Professorenplausch

So ein Fernstudium ist ja per definitionem eine einsame Angelegenheit. Um das ein bisschen zu ändern, Gesprächspartner zu finden und Motivationstiefs zu überwinden, haben wir hier einen kleinen Stammtisch, angehende Kulturwissenschaftler und Philosophen treffen sich einmal monatlich zur gemütlichen Runde im Bistro. Durch diverse Zufälle lief einem der Kommilitonen vor kurzem ein emeritierter Professor jener unserer fünfhundert Kilometer entfernten Fernuni über den Weg, und irgendwie wurde daraus eine Einladung zu gemeinsamem Essen und Diskussionsrunde – Was würde Kant zur Flüchtlingsdebatte sagen? – mit eben jenem Philosophieprofessor, Herr B.. Ich machte mich ganz unbedarft auf den Weg, in Erwartung einer größeren Runde und eines sympathischen, mittelerfolgreichen Ex-Professors. Tatsächlich waren wir nur zu viert und der Professor B. durchaus sympathisch, allerdings nicht nur mittelerfolgreich, sondern mit Koryphäencharakter, und als ich im Nachhinein feststellte, dass es über ihn nicht nur eine Wikipedia-Seite gibt, sondern diese auch noch ganz ohne Trivia reichlich gefüllt ist, erschien es mir erst recht merkwürdig, dass ich nur eine halbe Stunde zuvor noch mit diesem Mann in der U-Bahn gesessen und über Urlaubsziele geplauscht hatte. Und obwohl wir ja nur einen Abend miteinander verbrachten, ich nur einen winzigen Ausschnitt von ihm kenne und er noch weniger von mir, hat diese Begegnung und vor allem die völlige Unvoreingenommenheit und Aufgeschlossenheit eines sehr klugen, erfolgreichen Mannes gegenüber uns Studenten mir einen gerade wirklich notwendigen Motivationsschub gegeben, mich auf meine anstehende Klausur vorzubereiten, die mir derzeit ziemlich fest im Nacken sitzt. Bei der Klausur müssen wir Fragen zu einem von vornherein feststehenden Kurs und zu einem weiteren aus der Auswahl von drei Kursen beantworten; welcher der dreien es sein wird, wurde heute bekannt gegeben. Geschrieben hat ihn Professor B..

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Was ist Philosophie?

Weil ein Fernstudium ganz schön einsam sein kann, hat eine Kommilitonin in unserer Stadt einen „KuWi-Stammtisch“ gegründet, bei dem sich einmal im Monat angehende Kulturwissenschaftler aus der Gegend treffen können. Im Allgemeinen ist unter den drei Schwerpunktfächern Geschichte, Literatur und Philosophie, die in unserem Studiengang möglich sind, zwar die Geschichte am stärksten nachgefragt, aber aus irgendwelchen Gründen hat unsere kleine Runde bisher außer mir beinahe nur Philosophen angezogen – was spannend ist, mir schon zu vielen neuen Blickwinkeln und Denkanstößen verhalf und nicht zuletzt gelegentlich bei der Studienorganisation und Modulwahl Einfluss nimmt. Bei unserem letzten Treffen ergab sich, schon später am Abend, wir waren nur noch zu dritt, die Frage, wie man eigentlich Nicht-Studenten, die sich interessiert nach Studieninhalten im Sinne von „Und was machst du da so?“ erkundigen, treffend, kurz und verständlich zusammenfasst, was wir da so tun, wenn wir studieren, speziell auf die Philosophie bezogen, in der das Erklärproblem sich am deutlichsten äußert. Was machen wir, was lernen wir, womit beschäftigen wir uns? Was unterscheidet die Philosophie eigentlich von den anderen Disziplinen, von anderen Bereichen der Wissenschaft? Obwohl wir drei alle schon eine Weile studieren, alle schon einige Prüfungen erfolgreich abgelegt haben, eine bereits an ihrer Abschlussarbeit schreibt, fanden wir bei dieser eigentlich einfach klingenden Frage keine Antwort. Ich versuchte es mit „wir lernen Denken“ und verzettelte mich heillos, als ich das näher ausführen wollte. Einer meinte gar, das sei eine Frage, die man jetzt, mit unserem unvollständigen Wissensstand, noch gar nicht beantworten könne und dass genau das der Unterschied zwischen der Philosophie und allen anderen Fächern sei. Das gute alte Wikipedia definiert Philosophie als Wissenschaft, die „versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen“. Vielleicht ist der springende Punkt, dass andere Wissenschaften Antworten geben, während die Philosophie Fragen stellt.

Hannah, schreib doch mal strukturierter!

Mit dem Leben und dem Lieben klappt es ja ganz gut zur Zeit. Anders sieht es mit dem Lernen aus. Mein Studium, das durch Vorweihnachtsstress und diverse Tragödien für ein paar Wochen ganz tief unter dem Schrank verschwunden ist, kriecht so langsam wieder hervor und ruft nach mir. Genauer gesagt, es ruft mich dazu auf, endlich diese blöde Hausarbeit fertig zu stellen. Die über Hannah Arendt und Karl Marx. In Philosophie. Liebes Gedächtnis, sollte ich jemals wieder auf eine solche Schnapsidee kommen, erinnere mich an diesen Moment! Aber für dieses Semester ist die Philosophie-Hausarbeit da und will abgegeben werden, da nützt alles nix. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich durch die „Vita activa“ zu hangeln, die durchaus interessant ist, aber leider nicht systematisch aufgebaut, sondern mit Einfällen und Anekdoten, Abschweifungen, Rück- und Vorgriffen allerorten aufwartet. Das liest sich schön, keine Frage! Aber, liebe Hannah, du hast sicher nicht an die armen Bachelor-Studenten gedacht, die fünfzig Jahre später einmal versuchen werden, aus deinen großartigen Gedankengängen eine Art Systematik herauszuquetschen und die dann auch noch mit passenden Zitaten versehen müssen. Mensch, hättest du nicht so eine unfassbar spannende Lebensgeschichte, könnte ich deiner beinahe überdrüssig werden.

Zweierlei Hausarbeit

Heute ist mein freier Tag. Eigentlich wollte ich den ja damit verbringen, fleißig an meiner Philosophie-Hausarbeit zu schreiben – es wäre schön, die noch vor Weihnachten abgeben zu können, und auch die Sekundärliteratur aus der Unibibliothek darf ich ja nicht ewig behalten. Es wäre also durchaus an der Zeit, mich darum zu kümmern. Aber weil Frau Doktor Professorin seit einer Woche nicht auf meine Mail mit dem Exposé antwortet und ich somit seither quasi in der Luft hänge, gab es heute keine philosophischen Ergüsse. Dafür einen sauberen Fußboden, ordentlich in den Schrank sortierte Wäsche, geputzte Fenster, der Müll ist runtergebracht und das Ceranfeld von Kalkflecken befreit. Eben Hausarbeit ohne Philosophie.

Philosophinnen und Dichterinnen

Für ein Seminar im Rahmen des Studiums beschäftige ich mich gerade ziemlich ausführlich mit Hannah Arendt. Sie wurde 1906 in Deutschland geboren, studierte Philosophie, emigrierte aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1933 nach Frankreich und 1941 in die USA, wo sie 1975 starb. Hannah Arendt beschäftigte sich hauptsächlich mit philosophischen und politischen Themen so wie mit spezifisch jüdischen Fragen; von ihr stammt unter anderem die These der „Banalität des Bösen“, die sie angesichts des Prozesses gegen den völlig durchschnittlich wirkenden Adolf Eichmann verfasste, der doch mit seiner akkuraten Büroarbeit dafür sorgte, dass Zigtausende von Menschen „reibungslos“ mit Güterwaggons in Konzentrationslager transportiert und dort getötet wurden.

Gestern fiel mir dann ein Gedichtband von Mascha Kaléko in die Hände, den ich eigentlich einmal meinem Ex-Freund schenken wollte; das ist jetzt passé, also begann ich, die Gedichte zu lesen. Und ich war beziehungsweise bin immer noch begeistert! Mascha Kalékos Lyrik geht in die Richtung von Ringelnatz und Kästner; sogenannte „Gebrauchslyrik“, Texte mit einer klaren und doch poetisch ausgedrückten Aussage – mit so etwas kann ich viel mehr anfangen als mit irgendwelchen avantgardistischen Form- und Klangexperimenten.

Was das jetzt mit Hannah Arendt zu tun hat? Sie teilen sich gewisse äußere Umstände: Mascha Kaléko ist 1907 in Österreich-Ungarn geboren, 1914 nach Deutschland emigriert, um wegen ihrer ebenfalls jüdischen Herkunft Pogromen zu entgehen, emigrierte aus dem selben Grund 1938 in die USA, wanderte 1960 ihrem Mann zuliebe mit ihm nach Israel aus und starb 1975 bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz. Nicht die selbe Geschichte, aber doch sehr ähnlich; auf jeden Fall machten beide Frauen vergleichbare und mit Sicherheit prägende Erfahrungen. Und offensichtlich schaffen es die Ideen und Gedanken und schriftliche Hinterlassenschaften beider Frauen, mich nachhaltig zu begeistern und zu beschäftigen. Da stellt sich doch die Frage: Gibt es noch mehr von ihnen? Noch mehr Frauen, die im Berlin der späten Zwanziger Jahre philosophisch, literarisch oder anderweitig kulturell unterwegs und engagiert waren und schließlich um ihres Überlebens willen gezwungen waren, ihr Heimatland zu verlassen? Die die gleichen existentiellen Erfahrungen von Verfolgung und Heimatlosigkeit machten?
Fragen, denen ich auf jeden Fall nachgehen werde. Ich habe jetzt mit der Moderne und der Exilkultur einen geschichtlichen Zeitraum für mich entdeckt, der mich früher kaum interessiert hat. Welch Ironie des Schicksals, dass das genau jetzt passiert, nachdem ich mich von dem größten Fan der klassischen Moderne, den ich kenne, getrennt habe…

Heureka!

Es ist vollbracht – und war dann irgendwie doch gar nicht so schlimm wie erwartet. Megamäßig aufgeregt und superduperpünktlich kam ich an und sah schon eine Dame in den Vierzigern (Menschen, die ich kenne, hätten sie mit „Teilzeitmutti“ umschrieben) vor dem Hörsaal sitzen und warten, da wusste ich, ich bin hier richtig. Da aber nicht nur KuWi dort geschrieben wurde, sondern auch Psychologie (und dank Fernunterrichtskonzept ist Hagen die einzige Uni Deutschlands, die das NC-frei anbietet), war ich nicht mal die Allerjüngste dort. Etwas verwirrt hat mich lediglich, dass bereits nach einer Dreiviertelstunde (von vier!) die erste ihre Klausur abgab… aber gut, vielleicht war die richtig schlau und richtig schnell schreibend, wer weiß. Jetzt jedenfalls bin ich echt erleichtert, freue mich drauf, erstmal keine philosophischen Argumente mehr auswendig lernen zu müssen, freue mich außerdem, weil ich jetzt zumindest einige historische Persönlichkeiten mehr habe, deren exakte Geburtsdaten ich weiß (weil das nämlich voll hilfreich beim „Wer bin ich“-spielen im Auto ist) und bin schon sehr gespannt darauf, in einigen Wochen das Ergebnis zu bekommen. Und jetzt wird erst mal virtuell angestoßen (in echt ist leider keiner da): Cheers!