Beijing I – Fremdheit

Ich war noch nie ein großer Asienfan. Dieser Kontinent hatte für mich nie etwas so interessantes, dass ich in die Versuchung gekommen wäre, dort Urlaub zu machen. Aber manchmal passieren Dinge ja ganz unverhofft, und so verschlug es mich kürzlich für zwei Wochen nach Peking, um dort zu arbeiten.

Wir waren in einer größeren Gruppe von Deutschen unterwegs, was meine Nervosität linderte – denn als jemand, dem Sprache sehr wichtig ist, fand ich es extrem beunruhigend, in ein Land zu fahren, von dessen Sprache ich absolut nichts verstehe. Ich hatte es mit Chinesisch versucht, so wie ich es immer vor Auslandsaufenthalten mit den jeweiligen Landessprachen versuche – aber anders als beim Portugiesischen, Italienischen oder sogar Polnischen verweigerte mein Gehirn vollständig den Dienst, als es mit so ganz fremdartigen Zeichen und Lauten konfrontiert wurde. Also ohne Sprachkenntnisse. Meine Hoffnung, dass man in einer Großstadt auch mit Englisch gut zurechtkäme, bestätigte sich leider nicht; dafür wurden wir sehr einfallsreich, was die Kommunikation mit dem gesamten Körper betraf, oft halfen Übersetzungs-Apps und Smartphone-Fotografien und manchmal vertrauten wir einfach darauf, dass man es gut mit uns meinte und ließen die Chinesen mal machen, ohne zu wissen, was genau passieren würde.

Es war spannend, in eine völlig fremdartige Kultur einzutauchen, es war aber auch anstrengend. Nicht nur, weil wir in begrenzter Zeit so viel Besichtigungsprogramm wie möglich einbauen wollten und natürlich trotzdem arbeiten mussten, sondern weil man ständig mit einer ganz anderen Denkweise konfrontiert war. Ich war noch nie außerhalb von Europa, deshalb kam es mir sicherlich besonders fremd vor; denn zum ersten Mal befand ich mich an einem Ort, an dem nicht nur Sprache, Landschaft und eventuell die Wohlstandsverteilung anders waren als zuhause, sondern an dem auch Verhaltensweisen, Ideale, Moral- und Wertvorstellungen ganz eklatant von meinen Gewohnheiten abwichen. Das war für mich teilweise nur skurril – wenn es etwa um die sehr differenzierten Sauberkeitsvorstellungen ging und ein kleiner Straßenabschnitt über eine Stunde lang mit Wasser abgespritzt und geschrubbt wurde, während sich an anderen Orten der Plastikmüll in der Natur stapelte und das niemanden interessierte -, teilweise empfand ich Dinge als lästig, aber tolerierbar, zumindest für unseren begrenzten Aufenthalt – wie zum Beispiel die andauernden Sicherheitskontrollen und Überwachungsmechanismen -; andere Dinge hingegen stießen mir sehr unangenehm auf: Eine Frau verlor ihren Job, weil sie in der Zusammenarbeit mit uns, den repräsentativen Gästen aus Europa, einen Fehler gemacht hatte. Ein kleiner ärgerlicher Faux-pas, nichts Dramatisches. Aber am nächsten Tag war sie nicht mehr da und jemand anderes hatte ihre Stelle übernommen. Das passierte bereits am zweiten Tag unseres Aufenthaltes, und von da an nahmen wir bei jedem Missgeschick die Schuld auf uns, um keine weiteren Arbeitsstellen zu gefährden. Diese Kultur, die keine Fehler duldet und damit jedes Lernen, jedes Verbesserungspotential verunmöglicht, war für mich nur sehr schwer hinnehmbar.

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Alleinsitzendstehend

Es gibt ja viele Leute, die nicht oder nur äußerst ungern alleine zu Abendveranstaltungen wie ins Kino, ins Theater oder ein Konzert gehen. Mir macht das nicht so wahnsinnig viel aus. Ja, es stimmt, die Pausen sind etwas merkwürdig. Alles steht in Paaren oder Kleingruppen herum, nur man selbst läuft ein bisschen ziellos durch den Raum. Doch auch daran gewöhnt man sich. Ich hole mir meistens ein Getränk und beobachte dann die Menschen. Oder nehme den Raum wahr. Das macht man alleine viel intensiver. Heute war ich bei einem Liederabend. Monsieur ist kein besonders großer Fan von Chansons und die Freundin, die ich fragte, war auch verhindert, so fuhr ich alleine dorthin. Und stand erst einmal an der ausverkauften Abendkasse. Zum Glück bin ich mit der Sängerin lose bekannt, die für mich doch noch einen Platz organisieren konnte, und zum Glück war ich allein – für mehr Personen wäre das schon wieder schwierig geworden. Das Konzert, eine Hommage an Edith Piaf, fand in einer kleinen Kirche statt, in einem Örtchen, in dem ich noch nie war. Bis zum Konzertbeginn war noch etwas Zeit, die ich mit einer Begleitung wohl plauschend und sektchentrinkend im Eingangsbereich verbracht hätte. Stattdessen spazierte ich um die Kirche und über den angrenzenden Friedhof. Ich mag Friedhöfe. Sie strahlen eine angenehme Ruhe aus. Außerdem finde ich die Geschichten spannend, die die Grabmäler mit ihren knappen Inschriften nur andeuten und der Phantasie überlassen. Mit einer Begleitung hätte ich diesen Friedhof wohl nicht angesehen. Ich hätte auch nicht ungefähr fünf Minuten lang auf der Wiese stehen und nur die durch die untergehende Sonne wunderschönen Farbkontraste von Himmel und Kirche betrachten können. Vielleicht hätte ich mich in Begleitung auch während des Konzertes mehr zusammengerissen und nicht ganz so viele Tränchen verdrückt, mich von den teilweise sehr traurig-lakonischen Chansons weniger mitnehmen lassen. Auf der Rückfahrt hätte ich wahrscheinlich nicht in absurd hoher Lautstärke die originale Edith Piaf aufgelegt und laut mitgeschmettert. Ich hätte mich auch später wohl nicht mehr hingesetzt und diesen Text verfasst, weil ich schon alles über diesen Abend gesagt, ihn schon von vorne bis hinten durchgesprochen und zerredet hätte. Es gibt Momente, Erlebnisse, Begegnungen, die muss man erstmal für sich selbst klarmachen. Es gibt auch Dinge, von denen kann ich zwar erzählen, aber schon in dem Moment, in dem ich den Mund öffne, ist klar, dass die Bedeutung, die diese Dinge für mich haben, niemals so beim anderen ankommen wird, egal wer dieser Mensch ist, wie gut er mich kennt, wie sehr er mich mag. Leider ging mir das heute nach dem Konzert ebenso, als ich mich von der Sängerin verabschiedete und merkte, wie mir statt meiner aufrichtigen Begeisterung für ihr Programm, statt einer Anerkennung ihrer Leistung, mich zum Lachen und zum Weinen und zu beidem gleichzeitig zu bewegen, nur saftlose und tausendmal wiederholte Floskeln entfuhren. Manchmal wünsche ich mir, ein Händedruck, eine Umarmung, ein Blick würden ausreichen, um mich wahrhaftig mitzuteilen, um die emotionalen Vernetzungen, die auf dem Umweg über die Zunge blass und zweidimensional werden, originalgetreu abzubilden. Aber es bleibt wohl beim Wunsch.