Liebe, Geld, Gleichberechtigung, Lebensträume und solche Sachen

Gerade habe ich meinen gut bezahlten Job mit einem weniger guten Arbeitsklima, aber dennoch einigen sehr liebenswerten Kollegen gekündigt, um im nächsten Jahr ein hundsmiserabel bezahltes, auf zehn Monate befristetes Volontariat in einer ganz anderen Branche zu machen, von dem ich hoffe, dass es mir zusammen mit dem Studienabschluss berufliche Türen öffnen kann. Im Moment schwanke ich quasi minütlich zwischen Hochgefühl – endlich die lang ersehnte Veränderung! – und einer diffusen Existenzangst – wer kündigt schon einen unbefristeten Vertrag im öffentlichen Dienst?

Zu den widerstreitenden Gefühlen in mir drin kommen noch all die Meinungen aus meinem Umfeld, die zwischen optimistischer Risikobereitschaft und totalem Verzweifeln über diesen finanziellen und sicherheitstechnischen Abstieg alle Nuancen abdecken. Ein Teil des Umfelds ist Monsieur, der den Wechsel an sich recht kritisch betrachtet, mir aber seine Rückendeckung dafür versprochen hat. Die Rückendeckung wird, da wir gemeinsam wohnen und entsprechend gemeinsam unser Leben finanzieren, auch finanzieller Natur sein. Und da wird es für mich insofern kritisch, als dass eines der großen Mantras, die ich von klein auf von meiner Mutter eingeimpft bekommen habe, lautet: „Mach dich niemals von einem Mann abhängig! Sei selbstständig!“ Mein großes Thema im kommenden Jahr wird also die Frage sein, wie Gleichberechtigung in einer Beziehung funktionieren kann, wenn sehr große Einkommensunterschiede bestehen. Tatsächlich merke ich, dass ich jetzt schon sensibler auf entsprechende Themen reagiere – ob es sich nun darum dreht, wer den Wochenendeinkauf oder die Tankfüllung zahlt, wer Geschenke für die liebe Verwandtschaft besorgt und wer sich im Haushalt stärker einbringt. Zum Beispiel: Sollte sein größerer finanzieller Aufwand für eine bestimmte Sache durch einen größeren zeitlichen Aufwand von mir aufgewogen werden? Ist das fair (weil jeder leistet, was er kann) oder unfair (weil jeder von uns gleich viel Zeit hat, er aber deutlich mehr Geld, wodurch sein Anteil relativ gesehen kleiner ist)? Wessen „Schuld“ ist es, dass ich deutlich weniger verdienen werde? Ist es eine Glück/Pech-Sache? „Verdient“ er sein besseres Gehalt dadurch, dass er mit seiner Arbeit auch gelegentlich unzufrieden ist, aber aus Sicherheits- und Komfortinteressen nicht über einen Wechsel nachdenkt, während ich es ebenfalls hätte aussitzen können, aber um eines besseren Arbeitsklimas willen lieber ein Risiko auf mich nehme? … Fragen über Fragen, die im nächsten Jahr, wenn das Thema akut wird, sicher noch an Relevanz zunehmen werden.

Ein anderes damit verknüpftes Thema sind die Vorstellungen, die ich mir als Kind oder Jugendliche von meinem Erwachsenenleben machte. In meiner Fantasie wäre ich zum Beispiel mit spätestens 26 Mutter geworden. Ungefähr um meinen 25. Geburtstag herum wurde mir klar, dass das wohl eher unrealistisch sein dürfte und änderte die Vorstellung in „das erste Kind aber vor 30“. Inzwischen steht mein 29. Geburtstag vor der Tür und unabhängig davon, dass Monsieur und ich uns in der Kinder-oder-keine-Kinder-Frage nicht mehr ganz einig sind, ist klar, dass, falls wir überhaupt welche bekommen sollten, das keinesfalls vor meinem 30. Lebensjahr stattfinden wird – das werde ich schließlich in diesem Volontariat verbringen, mit dem ich meinen Berufsweg in eine andere Richtung lenken möchte. Und danach folgt im Idealfall eine neue, „richtige“ Anstellung, in der ich mich ebenfalls erst bewähren müsste – Elternzeit ist also auch dann nicht gerade passend. Das bedeutet also, dass ich mich von liebgewonnenen Überzeugungen (liebgewonnen, obwohl ich selbst nicht mehr weiß, wie sehr ich noch damit übereinstimme) verabschieden muss. Ein sicher nötiger, aber auch etwas schmerzhafter Prozess. Aber wie sagte schon Einstein (zumindest laut Postkartenweisheiten)? „Leben ist wie Fahrradfahren – wer stehenbleibt, verliert die Balance.“ Also vorwärts, im Vertrauen darauf, dass sich zeigen wird, was gut ist.

Prinzessinnen

Heute in meinem ganz persönlichen Fernsehprogramm: „Ein Herz und eine Krone“, mit Audrey Hepburn und Gregory Peck, gedreht 1953. Nun ist das bei weitem nicht der erste Prinzessin-trifft-Bürgerlichen-Film, den ich sehe – bin ja schließlich ein Mädchen. Aber es ist der älteste Vertreter dieser Art von Film, den ich kenne. Und eines finde ich erstaunlich: In den moderneren Varianten – man denke zum Beispiel an „Der Prinz und ich“ – versteckt immer der adelige Partner seine wahre Identität, und dass der bürgerliche Partner ebenfalls ein Geheimnis hat, kommt auch mal vor. Nach ungefähr zwei Dritteln des Films, wenn gerade alles gut zu laufen schien, kommen alle Geheimnisse durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ans Tageslicht. Es gibt einen großen Knall, Streit, Anschreien, Türenknallen, Trennung. Und dann, wenn eigentlich alles in Richtung Untergang steuert, besinnt sich einer der beiden und es kommt zur großen Versöhnung inklusive mindestens dem elterlichen Segen beiderseits für die Beziehung, wenn nicht gar gleich das große Hochzeitsfest gefeiert wird. Happy End.

1953 war das noch nicht so. Da bricht zwar auch die Prinzessin, die eingezwängt war von Repräsentationspflichten, einmal für 24 Stunden aus ihrer Welt aus, um in das bürgerliche Alltagsleben einzutauchen. Und auch dort lernt sie den Mann kennen, der sie scheinbar so liebt, wie sie ist. Der sie zum Lachen bringt und sie beschützt und ihr neue Dinge zeigt. Aber in den Fünfzigern endete die Geschichte anders. Nach einem melancholischen Abschiedskuss kehrt sie in ihr altes Leben zurück und er bleibt in seinem. Keine große Szene, weil er ihr vorenthalten hat, dass er eigentlich Reporter ist und die große Story über sie schreiben wollte. Aber auch keine Skandalgeschichte auf der Titelseite nach ihrer Rückkehr. Wehmut über die Trennung auf beiden Seiten, aber offensichtlich fügt sich jeder in sein Schicksal und schafft es auch noch, nicht allzusehr damit zu hadern.

Warum ist das so? Heutzutage ist Individualität und damit verbunden das individuelle Glück das wichtigste Ziel überhaupt. 1953 war offensichtlich die Gesellschaft an sich und vor allem vermutlich die Aufrechterhaltung der konventionellen Ordnung ein höheres Gut als die privat Glückseligkeit. Ist das ein Fortschritt? Nicht zwingend tun zu müssen, was die Gesellschaft möglicherweise von uns verlangt, empfinde ich als wichtige Bereicherung. Aber andererseits ist damit jeder absolut selbst verantwortlich für alles, was er tut oder nicht tut. Für alle zugeschlagenen Türen, nicht ergriffenen Chancen, schlechten Entscheidungen. Da kann es angenehmer sein, wenn diese Entscheidungen nicht selbst getroffen werden müssen, sondern schon lange von anderen getroffen wurden, oder noch besser: gar nicht erst zur Entscheidung offen standen. Und vielleicht ist es ohnehin vernünftiger, ein neues Leben allenfalls für ein paar Stunden auszuprobieren und dann wieder ins alte, bekannte Leben zurückzukehren. Am Ende ist es wohl einfach eine Risikoabwägung. Und wer geht schon gern ein Risiko ein?