Alles muss raus

Einfach mal alles rauslassen. Die Wut und die Hilflosigkeit. Den Frust und den Zorn und den Widerwillen und die Angst. Die Ohnmacht, die Panik, die Bestürzung. Auch die ganzen Betäubungsstrategien. Den Sarkasmus und den Zynismus und das Ohrenzuhalten und Augenschließen und Unterderbettdeckeverkriechen. Das Teetrinken und Zeitunglesen und das analytische Zerreden. Das Schuldzuschieben und die altklugen Besserwissereien, die Insta-Stories und Online-Petitionen, die ablassartigen Unterschriften und die fahle Gewissheit, nicht genug getan zu haben. Das schlechte Gewissen, weil es mir doch so gut geht. Das schlechte Gewissen, weil es mir so schlecht geht, obwohl es mir doch so gut geht.

Alles muss raus. Raus aus mir, raus aus meinem Herz und meinem Kopf. Raus, weil es mich kaputt macht. Aber wohin? Gott, wenn es dich gibt, würde ich es gerne dir geben. Und habe deshalb sofort schon wieder schlechtes Gewissen. Man bürdet doch keinem seinen alten Müll auf. Nicht mal Gott. Der hat schon genug zu tragen, denke ich mir. Obwohl, keine Ahnung, ist das vielleicht sein Job? Trotzdem nicht nett.

Aber wer weiß, vielleicht kann er/sie ja was damit anfangen. Upcycling oder so. Kann ich mir zwar nicht vorstellen. Aber ich verstehe ja viele Dinge nicht. Quantenphysik oder wie Zellen sich vermehren oder warum das Universum sich ausdehnt. Also, warum nicht schlechte Gefühle recyceln und was Gutes daraus machen?

Für heute habe ich mein Gutes jedenfalls gefunden. Die zwei Männer, die während des Regenschauers in der Unterführung Musik gemacht haben. Heitere, beschwingte, fröhliche Musik. Die beiden anderen Männer, die an der Wand gegenüber lehnten und laut mitsangen, so dass es im ganzen Tunnel schallte. Ooho-o! Und das Pärchen, das in der Mitte tanzte, Salsa, ganz selbstverständlich, als machte das jeder bei Regen unter der Burgmauer Dienstag Abend um halb zehn.

Mit diesem Guten heute ins Bett. Einschlafen, ruhen, im Wort- und metaphorischen Sinne hoffentlich. Und morgen in einen neuen Tag.

Träumen mit den Beinen

Madame tanzt gerne. Weil Musik eine tolle Sache ist. Weil gute Musik auf magische Weise direkt in die Beine fließt. Und vielleicht ein bisschen aus Eitelkeit, weil Tanzen neben Eiskunstlauf die einzige Sportart ist, bei der man elegant aussehen kann.

Monsieur hingegen findet Tanzen eher so lala. Madame versucht seit Jahren, ihn von einem gemeinsamen Tanzkurs zu überzeugen. Weil Tanzen so toll ist. Und eine außergewöhnliche Paarerfahrung. Aber Monsieur findet seit Jahren immer wieder Argumente, warum ein Tanzkurs jetzt gerade nicht geht. Wegen verschiedenen Städten. Wegen Studium. Wegen Schreiben. Inzwischen sind ihm die Argumente ausgegangen und die Beziehung vertraut genug, dass er offen sagen kann: Ich habe einfach keine Lust dazu.

Na gut, sagt Madame, dann tanze ich eben mit jemandem anderen. Prima, sagt Monsieur, hab Spaß, ich freue mich, wenn ich nicht herhalten muss. Also sucht sich Madame einen anderen Tänzer. Und hat heute Abend zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder so richtig das Tanzbein geschwungen. Jetzt sind die Füße geschwollen, im Kopf wirbelt es vor bunten Eindrücken, neu gelernten alten Schrittfolgen. Und Madame ist glücklich.

Line Dance mit den Woippyanern – Sixième jour

Der Tag beginnt mit der Suche nach einem Bäcker in Rouen. (Ja, Essen ist eine wichtige Motivation während dieses Roadtrips.) Allerdings finden wir eine ganze Weile keinen, dafür stolpern wir beinahe über die Kathedrale, die riesengroß ist (überraschend, dass wir sie trotzdem nicht wahrnahmen, bis wir direkt vor ihr standen), wunderbar filigran verziert und von innen nochmal ganz anders aussieht als von außen. Tatsächlich muss ich sagen: Dagegen kann Notre-Dame in Paris einpacken.

Weil wir aber immer noch hungrig sind, laufen wir weiter und finden nicht nur eine Bäckerei, sondern stranden gleich noch an einem großen Markt, wo nicht nur Blumen, Lebensmittel, Kleidung und Gebrauchsgegenstände angeboten werden, sondern der im hinteren Bereich auch noch einen Flohmarkt umfasst. Wir lassen uns darüber treiben, essen dabei unser Frühstück und beschließen kurzerhand, den angedachten Besuch im Musée des Beaux Arts sein zu lassen – es ist viel spannender, die Stadt direkt zu erleben. Wir gehen noch etwas in eine andere Richtung und kommen schließlich an der Abbatiale Saint Ouen heraus, einer weiteren beeindruckenden Kirche, die in einer weitläufigen Grünfläche liegt. In der Kirche befindet sich eine Ausstellung von Jean-Marc de Pas, der kleine Tonskulpturen zum Thema Exodus angefertigt hat – eine Art Assoziationskette vom biblischen Exodus über Vertriebene in den Weltkriegen und vietnamesische Boatpeople bis hin zu den Flüchtlingen von heute und den Mauern, die zwischen Arm und Reich aufragen. Obwohl ich eigentlich kein Fan von Skulpturen und auch nicht von Ton als Material bin, war das eine sehr interessante, sehr nachdenklich machende Ausstellung und damit hätten wir sogar den eigentlich schon verworfenen Punkt Kunst abgehakt.

Gegen Mittag fahren wir weiter, wir wollen heute noch bis kurz vor die Grenze kommen. Trotz Staus und Baustellen schaffen wir es bis auf die Höhe von Metz und übernachten in einem kleinen zweckmäßigen Durchreisehotel an der Autobahnabfahrt bei Woippy. Wie so häufig fahren wir nach dem Einchecken erst mal weiter, hinein nach Woippy, um unseren schon recht aufmerksamkeitsfordernden Hunger zu bekämpfen. Das Städtchen wirkt auf den ersten Blick sehr leer, kaum Menschen, wenig Läden und wenn, dann geschlossen, nur ein einsames Schnellrestaurant hält die Stellung. Auch dort sind wir die einzigen Gäste, doch wir lassen uns unsere Assiettes Kebap schmecken. Während wir draußen sitzen und essen, fällt uns auf, dass auf einmal immer mehr Menschen, teilweise sehr schick angezogen, auftauchen und an uns vorbei in die selbe Richtung gehen. Wir werden neugierig und folgen schließlich der Menge, bis wir an einem Dorffest herauskommen. Doch das Interessanteste an diesem Fest sind weder die Bratwurstbuden noch die Kinderkegelbahn im Heu, sondern die Tanzfläche im großen Festzelt: Eine Band spielt, zwei Akkordeone, Country-Sound, und eine ganze Menge Menschen stehen auf der Tanzfläche und tanzen eine Art Line Dance. Und nicht nur das: Beim nächsten Lied geht es mit dem Line Dance weiter, allerdings dieses Mal mit einer anderen Choreographie. Auch beim dritten Song gibt es einen neuen Move, erst danach löst sich die große Tänzergruppe auf und es bilden sich klassische Tanzpaare. Vom Zuschauen juckt es mir in den Füßen, so dass ich meine Freundin zu einem kurzen Abstecher auf die Tanzfläche überzeugen kann. Danach geht es wieder ins Hotel und wir lassen den Abend mit einem französischen Animationsfilm ausklingen (verständlich auch ohne alles zu verstehen), bevor es am nächsten Tag auf die Heimreise geht. So endet unser Roadtrip – und ich bin glücklich, eine verrückte, aufregende, tolle Reise mit einer guten Freundin gemacht zu haben.