Palmer und Pegida

Wir haben uns drei Tage in München gegönnt, Monsieur und ich. Mal rauskommen, ausgepowerte Batterien wieder aufladen, eine schöne Zeit verbringen. Und vor allem hatten wir Karten für Amanda Palmer & Edward Ka-Spel. Amandas musikalisches Schaffen verfolge ich seit einigen Jahren und hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, sie wohl nie live sehen zu können, weil ich nicht vorhabe, in näherer Zukunft in die USA zu reisen. Aber jetzt kam sie her, juche! Das Konzert war fabelhaft und die Musik ganz anders als alles, was ich bisher von ihr kannte, was mich in der Auffassung bestärkt, dass sie der David Bowie unserer Generation ist.

Am Tag darauf beim Flanieren durch die Münchner Innenstadt kamen wir an einer absurden Absperrung vorbei – ein Quadrat, vielleicht zehn mal zehn Meter, mit Gittern abgezäunt, Polizei an allen Seiten. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es sich scheinbar um eine NPD-Demo handelte. Innerhalb der Absperrung befanden sich ungefähr fünf Menschen: eine Frau las eine nicht einmal rhetorisch gute Rede vor, daneben ein dicker Mann mit Arbeitslatzhose, der eine NPD-Fahne schwenkte und für einen fotografierenden Schaulustigen mit der anderen Hand ein Victoryzeichen formte. Drumherum eine Gegenparolen-skandierende Jugendgruppe, die aber nach wenigen Minuten auch die Lust verlor, und Mengen an wenig bis überhaupt nicht interessierten Innenstadtspaziergängern, darunter viele Touristen, die wahrscheinlich nicht einmal etwas verstanden. Keine Gegen-Demo, kein Bündnis gegen rechts oder ähnliches – aber das wäre auch nicht angemessen gewesen für fünf Menschen hinter Polizeiabsperrung. Da verstehe ich die Entscheidung aus Karlsruhe.

Eine Straße weiter hatte Pegida eine Art Infostand. Wieder ein abgezäunter Bereich, in dem ein paar Menschen saßen und auf einem Bildschirm ein französisches Videointerview zeigten, in dem irgendjemand den Islam für allerhand Unheil verantwortlich machte. Drumherum groß plakatiert zehn pegidaeigene Thesen, die so vage formuliert waren, dass sie wahrscheinlich von jeder Partei unterschreibbar wären. Eine Frau verteilte Flyer, wir lehnten ab. Blöd, denke ich mir im Nachhinein, ein Flyer für uns wäre ein Flyer weniger für jemanden gewesen, der sich wirklich beeinflussen lassen könnte. Aber auch hier zum Glück wenig Aufmerksamkeit, wenig Interesse. Trotzdem, gleich zwei derartige Veranstaltungen nach einem Abend mit Künstlern aus den USA und Großbritannien, denen ihre Enttäuschung über Entscheidungen ihrer Mitbürger und ihrer Politiker deutlich anzumerken war, das hinterlässt ein schales Gefühl.

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Einfach anfangen

An diesen nasskaltgrauen Herbsttagen ist es gefühlt immer am schönsten, einfach drin zu bleiben, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und mit einer Tasse heißem Tee auf dem Sofa zu lümmeln. Aber manchmal ist es doch gut, trotz Regenwetter aufzubrechen und den Winterschlaf noch ein bisschen zu verschieben. Und alles wird besser mit dem richtigen Soundtrack dazu.

Prokrastination – once again

Es ist Mitte Februar, das Semesterende naht und mit ihm auch die Abgabefrist für die aktuell in Arbeit befindliche Hausarbeit, für die mich alleine die Themenfindung fast vier Monate gekostet hat und mit der ich endlich, endlich das furchtbare Modul, das ich jetzt schon seit fünf Semestern mit mir herumschleppe, abhaken möchte. Was tut man, also ich, in dieser Situation wohl am besten mit ein bisschen verfügbarer Freizeit? … Richtig: Ich habe mir von meiner Lieblingskollegin das Rundstricken beibringen lassen und meine erste selbstgestrickte Mütze fertig bekommen (heute Morgen um halb drei), zur Zeit miste ich auch meinen Kleiderschrank aus, arbeite den Stapel mit Klamotten-an-denen-irgendwas-zu-reparieren-ist auf und lerne Amanda-Palmer-Songs auf der Ukulele zu spielen. Das Ukulele-Anthem klappt schon einigermaßen, mein Favorit ist aber ein anderer Song:

And in my mind
When I’m old, I am beautiful
Planting tulips and vegetables
Which I will mindfully watch over
Not like me now
I’m so busy with everything
That I don’t look at anything
But I’m sure I’ll look when I am older
And it’s funny how I imagine that I could be that person now
But that’s not what I want, if that’s what I wanted then I’d be giving up somehow
How strange to see – that I don’t want to be the person that I want to be

Vielleicht bin ich einfach so, ein bisschen chaotisch, ein bisschen herumtrödelnd und Dinge ausprobierend, und weniger ehrgeizig und selbstoptimierend und dizipliniert als das gerade im Trend ist. Um es mit Amanda Palmers Worten zu sagen: And maybe it’s funniest of all to think I’ll die before I actually see / That I am exactly the person that I want to be!

Weihnachtsvorbereitungen II – Musik

Adventszeit ist Oratorienzeit – für mich jedenfalls. Vielleicht liegt diese Verknüpfung an der einzigartigen Mischung aus zarten und imposanten Klängen, an der Wucht der Musik, die in meinem Kopf stets weihnachtliche Farben – dunkelrot, tannengrün, goldglänzend – hervorruft, an dem Wunsch, sich dieses Musik in einem alten roten Samtsessel mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand anzuhören. Vielleicht ist die Verknüpfung aber auch viel banaler und hat einfach mit meiner Kinder- und Jugendzeit zu tun: In der Schule hatten wir jedes Jahr vor den Weihnachtsferien Adventskonzerte, bei denen alle Chöre, Orchester und sonstigen Musikgruppen der Schule ihr Erübtes zum Besten gaben. Der große Unterschied zwischen den Advents- und den Sommerkonzerten (die, wie der Name bereits erahnen lässt, kurz vor den großen Ferien stattfanden) war die Musikfreizeit im Dezember (die später in „Musikseminar“ umgetauft wurde, um ja nicht den Eindruck von Untätigkeit während der Schulzeit zu vermitteln): Die Chöre und das große Orchester fuhren drei Tage lang in eine Jugendherberge, nicht besonders weit entfernt, um dort von morgens bis abends drei oder vier große gemeinsame Stücke für das Konzert einzuüben. Ich sang im Chor, von der sechsten bis zur dreizehnten Klasse, und die Musikfreizeit war das Highlight des ersten Halbjahres. Drei Tage im Vierbettzimmer immer mit meinen drei besten Freundinnen, tagsüber im Chor singen, in der Mittagspause ein Spaziergang zum Café in der Innenstadt, das eine köstliche heiße Gianduja-Schokolade servierte und Schichtnougat im Block zum Verkauf anbot, abends dann die gemeinsamen Proben mit dem Orchester, die am ersten Tag meistens ziemlich ernüchternd verliefen, aber an denen man Abend für Abend Fortschritte hören konnte – herrlich. Und dann erst die Konzerte: An die hundert Menschen stehen gemeinsam auf der Aulabühne und schaffen gemeinsam einen wundervollen, dichten Klangteppich, und man selbst ist ein kleiner Teil davon. Ein wirklich erhebendes Gefühl. Ich kann mich noch genau an das erste Lied erinnern, das bei meiner ersten Musikfreizeit einstudiert wurde: „Tecum principium“ von Michael Haydn – mangels Lateinkenntnissen weiß ich bis heute nicht genau, was wir da gesungen haben, aber mitsingen könnte ich es immer noch. Mein liebstes Stück über all die Jahre ist allerdings eines aus Mendelsohn-Bartholdys „Elias“ geworden: „Alsdann wird euer Licht hervorbrechen“ ist der Schlusschor des Oratoriums und für mich der Inbegriff des Chorstückes überhaupt. Wie die einzelnen Stimmen zusammenspielen! Wie die Motive wiederholt und variiert und wieder aufgegriffen werden! Wie so wenig Text so bombastisch umgesetzt werden kann! Ich habe mich damals mitreißen lassen, als ich das Stück zum ersten Mal singend kennenlernte, und tue es auch jetzt noch jedes Mal, wenn ich es höre.

Novemberblues

November, du alter Schlingel! Du weißt vermutlich schon, dass ich dich nicht gerade sympathisch finde. Wenn du näher rückst, bringst du im Allgemeinen Kälte, Dunkelheit, trübes Wetter und Vorweihnachtsstress mit. Dieses Jahr hast du es besonders gut gemeint und außerdem noch ein kaputtes Auto und Überstunden en masse dabei – herzlichen Dank auch. Aber gerade, als ich endgültig mit dieser Woche und eigentlich dem ganzen Monat abschließen und ihn unter der Kategorie „Möff“ einsortieren wollte, beschertest du mir noch schnell einen Lichtblickmoment, oder besser: einige PeterLichtBlickMinuten, die einen rundum doofen Tag doch noch versöhnlich ausklingen ließen. November, du Schlawiner, vielleicht bekommst du doch noch eine zweite Chance.

Dance, Baby!

Auf einem bio-fairtrade-regional-handmade-und-überhaupt-alles-ein-bisschen-alternativ-Markt in meiner Stadt, der zweimal im Jahr jeweils für zwei Tage stattfindet und ein klein wenig Festival-Atmosphäre ausstrahlen möchte, weshalb er außer den Verkaufsständen auch noch eine Bühne mit hauptsächlich musikalischem Rahmenprogramm bietet, hörte ich mir heute bei wundervollem Sommerwetter neben der durch-den-Park-Bummelei auch eine der dort auftretenden Bands an. Das Publikum war bunt gemischt, viele junge Leute, aber auch Ältere, und erstaunlich viele junge Familien mit Kindern zwischen null und fünf. Die Band war nicht schlecht, auch wenn sie es nicht schafften, mich völlig mitzureißen. Und das war gut so, denn so fiel mir das kleine Kind auf: Eigentlich noch eher ein Baby, vielleicht acht Monate alt, in eine zuckersüße rot gepunktete sommerliche Latzhose gekleidet, auf Mutters Schoß sitzend und die Musik offensichtlich bewusster wahrnehmend als alle anderen Menschen drumherum. Dieses kleine Mädchen wippte und gluckste und patschte mit ihren Händchen, war völlig fokussiert auf den Klang und ununterbrochen in Bewegung, und erst als das Lied schließlich zu Ende war, sah sie sich bis über beide Ohren grinsend unter ihrem Mitpublikum um, wohl erfreut von dem Klatschen, das von den Menschen um sie herum ausging und zwar eigentlich für die Band bestimmt war, aber von ihr mindestens genauso genossen wurde. Wenn ich inmitten dieser ganzen Atmosphäre, die ja durchaus darauf ausgelegt ist, bewusst zu konsumieren und zu erleben, etwas über das ganz-da-sein im Hier und Jetzt erfahren habe, dann von diesem Kind.

Frühlingsgefühle

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Trotz mehrfacher Umzüge kam ich nie über ein 2000-Seelen-Dorf hinaus. Als Kind war das toll, spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät wurde es nervig und immer nerviger. Die bestandene Führerscheinprüfung war wie eine Befreiung, und das erste eigene Auto anderthalb Jahre später veränderte alles. Unabhängig vom beinahe nicht existierenden Nahverkehr sein, fahren wohin ich will wann ich will mit wem ich will – ich liebte die Möglichkeiten, die mir mein Auto bot. Inzwischen wohne ich in der Stadt und erledige 98 % meiner Alltagsgeschäfte mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr, weil das Autofahren hier einfach unpraktisch ist. Behalten habe ich das Auto trotzdem, als kleinen Luxus und Reminiszenz an vergangene Zeiten – selbst wenn ich inzwischen sogar das Zugfahren wieder zu schätzen gelernt habe, weil sich die Fahrzeit dabei weniger verschwendet anfühlt.

Heute fuhr ich einmal wieder mit dem Auto, zu einem Kaffeetrinktreffen in einem zwanzig Kilometer entfernten Städtchen. Das Wetter war schön, beinahe frühlingshaft; meinen dicken Parka konnte ich offen lassen und im blendenden Sonnenschein war ich mit Mütze vollkommen overdressed. Auf dem Rückweg sauste ich über die Autobahn – zu schnell, ich gebe es zu. Aber bei gutem Wetter und leeren Straßen kommt gelegentlich der Geschwindigkeitsfanatiker in mir zum Vorschein. Wieder im innerstädtischen Bereich angelangt, öffnete ich die Fenster und drehte die Musik noch ein bisschen weiter auf. Der CD-Player spielte wunschgemäß einen meiner persönlichen Feelgoodsongs, durchs Fenster zog eine angenehme leichte Brise frühlingsfrischer Luft, ich gab Gas und fuhr metaphorisch und wortwörtlich der Sonne entgegen. So sehr man aus ökologischer und unfallstatistischer Sicht auch auf den Individualverkehr schimpfen mag: Ein überfülltes Regionalexpressabteil kommt eben doch nicht an das Glücksgefühl einer frühlingsfreien Autofahrt heran.