Löwenherzen

„Ich kann aber nicht töten“, sagte Jonathan, „das weißt du doch, Orwar!“
„Nicht einmal, wenn es um dein eigenes Leben geht?“, fragte Orwar.
„Nein, nicht einmal dann“, sagte Jonathan.
Das konnte Orwar nicht verstehen und auch Matthias konnte es kaum begreifen.
„Wenn alle wären wie du“, sagte Orwar, „dann würde das Böse ja bis in alle Ewigkeit herrschen!“
Aber da sagte ich, wenn alle wären wie Jonathan, dann gäbe es nichts Böses.

Seit langem einmal wieder habe ich heute in meinem Lieblingskinderbuch gelesen: „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren ist zwar für Kinder geschrieben, erzählt von zwei Kindern und aus der Perspektive eines Kindes, aber es enthält so viele weise Sätze und Vorstellungen, dass ich es auch als Erwachsene gerne lese und sogar immer noch ein Tränchen dabei verdrücke. Wenn es einen literarischen Helden gibt, den ich für seinen Mut und für seine Menschlichkeit gleichermaßen bewundere, dann ist das Jonathan Löwenherz – dicht gefolgt von seinem Bruder Karl, der beweist, dass man auch mutig sein kann, wenn man eigentlich furchtbare Angst hat.

„Krümel Löwenherz“, sagte Jonathan, „hast du Angst?“
„Nein… doch, ich habe Angst! Aber ich tue es trotzdem, Jonathan, ich tue es jetzt… jetzt… Und dann werde ich nie wieder Angst haben.“

Schafige Fragen

Anna von asheepishwonderland hat mich für den Liebster-Blog-Award nominiert, worüber ich mich sehr gefreut habe – dankeschön! Die Regeln dürften ja bekannt sein: Fragen beantworten, neue Fragen stellen, neue Blogger nominieren. Weil ich aber alle Blogger, die ich gerne lese, irgendwann schon einmal nominiert habe, lasse ich diesen Teil weg und beantworte einfach nur die Fragen.

1. Wenn dir heute jemand 1 Million Euro geben würde unter der Bedingung, sie innerhalb einer Woche komplett auszugeben, was würdest du damit machen?

Ich würde die Häuser abbezahlen, in denen meine Mutter und mein Vater leben. Außerdem Muttis und mein Auto. In meinem bisherigen Was-wäre-wenn-Millionengewinn-Masterplan stünde vom Rest des Geldes eigentlich eine kleine feine Eigentumswohnung für mich auf der Liste, aber dafür ist eine Woche zu knapp – dann buche ich noch einen schönen Urlaub für Monsieur und mich und verschenke den Rest an Menschen, die das Geld gut gebrauchen können.

2. Worüber hast du zuletzt richtig doll gelacht?

Über einen Beitrag aus der Was-mein-Leben-reicher-macht-Kategorie der letzten „Zeit“-Ausgabe, der in etwa so ging: „Nach minutenlangem Schluchzen und der vierten Wiederholung der Frage ‚Was möchtest du?‘ sagt unser kleiner Sohn sein erstes Wort: ‚Keks!'“

3. Dein Lieblingsbuch? Oder Film?

Hui. Ganz ganz schwierige Frage, weil ich eigentlich finde, dass das sehr tagesformabhängig ist. Notfalls könnte ich mich festnageln lassen auf „8 Frauen“, „Lachsfischen im Jemen“ oder „Wenn Träume fliegen lernen“ in Filmform, „Eat Pray Love“, „Die Brüder Löwenherz“ oder den siebten Harry-Potter-Band als Buch.

4. Hast du eine kreative Ader? Falls ja, möchtest du ein Foto deiner Werke zeigen?

Das mit der Kreativität ist so eine Sache. Ich bin kreativ, davon bin ich fest überzeugt – nur worin sich diese Kreativität bei mir am besten äußern kann, das versuche ich noch herauszufinden. Ein bisschen vielleicht hier im Blog, im Schreiben, wobei ich das Schreiben nur auf dieser sehr persönlichen Ebene kann und mag, im Literarischen fühle ich mich fremd. Außerdem in der Musik, ich singe unglaublich gern, habe großen Spaß am Tanzen und fange gerade an, mir selbst das Gitarrespielen beizubringen, vielleicht wird das ja etwas. Ansonsten nähe ich ein bisschen, lerne zur Zeit auch Stricken, ganz selten zeichne ich, gelegentlich versuche ich mich in der Fotografie. Also so wie auch in meinem restlichen Leben: Von allem ein bisschen.

5. Hast du vor, dieses Jahr etwas zu verändern?

Verändern ist vielleicht nicht das richtige Wort, sagen wir: verbessern. Dass das mit Monsieur und mir so richtig gut läuft von nun an, dass wir, da wir bald endlich in der gleichen Stadt wohnen werden, einen gemeinsamen Alltag hinkriegen, dass wir auch beide lernen, Dinge an- und auszusprechen, das wünsche ich mir für dieses Jahr.

6. Beschreibe deinen Blog in drei zwei Sätzen?

Tagebuch bis Erörterung, Ideenblitze, Momentaufnahmen, Gedankenmäandern. In veränderlichen Anteilen.

7. Wann hast du mit dem Schreiben begonnen, gab es einen “Auslöser”?

Ich kann mich an keinen konkreten Moment erinnern. Das Schreiben begleitet mich beinahe seit ich denken kann, es war einfach immer eine perfekte Möglichkeit, mich auszudrücken – in verschiedensten Formen.

8. Was inspiriert dich?

Meistens kleine, eigentlich unscheinbare Dinge, die ihre ganz eigene Schönheit in sich tragen.

9. Wen oder was bewunderst du?

Mutige, wahrhaftige Menschen. Menschen, die authentisch sind, bei denen Worte und Taten zusammenpassen. Menschen, die stark sind und trotzdem Schwäche zeigen können. Menschen, die lieben.

10. Welche Lektion hast du vom Leben gelernt?

Es geht immer weiter. Auch, wenn man das manchmal gar nicht glauben kann. Und egal wie schlimm etwas ist, drüber schlafen hilft immer. Um aus einem meiner Lieblingstheaterstücke zu zitieren: „Morgen ist ein neuer Tag. Morgen muss ein neuer Tag kommen.“

11. Zum Schluss gibt’s eine offene Frage, für alles, was du noch erzählen möchtest 🙂

Ich lerne für mein Leben gern Neues. Dinge, die noch auf der Was-ich-alles-lernen-möchte-Liste stehen: Italienisch, ordentlich Holländisch, ordentlich Portugiesisch, wieder richtig Französisch, Schwedisch, Dänisch, Klavier spielen, Gitarre spielen, moderne Internetseiten programmieren, diverse Gedichte auswendig, Aikido oder eine andere selbstverteidigungstaugliche Kampfsportart, Krapfen nach altem Oma-Rezept backen, Socken stricken, ein Pokerface behalten, perspektivisch zeichnen, richtig gut Tango tanzen. Diese Aufzählung ist selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Leider wird mein Leben wohl nicht ganz ausreichen, um all das auch wirklich hinzukriegen.

Fragen über Fragen

Die Fragerei geht weiter! Es fragte derverstecktepoet:

1. wie kamst du zum schreiben?
Reizwortgeschichten in der fünften Klasse. Weil es in der Schule Spaß machte, schrieb Maman für mich am Nachmittage Titel auf, die ich mit Leben füllen konnte. Meine Favoriten: „Vom Maulwurf, der zum Mond fliegen wollte“ (ich darf hinzufügen, dass er es selbstverständlich dorthin schaffte) und „Wie Baron Münchhausen die Welt vor BSE rettete“ (ein Thema, das auch Zehnjährige beschäftigte).

2. gibt es für dich vorbilder?
Vorbilder im Sinne nicht von Menschen, wie die ich werden will, sondern von Menschen, die ich bewundere, weil sie authentisch leben, sich nicht unterkriegen lassen und zumindest von außen den Anschein erwecken, glücklich zu sein: Ja. Wenn ich mich auf einen Prominenten, oder sagen wir mal: eine Person des öffentlichen Lebens, festlegen soll, dann Pia Douwes. Hauptsächlich aber mehrere Personen aus dem Familien- und Bekanntenkreis, zumeist gestandene Frauen mittleren Alters, die Tag für Tag versuchen, ihr Leben inmitten von tausend Anforderungen gut hinzukriegen. Dieses Work-Life-Balance-Ding (das ja eigentlich eher ein Beruf-Kinder-Beziehung-Haushalt-ich-selber-und-jetzt-noch-schnell-Yoga-gegen-den-Stress-Balance-Ding ist) ist so eine Gratwanderung, dass ich jeden bewundere, der das ohne größere Abstürze schafft.

3. wie entstehen deine texte?

Spontan und planlos. Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich drauflos, wenn nicht, dann eben nicht. Im Alltag organisiere und plane ich gernst, aber beim Schreiben bin ich lieber völlig ungebunden.

4. was bringt dich aus dem konzept?
Konfrontative Kritik. Überhaupt Konfrontationen der unangenehmen Sorte. (Die andern auch, aber da macht mir das Ausdemkonzeptkommen nix.) Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

5. wen sollten andere noch kennenlernen?
Mich!

6. warum ist schreiben wichtig?
Weil es beim Denken hilft.

7. welcher satz umschreibt dich?
„Ich wäre so gerne so mutig und so schön wie sie
Und ich würde so gerne meinem eigenen Herzen vertrauen
Ich würde mich einfach mögen und mir immer sagen
Es ist doch das Beste vor möglichst nichts Angst zu haben
Es ist doch das Beste vor möglichst nichts Angst zu haben“
(Maike Rosa Vogel: „Das mutigste Mädchen der Welt„)

8. welches buch empfiehlst du für die jackentasche?
„Das weiße Abendkleid“ von Victoria Wolff.

9. Du lädst zum essen, trinken, philosophieren
was steht als motto / einladungsnotat auf der versendeten karte?
Vermutlich gibt es keine Karte. Die richtig guten Essentrinkenphilosophierentreffen finden ja doch meistens ohne Einladung und spontan statt.

10. füller oder diktiergerät oder bleistift / warum?
Bei dieser Auswahl: Bleistift. Füller ist für Linkshänder nicht so toll (die allzeit blaugefärbte Hand und die verschmierten Hefteinträge bis zum Ende der schulischen Füllerpflicht sind mir noch zu gut in Erinnerung), und weil ich zum Formulieren die Worte sehen muss, kommt auch das Diktiergerät nicht in Frage.

11. vervollständige diesen satz!
Literatur ist………………..
… der Eingang zu einer fantastischen Welt.

Frau H.

Frau H. unterrichtete Musik und Französisch. Alleine deshalb gab es eine ganze Reihe von Schülern, die wenig von ihr hielten. Musik ist doch unnütz, wer braucht das schon – erst recht, wenn die Zeit des gemeinsamen Liedersingens vorbei ist und die trockene Theorie im Klassenzimmer ankommt, Intervalle und Tonarten, der Quintenzirkel und die Sonatenhauptsatzform. Und Französisch, das ist doch diese komplizierte Sprache mit den verschiedenen Formen von Akzenten auf den Buchstaben und der Aussprache, die die Hälfte des Wortes verschluckt. Und dann soll man das fehlerfrei schreiben können, anmaßend!

Die Wege von Frau H. und mir kreuzten sich bereits in der fünften Klasse. Wir hatten Musikunterricht bei ihr, und obwohl ich beim Lernen immer eher nach dem Minimalprinzip vorging, mochte ich Musik und hatte Spaß am Singen. Frau H. ermutigte mich, dem Chor beizutreten, den sie ebenfalls leitete. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keinen Spaß daran hatte, auf Bühnen zu stehen: Bei den Schulkonzerten, wenn wir zweimal im Jahr unseren großen Auftritt hatten, fühlte ich mich großartig.

Später wählte ich Französisch als zweite Fremdsprache. Es gab zwei Französischgruppen, eine der beiden unterrichtete Frau H.. Dort landete ich. Und war zwischenzeitlich deshalb ziemlich gefrustet: Meine Freundin war in der anderen Gruppe und erzählte mir von dem dortigen Unterricht. Sie hatten nur selten Hausaufgaben, Vokabeltests gab es nicht und am Ende des Schuljahres aßen sie zusammen französische Spezialitäten. Bei uns hingegen gab es zusätzlich zu den regulären Hausaufgaben jede Stunde eine Übersetzungsübung, die jedes Mal eingesammelt und korrigiert wurde. Wenn Vokabeln als Hausaufgabe zu lernen waren, wurden sie schriftlich geprüft, jede Wette. Die Arbeiten waren schwierig und ich kassierte als erstes eine Vier. Meine besorgte Mutter fand sich zum Elterngespräch ein. Doch erstaunlicherweise bekam sie dort zu hören: „Eine Vier bedeutet ‚Ausreichend‘. Wer bei mir eine Vier schreibt, der kann Französisch.“

Meine Französischnoten wurden nur ein wenig besser, und so wunderte ich mich ziemlich, als Frau H. mir in der zehnten Klasse vorschlug, doch den Französisch-Leistungskurs zu belegen. „Wenn Sie mir das zutrauen…“ – „Ja, das traue ich dir zu. Ich weiß, dass du das schaffen wirst.“ Diese Sätze machten mir Mut. Und weil sie außerdem versicherte, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den besagten Leistungskurs selbst übernehmen zu können, wählte ich dieses Fach. Und das war die richtige Entscheidung. Wir waren ein großartiger Kurs. Leistungsmäßig waren wir alle ungefähr auf dem selben Niveau, was das Unterrichten vielleicht einfacher, das Unterrichtserlebnis aus Schülersicht auf jeden Fall angenehmer gestaltete. Frau H. war immer noch streng mit uns. Wir mussten hart arbeiten. Aber sie gab uns nie das Gefühl, nur eine mehr oder weniger anonyme Schülermasse zu sein, ein paar unter tausenden, die bereits durch ihre unterrichtenden Hände gingen. Nein, wir wurden als einzelne, wertgeschätzte Personen behandelt. Sie wusste von jeder und jedem, wo die Stärken und wo die Schwächen lagen – nicht nur, was die französische Sprache anging, sondern auch im restlichen Schulalltag. Sie wusste, wer Schwierigkeiten in Mathematik hatte, wer Medizin studieren wollte und deshalb unter großem Notendruck für das Bestehen des Numerus Clausus stand, wessen Eltern sich gerade hatten scheiden lassen und wer mit welchen anderen Lehrern überhaupt nicht zurecht kam. Und wo es in ihrer Macht stand, versuchte sie, uns zu helfen. Manchmal, wenn wir gut gearbeitet hatten und der Stoff schon zehn Minuten vor Stundenende erledigt war, unterhielten wir uns einfach ein Weilchen. Einmal, wir waren bereits in der 13. Jahrgangsstufe und standen kurz vor dem Abitur, kam sie entgegen ihrer Art zu spät zu unserer Doppelstunde und erzählte uns beinahe hilflos von einem Siebtklässler, dessen Klassenlehrerin sie war. Er hatte sich an diesem Tag in der Pause hinter der Sporthalle betrunken und im Matheunterricht auf den Tisch erbrochen, und nun wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass nicht nur wir ihr, sondern auch sie uns vertraute. Kurz vor der Abiturprüfung kam eine Rundmail von ihr, in der sie noch einmal typische Fehler aufzählte, die wir vermeiden sollten, uns gute Tipps und noch ein paar Notfallvokabeln an die Hand gab, viel Glück wünschte und mit dem Satz schloss: „Seid sicher, ich bin aufgeregter als ihr.“ Zur Prüfung brachte sie uns etwas Süßes mit, Notfallschokolade sozusagen. Und als es zum Schuljahresende hin das letzte Konzert unserer Chorlaufbahn gab, studierte sie heimlich mit den anderen Chormitgliedern ein Lied für die chorsingenden Abiturienten ein, mit dem sie uns auf der Bühne überraschten. Mit vorher überreicht bekommenen Rosen in der Hand hörten wir uns „The Lord bless you and keep you“ von unseren Mitschülern an. Nicht nur Frau H. hatte ein Tränchen im Augenwinkel.

Ein halbes Jahr nach dem Abitur lud Frau H. ihren ehemaligen Leistungskurs zu sich nach Hause ein. Obwohl einige inzwischen weit weg wohnten, kamen alle. Sie kochte für uns französisch, und nach dem Essen saßen wir bis nach Mitternacht in ihrem Wohnzimmer und unterhielten uns. Seit diesem Abend dürfen wir sie duzen; und obwohl sie von allen ehemaligen Lehrern diejenige ist, mit der ich – schon immer – das persönlichste Verhältnis hatte, fühlt sich das Duzen merkwürdig an. Der Respekt gebührte eben immer Frau H..