Turbulente Ruhe

Es ist jetzt einen guten Monat her, dass mein Studium auch ganz offiziell abgeschlossen ist und ich damit theoretisch das erste Mal seit sechseinhalb Jahren keine Verpflichtungen mehr habe, wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme. Das ist nach wie vor ein verrücktes Gefühl, denn ich kann schlecht damit umgehen und neige dazu, unproduktiv vor Facebook oder in mich wütend machenden Kommentarspalten zu versacken. Deshalb habe ich mir selbst ein paar Aufgaben gestellt: Ein großes Ziel ist es, mit dem Studienabschluss einen neuen Job zu finden. Dafür schreibe ich nun fleißig Bewerbungen (verbringe aber auch unnötig viel Zeit auf Xing und Co); möchte meine Photoshop-Kenntnisse auffrischen und ausbauen; trotz des Suchtpotentials mehr auf Instagram und Twitter aktiv werden, da viele für mich interessante Jobs Social-Media-Kenntnisse voraussetzen; und dann habe ich spontan auch noch eine Rolle in einer studentischen Theaterinszenierung einer guten Freundin angenommen. Ach, und in zwei Monaten veranstaltet meine Tanzschule einen großen Ball, zu diesem Anlass will ich mir endlich mal wieder ein schönes, elegantes Kleid nähen (und entwerfen, und konstruieren). Ich merke also: Zum entspannten Nichtstun bin ich nicht geboren.

Hinterbühnenblues

Ich habe einen Hinterbühnenjob. Während auf der Bühne kleine oder große Kunst gemacht wird, wuseln meine Kollegen und ich dahinter herum und sorgen dafür, dass auf der Bühne alles seinen geplanten Gang gehen kann. Wenn wir unsere Jobs gut machen, sind wir unsichtbar. Und das ist vollkommen okay. Menschen sind häufig überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass selbst bei einem kleinen Vier-Mann-Stück manchmal vierzehn Leute hinter den Kulissen beschäftigt sind, damit alles funktioniert. Und dabei ist das Vorderhauspersonal, also all die Menschen, denen man an der Kasse, an der Garderobe oder bei der Kartenkontrolle begegnet, noch nicht mit eingerechnet.

Wir Hinterbühnenarbeiter sind ein gutes Team. Wir arbeiten gerne zusammen, wir freuen uns mit den Schauspielern über eine gute Vorstellung, genauso wie wir mit ihnen gefrustet sind von einem nicht reagierenden Publikum oder einer drögen Inszenierung. Und wir sind stolz darauf, Abend für Abend beizutragen zu den Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Wir sind unsichtbar, aber ohne uns würde es nicht funktionieren. Theoretisch weiß das auch jeder. Umso enttäuschender ist es, wenn im Alltag dann doch wieder zwischen „Technik“ und „Kunst“ in Hierarchieebenen unterschieden wird. Wenn der „Kunst“ zur gelungenen Premiere gratuliert wird, die „Technik“ aber leer ausgeht. Wenn die „Kunst“ beschließt, ein Vorstellungsjubiläum mit einem gemeinsamen Essen zu feiern und dabei vergisst, der „Technik“ Bescheid zu geben. Wenn sich „Künstler“ nur so lange mit „Techniker“ unterhält, bis jemand anderes von der „Kunst“ dazukommt und die „Technik“ dann keines Blickes mehr gewürdigt wird.

Es ist schade, dass diese hierarchische Unterscheidung immer wieder gemacht wird. Ja, die Kunst entsteht auf der Bühne, nicht dahinter. Aber ohne uns würde der Zauber, die Illusion, das Magische nicht funktionieren. Es gäbe keine Kostüme, keine Requisiten, keine Perücken und kein Make-Up, kein Bühnenbild, keine Beleuchtung, keinen Nebel und keine Musik. Wir bleiben gerne unsichtbar und lassen unsere Arbeit für uns wirken. Aber gleichberechtigt behandelt zu werden, das wäre schon schön.

Dazwischen

In meiner hessischen Schule habe ich immer Bayern verteidigt, woher ich stammte. In Bayern trat ich vehement für das hessische Schulsystem ein. Nach der Schule brannte ich darauf, endlich etwas Praktisches zu machen. Als ich das Arbeiten anfing, vermisste ich die theoretischen Überlegungen und Gedankenspielereien. In der christlichen Jugendgruppe, in der ich eine Zeit lang Mitglied war, war ich immer viel progressiver eingestellt als der Rest. Meine anderen Freunde fanden es merkwürdig, dass ich überhaupt in die Kirche ging. In unserem Dorf war ich stets die Neuzugezogene. Außerhalb war ich die aus dem Dorf am Ende der Welt.

Es scheint eine Tatsache in meinem Leben zu sein, dass ich mich immer in einem Dazwischen befinde. Zwischen Orten, zwischen Berufen, zwischen Träumen, zwischen Menschen. Und sogar meine Einstellung zu diesem Dazwischen ist, irgendwie, dazwischen: Einerseits ermöglicht es mir eine Vielzahl an Blickwinkeln und eine Multiperspektivität, die bei weitem nicht alle in ähnlichen Situationen besitzen; andererseits fühle ich mich dadurch zwar überall ein bisschen, aber nirgends so richtig heimisch und zugehörig. Wenn ich in meiner Erinnerung krame, ist die einzige Zugehörigkeit, mit der ich keinerlei Ambivalenzen verbinde, die in meiner alten Theatergruppe. Also dort, wo ich in Rollen schlüpfen konnte. Wo ich ausprobieren durfte und zwischen Entwürfen hin- und herspringen, wo immer wieder neu interpretiert wurde und jedes Stück neue Aspekte meines Wesens wachrief.

Ein Mensch, den ich sehr schätze und der mich besser kennt als jeder andere, stellte kürzlich fest, ich sei wohl doch keine Künstlerin. Und auch keine Wissenschaftlerin. Sondern am ehesten eine Intellektuelle, die Wissen in sich einsaugt, alles begreifen möchte, aber weder kreativ schafft noch analytisch seziert, sondern etwas ratlos mit all den Einflüssen umgeht und nicht so recht weiß, wohin damit.
Als er mir das sagte, widersprach ich. Fürs Selbstbild und aus Prinzip. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass er mit dieser schonungslosen Analyse absolut Recht hatte. Unser Gespräch beschäftigte mich noch einige Tage lang. Wohin mit mir? Ich möchte in meine eigenen Schubladen passen.

Inzwischen glaube ich, begriffen zu haben. Mich begriffen zu haben. Ich bin keine Künstlerin, ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich bin dazwischen. Ich bin Schauspielerin. Ich mag Kunst, ich mag Hintergrundwissen, ich mag es, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Ich schlüpfe in Rollen, ich kann mich einem Rahmen anpassen und doch den Fokus auf den Teil des Gemäldes richten, den ich am wichtigsten finde. Ich schaffe nicht, und ich seziere nicht, aber ich kann Dinge mit Leben füllen. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe.

Kultur pur

Häufig beschwere ich mich ja über meinen Job. Blöde Arbeit, unregelmäßige Arbeitszeiten und so weiter. Aber ein Gutes hat diese Stelle: Ich komme gelegentlich für wenig oder gar kein Geld zu kleinen und großen Kulturereignissen. Diese Woche ballt es sich; gestern konnte ich mir eine Generalprobe von Verdis „Othello“ ansehen und heute kam ich in den Genuss eines Kammerkonzertes. Das trifft sich gut, denn zuhause ist dank nicht funktionierendem Internetanschluss (dieser Blogeintrag entsteht auf dem iPhone) nur wenig Ablenkung geboten.
Nun bin ich ja eigentlich kein großer Opernfan. Aber da ich nun mal in einem Bereich arbeite, in dem Opern zum Tagesgeschäft gehören und da außerdem meine beste Freundin Operngesang studiert, sehe ich mir doch hin und wieder einmal derartiges an – man möchte ja informiert sein (und außerdem lässt es sich nur mit Kenntnis fundiert lästern). Der Othello gestern entsprach dann auch ungefähr meinen Erwartungen: Die Musik war sehr gut, teils sogar fantastisch; ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Musik (und erst recht die Musik, die von einem großen Orchester und einem vierzig Mann starken Chor erzeugt wird) einen so ganz unvermittelt am emotionalen Wickel packen und von einer Minute zur nächsten riesengroße Gefühle auslösen kann. Von der Inszenierung war ich dafür nicht besonders begeistert; aber das ist ja meistens die Schwäche von Opern. Trotzdem waren es zweieinhalb Stunden solide Unterhaltung, wenngleich die Story auch in einer halben Stunde weniger gut hätte erzählt werden können.
Das Kammerkonzert heute war seit vielen vielen Jahren das erste rein klassische Instrumentalkonzert, das ich besuchte, und insgesamt auch erst das zweite oder dritte dieser Art. Seit vorhin bin ich nun ein Fan von Mussorgsky und habe auch Mahler für mich entdeckt; anderes fand ich dagegen ziemlich langweilig. Überhaupt fehlt mir unterhaltungsindustrieverwöhntem Gör dabei etwas die Show (auch wenn es durchaus spannend sein kann, mal den Instrumentalisten genau auf die Finger zu sehen – aber nicht dreieinhalb Stunden lang!). Für den Moment war das genügend Kulturerlebnis – in anderthalb Wochen geht es dann das nächste Mal ins Theater, aber ins Schauspiel: das ist, bei aller Liebe zur Musik, doch eher mein Ding.