Sonnenaufgangsgrün

Was es war, worauf sich die diffuse Sehnsucht richtete, wird manchmal erst klar, wenn man es hat. 

 

Advertisements

Sehnsuchtsfenster

Ich weiß nicht, warum mich gerade dieses Fenster so magisch anzieht. Liegt es an der Aussicht, die doch nur normales Stadtgeschehen zeigt, eine Kreuzung, eine Eisenbahnbrücke, einen kleinen Platz mit ein paar Bäumen? Liegt es an dem extrabreiten Fensterbrett, das dazu einlädt, sich darauf zu stützen, zu setzen, zu knien? Ist es der Fliegengitterrahmen, der nur hauchdünn ist, mir besten Durchblick gewährt und trotzdem eine feste Barriere zwischen mir und der Welt ist?

Den Raum, in dem sich das Fenster befindet, betrete ich nicht allzu häufig. Aber stets führt mich der erste Gang zum Fenster. Ich blicke melancholisch auf leere Äste im Bindfadenregen. Ich drücke mir die Nase platt, wenn winterliche Schneeflocken tänzeln. An den ersten Frühlingstagen öffne ich das Fenster sperrangelweit und lasse die klare Luft in meine Lungen strömen. Wenn es draußen warm geworden ist, setze ich mich auch mal in das offene Fenster, den Rücken links angelehnt, die Füße rechts aufgestützt. Eigentlich ziemlich unbequem, aber ich liebe es, nach draußen zu schauen, Sommerluft zu atmen, gleichzeitig Teil und Beobachterin zu sein. Unter mir laufen Menschen vorbei, die meisten von ihnen sehen mich nicht. Einmal entdeckte mich ein Kind, ich winkte dem kleinen Jungen und er winkte zurück. Alltag, Banalität, aber auch: drei Sekunden Glück.

Plädoyer gegen Fernbeziehungen

Ich muss sagen: Fernbeziehungen sind gelegentlich was feines, aber meistens sind sie doof. Man hat während der Woche Zeit für allen alltäglichen Kram und für lästige Dinge und für all die Dinge, die der Partner nervig findet, aber man selbst überlebenswichtig, und am Wochenende hat man Zeit füreinander und nutzt die viel intensiver. Soweit die Argumentation der Fernbeziehungsfreunde. Aber ich sage: Fernbeziehungen sind doof. Unter der Woche kann man eh nicht so tolle Dinge machenin seiner spärlichen Freizeit, und außerdem versucht man immer, doch noch wenigstens eine halbe Stunde fürs Telefonieren reinzuquetschen (womit sich ausgedehnte Abendbeschäftigungen ohnehin disqualifizieren). Und am Wochenende probiert man dann krampfhaft, wirklich jede Minute miteinander zu verbringen, um ja nichts von den kostbaren 55 Stunden Nähe zu vergeuden – so lange, bis man am Sonntag schon wieder eine Stunde für sich bräuchte (aber das natürlich nicht zugeben kann, gemeinsame Zeit und so, und dann scheinbar grundlos schlecht gelaunt ist). Teufelskreis. Wäre es nicht viel viel besser, einfach an einem Ort zu wohnen? Wenn man jeden Abend miteinander essen könnte, anstatt sich nur fernmündlich zu sprechen, dann wäre es auch nicht so schlimm, wenn sie mal mit ihren Freundinnen ausgehen will und er einen ungestörten Spielemarathon vor der Xbox veranstaltet. Wenn das Wochenende nur zweieinhalb von sieben Tagen wäre, anstatt von zweieinhalb Tagen vor viereinhalb Tagen Pause, dann stünden die Samstag Abende nicht so häufig vor der Entscheidung, ob sie nun zur Geburtstagsparty ihrer alten Schulfreundin geht, auf die er keine Lust hat, oder ob er den Kinofilm ansieht, auf den sie keine Lust hat. Man könnte sich einfach für ein paar Stunden voneinander trennen, ganz problemlos, weil sie nicht Teil dieser besonderen kleinen Wochenendwelt wären, sondern einfach ein paar Stunden in einer ganz normalen Woche, vor denen man sich hatte und nach denen man sich wieder haben wird. Es könnte doch alles so einfach sein.