Berlin Wedding

Nun ist sie also vorbei, die erste Hochzeit im Freundeskreis, und ich bin um einige Eindrücke reicher. Meine letzten Hochzeitserfahrungen liegen mehr als zehn Jahre zurück, damals heirateten die jüngsten Geschwister und Cousins meiner Eltern, und die Bilder in meinem Kopf, die auftauchten, wenn das Stichwort „Hochzeit“ fiel, beinhalteten schicke Kleider, hektische Bräute, Kirchen, gutbürgerliche Gasthäuser, Gruppenfotos und Partyspiele. Dieses Wochenende reiste ich nach Berlin, um meine Freundin auf dem Weg in die traute Zweisamkeit zu begleiten, und allein das kann als Gegensatz zu den Verwandtschaftshochzeiten zwischen Würzburg und München gesehen werden, die ich als Kind miterlebte.

Auf dieser Hochzeit gab es kein Brautkleid mit Reifrock, keinen Pfarrer, kein 4-Gänge-Menü, keinen Alleinunterhalter, keine Bierzeltgarnituren und keine Trauringe. Dafür gab es Hängematten, veganes Essen, Picknickdecken, Schlauchboote, einen Zeremonienmeister, Cookies mit besonderen Inhaltsstoffen und Nacktbaden. Interessant war die Reaktion der Gäste auf diese Feier: Die Berliner Freunde des Brautpaares waren allesamt bestens gelaunt und schienen einen sehr netten Abend zu verbringen. Die Freunde der Braut aus ihrem kleinen Heimatdorf hingegen waren fasziniert bis schockiert, fühlten sich in jedem Fall aber nicht besonders heimisch und waren die ersten, die sich abends auf den Heimweg machten. Ich kannte auf der Feier niemanden außer der Braut und gesellte mich, schon der geographischen Verbundenheit halber, erst einmal zu jenen alten Freunden aus dem Dorf; aber im Laufe des Abends hatte ich definitiv mehr Spaß mit den anderen Gästen (und einem der alten Heimatfreunde, den es in der Zwischenzeit ebenfalls in eine Großstadt verschlagen hatte – ein Detail, das alle meine Klischees über Stadt und Land bestätigte). Man kann nicht behaupten, dass ich in dieser Nacht besonders viel Schlaf in meiner Hängematte bekommen hätte, während der DJ bis morgens um acht, als das Benzin für den Generator endgültig leergelaufen war, Wald und See mit Technobeats beschallte, aber ich hatte wirklich einen unvergesslichen Abend. Und ich denke, das Brautpaar auch.

haengematte

PS: Alec, sämtliche Prophezeiungen über Freundinnen der Braut und Freunde des Bräutigams wurden übrigens wahr…

Advertisements

Silvesterabende

Die miesesten Silvesterabende sind die, an denen man krampfhaft versucht, den größtmöglichen Spaß zu haben und sich auf möglichst außergewöhnliche Weise amüsieren und beeindrucken zu lassen. Geht nie gut und endet meistens frustriert auf der heimischen Couch. Die besten Silvesterabende dagegen: Die, die man mit guten Freunden in angenehmer Umgebung verbringt. Gemeinsames Raclette, im Anschluss eine mehr oder weniger gelungene Feuerzangenbowle, Bleigießen mit Blei, das nicht richtig schmilzt und Figuren, die beim besten Willen nicht zu erkennen sind, dann mit Sekt anstoßen, vor der Haustür Feuerwerk gucken und selbst ein bisschen herumzündeln. Schließlich wieder ins Warme und noch ein, zwei, drei oder mehr Stündchen mit angeheiterten Gesprächen verbringen, um sich im Morgengrauen einen Schlafplatz auf dem Sofa zu sichern und am nächsten Mittag in der völlig chaotischen Küche die restliche Mannschaft zum Katerfrühstück zu treffen. So sollte es sein in meiner Idealvorstellung. Diese Saison hatte ich eher Variante 1. Aber ich habe gelernt: Selbst wenn die Zeit bis 00:00 Uhr eher verkorkst verläuft, kann die Silvesternacht noch Spaß machen. Auch wenn daraus so etwas Banales wie ein geschwisterlicher Serienmarathon begleitet von Schokoladeneis wird.

Drachenfliegen

Drachen1Heute war ich mal wieder zu Besuch bei meiner Familie. Anlass war ein Geburtstag, der gebührend mit Gästen zum Mittagessen und Kaffeetrinken gefeiert wurde – aber vormittags hatten mein Bruder und ich noch ein, zwei Stunden Zeit zur freien Verfügung. Meine Familie wohnt in einer ziemlich abgelegenen und hohen Lage in einem Mini-Dorf in der Rhön , das heißt: viele freie Flächen und noch viel mehr Wind. Und da kam Brüderchen auf die grandiose Idee, die alten Drachen vom Dachboden zu holen und steigen zu lassen. Nach kleinen Startschwierigkeiten, ich habe das vermutlich mindestens seit zehn Jahren nicht mehr gemacht, funktionierte es dann auch richtig gut (mit meinem Anfängerdrachen sowieso und auch Brüderchen hatte nach einer Weile den Dreh mit seinem Lenkdrachen raus). Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mir fest vorgenommen habe, meinem kleinen Patensohn auch mal einen Drachen zu schenken und mit ihm steigen zu lassen. Aber weil der Kleine gerade erst das Laufen gelernt hat und es bis zur Drachenzeit bei ihm wohl noch etwas dauert, kaufe ich mir halt für die Zwischenzeit einfach selber einen.

Frei von Peinlichkeiten

Heute hatte ich Besuch von meinem Papa. Mein Papa ist ein netter Mensch, aber er hat eine Eigenschaft, die viele – inklusive mir – gelegentlich an ihm stört: Er macht im Allgemeinen, was er gerade möchte. Unabhängig von den Menschen um ihn herum. Das dörfliche „was sollen da die Leute sagen“ ist ihm – zumindest in den meisten Situationen – ziemlich egal. Das ist vermutlich nicht die schlechteste Lebenseinstellung, wenn auch eigentlich nur als Single zu verwirklichen; für die Menschen, die mit ihm zusammen sind, ist das häufig relativ anstrengend.

In meiner Stadt war heute Altstadtfest, und abends spielte die französische Gruppe „Paris la nuit“ (übrigens sehr zu empfehlen!). Dorthin wollten wir nach einem gemütlichen Bummel durch die Stadt gehen, das war der Plan. Leider begann es eine Dreiviertelstunde vor OpenAir-Konzertbeginn furchtbar zu schütten. Vor dem heftigsten Regen schützten wir uns in einem Bierzelt, aber auch zum Beginn des Konzertes regnete es noch Bindfäden. Trotzdem sagte mein Papa: „Lass uns doch zumindest mal dort vorbei gehen.“ Am Konzertort war die Band offenbar gerade unschlüssig, ob sie das Spielen anfangen sollten oder nicht. Außer uns waren noch zwei oder drei Frauen im vorderen Bereich und ein paar wenige Menschen, die im Eingangsbereich offensichtlich darüber diskutierten, ob sie nun im Regen Musik anhören wollten oder nicht. Mein Papa ging zielstrebig nach vorne bis zum Bühnenrand, ich ihm hinterher. Unterdessen hatte sich die Band zum Beginn formiert. Mal anhören, wie die so klingen. Und sie klangen gut! Aber im Regen, mit total durchnässten Stoffturnschuhen auf einem Betonboden, auf dem das Wasser teilweise bereits stand, noch Aufmerksamkeit auf die Musik richten? Das Problem mit dem im-Wasser-stehen löste mein Papa, indem er eine der nassen Bierbänke, die dort standen, aber von niemandem benutzt wurden, einfach umdrehte und sich darauf stellte. Gute Idee, wäre ich nicht drauf gekommen. Und hätte ich mich auch nicht getraut. Aber so standen wir beide nun im Regen auf der umgedrehten Bierbank einen guten Meter von der Bühne entfernt. Papa tanzte und sang ziemlich laut mit, obwohl er kein Wort französisch versteht. Peinlich, fand ich. Aber nachdem ich nun mal da war und man das beste aus der Situation machen musste, tat ich das, was mir am passendsten erschien: Ich tanzte einfach auch. Das hätte ich mich in einer anderen, wie ich angepassten Begleitung niemals getraut. Aber es war prima! Ich hatte großen Spaß dabei und als das Konzert nach knapp anderthalb Stunden vorbei war, hatte ich fast vergessen, dass meine Füße klatschnass sind. Zwischenzeitlich konnte man sogar mal den Schirm weglegen und sich so noch viel freier bewegen, das war richtig gut. Und die Sängerin reichte mir während des Konzertes ihren Fotoapparat mit der Bitte, ein paar Bilder von ihnen zu machen. Nach dem Konzert bedankte sie sich fürs Fotografieren und dafür, dass wir ganz vorne standen und tanzten. Dinge, die mir erst peinlich oder zumindest unangenehm waren und zu denen ich mich erstmal überwinden musste. Aber ich lerne daraus: Peinlich wird etwas erst, wenn es dir selbst peinlich ist. Und: Was du peinlich findest, finden andere Leute möglicherweise cool. Also sollten wir alle mal das blöde „Uuuuh, das mache ich nicht, das ist doch voll peinlich!“ aus unserem Vokabular streichen und stattdessen einfach machen, was uns gefällt. Und wer weiß, vielleicht wird genau das dann ja ein neuer Trend…?