Auf Wiedersehen

LisaTschüss, kleines Kätzchen. Danke für die Zeit mit dir. Ich hoffe, ich habe die richtige Entscheidung für dich getroffen. Aber nach diesen Tagen, nach dieser Nacht glaube ich, dass jede weitere Stunde für dich nur noch eine Quälerei gewesen wäre.

Ich hab dich sehr lieb, kleine alte Dame, das weißt du, ja? Und wenn du über die Regenbogenbrücke marschiert bist, grüß doch Omi und Omama von mir. Und den alten Rocky und das Wusel-Fin, die warten bestimmt schon auf dich. Ich komme auch bald nach. Für mich dauert es bis dahin vermutlich noch eine Weile, aber für dich ist es nur ein Wimpernschlag. Tschüss, Kleines, und auf Wiedersehen.

Versucht.

Ich habe es versucht. Ehrlich und ernsthaft. Ich habe versucht, ihn zu lieben. Habe versucht, eine gute Freundin zu sein. Versucht, ihn genau so anzuerkennen, wie er ist. Ihn zu nehmen mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Ich habe ihn verteidigt vor meinen Freunden und meiner Familie und vor mir selbst. Ich habe versucht, die Dinge zu tun, über die ich mich auch freuen würde. Ich habe mich interessiert für Dinge, die ich sonst nicht besonders interessant fände, weil sie ihn interessierten. Ich habe eine kleine Welt mit ihm gebaut und große Pläne geschmiedet. Aber irgendwann passte ich nicht mehr hinein in das Bild. Das Bild war schön, aber es war nicht mehr meines. Ich habe versucht, mich ihm anzupassen, mich in den Rahmen zu zwängen, aber das funktionierte nicht. Nicht auf Dauer. Also kletterte ich aus unserem Bild und ließ ihn alleine mit seinem zerbrochenen Herzen. Ich fühle mich schuldig, aber ich kann nicht zurück. Es tut mir so leid.

Gedanke

Die Menschen erzählen von Scheidungen und Streitereien und Ehekrisen, aber niemand sagt einem, was es für ein schreckliches Gefühl ist, im Hinausgehen die Tür hinter sich zu schließen, wenn im Inneren ein vor Trauer weinender Mensch steht.

Die roten Schuhe

Sie sieht noch einmal in den Spiegel. Schön ist sie, in ihrem weichfallenden Kleid und mit den vom Tanzen gefärbten Wangen. Dann zieht sie die roten Schuhe aus, die Schuhe, die sie so liebt, weil sie sich in ihnen wie eine Prinzessin fühlt. Sie setzt sich auf die Holztruhe, die in dem Raum mit dem Spiegel steht, aber sie schiebt sie in eine Ecke, weil sie ihr Gesicht im Spiegel nicht mehr ertragen kann. Ihre Körperspannung fällt in sich zusammen, als sie ihre Knie an ihr Kinn zieht und die Hände vor den Schienbeinen verschränkt. Die nackten Zehen wippen unschlüssig hin und her. Ihr Gesicht, inzwischen blass, erstarrt, aus der sich auflösenden Frisur fallen Strähnen in ihre Stirn. Sie schiebt sie nicht zurück an ihren Platz. Bis eben tanzte sie. Nun ist der Tanz vorbei.

Trauer die Zweite

Dieses Jahr büßt der Advent einiges von seiner wärmend-heimeligen Grundstimmung ein, die er sonst hat oder haben sollte. Nach dem Todesfall in der letzten Woche betrifft mich das Thema nun noch etwas direkter: Gestern starb meine Oma. Meine Omi, die so oft auf mich aufgepasst hat, als ich noch klein war, die unzählige Stunden mit mir auf Spielplätzen verbracht hat, die im Schlafzimmer einen Süßigkeitenschrank hatte und dem kleinen gnäschigen Mädchen alle kulinarischen Sonderwünsche erfüllt hat. Oma, von der ich den Sturkopf und das Faible für Kreuzworträtsel geerbt habe, die für mich und die ganze Familie Wollsocken im Übermaß gestrickt hat und ohne die ich meinen Führerschein nie hätte bezahlen können. Oma, die in den letzten Jahren immer mehr abgebaut hat, die täglich unzählige verschiedene Sorten Tabletten nehmen musste, die am Ende kaum mehr laufen konnte und ihre letzten Wochen in einem Krankenhausbett verbrachte. Das letzte Mal besucht habe ich sie fünf Tage vor ihrem Tod. Sie sah schlecht aus, abgemagert, Schläuche überall, ihr Gesicht eingefallen und kaum noch zu erkennen. Doch in Erinnerung behalten werde ich sie anders: Sitzend in ihrem Lieblingssessel, in den Händen die klappernden Stricknadeln und im Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch die Zigarette, von der sie regelmäßig zog.

Tschüss, liebe Oma. Es geht dir jetzt sicher besser. Wir werden uns wiedersehen.

Trauerarbeit

Jetzt habe ich schon eine Weile nichts mehr gepostet. Das liegt nicht daran, dass mir nichts mehr einfällt, und auch nur bedingt am üblichen Vorweihnachtsstress. Was mich zur Zeit beschäftigt, ist ein trauriger Vorfall, der sich Anfang der Woche ereignete: Die Tochter einer Kollegin, ein Mädchen im Teenager-Alter, starb. Ganz plötzlich, auf eine sehr unschöne Art und Weise und unter teilweise ungeklärten Umständen – man wird wohl nie zweifelsfrei herausfinden, ob es sich um einen Unfall oder einen Selbstmord handelte.

Nun kannte ich das Mädchen nicht. Und mit ihrer Mutter arbeite ich ganz gut zusammen, wir sind aber nicht privat befreundet. Trotzdem hat mich dieses Ereignis sehr mitgenommen. Zuerst wirkte es so surreal; meine Kollegin hatte mir doch gerade noch von der Weisheitszahn-OP der Tochter erzählt, und angekündigt, dass sie im Frühjahr eine Woche Urlaub haben möchte, um die Feier zur Konfirmation vorzubereiten. Da kann das Kind doch nicht auf einmal tot sein. Das kann nicht sein! In mir sträubte sich alles. Aber es war wahr. Und langsam fängt ein Denkprozess an, in dem es darum geht, weniger für morgen und mehr für heute zu leben. Ich bin noch nicht besonders gut darin, aber ich will das üben. Ändern, was mich stört, und nicht auf eine ferne Zukunft hoffen, in der alles besser sein wird. Denn ganz schnell gibt es keine Zukunft mehr.