer Freunde nie irgendein Problem darstellte).

Ich frage mich immer häufiger, ob unsere liberale Gesellschaft, die ich so schätze, noch lange weiterbestehen kann und wird. Monsieur ist äußerst skeptisch, ich habe meinen Optimismus noch nicht ganz aufgegeben. Aber es wird immer schwerer, gegen die Windmühlen anzukämpfen. Trotzdem: Noch gebe ich nicht auf.