Es werde Licht

Brille + Mundschutz = beschlagene Brille. Nicht immer, aber häufig. Das nervt in fast allen Lebenslagen, denn für mich ist keine Brille auch keine Lösung – die Welt verschwimmt ohne Brille viel zu schnell. Zum Glück kenne ich den Heimweg gut genug, damit mir das egal sein kann. Ich laufe einfach weiter mit meiner beschlagenen Brille. Und siehe da: Um die Straßenlaternen herum erscheinen plötzlich kleine Regenbogenkreise. Und um das grün leuchtende Firmenlogo auf der anderen Straßenseite. Um die Scheinwerfer der Autos drüben auf der Straße. Um die kleine Wegbeleuchtung am Spielplatz. Und auf einmal ist der Heimweg ein regenbogenbuntes Farbenspiel mitten in einer dunklen Nacht.

Osternacht

Ich bin kein frommer Mensch. Die klassische christliche Frömmigkeit, die sich in regelmäßigem Kirchgang, mausgrauem Gebärden und Papsttreue äußert, finde ich im besten Falle niedlich, ansonsten eher albern. Trotzdem bin ich christlich, genauer gesagt katholisch geprägt und trotz unglaublich vieler Kritikpunkte am System Kirche derselben doch irgendwie verbunden. Zumindest an den hohen christlichen Feiertagen gehört der Kirchenbesuch – und zwar in einer „ordentlichen“ Messe, nicht nur in einer Dreiviertelstundenkinderandacht – für mich dazu. Und dieses Jahr habe ich es organisatorisch endlich mal wieder geschafft, in eine Osternacht zu gehen. Ich bin kein Frühaufsteher, beileibe nicht, aber am Ostersonntag lasse ich meinen Wecker freiwillig um vier Uhr morgens klingeln. Um halb sechs begann der Gottesdienst in einer mir bis dato unbekannten, aber freundlichatmosphärischen Kirche mit einem Pfarrer, der leider nicht besonders gut singen konnte, aber ansonsten alles sehr nett gestaltete. Und ich liebe diesen besonderen Gottesdienst: Man kommt im Dunklen an, alle Lichter sind aus, nur das Osterfeuer im Hof brennt. Mit feierlichem Tamtam wird die Osterkerze daran entzündet und das Feuer nach und nach an die kleinen Kerzen aller Gäste weitergegeben, und wenn schließlich alle in der Kirche sitzen, leuchtet darin immer noch keine einzige Glühbirne, aber lauter kleine Flammen schaffen eine erwartungsvolle Stimmung. Es gibt Lesungen, die jedes Jahr die selben sind, aber doch immer wieder gern gehört werden, und Musik nur a capella, weil die Orgel noch stumm bleibt. Und dann, kurz bevor man aufgrund der frühen Stunde und der Dunkelheit am Einnicken ist, kommt der schönste Moment: Beim feierlichen Gloria gehen die Lichter an, die Glocken läuten festtäglich und die Orgel setzt mit ihrer ganzen Klangfülle ein. Es hat etwas Erhebendes und vermittelt tatsächlich ein euphorisierendes Gefühl von Zusammengehörigkeit, selbst wenn man keinen einzigen Menschen in der ganzen Kirche kennt. Diese seltenen Augenblicke sind tatsächlich einer der Hauptgründe dafür, noch nicht aus der Kirche ausgetreten zu sein, auch wenn ich mich lieber lediglich auf „christlich“ als auf „katholisch“ festlegen würde. Christentum ist an sich eine fabelhafte Idee, aber in der praktischen Ausführung hapert es gewaltig. Ob Jesus wohl klar war, welche gigantische Institutionen einmal aus seiner Lehre entstehen würden? Wahrscheinlich hätte er sich dann gleich resigniert zurückgezogen. Sein Konzept war sicher prima für eine kleine Gruppe Menschen, aber in den heutigen Dimensionen verfehlt es zum größten Teil sein Ziel. Deshalb werde ich weiterhin meiner persönlichen ethisch-religiösen Vorstellung, einer Art christlich orientiertem Humanismus mit buddhistischen Einflüssen, treu bleiben, an der Kirche herumkritteln und sie trotzdem ab und zu besuchen: Die Katholiken haben einfach die beste Show.