Scheidungskinder

Die hier schon einmal thematisierte und an anderer Stelle fortgeführte Gehen-oder-Bleiben-Diskussion um die Halbwertszeit von Beziehungen hat mich daran erinnert, dass ich schon öfters Artikel wie diesen oder diesen las, in denen Studien zitiert werden, nach denen statistisch gesehen das Risiko, selbst eine gescheiterte Beziehung zu führen bzw. besser geführt zu haben, signifikant steigt, wenn sich die eigenen Eltern trennten. Nun, wenn das so ist, bin ich quasi ein unvermittelbarer Fall: Meine Eltern trennten sich, als ich 17 war. Die Eltern meiner Mutter trennten sich, als diese ein Teenager war. Die Eltern meines Vaters trennten sich nicht – führten aber eine unglückliche Ehe, zumindest aus der Sicht meiner Großmutter, die (mit Sicherheit auch dadurch beeinflusst) schon früh an Krebs erkrankte und letztlich starb. In ihren letzten Tagen sagte sie noch zu meiner Mutter, ihrer Schwiegertochter: „Mach nicht den selben Fehler, den ich gemacht habe!“ Ich entstamme also sozusagen einer Dynastie von Kindern aus unglücklichen Beziehungen. Immer waren es die Frauen, von denen eine Trennung ausging (auch wenn Großmutter diesen letzten Schritt nicht ging, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Pflichtgefühl). Die Männer machten unter Umständen blöde Sachen, wie mit anderen Frauen zu flirten, im Extremfall ihre Frauen sogar zu betrügen oder kurzzeitig zu verlassen, vielleicht vernachlässigten sie auch einfach nur ihre Frauen und Kinder emotional, möglicherweise sogar ohne Absicht. Aber den Schritt hinaus aus der Beziehung, hinein in ein ungewisses Leben, auf sich allein gestellt und finanziell nur schlecht ausgestattet, den machten die Frauen.

Wenn es einen Glaubenssatz gibt, den ich von meiner Mutter mitbekommen habe, durch unzählige implizite und explizite Wiederholungen über die Jahre verinnerlicht, dann den: „Bewahr dir deine Unabhängigkeit! Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ Alternativ dazu vielleicht noch die Weisheit „Beziehungen vergehen, Freundschaften bestehen“ verbunden mit der Mahnung, mich nicht zu sehr in die Zweisamkeit zu stürzen und darüber meinen Freundeskreis zu vernachlässigen. Aber sind diese Mantren das Resultat einer gescheiterten Beziehung – oder auch ein Stück weit der Grund dafür? Irgendwo habe ich einmal das Statement gelesen oder gehört, wenn in einer Beziehung die Trennung eine denkbare Option wird, dann ist die Beziehung schon gescheitert. Aber ist nicht, wenn man selbst miterlebt hat, wie die Beziehung der Eltern auseinanderbrach, eine Trennung immer eine denkbare Option? Und schließlich ist es oft genug so, dass man als Kind, selbst wenn man sich eigentlich heimlich gewünscht hätte, die Eltern wären friedlich freundlich eierkuchenmäßig bis ans Ende ihrer Tage zusammengeblieben, doch auch die Entspannung bemerkte, die sich nach der Trennung ausbreitete. All die Streitereien oder wahlweise das Anschweigen beim Abendbrot, die zum Schneiden dicke Luft im Wohnzimmer, die mühsam zurückgehaltenen Tränen der Mutter oder der Knall, wenn die Tür hinter dem Vater ins Schloss fällt – vorbei. Glückliche Eltern sind bessere Eltern, ob sie nun zu zweit oder alleine glücklich sind. Wenn man um diese Wirkung von Trennungen weiß, fällt vielleicht auch selbst der Schritt vom bisherigen, nicht mehr glücklich machenden Lebenspartner weg leichter. Wenn man weiß, dass es auch alleine weitergehen kann. Dass es immer irgendwie weitergeht. Dass Glück nicht nur in Beziehungen, sondern auch in anderen Lebensbereichen gefunden werden kann.

Aber andererseits sind alle Scheidungskinder, die ich kenne (was etwa 50 % meines gleichaltrigen Freundeskreises entspricht), an sich zutiefst romantisch veranlagt, Menschen, die daran glauben, dass es so etwas wie die große Liebe wirklich gibt und die bestenfalls aus den Fehlern ihrer Eltern lernen, auf jeden Fall aber alles besser als diese machen wollen. Bei manchen sieht es aus, als ob sie das schaffen werden, bei manchen ist zumindest meine Prognose negativ, aber wir sind alle noch einigermaßen jung und ein abschließendes Urteil darüber muss noch mindestens 30 bis 40 Jahre warten. Ich habe mal gehört, dass Kinder aus gescheiterten Beziehungen sich häufig Partner suchen, die sie unbewusst an ein Elternteil erinnern. Tatsächlich hatte mein Exfreund in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten mit meinem Vater, auch wenn er das immer entrüstet weit von sich schob. Umgekehrt gab es vielleicht auch ein paar Parallelen zwischen mir und seiner Mutter, die ebenfalls schon seit vielen Jahren geschieden ist. Jetzt könnte man natürlich tiefenpsychologische Erklärungsversuche starten (in etwa so: wir wuchsen beide bei unseren Müttern auf, haben beide ein viel engeres Verhältnis zu den Müttern als zu den Vätern, von daher ist es kein Wunder, dass ich ihn, der mich an meinen Vater erinnerte, verließ, während er, den ich an seine Mutter erinnerte, mich nicht aufgeben möchte). Aber ich bin auch skeptisch, wenn es darum geht, alle aktuellen Lebensereignisse auf frühere Erlebnisse zurückzuführen; ich glaube durchaus an 1. den freien Willen und 2. die Fähigkeit, Dinge zu verarbeiten (auch wenn man sein Päckchen natürlich immer mit herum trägt, aber es muss nicht zwangsläufig immer beeinflussen). Letztendlich ist es wohl eine Kombination aus verschiedensten Faktoren, die zu den Entscheidungen führt, die wir treffen. Ergründen kann man diese Kombination nur gelegentlich und im Einzelfall  – aber es ist spannend, darüber nachzudenken.

Gedanke

Die Menschen erzählen von Scheidungen und Streitereien und Ehekrisen, aber niemand sagt einem, was es für ein schreckliches Gefühl ist, im Hinausgehen die Tür hinter sich zu schließen, wenn im Inneren ein vor Trauer weinender Mensch steht.

Höhen und Tiefen

Heute auf Arbeit: Quer durch die Mitarbeiter ein Querschnitt durch das Leben. Da war der Kollege, der gerade Vater wurde, die Geburt unter schwierigen Umständen glücklich verlaufen, noch ganz vollgepumpt mit Adrenalin, wenn er davon erzählte. Die Kollegin, die gerade am Vormittag zu ihrer Tochter gezogen war, weil sie überlegt, sich von ihrem Mann zu trennen. Eine, die solchen Stress mit einem Vorgesetzten hatte, dass sie heulend ankam, eine Kranke, eine Tröstende, eine Ausgeglichene. Ich heute glücklicherweise ebenfalls eher auf der Trösterseite, nach einem im großen und ganzen guten Wochenende und einem nach vielen Turbulenzen gerade einigermaßen ausgeglichenen Beziehungsleben (jawohl, Monsieur hat seine zweite Chance bekommen und nutzt sie bisher auch ganz trefflich).
Es ist manchmal ganz gut, sich bewusst zu machen, dass das Leben eben so verläuft: Mal geht es nach oben, mal nach unten, manchmal bleibt es eine lange Weile gleich und manchmal wechselt die Richtung täglich. „Auf Liebesleid folgt Liebesfreud“, das wusste schon Fritz Kreisler und Nylon weiß es auch.