Beijing II – Schönheit

Auch wenn ich eigentlich zum Arbeiten in Peking war, blieb dennoch genügend Zeit, um die Stadt zu erkunden. Dabei fand ich Pracht und Armut sehr nahe nebeneinander – für mich ist Peking eindeutig eine Stadt der Gegensätze. Eine der deutlichsten Erinnerungen ist ein Café, in dem ich mit meiner Lieblingskollegin eine kleine Pause einlegte: Die Einrichtung war typisch shabby chic, unterschiedlichste Möbelstücke, aber alle hübsch und gepflegt, an den Wänden alte Blechschilder mit amerikanischen Werbeslogans und auf antik getrimmte Landkarten der USA. Es gab leckeren Kaffee zu westlichen Preisen, appetitlich anzusehenden Cheesecake und das Passwort für das WLAN gleich auf dem Kassenzettel. Und erst nachdem wir uns einen Platz auf der Dachterrasse gesucht, die kunstvollen Muster im Cappucchino-Schaum bewundert und die Aussicht auf die Wolkenkratzer fotografiert hatten, fiel uns das Nachbardach auf, auf dem inmitten von Gerümpel ein totes Huhn in der Sonne lag, das wohl aus dem kleinen Maschendrahtverschlag ausgebrochen war, der an der Hauswand lehnte und noch einige weitere Hühner beherbergte.

Beijing I – Fremdheit

Ich war noch nie ein großer Asienfan. Dieser Kontinent hatte für mich nie etwas so interessantes, dass ich in die Versuchung gekommen wäre, dort Urlaub zu machen. Aber manchmal passieren Dinge ja ganz unverhofft, und so verschlug es mich kürzlich für zwei Wochen nach Peking, um dort zu arbeiten.

Wir waren in einer größeren Gruppe von Deutschen unterwegs, was meine Nervosität linderte – denn als jemand, dem Sprache sehr wichtig ist, fand ich es extrem beunruhigend, in ein Land zu fahren, von dessen Sprache ich absolut nichts verstehe. Ich hatte es mit Chinesisch versucht, so wie ich es immer vor Auslandsaufenthalten mit den jeweiligen Landessprachen versuche – aber anders als beim Portugiesischen, Italienischen oder sogar Polnischen verweigerte mein Gehirn vollständig den Dienst, als es mit so ganz fremdartigen Zeichen und Lauten konfrontiert wurde. Also ohne Sprachkenntnisse. Meine Hoffnung, dass man in einer Großstadt auch mit Englisch gut zurechtkäme, bestätigte sich leider nicht; dafür wurden wir sehr einfallsreich, was die Kommunikation mit dem gesamten Körper betraf, oft halfen Übersetzungs-Apps und Smartphone-Fotografien und manchmal vertrauten wir einfach darauf, dass man es gut mit uns meinte und ließen die Chinesen mal machen, ohne zu wissen, was genau passieren würde.

Es war spannend, in eine völlig fremdartige Kultur einzutauchen, es war aber auch anstrengend. Nicht nur, weil wir in begrenzter Zeit so viel Besichtigungsprogramm wie möglich einbauen wollten und natürlich trotzdem arbeiten mussten, sondern weil man ständig mit einer ganz anderen Denkweise konfrontiert war. Ich war noch nie außerhalb von Europa, deshalb kam es mir sicherlich besonders fremd vor; denn zum ersten Mal befand ich mich an einem Ort, an dem nicht nur Sprache, Landschaft und eventuell die Wohlstandsverteilung anders waren als zuhause, sondern an dem auch Verhaltensweisen, Ideale, Moral- und Wertvorstellungen ganz eklatant von meinen Gewohnheiten abwichen. Das war für mich teilweise nur skurril – wenn es etwa um die sehr differenzierten Sauberkeitsvorstellungen ging und ein kleiner Straßenabschnitt über eine Stunde lang mit Wasser abgespritzt und geschrubbt wurde, während sich an anderen Orten der Plastikmüll in der Natur stapelte und das niemanden interessierte -, teilweise empfand ich Dinge als lästig, aber tolerierbar, zumindest für unseren begrenzten Aufenthalt – wie zum Beispiel die andauernden Sicherheitskontrollen und Überwachungsmechanismen -; andere Dinge hingegen stießen mir sehr unangenehm auf: Eine Frau verlor ihren Job, weil sie in der Zusammenarbeit mit uns, den repräsentativen Gästen aus Europa, einen Fehler gemacht hatte. Ein kleiner ärgerlicher Faux-pas, nichts Dramatisches. Aber am nächsten Tag war sie nicht mehr da und jemand anderes hatte ihre Stelle übernommen. Das passierte bereits am zweiten Tag unseres Aufenthaltes, und von da an nahmen wir bei jedem Missgeschick die Schuld auf uns, um keine weiteren Arbeitsstellen zu gefährden. Diese Kultur, die keine Fehler duldet und damit jedes Lernen, jedes Verbesserungspotential verunmöglicht, war für mich nur sehr schwer hinnehmbar.

Alleine reisen

Meine Reise nach Madeira startete ich alleine. Ich hatte sie kurz nach meiner Trennung gebucht, versuchte vorher halbherzig, eine andere Reisebegleitung zu finden, aber ich hatte auf eine gewisse Weise auch das nur halbbewusste Bedürfnis, einmal alleine zu verreisen. Ich war schon in verschiedensten Konstellationen unterwegs, mit Familie und Freunden und Jugendgruppen, aber nie ganz auf mich gestellt. Dieses Mal wollte ich es probieren. Mein erster Plan war, völlig auf mich allein gestellt mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden, aber nach einigem Hin und Her und Bedenken zwischen „Alleine, als Frau, das ist doch viel zu gefährlich“ und „Dann ist da ja niemand, mit dem ich die schönen Urlaubsmomente teilen kann“ entschied ich, mich doch einer Gruppe anzuschließen und das erste Mal in meinem Leben eine Pauschalreise zu buchen – immerhin nicht all-inclusive-Cluburlaub, sondern eine Wanderreise. Laut Programm sollte es am ersten Abend nach der Ankunft ein gemeinsames Abendessen mit allen Teilnehmern und dem Wanderguide geben; ich rechnete mit 10 – 12 Teilnehmern und war etwas irritiert, als außer mir nur noch ein einziges Pärchen in den Vierzigern aufkreuzte. Unsere Wanderführerin erklärte uns schließlich, dass über „unseren“ Anbieter tatsächlich nur wir drei gebucht hätten, sie die Reise aber trotzdem stattfinden lassen wollten und die Touren einfach mit Gästen, die die Ausflüge einzeln gebucht hätten, auffüllen würden. Leichte Ernüchterung. Nicht, dass das Pärchen unsympathisch gewesen wäre, aber so einzeln mit einem Paar, immer als fünftes Rad am Wagen, dazu wechselnde andere Teilnehmer, die man gar nicht kennt… kurz, der erste Abend endete unverhältnismäßig früh auf dem Balkon, alleine und leicht desillusioniert. Am nächsten Tag frühstückte ich früh und alleine, um mich kurz darauf zum Start der ersten Ganztageswanderung einzufinden. Positiv: Es hatten sich letztendlich 16 Leute eingefunden. Negativ: 14 davon kamen als Pärchen, und die einzige andere alleinreisende Frau war nur mäßig sympathisch. Ganz zu schweigen davon, dass ich den Altersdurchschnitt erheblich senkte. Im Bus zu unserem Startpunkt saß ich auf einem Einzelsitz, schweigend und mit Natollwashastdudirdawiedereingebrocktgedanken. Dann wanderten wir los. Und auf einmal kam ich ins Gespräch. Ganz einfach so. Ohne Anstrengung, wie das ja manchmal ist in aufgezwungen sozialen Situationen. Die Frau, mit der ich mich unterhielt, D., war wahnsinnig nett, witzig, gesprächig, eine interessante Persönlichkeit. Die Stunden, die wir zusammen wanderten, vergingen schnell, wir hatten Spaß. Abends im Hotel luden sie und ihr Mann J. mich ein, mit ihnen zusammen zu Abend zu essen. Und auch hier, obwohl ich sie gerade einmal ein paar Stunden kannte, obwohl beide fast dreißig Jahre älter waren als ich, fühlte ich mich richtig wohl und gar nicht fünftradmäßig, wie ich das sonst von Treffen mit Paaren kenne. Wir waren dann noch gemeinsam zu einem Abendspaziergang in Funchal, und zuerst dachte ich, dass sie mich nur aus Mitleid gefragt hätten, ob ich mitkommen wollte. Aber ich stellte recht schnell fest, dass sie beide mich und meine Gesellschaft scheinbar wirklich schätzten – was mich natürlich sehr freute. Als ich dann am späteren Abend wieder am Hotel angelangt war, traf ich dort noch eine junge Frau, die sich im Innenhof zu einer Katze gesetzt hatte, die mir schon am Morgen dort aufgefallen war. Auch mit ihr wechselte ich ein paar Worte, ganz ungezwungen, und es ergab sich ein längeres Gespräch. Am folgenden Morgen ging es wieder zum Wandern, und bereits beim Frühstück sprach mich ein weiteres Paar, A. und A., an, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte; und auch wenn von der neuen Wandergruppenkonstellation nur der kleinere Teil bereits bekannt war, waren meine Erwartungen gleich viel besser als am Tag zuvor. Sie bewahrheiteten sich; ich hatte mit A. und A. und anderen Leuten eine gute Zeit, zum Abendessen traf ich D. und J. wieder, und auch in den folgenden Tagen musste ich nie alleine zu Tisch sitzen, schweigend wandern oder meine Abende einsam verbringen, wie ich anfangs befürchtet hatte. Noch besser: Als sich herausstellte, dass D. und J. und ich am selben Abend mit dem Flieger in die selbe Stadt abreisen würden, von wo sie nur noch eine kurze Taxifahrt zu ihrer Wohnung antreten bräuchten, ich hingegen die Nacht am Flughafen verbringen müsste (unser Flieger kam erst spätabends an) und am nächsten Morgen sehr früh noch vier Stunden Zugfahrt vor mir hätte, boten sie mir spontan an, bei ihnen zu übernachten – „J. steht ohnehin immer so früh auf, da kann er dich auch zum Bahnhof fahren“ -; ein Angebot, das ich nach kurzem Zögern gerne annahm. Und sie waren so unglaublich gastfreundlich, machten mir morgens um fünf Uhr ein großartiges Frühstück unter tausend Entschuldigungen, dass nach dem Urlaub der Kühlschrank leider nicht so gut gefüllt sei, drängten mir förmlich Verpflegung für nicht nur vier, sondern eher vierundzwanzig Stunden im Zug auf und verabschiedeten mich mit dem ehrlich klingenden Wunsch, mich bald wieder einmal bei ihnen zu melden.

Die Moral von der Geschicht‘? Es ist gar nicht so schwer, Menschen kennenzulernen, wie ich befürchtet hatte. Man kann Freundschaften schließen, auch wenn die äußeren Lebensumstände sehr unterschiedlich sind. Ich bin vielleicht umgänglicher, als ich es selber wahrnehme. Manchmal muss man den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt so viele gute Menschen da draußen in der Welt, es ist gar nicht so schwierig, welche davon zu finden. Man muss bloß mal die Augen aufmachen.

Inselimpressionen

Flughafen

Flughäfen sind außergewöhnliche Orte. Sie sind die Manifestation des „Zwischen“; zwischen Ankunft und Abflug, zwischen Aufbruchsstimmung und Wiedersehensfreude, in gewisser Weise auch zwischen Himmel und Erde (auch wenn das aus religiöser Sicht eine Anmaßung für so einen prosaischen Ort sein dürfte). Hier verschwimmen Grenzen, sowohl politisch durch Transitbereichbestimmungen als auch menschlich. An einem Flughafen sind alle Reisende, Menschen auf dem Weg. Und auch wenn jeder seine ganz persönliche Route verfolgt, weiß doch jeder, was es heißt, unterwegs zu sein. Diese Atmosphäre schätze ich sehr. Denn unterwegs zu sein bedeutet immer auch: Nicht stehen bleiben. Nicht verkrusten. Offen sein für neue Menschen, neue Eindrücke, neue Erfahrungen. Vielleicht auch auf der Suche sein, nach was auch immer, auf jeden Fall dessen gewahr, dass es immer Dinge auf dieser Welt geben wird, die man nicht weiß, nicht kennt, kurz, ein Bewusstsein dafür, dass Leben Lernen ist. Deshalb mag ich Reisen. Und Reisende. Und Flughäfen.

Reisefieber

IMG_2022.JPGHeute geht es los – Madeira, ich komme! (Ein kleines bisschen Flugangst habe ich, also weniger Flug- als Absturzangst – aber statistisch gesehen dürfte mir nichts passieren und von daher konzentriere ich mich lieber auf die wunderschöne Insel, die vor mir liegt, und blende den Weg dorthin, so gut es geht, einfach aus.)

Planlos

Als Teenager fuhr ich häufig mit Bayern-, Schönes-Wochenend- und anderen Bummelzugtickets durch die Weltgeschichte, damals, als ich wenig Geld, aber viel Muße hatte. Eine Freundin, mit der ich viel Zeit in Zügen verbrachte, zog mich oft auf, weil ich im Gegensatz zu allen anderen nicht nur einen Zettel mit Umsteigebahnhöfen und -zeiten dabei hatte, sondern sogar noch eine ausgedruckte Liste mit allen Zwischenhalten – ich fand das hilfreich, um immer zu wissen, wie viele Haltestellen es noch sind, bis ich umsteigen muss und um auf dem Laufenden zu sein, ob der Zug Verspätung hat, ohne auf beschönigende Lokführerdurchsagen angewiesen zu sein. Kurzum, ich wollte Kontrolle. Meine Freundin fand das albern bis übertrieben und erklärte mir jedes Mal, was ich machen müsste, sei eine völlig spontane Zugtour mit einem ebensolchen Bummelzugticket, einem Tag Zeit und ganz ohne Plan, sich treiben lassen, dorthin fahren, wo es gerade gefällt. Wir hatten immer vor, das eines Tages gemeinsam zu machen. Aber die Freundschaft verblasste, ohne diese Tour je umgesetzt zu haben. Diese Vorgeschichte – und natürlich auch der noch ausstehende Punkt 9 auf der To-Do-Liste – führten dazu, dass ich für diesen Samstag plante, nichts zu planen.

Ich kaufe das Bayern-Ticket und schlendere anschließend zum Abfahrtsplan in der Bahnhofshalle. Während ich noch etwas unschlüssig auf Zeiten und Ziele starre, höre ich hinter mir auf einmal Trommeln und eine außergewöhnlich große Menschenmenge und stehe plötzlich inmitten einer Gruppe Demonstranten mit gelben Warnwesten, Plakaten, eben Trommeln und habe kurzzeitig das Gefühl, in irgendeinem skurrilen französischen Arthousefilm gelandet zu sein. Aber die Demonstranten ziehen weiter, während ich weiterhin unschlüssig stehen bleibe und mich schließlich dafür entscheide, in Richtung Süden (hoffentlich besserem Wetter entgegen) aufzubrechen und den RE nach Augsburg ins Auge fasse. Bis zu dessen Abfahrt dauert es noch zwanzig Minuten; ich überlege, wie immer in solchen Fällen die Bahnhofsbuchhandlung aufzusuchen. Im Schaufenster hängt Werbung für ein neues Magazin, das auf dem Titel mit „Veränderung: Was dich dazu bringt, deine Komfortzone zu verlassen“ wirbt. Kurz denke ich über den Kauf nach. Aber nein: Mich lesend in den Zug zu setzen wäre absolute Komfortzone, und ich habe mir vorgenommen, heute offen für Menschen und Eindrücke zu sein. Im Zug setze ich mich in einen leeren Vierer, kurz darauf stoßen zwei Frauen mittleren Alters hinzu. Über den unhöflichen Zugbegleiter am Nachbargleis kommen wir schnell ins Gespräch und freuen uns gemeinsam darüber, dass „unsere“ Zugbegleiter deutlich freundlicher sind. Die beiden fahren zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte irgendwo hinter Treuchtlingen und zeigen sich angetan von meinem Planlos-Plan. „Augsburg ist eine schöne Stadt für einen freien Nachmittag, vielleicht können Sie sich das Fuggerhaus ansehen!“ Ich nicke höflich, während sich in mir die Erkenntnis festsetzt, dass ich eigentlich weder Lust auf Stadtbummel noch auf Stadtgeschichte habe. Aber was dann? Ich bin unruhig beim Gedanken daran, hier möglicherweise einen Tag mit Dingen zu verschwenden, die ich gar nicht will. Planlosigkeit ist nicht meine Stärke. Weiterlesen