Stadtspaziergang

Der Frühling erwacht und die Stadt mit ihm. Zeit für den Erkundungsgang durch das neue Viertel. Teenager spielen Basketball im Burggraben. An der Eisdiele stehen Menschen Schlange, Kinder auf Laufrädern fahren quietschvergnügt und eisbefleckt umher. Ein alter Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl durch den Park. Auf der Straße radelt ein junger Mann mit grünem Hut und Gitarre auf dem Rücken barfuß an mir vorbei. Ein Rotkehlchen erkundet neugierig die frisch bepflanzten Blumenkästen. Unter altem Laub dringen vorwitzig hellgrüne Triebe hervor. Blüten öffnen sich zur Sonne hin, die Menschen tun es ihnen nach.

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Vorkaterabend

Dieser Moment, in dem du nach Hause kommst, froh, alle Schlüssellöcher gefunden zu haben, und aufs Sofa sinkst. Wenn du kurz mit böser Vorahnung an morgen früh denkst, überlegst, wie viele Gläser du eigentlich getrunken hast, feststellst, dass du dich nicht mehr mit Sicherheit erinnern kannst und nur ahnst, dass der nächste Morgen nicht allzu angenehm werden dürfte. Wenn du dann aber deine Gedanken lieber wieder der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit zuwendest, denn: Der Abend war groß. In diesem Moment bist du froh, Teil des Ganzen zu sein.

Alleine reisen

Meine Reise nach Madeira startete ich alleine. Ich hatte sie kurz nach meiner Trennung gebucht, versuchte vorher halbherzig, eine andere Reisebegleitung zu finden, aber ich hatte auf eine gewisse Weise auch das nur halbbewusste Bedürfnis, einmal alleine zu verreisen. Ich war schon in verschiedensten Konstellationen unterwegs, mit Familie und Freunden und Jugendgruppen, aber nie ganz auf mich gestellt. Dieses Mal wollte ich es probieren. Mein erster Plan war, völlig auf mich allein gestellt mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden, aber nach einigem Hin und Her und Bedenken zwischen „Alleine, als Frau, das ist doch viel zu gefährlich“ und „Dann ist da ja niemand, mit dem ich die schönen Urlaubsmomente teilen kann“ entschied ich, mich doch einer Gruppe anzuschließen und das erste Mal in meinem Leben eine Pauschalreise zu buchen – immerhin nicht all-inclusive-Cluburlaub, sondern eine Wanderreise. Laut Programm sollte es am ersten Abend nach der Ankunft ein gemeinsames Abendessen mit allen Teilnehmern und dem Wanderguide geben; ich rechnete mit 10 – 12 Teilnehmern und war etwas irritiert, als außer mir nur noch ein einziges Pärchen in den Vierzigern aufkreuzte. Unsere Wanderführerin erklärte uns schließlich, dass über „unseren“ Anbieter tatsächlich nur wir drei gebucht hätten, sie die Reise aber trotzdem stattfinden lassen wollten und die Touren einfach mit Gästen, die die Ausflüge einzeln gebucht hätten, auffüllen würden. Leichte Ernüchterung. Nicht, dass das Pärchen unsympathisch gewesen wäre, aber so einzeln mit einem Paar, immer als fünftes Rad am Wagen, dazu wechselnde andere Teilnehmer, die man gar nicht kennt… kurz, der erste Abend endete unverhältnismäßig früh auf dem Balkon, alleine und leicht desillusioniert. Am nächsten Tag frühstückte ich früh und alleine, um mich kurz darauf zum Start der ersten Ganztageswanderung einzufinden. Positiv: Es hatten sich letztendlich 16 Leute eingefunden. Negativ: 14 davon kamen als Pärchen, und die einzige andere alleinreisende Frau war nur mäßig sympathisch. Ganz zu schweigen davon, dass ich den Altersdurchschnitt erheblich senkte. Im Bus zu unserem Startpunkt saß ich auf einem Einzelsitz, schweigend und mit Natollwashastdudirdawiedereingebrocktgedanken. Dann wanderten wir los. Und auf einmal kam ich ins Gespräch. Ganz einfach so. Ohne Anstrengung, wie das ja manchmal ist in aufgezwungen sozialen Situationen. Die Frau, mit der ich mich unterhielt, D., war wahnsinnig nett, witzig, gesprächig, eine interessante Persönlichkeit. Die Stunden, die wir zusammen wanderten, vergingen schnell, wir hatten Spaß. Abends im Hotel luden sie und ihr Mann J. mich ein, mit ihnen zusammen zu Abend zu essen. Und auch hier, obwohl ich sie gerade einmal ein paar Stunden kannte, obwohl beide fast dreißig Jahre älter waren als ich, fühlte ich mich richtig wohl und gar nicht fünftradmäßig, wie ich das sonst von Treffen mit Paaren kenne. Wir waren dann noch gemeinsam zu einem Abendspaziergang in Funchal, und zuerst dachte ich, dass sie mich nur aus Mitleid gefragt hätten, ob ich mitkommen wollte. Aber ich stellte recht schnell fest, dass sie beide mich und meine Gesellschaft scheinbar wirklich schätzten – was mich natürlich sehr freute. Als ich dann am späteren Abend wieder am Hotel angelangt war, traf ich dort noch eine junge Frau, die sich im Innenhof zu einer Katze gesetzt hatte, die mir schon am Morgen dort aufgefallen war. Auch mit ihr wechselte ich ein paar Worte, ganz ungezwungen, und es ergab sich ein längeres Gespräch. Am folgenden Morgen ging es wieder zum Wandern, und bereits beim Frühstück sprach mich ein weiteres Paar, A. und A., an, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte; und auch wenn von der neuen Wandergruppenkonstellation nur der kleinere Teil bereits bekannt war, waren meine Erwartungen gleich viel besser als am Tag zuvor. Sie bewahrheiteten sich; ich hatte mit A. und A. und anderen Leuten eine gute Zeit, zum Abendessen traf ich D. und J. wieder, und auch in den folgenden Tagen musste ich nie alleine zu Tisch sitzen, schweigend wandern oder meine Abende einsam verbringen, wie ich anfangs befürchtet hatte. Noch besser: Als sich herausstellte, dass D. und J. und ich am selben Abend mit dem Flieger in die selbe Stadt abreisen würden, von wo sie nur noch eine kurze Taxifahrt zu ihrer Wohnung antreten bräuchten, ich hingegen die Nacht am Flughafen verbringen müsste (unser Flieger kam erst spätabends an) und am nächsten Morgen sehr früh noch vier Stunden Zugfahrt vor mir hätte, boten sie mir spontan an, bei ihnen zu übernachten – „J. steht ohnehin immer so früh auf, da kann er dich auch zum Bahnhof fahren“ -; ein Angebot, das ich nach kurzem Zögern gerne annahm. Und sie waren so unglaublich gastfreundlich, machten mir morgens um fünf Uhr ein großartiges Frühstück unter tausend Entschuldigungen, dass nach dem Urlaub der Kühlschrank leider nicht so gut gefüllt sei, drängten mir förmlich Verpflegung für nicht nur vier, sondern eher vierundzwanzig Stunden im Zug auf und verabschiedeten mich mit dem ehrlich klingenden Wunsch, mich bald wieder einmal bei ihnen zu melden.

Die Moral von der Geschicht‘? Es ist gar nicht so schwer, Menschen kennenzulernen, wie ich befürchtet hatte. Man kann Freundschaften schließen, auch wenn die äußeren Lebensumstände sehr unterschiedlich sind. Ich bin vielleicht umgänglicher, als ich es selber wahrnehme. Manchmal muss man den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt so viele gute Menschen da draußen in der Welt, es ist gar nicht so schwierig, welche davon zu finden. Man muss bloß mal die Augen aufmachen.

Flughafen

Flughäfen sind außergewöhnliche Orte. Sie sind die Manifestation des „Zwischen“; zwischen Ankunft und Abflug, zwischen Aufbruchsstimmung und Wiedersehensfreude, in gewisser Weise auch zwischen Himmel und Erde (auch wenn das aus religiöser Sicht eine Anmaßung für so einen prosaischen Ort sein dürfte). Hier verschwimmen Grenzen, sowohl politisch durch Transitbereichbestimmungen als auch menschlich. An einem Flughafen sind alle Reisende, Menschen auf dem Weg. Und auch wenn jeder seine ganz persönliche Route verfolgt, weiß doch jeder, was es heißt, unterwegs zu sein. Diese Atmosphäre schätze ich sehr. Denn unterwegs zu sein bedeutet immer auch: Nicht stehen bleiben. Nicht verkrusten. Offen sein für neue Menschen, neue Eindrücke, neue Erfahrungen. Vielleicht auch auf der Suche sein, nach was auch immer, auf jeden Fall dessen gewahr, dass es immer Dinge auf dieser Welt geben wird, die man nicht weiß, nicht kennt, kurz, ein Bewusstsein dafür, dass Leben Lernen ist. Deshalb mag ich Reisen. Und Reisende. Und Flughäfen.

Hommage an gute Menschen

Manchmal halten dir fremde Menschen einfach die Tür auf oder lassen dir den Vortritt, wenn in der U-Bahn nur noch ein einziger Platz frei ist. Manchmal macht dir ein Kollege ein Kompliment über dein Kleid oder deine Ohrringe oder deine Frisur, selbst wenn du dich heute gar nicht besonders schön fühlst. Manchmal triffst du alte Bekannte wieder, die du jahrelang nicht gesehen hast, und du dachtest, sie hätten dich schon längst vergessen oder zumindest ganz weit hinten in einer Gedankenschublade abgelegt, aber dann freuen sie sich wahnsinnig, dich wieder zu sehen und interessieren sich wirklich ernsthaft für dich und dein Leben. Manchmal ruft ein guter Freund an, zufällig, ohne zu wissen, dass du gerade jetzt wirklich dringend einen Menschen brauchtest, dem du dein Herz ausschütten kannst. Manchmal lächeln Menschen einfach so, ohne ersichtlichen Grund, aber du bekommst davon unwillkürlich gute Laune. Manchmal sind Menschen stark und mutig und sagen ganz nebenbei ungeheuer weise Weisheiten, die du am liebsten mitschreiben würdest, um sie niemalsnie zu vergessen. Manchmal fegt ein Wort, eine Umarmung, ein Seelenblick eines guten Menschen alles Ungemach hinweg. Manchmal vergehen Tage wie im Flug, die du mit guten Menschen verbringst, weil jede Sekunde gleichzeitig ganz neu und schon ewig vertraut ist. Manchmal triffst du einen Menschen und obwohl du dich nicht lange mit ihm unterhältst, obwohl du keine tiefen Gedanken austauschst oder radikale Geheimnisse teilst, fühlst du dich diesem Menschen auf mysteriöse Weise tief verbunden, so als ob ein unsichtbares, elastisches Band euch nach langer Zeit wieder zusammen hat finden lassen. Manchmal ist ein Mensch alles, was dich noch mit der Welt verbindet. Immer sind es Menschen, wegen denen es sich zu leben lohnt.

 

Lachen

Vor kurzem bekam ich eine Mail von einer Person aus meiner Vergangenheit, die ich sehr wertschätze, auch wenn unsere Lebenswege unterschiedlich verlaufen. Unter anderem schrieb sie über mich: „dein frisches Lachen – selbst wenn du traurig bist“. Das war nicht das erste Mal, dass mich jemand über mein Lachen charakterisierte. Aber das erste Mal, dass jemand explizit die traurige Seite erwähnte. Das brachte mich zum Nachdenken. Ich lache gerne, ich lache viel. Manchmal laut heraus, häufiger still in mich hinein. Ich lache über gute und über schlechte Witze, über Situationskomik, über Wortspiele, über unzählige Szenen in meinem Kopfkino, bei Gedanken an schöne Dinge und gute Erinnerungen. Ich lache aber auch, wenn ich in einer Diskussion nicht mehr weiter weiß, prophylaktisch, um eventuell entstehende Konflikte zu entschärfen, wenn ich mich unwohl in meiner Haut fühle, wenn ich angespannt bin, wenn ich verzweifelt bin. Gelegentlich geht das Lachen dann mit Tränen einher oder gar in einen Heulkrampf über.

Ein Biologe würde mein Lachen wohl als Übersprungshandlung bezeichnen. Und ich frage mich: Was hat es zu bedeuten, dass dieses reflexhafte Verhalten sich bei mir ausgerechnet als Lachen äußert? Ich könnte ja genauso gut wie andere Menschen auch meine Nervosität ausdrücken, indem ich mich räuspere, mich an der Nase kratze, den Blick zur Decke wende, im Raum auf und ab gehe oder dergleichen Dinge mehr. Aber ich lache. Lachen ist, so unter anderen Menschen, erst einmal ein gutes Signal. Es symbolisiert Freundlichkeit, Offenheit, man gesellt sich eher zu lachenden als zu grimmig dreinblickenden Menschen. Bei lachenden Menschen fühlt man sich wohl, sie verbreiten gute Laune und eine herzliche Atmosphäre. Vor ihnen hat man keine Angst, und sie ermuntern dazu, selbst mitzulachen, die eigene Anspannung fallen zu lassen.
Und genau das ist wahrscheinlich der Grund für mein beinahe permanentes Lachen: Der Versuch, eine freundlich-friedliche Atmosphäre zu schaffen, in der Konflikte möglichst gar nicht erst entstehen. Ich bin harmoniebedürftig, beinahe schon -süchtig und definitiv konfliktscheu. Ich startete schon mehrere Versuche, mal ernster zu bleiben. Seriöser aufzutreten. Statt freundlich, wissend, spitzbübisch, mitfühlend, neckend, heiter, unschuldig oder anders zu lächeln, einfach mal die Mundwinkel unten zu lassen. Hat nie geklappt. Spätestens wenn so ein richtiger Alphamensch – also so einer, dessen Präsenz man schon auf zehn Meter Abstand beinahe physisch spürt – dazu kommt, schalten meine Gesichtsmuskeln wieder in den automatischen Freundlichkeitsmodus, völlig egal, ob das gerade zu meiner Stimmung passt oder nicht. Und ich befürchte, ich muss damit einfach leben. Vielleicht schaffe ich es mal, in ein paar (oder mehr) Jahren, reicher an Lebenserfahrung und etwas erwachsener aussehend, den Lächelschalter willentlich umzulegen. Aber ein Alphamensch werde ich wohl nie werden.

Besondere Menschen

Man trifft in so einem Leben ja eine ganze Menge Menschen. Der allergrößte Teil davon, das muss man ehrlich zugeben, ist einem mehr oder weniger egal. Weiterhin gibt es eine größere Menge an Leuten, denen man freundlich gesinnt ist, mit denen man gerne mal ein Pläuschchen hält oder einen Kaffee trinkt, deren Fehlen auch erst einmal auffallen, aber längerfristig unter „ferner liefen“ eingestuft würde. Außerdem wären da einige Menschen, die man einfach nicht leiden kann – ob das nun auf objektiven Gründen basiert oder ganz intuitiv ist, ist dabei egal. Eben die Personen, die einen nerven, wenn man sie nur sieht, die für unnötige Aufregung sorgen und Energie fressen, die für andere Zwecke besser verwendet wäre.

Und dann gibt es noch die besonderen Menschen. Das kann die beste Freundin sein oder die ehemalige Lehrerin, ein Kollege oder jemand, den man zufällig kennengelernt hat. Aber egal, wie unterschiedlich diese Menschen auch sein mögen, sie haben eines gemeinsam: Sie vermitteln ein Gefühl von Vertrauen und Herzenswärme, von Weisheit und Angenommensein. Bei ihnen hat man das Gefühl, so sein zu dürfen, wie man ist, völlig erwartungsfrei. Sie sind Menschen, die Denkanstöße geben und auch Kritik üben – aber auf eine solche Art und Weise, dass man darüber ernsthaft nachdenkt und nicht reflexhaft abwehrt, weil sie die Person bei aller Kritik immer liebevoll betrachten und als ernstzunehmend behandeln. Sie sind die Menschen, von denen man das Vertrauen in sich selbst, in seine Fähigkeiten und in seine Liebes-Würdigkeit lernt.

Danke an all diese Menschen, die dafür sorgen, dass die Welt ein kleines bisschen bunter und freundlicher ist.