Cabourg, mon amour – Cinquième jour

Am fünften Tag starten wir Richtung Deauville, was laut Reiseführer ein eher teurer Ort mit hoher Promi-Dichte sein soll – wir wollen uns das gerne mal anschauen. Allerdings hat auch dieser Ort wieder extrem hohe Ähnlichkeit mit allen Küstenorten der letzten Tage, so dass wir eigentlich schon wieder gehen wollen, als wir an einem Flohmarkt vorbeikommen und beschließen, darüber zu schlendern. Wir verlieben uns beide spontan in ein wunderhübsches schulterfreies, altrosanes Lederkleid und überlegen schon, es einfach zu kaufen – eine von uns würde mit Sicherheit hineinpassen -, doch der Preis übersteigt unser Budget leider mehr als deutlich, so dass das Lederkleid weiter am Flohmarktstand hängen bleibt. Es scheint sich grundsätzlich um einen Flohmarkt mit sehr hohem Preisniveau zu handeln, aber da uns außer dem Kleid ohnehin nichts weiter interessiert, ist das nicht so tragisch und wir verlassen Deauville recht bald wieder.

Unsere nächste Station ist Cabourg, das Marcel Proust viele Sommer lang besuchte und das er als Balbec in seiner Recherche Du Temps Perdu verewigte. Da verwundert es auch nicht, dass man kaum durch die Stadt kommt, ohne ein Porträt von Proust, eine Gasse mit seinem Namen, einen Stein mit einem Zitat von ihm zu bemerken. Vor allem im Grand-Hotel, in dem er immer abstieg und das heute natürlich wahnsinnig teuer und luxuriös ist, aber durch dessen Lobby wir immerhin mal hindurchspazieren, gibt es auf engstem Raum Portrait, Zitate und das Schild zum „Salle M. Proust“.

Auf der Rückseite des Grand-Hotels ist auch gleich das Meer. Und zum ersten Mal während unserer Reise finden wir nicht nur einen Strand, sondern sogar einen Sandstrand! Eigentlich wollten wir nur unser Frühstücksgebäck vom hiesigen Bäcker mit Meerblick verzehren, aber bei diesen Aussichten – Sand und reichlich Sonne – beschließen wir, doch noch mal zum Auto zu laufen und mit Badesachen wiederzukommen. Wir verbringen mehrere Stunden im Meer und in der Sonne, sind danach leider ziemlich gerötet, aber das war es wert. Zum Abschluss gönnen wir uns noch Galettes in einer Crèperie in der Nähe und machen uns dann auf die Weiterfahrt: Langsam müssen wir schon wieder an die Heimreise denken, verabschieden uns wehmütig vom Atlantik und starten nach Rouen.

Unser Hotel in Rouen ist nicht nur schwierig zu finden, sondern auch ansonsten eher medium statt wow, aber da wir nur eine Nacht hier sind, ist das nicht weiter relevant. Wir pflegen unsere Sonnenbrände (doch heftiger als erwartet), aber am späteren Abend wollen wir doch noch einmal raus und die Stadt erkunden. Das Hotel liegt südlich der Seine in einem nicht ganz so schönen Viertel, aber es gibt immerhin auch hier eine schöne kleine Crèperie, in der wir ein kleines süßes Abendessen zu uns nehmen und den Cidre dazu irritierenderweise in Tassen eingeschenkt bekommen – aber egal, er schmeckt auch daraus vorzüglich. Danach laufen wir noch bis in die Altstadt, über die Seine und an vielen kleinen Bistros und großen Kirchen vorbei. Die Stadt hat einen eigentümlichen Charme, es gefällt mir gut hier.

Advertisements

Stadtspaziergang

Der Frühling erwacht und die Stadt mit ihm. Zeit für den Erkundungsgang durch das neue Viertel. Teenager spielen Basketball im Burggraben. An der Eisdiele stehen Menschen Schlange, Kinder auf Laufrädern fahren quietschvergnügt und eisbefleckt umher. Ein alter Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl durch den Park. Auf der Straße radelt ein junger Mann mit grünem Hut und Gitarre auf dem Rücken barfuß an mir vorbei. Ein Rotkehlchen erkundet neugierig die frisch bepflanzten Blumenkästen. Unter altem Laub dringen vorwitzig hellgrüne Triebe hervor. Blüten öffnen sich zur Sonne hin, die Menschen tun es ihnen nach.

Herbstfahrt

Eben war alles noch bunt. Vor mir der Himmel kräftigblau, links und rechts sausten rotorangegoldene Laubwälder vorbei, gemischt mit Tannengrün und satten Erdtönen. Auf einmal sind keine Farben mehr da. Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte eine große grauweiße Wolke auf, die nun das Rot und das Blau, das Grün, das Orange und vor allem das leuchtende Sonnengold verschlingt. Ich bin mitten in ihr. Nirgends sehe ich etwas anderes als eine graue Mauer, die sich wie von Zauberhand immer hundert Meter von mir entfernt befindet, egal wie schnell ich mich auf sie zu bewege. Es fühlt sich absurd an, dass trotzdem alles weitergeht wie gewohnt. Die anderen Autos bremsen nicht, sondern fahren unverdrossen im selben Tempo weiter, obwohl die Mauer doch auch vor ihnen steht. Ich sehe sie vor mir verschwinden im gräulichfeuchten Watteweiß und ahne lediglich, dass ich für die Fahrer hinter mir ein ähnliches Bild abgeben muss.

Und auf einmal, so schnell, wie sie gekommen war, verschwindet die Wolke. Wie mit einem Plopp ist da wieder Licht. Blau. Grün. Rot. Orange. Lediglich an der Seite sieht man noch ein wenig weiße Watte, die von außen so viel friedlicher aussieht als von innen. Was für ein gutes Gefühl! Es ist ein kleines Aufatmen der Seele, wenn man dem Nebel entkommt und sich wieder an der klaren Herbstluft erfreuen kann.

Als mich die nächste Wolke umschlingt, bin ich ruhiger. Dieses Mal weiß ich: Auch hinter ihr wird wieder die Sonne hervorblitzen.

Achtsamkeit

Heute geht es mir gut, so richtig gut. Dabei gäbe es genügend Dinge, die mich zu einem anderen Zeitpunkt unglaublich nerven und meine Laune damit in den Keller ziehen würden: Ich musste heute ungemütlich früh aufstehen, hatte eine blöde Schicht in der Arbeit, meine Katze ist furchtbar mäkelig mit ihrem Futter und frisst nicht, wie sie sollte, es ist Juli, aber draußen die Sintflut. Aber mein Kopf rückt andere Dinge in den Vordergrund: Als ich von der Arbeit nach Hause radelte, schien die Sonne und es war richtig angenehm draußen. Ich habe mir ein leckeres Abendessen gekocht und anschließend ein Resteverwertungsmuffinrezept erfunden, dessen Resultate gerade noch auskühlen, aber schon gut duften. Ich hörte Musik, sehr gute Musik, die in Vergessenheit geraten war und mir erst gestern wieder in den Sinn kam. Ich hatte sogar Spaß beim Abwasch! Vielleicht hängt diese positive selektive Wahrnehmung damit zusammen, dass ich seit einer Weile versuche, mein Leben achtsamer zu gestalten. Ich habe mit Yoga angefangen, ich übe zu meditieren, ich koche mehr mit frischem Gemüse und versuche, Süßigkeiten bewusster zu essen. Ich überlege mir in meiner Freizeit öfters gezielt, was ich machen möchte und nicht, was ich machen muss; erstaunlicherweise klappen Haushalt und Studium trotzdem genauso gut oder schlecht wie vorher. Meine Haut hat weniger Unreinheiten. Ich bin weniger träge und fühle mich energiegeladener. Meine Gedanken laufen seltener im Kreis. Ich bin besser im Prioritätensetzen geworden. Vielleicht ist es einfach gerade bloß eine gute Phase. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich mit dieser neuen Fokussierung auch schlechte Phasen besser durchstehen kann. Aus jedem dornigen Ereignis wächst irgendwann eine Blüte. Und irgendwo scheint immer die Sonne.

Frühlingsgefühle

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Trotz mehrfacher Umzüge kam ich nie über ein 2000-Seelen-Dorf hinaus. Als Kind war das toll, spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät wurde es nervig und immer nerviger. Die bestandene Führerscheinprüfung war wie eine Befreiung, und das erste eigene Auto anderthalb Jahre später veränderte alles. Unabhängig vom beinahe nicht existierenden Nahverkehr sein, fahren wohin ich will wann ich will mit wem ich will – ich liebte die Möglichkeiten, die mir mein Auto bot. Inzwischen wohne ich in der Stadt und erledige 98 % meiner Alltagsgeschäfte mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr, weil das Autofahren hier einfach unpraktisch ist. Behalten habe ich das Auto trotzdem, als kleinen Luxus und Reminiszenz an vergangene Zeiten – selbst wenn ich inzwischen sogar das Zugfahren wieder zu schätzen gelernt habe, weil sich die Fahrzeit dabei weniger verschwendet anfühlt.

Heute fuhr ich einmal wieder mit dem Auto, zu einem Kaffeetrinktreffen in einem zwanzig Kilometer entfernten Städtchen. Das Wetter war schön, beinahe frühlingshaft; meinen dicken Parka konnte ich offen lassen und im blendenden Sonnenschein war ich mit Mütze vollkommen overdressed. Auf dem Rückweg sauste ich über die Autobahn – zu schnell, ich gebe es zu. Aber bei gutem Wetter und leeren Straßen kommt gelegentlich der Geschwindigkeitsfanatiker in mir zum Vorschein. Wieder im innerstädtischen Bereich angelangt, öffnete ich die Fenster und drehte die Musik noch ein bisschen weiter auf. Der CD-Player spielte wunschgemäß einen meiner persönlichen Feelgoodsongs, durchs Fenster zog eine angenehme leichte Brise frühlingsfrischer Luft, ich gab Gas und fuhr metaphorisch und wortwörtlich der Sonne entgegen. So sehr man aus ökologischer und unfallstatistischer Sicht auch auf den Individualverkehr schimpfen mag: Ein überfülltes Regionalexpressabteil kommt eben doch nicht an das Glücksgefühl einer frühlingsfreien Autofahrt heran.

Frei

Ich erinnere mich an einen Tag, es muss Spätsommer oder Frühherbst gewesen sein. Ich war bei meiner Familie und wurde von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Es war still im Haus, nur meine Mutter war schon auf den Beinen, die einzige Frühaufsteherin der Familie. Ich zog mich an und ging mit den beiden Hunden spazieren. Es war kühl, windig, nicht unangenehm, sondern frisch. Die Sonne blinzelte, aber wärmte noch nicht richtig. Ich trug meine grüne Regenjacke und hatte in jeder Hand eine Hundeleine. Die Hunde waren ausgeschlafen, bewegungsfreudig, sie tänzelten um mich herum, ich hatte Mühe, die Leinen immer entwirrt zu halten. Außer uns war niemand unterwegs, selbst die Kühe auf der Weide blickten noch ganz verschlafen drein. Wir liefen, die Hunde schnupperten ausgiebig an Bäumen, Grasbüscheln und Holzstapeln, dann rannten wir. Links ein weißer Wirbelwind und rechts ein grauer, in der Mitte der grüne Regenjackenfarbklecks, bergab, immer weiter, dem Wind getrotzt und der Sonne entgegen. Lange habe ich mich nicht mehr so frei gefühlt wie in diesem Moment.

Herbstsonne

20131023-205931.jpg
Ich bin ein Frühlingskind. Es gibt nichts Schöneres als die ersten warmen Tage im März oder April, wenn man die Jacke wieder offen lassen kann, die Mütze abnimmt und sich die Frühlingssonne auf den Kopf scheinen lässt.
Den Herbst mag ich nicht so sehr. Wenn man langsam auf die dicke Jacke und die gefütterten Schuhe umsteigen muss, wenn der Regenschirm in der Handtasche die Sonnenbrille ersetzt und man das Fahrrad zur Reparatur bringt, weil man jetzt merkt, dass der Dynamo irgendwann im Sommer kaputt gegangen sein muss. Das ist nicht meine Zeit.
Aber manchmal – manchmal gibt es auch im Herbst Frühlingsmomente. Gestern war so ein Tag. Es hatte zwei Wochen lang abwechselnd geregnet oder eisiger Wind geweht, und es machte keinen Spaß, das Haus zu verlassen. Aber dann kam der Tag gestern. Die Sonne verteilte ihre leisen Strahlen über der Stadt, der Himmel hatte diese Farbe, die er nur an einem außergewöhnlich schönen Herbsttag annimmt, die Luft war mild und angenehm und die Menschen auf einmal kollektiv besser gelaunt. Und ich? Ich fuhr mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause und war, obwohl ich einen ziemlich miesen Vormittag hatte, dank des Wetters so fröhlich gestimmt, dass ich auf der Kreuzung, inmitten des Verkehrslärms um mich herum, laut „Yabbadabbadoo“ rief. Es hörten wohl nicht viele, und die, die es taten, sahen mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber das kümmerte mich nicht. In diesem Moment war ich einfach glücklich. (Und da merkt man erst wieder, was für eine hauchdünne, kurzlebige Angelegenheit das Glück doch ist.) Danach ging ich kurz nach Hause, um meine Katze zu versorgen, und setzte mich anschließend noch für eine Dreiviertelstunde auf eine Parkbank in einer kleinen Grünfläche in der Nachbarschaft. Vielleicht waren das die letzten bewusst wahrgenommenen Sonnenstrahlen des Jahres. Ich habe sie genossen.

Sonnentag

Heute hätte ich beinahe zwei Verabredungen gehabt – mit einer alten Bekannten, die auf Durchreise in meiner Nähe sein und sich mit mir auf einen Kaffee treffen wollte, und mit dem Freund eines Freundes, den ich vor einem halben Jahr mal auf einer Geburtstagsparty traf und sehr sympathisch fand, aber ich fand es damals, so glücklich in einer Beziehung steckend, unpassend, mich mit einem anderen Typen zu treffen, auch wenn es rein freundschaftlich wäre. Aber jetzt ist das ja passé und es hat keinen mehr etwas anzugehen, mit welchen Menschen ich mich verabrede. Nun gut. Das war der Plan für heute. Aber dann hat mein DVD-Abend-Date doch etwas anderes vorgehabt und die Dame von der „ich ruf dich an, wenn ich da bin“-Kaffee-Verabredung meldete sich gar nicht erst. Aber wisst ihr was? Das hat mich erstaunlicherweise fast überhaupt nicht gewurmt. Ich bin heute ganz ohne Wecker ziemlich früh aufgewacht, habe gut gelaunt meine Wohnung aufgeräumt, einen Kuchen für meine – diesmal feste – Kaffee-Verabredung morgen gebacken, war in der Bibliothek, habe, obwohl ich nur etwas zurückgeben wollte, ein paar spannende Bücher gefunden und mich dann, weil das Wetter so fabelhaft war, fast vier Stunden lang in den Park gesetzt, gelesen, gedöst, in den Himmel geguckt – einfach traumhaft. Nur bin ich leider furchtbar schlecht darin, Kontakt mit fremden Leuten aufzunehmen – ich wollte auch mal die gespannten Slacklines ausprobieren und ganz nebenbei ein paar Worte mit dem gut aussehenden Typen dort wechseln. Hat aber nicht so geklappt, wie ich das wollte (wie sich herausstellte, bin ich weder im lässigen Balancieren auf einem gespannten Band noch im gut aussehende Typen ansprechen besonders talentiert). Aber das ist eigentlich auch egal. Ich hatte einen tollen Tag im Park, bin spätnachmittags wieder nach Hause, habe mir mal wieder etwas richtig schönes gekocht – es gab Kürbiscremesuppe mit gerösteten Sonnenblumenkernen – und genussvoll ganz für mich alleine gegessen, noch ein frisches Brot für morgen gebacken und mit einer coolen neuen Serie (Weeds) angefangen. Ein guter Tag.