Ewiger Kreislauf

Draußen ist Frühling, die Sonne wärmt, überall fängt es zu blühen an, Aufbruchsstimmung. Auch der kirchliche Kalender ist gefüllt mit Ritualen zum Beginn, das Auferstehungsfest Ostern, gestern der weiße Sonntag mit Erstkommunionsfeiern allerorten. Obwohl das neue Jahr schon zu mehr als einem Viertel vorbei ist, fühlt es sich so an, als wäre jetzt erst der richtige Anfang.

Gestern gab es anlässlich einer Kommunion im Verwandtenkreis ein Familienfest, zu dem ich das erste Mal seit der Beerdigung meines Großvaters wieder im Heimatstädtchen meines Vaters weilte. Nach dem Gottesdienst besuchte ich den Friedhof, im Familiengrab liegen Groß- und Urgroßeltern. Mit dem Neunjährigen der Blick nach vorne, mit den Vorfahren der Blick zurück. Es ist immer ein Kreislauf.

Morgen werde ich Abschied nehmen von meinem Opa, der als letzter von fünf Großeltern nun auch aus diesem Leben trat. Nur einen Tag nach der Nachricht von seinem Tod erreichten mich Hochzeitsbilder einer alten Freundin, das Paar unter blühenden Kirschbäumen. Leben stirbt, Leben erwacht. Es geht weiter.

Friedhofsnarzissen

Notiz an Oma

Liebe Omama,

ich war heute in der Kirche. Morgen ist es ein Jahr her, dass du gestorben bist. Ich habe eine Kerze für dich angezündet. Ich weiß nicht, ob du es witzig findest oder belanglos oder unpassend, dass ich die Kerze in einer evangelischen Kirche angezündet habe, für dich, die damals einen Evangelischen heiraten wollte und das vom katholischen Vater verboten bekam. Ich jedenfalls gehe gerne in diese Kirche, obwohl ich auch katholisch bin, und die Leute dort sind alle sehr nett. Die Pfarrerin ist furchtbar sympathisch und heute hat ein Chor gesungen, der mich zum Weinen gebracht hat, so schön war die Musik.

Gestern habe ich Opa besucht. Normalerweise reden wir übers Wetter, dann über die Verwandtschaft, dann über Autos, ein bisschen über Politik und dann gehen uns die Gesprächsthemen aus. Gestern haben wir über Kirche geredet, und über Glauben. Wir waren beide überrascht davon, dass unsere Auffassungen ähnlich sind, jeder dachte, der Andere würde gegensätzlicher Meinung sein. Da ist mir aufgefallen, dass ich mit dir nie über so etwas geredet habe. Ich weiß nicht, ob du daran geglaubt hast, dass dein Körper eines Tages aus dem Grab aufersteht, oder daran, dass deine Seele in den Himmel wandert oder in ein neugeborenes Baby schlüpft oder auch an gar nichts, nur an ein endgültiges Ende. Ich jedenfalls glaube daran, dass wir beide uns irgendwann wiedertreffen, in welcher Form auch immer, und dass du von irgendwoher auch jetzt noch ein Auge auf mich wirfst.

Ich hab dich lieb, Oma.

Deine C.

Osternacht

Ich bin kein frommer Mensch. Die klassische christliche Frömmigkeit, die sich in regelmäßigem Kirchgang, mausgrauem Gebärden und Papsttreue äußert, finde ich im besten Falle niedlich, ansonsten eher albern. Trotzdem bin ich christlich, genauer gesagt katholisch geprägt und trotz unglaublich vieler Kritikpunkte am System Kirche derselben doch irgendwie verbunden. Zumindest an den hohen christlichen Feiertagen gehört der Kirchenbesuch – und zwar in einer „ordentlichen“ Messe, nicht nur in einer Dreiviertelstundenkinderandacht – für mich dazu. Und dieses Jahr habe ich es organisatorisch endlich mal wieder geschafft, in eine Osternacht zu gehen. Ich bin kein Frühaufsteher, beileibe nicht, aber am Ostersonntag lasse ich meinen Wecker freiwillig um vier Uhr morgens klingeln. Um halb sechs begann der Gottesdienst in einer mir bis dato unbekannten, aber freundlichatmosphärischen Kirche mit einem Pfarrer, der leider nicht besonders gut singen konnte, aber ansonsten alles sehr nett gestaltete. Und ich liebe diesen besonderen Gottesdienst: Man kommt im Dunklen an, alle Lichter sind aus, nur das Osterfeuer im Hof brennt. Mit feierlichem Tamtam wird die Osterkerze daran entzündet und das Feuer nach und nach an die kleinen Kerzen aller Gäste weitergegeben, und wenn schließlich alle in der Kirche sitzen, leuchtet darin immer noch keine einzige Glühbirne, aber lauter kleine Flammen schaffen eine erwartungsvolle Stimmung. Es gibt Lesungen, die jedes Jahr die selben sind, aber doch immer wieder gern gehört werden, und Musik nur a capella, weil die Orgel noch stumm bleibt. Und dann, kurz bevor man aufgrund der frühen Stunde und der Dunkelheit am Einnicken ist, kommt der schönste Moment: Beim feierlichen Gloria gehen die Lichter an, die Glocken läuten festtäglich und die Orgel setzt mit ihrer ganzen Klangfülle ein. Es hat etwas Erhebendes und vermittelt tatsächlich ein euphorisierendes Gefühl von Zusammengehörigkeit, selbst wenn man keinen einzigen Menschen in der ganzen Kirche kennt. Diese seltenen Augenblicke sind tatsächlich einer der Hauptgründe dafür, noch nicht aus der Kirche ausgetreten zu sein, auch wenn ich mich lieber lediglich auf „christlich“ als auf „katholisch“ festlegen würde. Christentum ist an sich eine fabelhafte Idee, aber in der praktischen Ausführung hapert es gewaltig. Ob Jesus wohl klar war, welche gigantische Institutionen einmal aus seiner Lehre entstehen würden? Wahrscheinlich hätte er sich dann gleich resigniert zurückgezogen. Sein Konzept war sicher prima für eine kleine Gruppe Menschen, aber in den heutigen Dimensionen verfehlt es zum größten Teil sein Ziel. Deshalb werde ich weiterhin meiner persönlichen ethisch-religiösen Vorstellung, einer Art christlich orientiertem Humanismus mit buddhistischen Einflüssen, treu bleiben, an der Kirche herumkritteln und sie trotzdem ab und zu besuchen: Die Katholiken haben einfach die beste Show.

Habemus papam

Jetzt ging es doch schneller, als ich erwartet hatte. Franziskus I., ein Name, der auf einen Heiligen zurückgeht, der sich von allem materiellen Besitz trennte, sich zu den Ausgestoßenen gesellte, die Würde von Tieren anerkannte und es im Zweifelsfall für wichtiger hielt, angebotene Gastfreundschaft anzunehmen anstatt Fastenregeln einzuhalten. Es würde mich freuen, wenn die Namenswahl bereits ein Hinweis auf den Kurs wäre, den Jorge Mario Bergoglio mit seiner Wahl zum Papst einschlagen möchte.

Ich bin katholisch getauft und aufgewachsen, habe auch sämtliche weiteren Pflichttermine – erste Kommunion, Firmung – brav eingehalten und bin mittlerweile selbst Taufpatin geworden. Ich glaube an einen Gott; nur der Institution der katholischen Kirche stehe ich kritisch gegenüber. Für mich ist es wichtiger, einem Menschen in seiner persönlichen Situation zu helfen, als mich mit pedantischer Genauigkeit an Kirchengesetze zu halten. Die Bibel sehe ich als historisches Dokument, das in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort aus bestimmten Gründen geschrieben wurde, aber dessen Inhalt nicht 1:1 in unsere Zeit und Lebenswirklichkeit übertragen werden kann. Ich finde es eine Schande, wie die katholische Kirche mit Frauen, Homosexuellen und Geschiedenen umgeht und glaube, dass das System prinzipiell anfällig ist für vor allem junge Männer, die aus Unsicherheit oder Überheblichkeit Machtpositionen suchen und diese dann gegebenenfalls auch missbrauchen – und damit meine ich nicht nur die furchtbaren sexuellen Übergriffe, von denen man in der letzten Zeit verstärkt hörte, sondern auch die Priester, die untereinander über Gemeindemitglieder lästern, sich über Beichtinhalte lustig machen oder alleine die Tatsache, dass das Bistum für bis zu drei Kinder eines Pfarrers zahlt, so lange alle Beteiligten das Stillschweigen wahren. Insgesamt stehe ich wohl auf einem humanistisch-christlichen Standpunkt, sofern es das denn gibt – wenn nicht, erfinde ich ihn für mich und alle ähnlich Denkenden neu.

Franziskus I. wird sicher nicht auf allen Gebieten Reformen anstoßen. Dass auch Homosexuelle ihre Partnerschaft vor Gott – oder besser: anerkannt von der katholischen Kirche, denn ich bin sicher, Gott sieht liebevoll auf alle Menschen, die ihren Partner lieben, achten und Verantwortung für ihn übernehmen – schließen können, das wird unter dem neuen Papst sicher nicht passieren. Und auch in Punkto Frauenordinariat erwarte ich keine großen Sprünge. Aber wenn er sich zumindest den sozialen Nöten annehmen würde und wenigstens in diesem Bereich dazu beitragen, dass eine Kirche mit mehr als einer Milliarde Mitgliedern auf der ganzen Welt für die Bedürfnisse der materiell Ärmsten unter uns sensibilisiert wird, dass mit dem Geld, das in vertuschte Kinder und Kardinalslimousinen gesteckt wird, den Menschen, die es wirklich nötig haben, geholfen wird – dann wäre dieses Pontifikat ein gelungenes.