Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

Klinkersteingefühle

Als kleines Mädchen habe ich mit meiner Mutter unzählige Tage im Münsterland verbracht: Meine Großmutter kam von dort, und deren beide Schwestern lebten noch in der Gegend. Obwohl der Weg aus Süddeutschland weit war, machten wir regelmäßig für ein paar Tage oder auch etwas länger dort Station. Beide Großtanten waren alleinstehend, mit großen Häusern, in denen wir nicht nur gut unterkommen konnten, sondern die für ein Kind auch viel Platz zum Spielen und eine Menge spannende Dinge zum Entdecken bereithielten. Da gab es ein Klavier, auf dem ich manchmal herumklimpern durfte. Der Garten war gut bestückt mit Obst und Gemüse, so dass eigentlich immer irgendetwas reif war, was ich direkt vom Strauch oder Baum naschen konnte. Und mit einem Backstein, der im Hof herumlag, konnte man in einem ausrangierten Topf mit Wasser eine perfekte Tomatensuppe kochen – wenn auch mit weniger Geschmack als die, die es zum Mittagessen gab… Nach dem Essen war eine Partie Halma verpflichtend. Die Regeln konnte ich schnell, es gab zu Anfang auch noch hilfreiche Hinweise, wenn ich mal wieder eine gute Chance übersah – aber absichtlich gewinnen ließen sie mich nie. Umso stolzer war ich auf jeden errungenen Halma-Sieg. Besser war ich allerdings im Rummikub, das meistens nach dem Abendessen gespielt wurde. Für die Erwachsenen gab es ein Gläschen Wein oder einen Likör, für mich Limonade, und dann wurde gespielt, was das Zeug hielt. Sogar meine Mutter, ansonsten eine bekennende Nicht-Spielerin, war beim Rummikub immer dabei. So vergingen die Abende im Flug. Zum Glück waren die Tanten Langschläferinnen, so dass die Tage entsprechend auch erst später begannen…

Wenn ich heute durch Westwestfalen fahre, reicht schon der Anblick von Klinkersteingebäuden, um in mir wieder dieses alte Kindergefühl, eine merkwürdig-heimelige Mischung aus Fremde und Vertrautheit hervorzurufen. Wenn ich dann noch den Dialekt höre, der schon fast wie Niederländisch klingt, und die einzige noch lebende der drei Schwestern mich mit dieser, für meine kulinarisch fränkische Prägung fremden, aber doch irgendwie leckeren Mischung aus süß und herzhaft bekocht und mich für den Heimweg noch mit Vorräten bepackt, als wäre ich zwölf Stunden unterwegs und käme in eine Wohnung mit leerem Kühlschrank und ohne Einkaufsmöglichkeiten, dann lasse ich mich für eine kurze Weile wieder in die Vergangenheit fallen. Eine große Verwandtschaft ist unübersichtlich, manchmal kompliziert und anstrengend, aber die schönen Momente begleiten ein Leben lang.

Sichtweisen

Besuch beim Großvater. Drei Generationen sitzen am Tisch, Vater, Tochter, Enkelin. Das Gespräch dreht sich um alte Zeiten, um entfernte Verwandte, ich höre nur zu und versuche, mir im Geiste Stammbäume aufzumalen, um einen Überblick über Cousins zweiten Grades und Tanten von Schwiegermüttern zu bekommen. Irgendwann geht es um Kindheitserlebnisse und familiäre Brüche. Interessant: Die Erinnerungen von Vater und Tochter sind fundamental unterschiedlich, nicht nur in Details oder Bewertungen. Baut sich jeder seine eigene Vergangenheit?

Später am Tag blättere ich in alten Fotoalben. Ich bin drei, vier Monate alt auf diesem Gruppenbild, Maman, glücklich wirkend, hält mich im Arm; neben mir ihre Schwägerin ebenfalls als stolze Mutter meines gleichaltrigen Cousins, hinter uns ernst dreinblickende Väter, stolz lächelnde Großeltern, im Hintergrund ein introvertierter junger Mann, der schon früh Onkel wurde. Ich rechne nach, wie alt waren sie alle damals? Die zwei Brüder, die fast zeitgleich Väter wurden, waren 29, 27, das ist nicht mehr weit weg von meiner Gegenwart. Sie sehen ernst aus auf dem Foto, erwachsen, älter als sie sind. Neulich hatte ich dieses Treffen mit einem 27-jährigen. Er studierte, wohnte noch bei seinen Eltern, war auf der Suche nach Leichtigkeit und Lebensfreude und Optimismus, wollte sich lieber keine schweren Gedanken aufladen. Ein ganz anderes Bild. Maman ist auf dem Foto gerade mal ein knappes Jahr älter als ich es jetzt bin. Eine andere Lebenswirklichkeit. Eine andere Zeit.

Eine neue Fragerunde

Einmal wieder wurde ich zum Fragen beantworten eingeladen, und zwar von der lieben Noemie. Den Teil mit dem Nominieren von anderen Blogs und neuen Fragen lasse ich weg, weil sich die Personenkreise doch immer wieder doppeln, aber Antworten gebe ich gerne. Hier also Noemies Fragen:

1. Was macht dich sprachlos?

Dreiste, unverfrorene, überrumpelnde Menschen.

2. Wenn du nochmal 20 wärst, und etwas anders machen könntest, was wäre das?

Das ist eine gute Frage, über die ich länger nachgedacht habe. Ich habe mir schon öfters überlegt, was passiert wäre, wenn ich mich nach der Schule für einen anderen Beruf entschieden hätte und ob ich damit heute vielleicht glücklicher wäre. Aber diese Entscheidung fiel schon vor meinem 20. Lebensjahr. Und eigentlich ist mein Leben ganz okay. Es gibt gute und schlechte Tage, aber ich bin für alle Erfahrungen dankbar, auch für die richtig blöden, denn eigentlich reift man an denen doch am meisten. Von daher: Nein, keine Änderungen in der Vergangenheit.

3. Wann hast du zum letzten mal so einen richtigen Lachanfall gehabt, und warum?

Das war letztes Wochenende, ich war bei der Geburtstagsparty einer Freundin, und wir sahen uns einen furchtbar trashigen alten ESC-Auftritt eines griechischen Sängers auf Youtube an – zum Schießen!

4. Auf was könntest du verzichten? Und auf was nicht?

Verzichten könnte ich… wahrscheinlich aufs Fleischessen. Auf Fernsehen. Auf das Arbeiten nur um des Geldverdienen willens. Nicht verzichten könnte ich auf Freundschaften. Auf Berühren und Berührtwerden, sowohl körperlich als auch seelisch. Auf Dazulernen. Auf leckeres Essen. Auf gute Gespräche.

5. Würdest du gern mal in die Rolle einer anderen Person schlüpfen? So sein wie sie, so denken wie sie, so fühlen wie sie , so handeln wie sie. Wenn ja, in welche?

Für eine begrenzte Zeit wäre es vielleicht spannend, mal ein Mann zu sein, oder jemand, der auf einem anderen Erdteil, in gänzlich anderen Umständen lebt als ich. Also ein Perspektivenwechsel, den ich auf anderem Wege nie bekommen kann. Aber insgesamt bin ich ganz zufrieden damit, ich zu sein.

6. Hast du je bedauert, etwas nicht getan, etwas nicht gesagt zu haben?

Aber klar. Hat das nicht jeder?

7. Welchen Traum hast du noch?

Oh, ganz kitschig-spießig, den vom Mann und den Kindern und der Katze und dem Haus und dem Baum und dem Job und den Freunden und überhaupt dem guten Leben.

8. Hast du Zeit für deine Hobbys? Oder nimmst du dir sie einfach!

Ich muss gestehen, dass ich im Moment überhaupt nichts ausübe, das man Hobby nennen könnte. Eines von früher habe ich zum Beruf gemacht, seitdem ist es kein Hobby mehr, und die anderen Hobbys aus Schulzeiten ließen sich aus verschiedenen Gründen, unter anderem auch Zeitmangel leider nicht ins aktuelle Leben übertragen.

9. Schicksal? Zufall? oder wie nennst du es?

Ob ich den Zufall oder das Schicksal für Dinge verantwortlich mache, ist bei mir tagesformabhängig. Aber häufiger muss der Zufall herhalten.

10. Was macht einen Menschen liebenswert?

Vor allem Authentizität.

11. Was war die schwierigste Frage in diesem Fragekatalog?

Die 2 und die 4.

Fernfreundschaft

Zehn Jahre. So lange kenne ich meine beste Freundin schon. Wir haben uns in der Schule kennengelernt, haben zusammen viele verrückte Dinge erlebt und unternommen und unglaublich viel Zeit miteinander verbracht. Dann kam der Abschluss, erst meiner, dann ihrer, Ausbildung, Studium, Wegziehen, Jobs, neue Orte, Freunde, Männer, Beschäftigungen, Prioritäten, Wegbegleiter. 300 km Entfernung tun ihr übriges. Man sieht sich zwei, drei, vielleicht vier Mal im Jahr, bei Geburtstagsfeiern oder zu einem Kaffee auf halber Wegstrecke, so dass jeder nur eine Stunde mit dem Auto fahren muss. Zwischendurch E-Mails, Facebook-Nachrichten, SMS, ein paar Telefonate. Und dann, das erste Mal seit sehr langer Zeit, anderthalb freigeschaufelte Tage zu zweit. Es ist nicht mehr wie früher. Wir sind keine Teenager mehr. Inzwischen ist die Zeit, in der wir zusammen zur Schule gingen, kürzer als die, in der wir auf unterschiedlichen Wegen unterwegs waren. Und trotzdem, gerade jetzt, erst recht: Wir können immer noch zusammen auf dem Sofa Eis in pervers-süßen Kombinationen essen und dazu furchtbar kitschige Filme sehen, und es fühlt sich einfach richtig an. Verschlafenes Frühstück mittags um halb zwölf, ungeschminkt, in Schlafanzug und Kuschelsocken, aber mit reich gedecktem Esstisch. Wir haben uns abends verquatscht, tun es auch beim Frühstück wieder. Es gibt so viele Gesprächsthemen, und es zeigt sich, dass trotz völlig unterschiedlicher Lebenssituationen die essentiellen Fragen und Probleme die selben sind. Freundschaft ist: Wenn man weiß, dass Zeit vergangen ist und es trotzdem nicht merkt, weil alles immer noch genauso passt wie früher.