Zu spät

Und wieder einmal zu spät gekommen. Wieder einmal nicht Adieu gesagt. Eine Nachricht erst versendet, als sie niemand mehr lesen konnte. Abschied erst im schwarzen Kleid von einer kleinen Fotografie. Und draußen blüht der Mohn.

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Ewiger Kreislauf

Draußen ist Frühling, die Sonne wärmt, überall fängt es zu blühen an, Aufbruchsstimmung. Auch der kirchliche Kalender ist gefüllt mit Ritualen zum Beginn, das Auferstehungsfest Ostern, gestern der weiße Sonntag mit Erstkommunionsfeiern allerorten. Obwohl das neue Jahr schon zu mehr als einem Viertel vorbei ist, fühlt es sich so an, als wäre jetzt erst der richtige Anfang.

Gestern gab es anlässlich einer Kommunion im Verwandtenkreis ein Familienfest, zu dem ich das erste Mal seit der Beerdigung meines Großvaters wieder im Heimatstädtchen meines Vaters weilte. Nach dem Gottesdienst besuchte ich den Friedhof, im Familiengrab liegen Groß- und Urgroßeltern. Mit dem Neunjährigen der Blick nach vorne, mit den Vorfahren der Blick zurück. Es ist immer ein Kreislauf.

Morgen werde ich Abschied nehmen von meinem Opa, der als letzter von fünf Großeltern nun auch aus diesem Leben trat. Nur einen Tag nach der Nachricht von seinem Tod erreichten mich Hochzeitsbilder einer alten Freundin, das Paar unter blühenden Kirschbäumen. Leben stirbt, Leben erwacht. Es geht weiter.

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Es geht weiter

Dieser Januar ist anstrengend. Schön, aber anstrengend. Viele private Termine, Geburtstagssausen, Menschen treffen, dazu dringende Studienabgabefristen und mal wieder eine Menge Krankheitsfälle im Kollegenkreis. Deshalb ist dies ein Lebenszeichen und eine Entschuldigung für meine temporäre Abwesenheit im WordPress-Universum (ich lese etappenweise, dann gestapelt; nur zum Schreiben und Kommentieren reicht es gerade nicht). Gestern dann blätterte ich in einer freien Minute in meiner Lieblingszeitschrift und fand dort das Zitat, das mich sofort ansprach und das jetzt – und auch sonst – einfach passt.

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Hommage an gute Menschen

Manchmal halten dir fremde Menschen einfach die Tür auf oder lassen dir den Vortritt, wenn in der U-Bahn nur noch ein einziger Platz frei ist. Manchmal macht dir ein Kollege ein Kompliment über dein Kleid oder deine Ohrringe oder deine Frisur, selbst wenn du dich heute gar nicht besonders schön fühlst. Manchmal triffst du alte Bekannte wieder, die du jahrelang nicht gesehen hast, und du dachtest, sie hätten dich schon längst vergessen oder zumindest ganz weit hinten in einer Gedankenschublade abgelegt, aber dann freuen sie sich wahnsinnig, dich wieder zu sehen und interessieren sich wirklich ernsthaft für dich und dein Leben. Manchmal ruft ein guter Freund an, zufällig, ohne zu wissen, dass du gerade jetzt wirklich dringend einen Menschen brauchtest, dem du dein Herz ausschütten kannst. Manchmal lächeln Menschen einfach so, ohne ersichtlichen Grund, aber du bekommst davon unwillkürlich gute Laune. Manchmal sind Menschen stark und mutig und sagen ganz nebenbei ungeheuer weise Weisheiten, die du am liebsten mitschreiben würdest, um sie niemalsnie zu vergessen. Manchmal fegt ein Wort, eine Umarmung, ein Seelenblick eines guten Menschen alles Ungemach hinweg. Manchmal vergehen Tage wie im Flug, die du mit guten Menschen verbringst, weil jede Sekunde gleichzeitig ganz neu und schon ewig vertraut ist. Manchmal triffst du einen Menschen und obwohl du dich nicht lange mit ihm unterhältst, obwohl du keine tiefen Gedanken austauschst oder radikale Geheimnisse teilst, fühlst du dich diesem Menschen auf mysteriöse Weise tief verbunden, so als ob ein unsichtbares, elastisches Band euch nach langer Zeit wieder zusammen hat finden lassen. Manchmal ist ein Mensch alles, was dich noch mit der Welt verbindet. Immer sind es Menschen, wegen denen es sich zu leben lohnt.

 

Parallelwelten

Mit jeder Entscheidung entsteht ein neues Universum.

In einer Welt bin ich noch mit meinem Exfreund zusammen. In einer anderen habe ich ihn nie kennengelernt. Irgendwo war ich nach dem Abitur für ein Jahr auf den Philippinen, und woanders als Aupair in Frankreich. Es gibt eine Welt, in der ich einen anderen Beruf erlernt habe und eine, in der ich eine Mappe für die Bewerbung an der Kunsthochschule abgab. In einem Universum habe ich meinen Job nach dem ersten Jahr gekündigt, um woanders neu anzufangen, in einem anderen habe ich nach der Ausbildung eine sicher-langweilige Stelle angenommen. Es gibt die Welt, in der ich meine Großtante noch einmal besucht habe, bevor sie starb, und die, in der ich dieser Freundin ehrlich sagte, dass ich ihren Freund furchtbar finde, bevor sie ihn heiratete.

Jede Entscheidung öffnet ein Universum. Aber eines ist ihnen allen gemeinsam: Die Frage, ob das hier wirklich die beste aller Welten ist.

Sichtweisen

Besuch beim Großvater. Drei Generationen sitzen am Tisch, Vater, Tochter, Enkelin. Das Gespräch dreht sich um alte Zeiten, um entfernte Verwandte, ich höre nur zu und versuche, mir im Geiste Stammbäume aufzumalen, um einen Überblick über Cousins zweiten Grades und Tanten von Schwiegermüttern zu bekommen. Irgendwann geht es um Kindheitserlebnisse und familiäre Brüche. Interessant: Die Erinnerungen von Vater und Tochter sind fundamental unterschiedlich, nicht nur in Details oder Bewertungen. Baut sich jeder seine eigene Vergangenheit?

Später am Tag blättere ich in alten Fotoalben. Ich bin drei, vier Monate alt auf diesem Gruppenbild, Maman, glücklich wirkend, hält mich im Arm; neben mir ihre Schwägerin ebenfalls als stolze Mutter meines gleichaltrigen Cousins, hinter uns ernst dreinblickende Väter, stolz lächelnde Großeltern, im Hintergrund ein introvertierter junger Mann, der schon früh Onkel wurde. Ich rechne nach, wie alt waren sie alle damals? Die zwei Brüder, die fast zeitgleich Väter wurden, waren 29, 27, das ist nicht mehr weit weg von meiner Gegenwart. Sie sehen ernst aus auf dem Foto, erwachsen, älter als sie sind. Neulich hatte ich dieses Treffen mit einem 27-jährigen. Er studierte, wohnte noch bei seinen Eltern, war auf der Suche nach Leichtigkeit und Lebensfreude und Optimismus, wollte sich lieber keine schweren Gedanken aufladen. Ein ganz anderes Bild. Maman ist auf dem Foto gerade mal ein knappes Jahr älter als ich es jetzt bin. Eine andere Lebenswirklichkeit. Eine andere Zeit.

Dialog

Man müsste sich mal wieder selbst besuchen.
Doch man ist ja immer so gehetzt.
Ich habe neulich bei mir angerufen,
doch es war die ganze Zeit besetzt.

Man müsste sich viel öfter selber fragen:
„Alles klar? Das eine weiß ich ja:
Egal, was kommt, ich brauch es nur zu sagen,
und dann bin ich sofort für mich da“.

Man müsste sich mal in ’ner Kneipe treffen,
auf ein Kölsch, so ganz für sich allein,
um dann in aller Ruhe zu besprechen:
„Bin ich glücklich?“, und: „Wie wird es sein?“.

Man hätte sich ’ne Menge zu erzählen.
Viele Dinge würd‘ man anders sehn.
Man würde ein paar harte Fragen stellen,
und man würde Fehler eingestehn.

Es gäbe Gründe, um sich aufzuregen:
„Ich bin nicht der Mensch, der ich mal war!
Und will ich dieses Leben weiter leben?
Wann seh ich die Dinge endlich klar?“

Man würde, um sich selber wachzurütteln,
lautstark viele Sachen kritisiern.
Die Leute würden mit den Köpfen schütteln.
Tja. Man würde sich wohl schwer blamiern.

(Wise Guys)

Mein Leben ist wo ich bin, nicht woanders

„Mein Leben ist wo ich bin, nicht woanders.“

Ein Zitat aus einem schon hundertfach gehörten Song, das mir erst heute beim hundertersten Mal Hören aufgefallen ist. Keine Sorge, „das Leben“ spielt sich nicht an einem anderen Schauplatz ab, während ich mich hier herumhetze. Mein Leben ist, wo ich bin, und genau hier habe ich in jedem Moment die Chance, es einzigartig zu gestalten. Nicht auf morgen, auf Sonnenschein, auf bessere Zeiten warten. Los geht’s! Jetzt!

Trauerarbeit

Jetzt habe ich schon eine Weile nichts mehr gepostet. Das liegt nicht daran, dass mir nichts mehr einfällt, und auch nur bedingt am üblichen Vorweihnachtsstress. Was mich zur Zeit beschäftigt, ist ein trauriger Vorfall, der sich Anfang der Woche ereignete: Die Tochter einer Kollegin, ein Mädchen im Teenager-Alter, starb. Ganz plötzlich, auf eine sehr unschöne Art und Weise und unter teilweise ungeklärten Umständen – man wird wohl nie zweifelsfrei herausfinden, ob es sich um einen Unfall oder einen Selbstmord handelte.

Nun kannte ich das Mädchen nicht. Und mit ihrer Mutter arbeite ich ganz gut zusammen, wir sind aber nicht privat befreundet. Trotzdem hat mich dieses Ereignis sehr mitgenommen. Zuerst wirkte es so surreal; meine Kollegin hatte mir doch gerade noch von der Weisheitszahn-OP der Tochter erzählt, und angekündigt, dass sie im Frühjahr eine Woche Urlaub haben möchte, um die Feier zur Konfirmation vorzubereiten. Da kann das Kind doch nicht auf einmal tot sein. Das kann nicht sein! In mir sträubte sich alles. Aber es war wahr. Und langsam fängt ein Denkprozess an, in dem es darum geht, weniger für morgen und mehr für heute zu leben. Ich bin noch nicht besonders gut darin, aber ich will das üben. Ändern, was mich stört, und nicht auf eine ferne Zukunft hoffen, in der alles besser sein wird. Denn ganz schnell gibt es keine Zukunft mehr.