Sara

Groß ist sie und schlank, oder trifft ‚sehnig‘ es besser? Ihre langen grauen Haare fallen über die Schultern, ihr Gesicht spricht ungerührt von langen Lebensjahren, von Abenteuern, die erst im Rückblick den Stempel Abenteuer bekommen haben und währenddessen eher Gefahren waren. Es erzählt von Enttäuschungen, auch von Hoffnung, die sich einfach nur zu selten erfüllte. Von einem Leben als starke Frau an der Seite eines Mannes, der zu Großem bestimmt war und doch so oft vertröstet wurde, ein Mann mit Ambitionen und Angst, mit starken Entscheidungen und feigen Momenten. In denen war es gut, dass er Sara hatte. Sara ist stark, Sara ist klug, Sara weiß, was zu tun ist. Sara hat keine Angst, und wenn sie doch welche hat, dann zeigt sie sie nicht. Sie gibt sich dann einfach noch härter und stärker und unnachgiebiger, das haben die Menschen in ihrem Umfeld schon so manches Mal erleben müssen.

Wenn es Sara gut geht, ist sie eine großzügige Frau. Dann feiert sie Feste, beschenkt ihre Freundinnen und ihre Angestellten. Sie interessiert sich für die Menschen um sie herum, und sie bekommt mehr mit, also so mancher ihr zutraut. Sara weiß, wer gerade knapp bei Kasse ist, welche Frau von ihrem Mann geschlagen wird, welches Kind unglücklich ist, weil es schlecht im Lernen ist und Ärger mit Eltern und Lehrern befürchtet. Und wenn Sara mit sich selbst im Reinen ist, dann hilft sie, wo sie kann. Meistens indirekt, sie kann die Unterwürfigkeit, die zu oft mit Dankbarkeitsbekundungen einher geht, nicht ausstehen. Lieber lächelt sie still in sich hinein, wenn ihr begeistert von unerwarteten Wendungen berichtet wird.

Wenn es Sara nicht gut geht, wenn böse Vorahnungen oder die Dämonen der Vergangenheit Besitz von ihr ergriffen haben, dann verändert sich ihre Körperhaltung. Statt entspannt im Schneidersitz auf einem Kissen am Fußboden zu sitzen, steht sie gelehnt an eine Wand, ihr starker Fuß immer bereit zum Rennen, Laufen oder Treten, die Arme schützend vor der Brust verschränkt, der Nacken angespannt, in den Augen ein argwöhnisches Funkeln. Sie ist dann schweigsamer, und was sie sagt, ist mit kleinen Stacheln versehen. Sie kennt jeden hier genau, sie weiß auch, welche klitzekleinen verbalen Hiebe ins Schwarze treffen. Die Menschen um sie herum versuchen dann, sie zu meiden, was Sara nur noch misstrauischer macht.

Zum Glück ist ihr Mann in diesen Momenten für sie da. Er schafft es, sie aus den Tiefen herauszuholen, und das rechnet Sara ihm hoch an. Die beiden passen gut zueinander: Sie teilen den Ehrgeiz, über sich hinauszuwachsen, etwas aus sich zu machen, etwas zu hinterlassen, wenn sie einmal nicht mehr da sind. Beide sind schlau, sie können sich anpassen und das Beste auch aus widrigen Situationen machen. Doch sie haben auch Unterschiede. Der größte liegt darin, wie sie mit der Zukunft umgehen: Während er der geborene Optimist ist, sieht sie die Welt pragmatischer. Sitzen sie jemandem gegenüber, der ihnen Geschenke und eine blühende Zukunft verspricht, ist Saras Mann hellauf begeistert, während sie skeptisch wird und im Geiste den Haken sucht. Oft findet sie ihn, und er ist am Ende heilfroh, dass ihr Scharfsinn ihn vor leichtsinnigen Fehlentscheidungen gerettet hat.

Dennoch: Wenn Saras Mann ein Versprechen gegeben wird, glaubt er daran, dass es eingehalten wird. Selbst, wenn dasselbe Versprechen von derselben Person seit Jahren immer und immer wieder aufs Neue gegeben wird und nichts passiert. Sara ist da vorsichtiger. Ein gebranntes Kind, sozusagen.

A propos Kind: Das war so ein Versprechen. Sie haben es versucht, jahrelang. Aber nichts ist passiert. Also entschied Sara, ihrem Mann mit einer anderen Frau zu einem Kind zu verhelfen. Pragmatisch, wie sie eben ist. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr so nahe gehen würde, die Andere zu sehen. Mit dem Kind ihres Mannes, das nicht ihres ist und das ihr Mann dennoch liebt. Natürlich liebt er es, es ist ja sein Kind. Sara weiß, dass es nutzlos ist, eifersüchtig zu sein – die ganze Geschichte war ja ihre eigene Idee -, aber trotzdem ist sie es. Das mit den Gefühlen ist schon eine vertrackte Sache.

Manchmal wird es leichter, wenn man sie einfach ein bisschen von sich wegschiebt. Die Eifersucht, den Trotz, die Enttäuschung. Auch die Hoffnung, das Vertrauen, die Güte – sie liegen alle in derselben Kiste, das Gute und das Schlechte. Und dann lehnt Sara wieder an der Wand, mit den verschränkten Armen und dem skeptischen Herzen und der Enttäuschung und der Hoffnung in der Kiste weit weg. Ihr Mann hat unerwarteten Besuch bekommen. Sara lauscht, oder besser, sie hört mit, was die Männer eben sagen hinter dieser dünnen Wand, was kann sie schon dafür, dass alles so durchlässig ist hier. Und da ist es schon wieder, das unsägliche Versprechen. Ihr Mann, der große Glaubende, nickt brav. Und Sara? Sie lacht. Sie lacht über die immer gleichen Verheißungen, aus denen noch nie etwas geworden ist und nie etwas wird. Sie lacht über die Chuzpe der Gäste, das ewig Gleiche zu verkünden, ohne es je einzulösen, und über ihren Mann, der noch immer daran glaubt. Sie lacht bitter, sie lacht, damit sie nicht weinen muss, weil sie es so gerne auch glauben würde. Aber glauben kann sie nicht mehr, nicht nach all der Zeit.

Ein Jahr später lacht Sara wieder. Dieses Mal lachen auch ihre Augen mit. Die Männer haben Recht behalten, das Versprechen wurde eingelöst. Wer hätte das gedacht?

Lachen

Vor kurzem bekam ich eine Mail von einer Person aus meiner Vergangenheit, die ich sehr wertschätze, auch wenn unsere Lebenswege unterschiedlich verlaufen. Unter anderem schrieb sie über mich: „dein frisches Lachen – selbst wenn du traurig bist“. Das war nicht das erste Mal, dass mich jemand über mein Lachen charakterisierte. Aber das erste Mal, dass jemand explizit die traurige Seite erwähnte. Das brachte mich zum Nachdenken. Ich lache gerne, ich lache viel. Manchmal laut heraus, häufiger still in mich hinein. Ich lache über gute und über schlechte Witze, über Situationskomik, über Wortspiele, über unzählige Szenen in meinem Kopfkino, bei Gedanken an schöne Dinge und gute Erinnerungen. Ich lache aber auch, wenn ich in einer Diskussion nicht mehr weiter weiß, prophylaktisch, um eventuell entstehende Konflikte zu entschärfen, wenn ich mich unwohl in meiner Haut fühle, wenn ich angespannt bin, wenn ich verzweifelt bin. Gelegentlich geht das Lachen dann mit Tränen einher oder gar in einen Heulkrampf über.

Ein Biologe würde mein Lachen wohl als Übersprungshandlung bezeichnen. Und ich frage mich: Was hat es zu bedeuten, dass dieses reflexhafte Verhalten sich bei mir ausgerechnet als Lachen äußert? Ich könnte ja genauso gut wie andere Menschen auch meine Nervosität ausdrücken, indem ich mich räuspere, mich an der Nase kratze, den Blick zur Decke wende, im Raum auf und ab gehe oder dergleichen Dinge mehr. Aber ich lache. Lachen ist, so unter anderen Menschen, erst einmal ein gutes Signal. Es symbolisiert Freundlichkeit, Offenheit, man gesellt sich eher zu lachenden als zu grimmig dreinblickenden Menschen. Bei lachenden Menschen fühlt man sich wohl, sie verbreiten gute Laune und eine herzliche Atmosphäre. Vor ihnen hat man keine Angst, und sie ermuntern dazu, selbst mitzulachen, die eigene Anspannung fallen zu lassen.
Und genau das ist wahrscheinlich der Grund für mein beinahe permanentes Lachen: Der Versuch, eine freundlich-friedliche Atmosphäre zu schaffen, in der Konflikte möglichst gar nicht erst entstehen. Ich bin harmoniebedürftig, beinahe schon -süchtig und definitiv konfliktscheu. Ich startete schon mehrere Versuche, mal ernster zu bleiben. Seriöser aufzutreten. Statt freundlich, wissend, spitzbübisch, mitfühlend, neckend, heiter, unschuldig oder anders zu lächeln, einfach mal die Mundwinkel unten zu lassen. Hat nie geklappt. Spätestens wenn so ein richtiger Alphamensch – also so einer, dessen Präsenz man schon auf zehn Meter Abstand beinahe physisch spürt – dazu kommt, schalten meine Gesichtsmuskeln wieder in den automatischen Freundlichkeitsmodus, völlig egal, ob das gerade zu meiner Stimmung passt oder nicht. Und ich befürchte, ich muss damit einfach leben. Vielleicht schaffe ich es mal, in ein paar (oder mehr) Jahren, reicher an Lebenserfahrung und etwas erwachsener aussehend, den Lächelschalter willentlich umzulegen. Aber ein Alphamensch werde ich wohl nie werden.