Zwischenbemerkung

Es ist ruhig hier in diesem Blog, ruhiger als mir lieb ist. Ich konnte das für ein paar Wochen auf eine wichtige Klausur schieben, Einführung in die theoretische Philosophie, für die sehr viel zu lernen war – doch jetzt ist die Klausur geschrieben, das Leben hat zumindest fürs Erste wieder einen beschaulicheren Gang eingeschlagen und hier gibt es trotzdem keine neuen Beiträge. Dabei ist es nicht so, dass ich keine Lust hätte zu schreiben oder keine Ideen. Es passieren oft genug kleine Dinge, ich besuche Veranstaltungen, treffe Menschen, erlebe Sachen, über die ich ein paar Sätze verlieren könnte. Dann fange ich in meinem Kopf an zu schreiben – da klingt es noch ganz gut -, aber spätestens, wenn die Buchstaben aus dem Kopf in die PC-Tastatur fließen und schwarz auf weiß auf dem Bildschirm erscheinen, erscheint es mir a) uninteressant und belanglos und b) völlig deplatziert in einer Welt, in der Tag für Tag für Tag große, dramatische Dinge passieren, in der sich jede Situation stündlich ändern zu scheint (mal abgesehen von denen, die zu ändern richtig wichtig wäre), in der Schwarz und Weiß schon längst unzähligen Graustufen gewichen sind, deren Helligkeitsgrade nur schwer voneinander zu unterscheiden sind.

Ich glaube, dass ich ein zumindest ansatzweise politischer Mensch bin. Dennoch schreibe ich nicht gerne über Politisches, weil die Dinge im Allgemeinen kompliziert sind und umso komplizierter, je einfacher die Stammtischparolen dazu klingen. Auch deshalb gab es hier schon lange keine Texte mehr – weil mir die Alltagserlebnisse zu banal erscheinen und die großen gesellschaftlichen Entwicklungen, die mich beschäftigen, zu komplex sind, als dass ich mir anmaßen würde, dazu einen Text zu schreiben, der meinen eigenen Ansprüchen genügt.

Zur Zeit lese ich viel. Weil ich gerne lese und schon lange nicht mehr dazu kam, aber auch, weil es so vieles gibt, worüber ich mehr wissen will. Und obwohl ich mir immer wieder vornehme, erst wieder neue Bücher zu kaufen, wenn die zuhause alle gelesen sind, breche ich diesen Vorsatz ebenso regelmäßig – wie etwa dieses Wochenende, als ich zufällig auf ein Buch von Navid Kermani gestoßen bin. Ich hatte von diesem Autor schon viel gehört, einige Artikel und Interviews gelesen, die mir gut gefallen hatten, also nahm ich auch das Buch kurzentschlossen mit: „Wer ist Wir?  – Deutschland und seine Muslime“. Auch wenn in meiner Ausgabe bereits ein Anhang mit seiner Rede zum Anschlag auf Charlie Hebdo vorhanden ist, ist der eigentliche Text schon sechs oder sieben Jahre alt – das heißt, er wurde lange vor den aktuellen Flüchtlingsdebatten formuliert. Dennoch – oder auch gerade deshalb, weil er auf keinen einzelnen Anlass Bezug nimmt – ist er gerade jetzt sehr spannend: Es geht um das Zusammentreffen von Kulturen, um Identität(en), um den Umgang mit Konflikten (die unvermeidlich sind, wo Unterschiedliches aufeinandertrifft), um Bereicherung durchs Überdentellerrandschauen und lässt sich sowohl eher theoretisch als Lobpreis von Aufklärung und Demokratie als auch praktisch als Anleitung zum friedlichen Zusammenleben lesen. So oder so drückt Navid Kermani wortgewandter und wesentlich fundierter aus, was ich gerne sagen und schreiben würde. Deshalb bleibt mir jetzt nur noch, aufzufordern: Leute, lest dieses Buch!

Lesen und gelesen werden

Die letzten Wochen waren mit Lesen und Schreiben reich gefüllt, auch wenn sich das im Blog nicht widerspiegelte. Ich sitze nach wie vor an meiner Hausarbeit, die langsam Form und zu viel Länge annimmt – wenn ich fertig mit dem Schreiben bin, ist wohl erst einmal Kürzen angesagt. Dazwischen habe ich zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal den „Nachtzug nach Lissabon“ gelesen und war schlichtweg begeistert von dieser Geschichte, vom Drang zum Aufbruch, von der Macht der Sprache, von den philosophisch-theologisch-moralischen Fragen, die nicht an Aktualität verlieren, von der Suche nach sich selbst. Mit Monsieur, der mir das Buch ausgeliehen hatte, wurde ich jedoch nicht einig darüber – obwohl wir beide Literatur sehr schätzen und uns beiden auch eine gewisse Sprachqualität wichtig ist, ist das das einzige Thema, bei dem wir wohl nie Geschmacksgemeinsamkeiten finden werden. Nichtsdestotrotz fahren wir diese Woche zusammen zur Leipziger Buchmesse, weil sich vor einiger Zeit ein überraschendes Türchen öffnete: Ein Roman von Monsieur wurde gerade veröffentlicht, des Thema wegens unter Pseudonym, trotzdem ist er natürlich stolz wie Bolle und ich, quasi als Muse und Vorablektorin, gleich mit. Et voilà – die SeitenSprünge! Ein erotischer Roman, entstanden aus dem Kopfschütteln über all die zweit- und drittklassigen Geschichten, die im Gefolge der fünfzig Grauschattierungen nicht nur auf dem Markt, sondern gleich sehr präsent in den Eingangsbereichen der großen Buchhandlungen landeten. Das können wir besser, dachten wir uns, und nun ist das Resultat tatsächlich in Buchform erschienen – ein gutes Gefühl. Der Messebesuch in Leipzig wird dann auch meine erste Buchmesse sein, über die ich nicht nur von Lust, Laune und dem Zufall getrieben spaziere, sondern dieses Mal habe ich mich im Vorfeld über Veranstaltungen und Messestände informiert, den Hallenplan ausgedruckt, mit Anmerkungen versehen und ein straffes Programm geplant, an dessen Ende ich wahrscheinlich einfach in den Zug fallen und bis nach Hause durchschlafen werde. Aber zuerst freue ich mich sehr auf Leipzig, auf die Messe, auf Monsieur und meine Beste, die ich dort ebenfalls treffe, und harre gespannt der Dinge, die da kommen werden.

Fragen über Fragen

Die Fragerei geht weiter! Es fragte derverstecktepoet:

1. wie kamst du zum schreiben?
Reizwortgeschichten in der fünften Klasse. Weil es in der Schule Spaß machte, schrieb Maman für mich am Nachmittage Titel auf, die ich mit Leben füllen konnte. Meine Favoriten: „Vom Maulwurf, der zum Mond fliegen wollte“ (ich darf hinzufügen, dass er es selbstverständlich dorthin schaffte) und „Wie Baron Münchhausen die Welt vor BSE rettete“ (ein Thema, das auch Zehnjährige beschäftigte).

2. gibt es für dich vorbilder?
Vorbilder im Sinne nicht von Menschen, wie die ich werden will, sondern von Menschen, die ich bewundere, weil sie authentisch leben, sich nicht unterkriegen lassen und zumindest von außen den Anschein erwecken, glücklich zu sein: Ja. Wenn ich mich auf einen Prominenten, oder sagen wir mal: eine Person des öffentlichen Lebens, festlegen soll, dann Pia Douwes. Hauptsächlich aber mehrere Personen aus dem Familien- und Bekanntenkreis, zumeist gestandene Frauen mittleren Alters, die Tag für Tag versuchen, ihr Leben inmitten von tausend Anforderungen gut hinzukriegen. Dieses Work-Life-Balance-Ding (das ja eigentlich eher ein Beruf-Kinder-Beziehung-Haushalt-ich-selber-und-jetzt-noch-schnell-Yoga-gegen-den-Stress-Balance-Ding ist) ist so eine Gratwanderung, dass ich jeden bewundere, der das ohne größere Abstürze schafft.

3. wie entstehen deine texte?

Spontan und planlos. Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich drauflos, wenn nicht, dann eben nicht. Im Alltag organisiere und plane ich gernst, aber beim Schreiben bin ich lieber völlig ungebunden.

4. was bringt dich aus dem konzept?
Konfrontative Kritik. Überhaupt Konfrontationen der unangenehmen Sorte. (Die andern auch, aber da macht mir das Ausdemkonzeptkommen nix.) Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

5. wen sollten andere noch kennenlernen?
Mich!

6. warum ist schreiben wichtig?
Weil es beim Denken hilft.

7. welcher satz umschreibt dich?
„Ich wäre so gerne so mutig und so schön wie sie
Und ich würde so gerne meinem eigenen Herzen vertrauen
Ich würde mich einfach mögen und mir immer sagen
Es ist doch das Beste vor möglichst nichts Angst zu haben
Es ist doch das Beste vor möglichst nichts Angst zu haben“
(Maike Rosa Vogel: „Das mutigste Mädchen der Welt„)

8. welches buch empfiehlst du für die jackentasche?
„Das weiße Abendkleid“ von Victoria Wolff.

9. Du lädst zum essen, trinken, philosophieren
was steht als motto / einladungsnotat auf der versendeten karte?
Vermutlich gibt es keine Karte. Die richtig guten Essentrinkenphilosophierentreffen finden ja doch meistens ohne Einladung und spontan statt.

10. füller oder diktiergerät oder bleistift / warum?
Bei dieser Auswahl: Bleistift. Füller ist für Linkshänder nicht so toll (die allzeit blaugefärbte Hand und die verschmierten Hefteinträge bis zum Ende der schulischen Füllerpflicht sind mir noch zu gut in Erinnerung), und weil ich zum Formulieren die Worte sehen muss, kommt auch das Diktiergerät nicht in Frage.

11. vervollständige diesen satz!
Literatur ist………………..
… der Eingang zu einer fantastischen Welt.

Schreibend verliebt

Käthe schrieb vor kurzem hier, sie hätte sich „lesend und schreibend verliebt“. Der Kontext war verklärtkitschigplatonische Herzchenromantik. Aber beim Lesen dieses Satzes fiel mir auf, dass ich mich in meinem ganzen Leben nahezu immer lesend verliebt habe. Und zurückschreibend auf Antwort hoffend, selbstverständlich.

Es begann mit einer Menschin, die mir mentoresk zur Seite stand, als ich ein Teenager war und hunderte von Fragen über Gott und die Welt hatte (wobei „Gott und die Welt“ hier nicht als Füllwort, sondern wörtlich verstanden werden soll). Ich schrieb E-Mails, seitenlange, manchmal mehrmals wöchentlich, und bekam Antworten, die mich zum Nachdenken, manchmal auch Widersprechen brachten, die mir aber immer zeigten, dass ich gemocht, ernst genommen, vielleicht geliebt im reinsten Wortsinne werde. Inzwischen haben die Menschin und ich nur noch losen Kontakt. Aber von der Sorte, dass, wenn man sich sieht, die Zeit seit der letzten Begegnung stillgestanden zu sein scheint.

Dann gab es da eine kleine Zahl guter Freundinnen, ebenfalls zu Schulzeiten. Wir gingen in die gleiche Schule und hatten ein gemeinsames Hobby, so dass wir beinahe mehr Zeit zusammen als ohneeinander verbrachten. Da braucht nichts mehr gelesen und geschrieben zu werden, könnte man denken. Aber das wurde trotzdem getan. Meistens in Freundschaftskrisenzeiten. In E-Mails, auf Briefpapier oder einer herausgerissenen, dicht bekritzelten Collegeblockseite. Heute sind wir alle in verschiedene Ecken des Landes gezogen. Man sieht sich dreimal im Jahr. Aber die Briefe, die sind noch da, in meiner Schatzkiste, und manche habe ich so oft gelesen, dass ich sie auswendig weiß.

Der erste Mann, der ernsthaft ein Interesse an mir bekundete, tat dies ebenfalls schriftlich. Mit einer Nachricht in einem sozialen Netzwerk, zugegebenermaßen nicht besonders elegant, aber die Worte waren schmeichelhaft. Ich las die Nachricht illegalerweise während des Unterrichts in Datenverarbeitung und fiel Lehrern und Mitschülern den Rest des Tages durch übermäßiges Mundwinkelnachobengeziehe auf. Leider beendete der Mann die kaum aufgeflammte Liebschaft ebenfalls per E-Mail, was in mir ein wütendes Ohnmachtsgefühl und eine gewisse Abneigung gegenüber dem Medium erzeugte.

Aber nur bis zur ersten, völlig lakonischen und dadurch erst interessanten digitalen Nachricht von Monsieur. Unserem ersten Treffen gingen zwei Wochen intensivsten Mailverkehrs voraus, was das merkwürdige Gefühl hervorbrachte, den Anderen vollständig zu kennen, ohne ihn nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Nach einer Woche des Schreibens war ich so verliebt, dass ein Kontaktabbruch bereits Liebeskummer bedeutet hätte. Ich drängte auf ein schnelles Treffen, um die Abhängigkeit von E-Mails nicht zu sehr ins Extreme driften zu lassen. Seine Stimme war anders als erwartet, und er sah besser aus als auf den Fotos. Ein eigentümlich vertrautes und trotzdem völlig neues Herzgefühl bei der ersten Berührung, den ersten mündlich getauschten, verlegenen Worten. Verliebtsein fühlt sich so unverschämt gut an.

Und immer noch sind es die geschriebenen Worte, die für mich beinahe am allerwichtigsten sind. Gesprochene Worte sind wunderschön, aber flüchtig. Geschriebenes bleibt.

Fetzende Famosgesellen und andere Begleiter

Beim ziellosen Hinundherschlendern durch Blogs und Kommentare, online prokrastinierend und sozusagen fliehend vor allen Reallebenbedürfnissen kam mir heute einmal wieder die eigentliche Merkwürdigkeit der Onlineschreiberei in den Sinn. Nun blogge ich seit anderthalb Jahren, mal mehr, mal weniger regelmäßig, über alles, was mir so einfällt. Im ersten Jahr schrieb ich fast ganz für mich alleine, ein virtuelles Tagebuch sozusagen, öffentlich verfügbar aber weitestgehend unbeachtet. Dann, ich weiß nicht wie, stießen die ersten Personen dazu, kommentierten und folgten, was der Schreiberei einen ganz neuen Anstrich verlieh: Auf einmal war da ein Publikum, und aus dem fürmichschreiben wurde ein fürmichundandereschreiben, ein größerer Anspruch, aber mit einem viel größeren Lohn, nämlich der Gedankenaustausch mit anderen Menschen, von denen ich nichts weiter kenne als Pseudonyme, die mit der Realität viel oder wenig gemeinsam haben können, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Frau Käthe Knobloch auch im Alltag so eloquent mit Wörtern jongliert, ob Sir Alec Guinness stets pragmatisch-vernünftig handelt, ob Ben Fröhlich seine Lebenslust auch außerhalb seiner Texte zeigt, ob MmeContraires feinsinnige Gedankenweberei auch offline sichtbar wird, ob Candy Bukowski im wahren Leben die leidenschaftlich-starke Frau ist, die aus ihren Texten spricht. Aber, und das ist das Erstaunlichschöne daran: Obwohl ich niemanden davon in Wirklichkeit kenne, von niemandem die Telefonnummer eingespeichert habe, noch nie mit jemandem zum Picknicken im Park verabredet war, fühlt es sich beinahe wie Freundschaft an, in ihrer platonischsten Ausprägung. Ich habe noch kein Gesicht gesehen, aber durfte in Seelen spitzen, und das ist unendlich wertvoller. Ich hebe das (imaginäre, es ist schließlich noch Vormittag) Glas auf all die Menschen hinter den Blogs, die ihre Gedanken teilen mit uns. Sentimentalgefärbterherzchenförmiger Dank.