Löwenherzen

„Ich kann aber nicht töten“, sagte Jonathan, „das weißt du doch, Orwar!“
„Nicht einmal, wenn es um dein eigenes Leben geht?“, fragte Orwar.
„Nein, nicht einmal dann“, sagte Jonathan.
Das konnte Orwar nicht verstehen und auch Matthias konnte es kaum begreifen.
„Wenn alle wären wie du“, sagte Orwar, „dann würde das Böse ja bis in alle Ewigkeit herrschen!“
Aber da sagte ich, wenn alle wären wie Jonathan, dann gäbe es nichts Böses.

Seit langem einmal wieder habe ich heute in meinem Lieblingskinderbuch gelesen: „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren ist zwar für Kinder geschrieben, erzählt von zwei Kindern und aus der Perspektive eines Kindes, aber es enthält so viele weise Sätze und Vorstellungen, dass ich es auch als Erwachsene gerne lese und sogar immer noch ein Tränchen dabei verdrücke. Wenn es einen literarischen Helden gibt, den ich für seinen Mut und für seine Menschlichkeit gleichermaßen bewundere, dann ist das Jonathan Löwenherz – dicht gefolgt von seinem Bruder Karl, der beweist, dass man auch mutig sein kann, wenn man eigentlich furchtbare Angst hat.

„Krümel Löwenherz“, sagte Jonathan, „hast du Angst?“
„Nein… doch, ich habe Angst! Aber ich tue es trotzdem, Jonathan, ich tue es jetzt… jetzt… Und dann werde ich nie wieder Angst haben.“

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Erich Kästner

Die ersten wirklich dicken Bücher, die ich als lesehungrige Grundschülerin von meiner Mutter geschenkt bekam, waren zwei Bände „Kästner für Kinder“: Die Geschichten von Emil, die vom doppelten Lottchen, vom kleinen Mann und auch der kleinen Miss, die Ereignisse rund um das fliegende Klassenzimmer und den 35. Mai – was habe ich sie geliebt. Die zwei Bände verloren im Laufe der Zeit ihre Schutzumschläge, auch die Bindung schwächelt ein bisschen und die Buchrückseiten sind schon ordentlich ausgeblichen – aber sie stehen auch nach fast zwanzig Jahren und mehreren Umzügen immer noch in meinem Regal, und sie werden noch weitere Umzüge und Umbrüche miterleben, bis ich irgendwann einmal meinen Kindern daraus vorlesen kann.

Vor kurzem habe ich, teils studienbedingt, teils aus privatem Interesse, nicht nur das erste Mal einen von Kästners „Erwachsenen“-Romanen, nämlich den „Fabian“, gelesen, sondern auch eine Biographie über ihn. Und ähnlich wie damals, als ich mich intensiver mit Hannah Arendt auseinandergesetzt habe, hinterlässt mich die Lektüre einerseits schockiert – über die Umstände, in denen die Autoren lebten, leben mussten, auch wenn gerade diese beiden, Kästner und Arendt, äußerst unterschiedliche Entscheidungen trafen, dennoch beide nachvollziehbar. Andererseits ringt mir auch Kästners Lebens- und Schaffensgeschichte große Bewunderung ab – ich habe ja bekannterweise ein Faible für authentische Schreiberlinge, bei denen Lebenswerk und hinterlassene Schriften sich nicht widersprechen, sondern ergänzen. Und drittens denke ich mir regelmäßig beim Lesen aus und von der Weimarer Republik, dass wir auch heute ordentlich aufpassen müssen. Geschichte wiederholt sich spiralförmig.

Hochzeiten

Nun ist es also so weit: Die erste Hochzeitseinladung aus meinem Freundeskreis flatterte ins Haus. Bei der letzten Hochzeit, auf der ich eingeladen war, war ich neun Jahre alt und stolz wie Otto, dass ich die Kerze meines Onkels und der frischgebackenen Tante in die Kirche tragen durfte. Seither sind einige Jahre vergangen, in denen in der Elterngeneration allenfalls Scheidungen zelebriert wurden, und wir, wir waren doch noch Kinder. Jetzt sind wir das nicht mehr, woran mich die Einladung gemahnt. Tatsächlich ist diese nun heiratende Freundin nicht die allererste Braut im weiteren Bekanntenkreis; ein paar weitere junge Frauen und Männer sind bereits unter der Haube, aber mit niemandem davon war ich zum Hochzeitszeitpunkt noch enger als auf Facebook befreundet. Das anstehende Ereignis kommt näher an mich heran und löst merkwürdig ambivalente Regungen aus: Einerseits freue mich mich natürlich sehr für meine Freundin, die große Liebe gefunden zu haben, und ich freue mich auch auf das Hochzeitsfest und darüber, dass sie bei den Einladungen überhaupt an mich dachte, weil unser Kontakt durch große räumliche Distanz auch nicht mehr so gut ist, wie er einmal war. Andererseits bin ich auch ein klein wenig neidisch auf ihr Glück, das ist total blöd, das weiß ich, aber dieses Gefühl ist eben auch da, kombiniert mit diesem leicht diffusen Angstgefühl, als Single und noch dazu dort vermutlich kaum jemand kennend am Ende mich betrinkend an der Bar zu landen, weil um mich herum lauter exklusive Pärchengespräche geführt und Pärchendinge gemacht werden, bei denen ich alleine völlig nutzlos bin. (Auch das wird nicht passieren, sonst würde ich meine Freundin völlig falsch einschätzen, aber trotzdem bleibt leichtes Unbehagen.)

Und wenn sie dann mal verheiratet sind, dann… heiraten bestimmt bald die nächsten, es gäbe da schon ein paar vielversprechende Kandidaten. Und dann kommen die ersten Kinder, und Treffen scheitern nicht mehr wegen Unistress oder Auslandssemester, sondern wegen dem fehlenden Babysitter „und Anni hat doch immer diese schlimmen Koliken, und dann schreit sie die ganze Nacht, da muss ich wirklich zuhause bleiben“. Und wenn man sich doch mal besucht, geht es immer nur um die Kinder, und sollte ein Gespräch doch mal ein anderes Thema tangieren, fängt bestimmt gerade das Baby zu weinen an oder das Kleinkind muss daran gehindert werden, sämtliche Küchenschubladen auszuräumen, „und wenn du schon mal da bist, könntest du vielleicht mal kurz auf Maximilian aufpassen, damit ich die Waschmaschine ausleeren kann?“

Das Allermerkwürdigste an dieser Vorstellung ist allerdings, dass sie mich gleichzeitig furchtbar gruselt, während ich insgeheim den kitschig-spießigen Wunsch habe, selbst mal so eine Zukunft zu haben.

Scheidungskinder

Die hier schon einmal thematisierte und an anderer Stelle fortgeführte Gehen-oder-Bleiben-Diskussion um die Halbwertszeit von Beziehungen hat mich daran erinnert, dass ich schon öfters Artikel wie diesen oder diesen las, in denen Studien zitiert werden, nach denen statistisch gesehen das Risiko, selbst eine gescheiterte Beziehung zu führen bzw. besser geführt zu haben, signifikant steigt, wenn sich die eigenen Eltern trennten. Nun, wenn das so ist, bin ich quasi ein unvermittelbarer Fall: Meine Eltern trennten sich, als ich 17 war. Die Eltern meiner Mutter trennten sich, als diese ein Teenager war. Die Eltern meines Vaters trennten sich nicht – führten aber eine unglückliche Ehe, zumindest aus der Sicht meiner Großmutter, die (mit Sicherheit auch dadurch beeinflusst) schon früh an Krebs erkrankte und letztlich starb. In ihren letzten Tagen sagte sie noch zu meiner Mutter, ihrer Schwiegertochter: „Mach nicht den selben Fehler, den ich gemacht habe!“ Ich entstamme also sozusagen einer Dynastie von Kindern aus unglücklichen Beziehungen. Immer waren es die Frauen, von denen eine Trennung ausging (auch wenn Großmutter diesen letzten Schritt nicht ging, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Pflichtgefühl). Die Männer machten unter Umständen blöde Sachen, wie mit anderen Frauen zu flirten, im Extremfall ihre Frauen sogar zu betrügen oder kurzzeitig zu verlassen, vielleicht vernachlässigten sie auch einfach nur ihre Frauen und Kinder emotional, möglicherweise sogar ohne Absicht. Aber den Schritt hinaus aus der Beziehung, hinein in ein ungewisses Leben, auf sich allein gestellt und finanziell nur schlecht ausgestattet, den machten die Frauen.

Wenn es einen Glaubenssatz gibt, den ich von meiner Mutter mitbekommen habe, durch unzählige implizite und explizite Wiederholungen über die Jahre verinnerlicht, dann den: „Bewahr dir deine Unabhängigkeit! Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ Alternativ dazu vielleicht noch die Weisheit „Beziehungen vergehen, Freundschaften bestehen“ verbunden mit der Mahnung, mich nicht zu sehr in die Zweisamkeit zu stürzen und darüber meinen Freundeskreis zu vernachlässigen. Aber sind diese Mantren das Resultat einer gescheiterten Beziehung – oder auch ein Stück weit der Grund dafür? Irgendwo habe ich einmal das Statement gelesen oder gehört, wenn in einer Beziehung die Trennung eine denkbare Option wird, dann ist die Beziehung schon gescheitert. Aber ist nicht, wenn man selbst miterlebt hat, wie die Beziehung der Eltern auseinanderbrach, eine Trennung immer eine denkbare Option? Und schließlich ist es oft genug so, dass man als Kind, selbst wenn man sich eigentlich heimlich gewünscht hätte, die Eltern wären friedlich freundlich eierkuchenmäßig bis ans Ende ihrer Tage zusammengeblieben, doch auch die Entspannung bemerkte, die sich nach der Trennung ausbreitete. All die Streitereien oder wahlweise das Anschweigen beim Abendbrot, die zum Schneiden dicke Luft im Wohnzimmer, die mühsam zurückgehaltenen Tränen der Mutter oder der Knall, wenn die Tür hinter dem Vater ins Schloss fällt – vorbei. Glückliche Eltern sind bessere Eltern, ob sie nun zu zweit oder alleine glücklich sind. Wenn man um diese Wirkung von Trennungen weiß, fällt vielleicht auch selbst der Schritt vom bisherigen, nicht mehr glücklich machenden Lebenspartner weg leichter. Wenn man weiß, dass es auch alleine weitergehen kann. Dass es immer irgendwie weitergeht. Dass Glück nicht nur in Beziehungen, sondern auch in anderen Lebensbereichen gefunden werden kann.

Aber andererseits sind alle Scheidungskinder, die ich kenne (was etwa 50 % meines gleichaltrigen Freundeskreises entspricht), an sich zutiefst romantisch veranlagt, Menschen, die daran glauben, dass es so etwas wie die große Liebe wirklich gibt und die bestenfalls aus den Fehlern ihrer Eltern lernen, auf jeden Fall aber alles besser als diese machen wollen. Bei manchen sieht es aus, als ob sie das schaffen werden, bei manchen ist zumindest meine Prognose negativ, aber wir sind alle noch einigermaßen jung und ein abschließendes Urteil darüber muss noch mindestens 30 bis 40 Jahre warten. Ich habe mal gehört, dass Kinder aus gescheiterten Beziehungen sich häufig Partner suchen, die sie unbewusst an ein Elternteil erinnern. Tatsächlich hatte mein Exfreund in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten mit meinem Vater, auch wenn er das immer entrüstet weit von sich schob. Umgekehrt gab es vielleicht auch ein paar Parallelen zwischen mir und seiner Mutter, die ebenfalls schon seit vielen Jahren geschieden ist. Jetzt könnte man natürlich tiefenpsychologische Erklärungsversuche starten (in etwa so: wir wuchsen beide bei unseren Müttern auf, haben beide ein viel engeres Verhältnis zu den Müttern als zu den Vätern, von daher ist es kein Wunder, dass ich ihn, der mich an meinen Vater erinnerte, verließ, während er, den ich an seine Mutter erinnerte, mich nicht aufgeben möchte). Aber ich bin auch skeptisch, wenn es darum geht, alle aktuellen Lebensereignisse auf frühere Erlebnisse zurückzuführen; ich glaube durchaus an 1. den freien Willen und 2. die Fähigkeit, Dinge zu verarbeiten (auch wenn man sein Päckchen natürlich immer mit herum trägt, aber es muss nicht zwangsläufig immer beeinflussen). Letztendlich ist es wohl eine Kombination aus verschiedensten Faktoren, die zu den Entscheidungen führt, die wir treffen. Ergründen kann man diese Kombination nur gelegentlich und im Einzelfall  – aber es ist spannend, darüber nachzudenken.

Dance, Baby!

Auf einem bio-fairtrade-regional-handmade-und-überhaupt-alles-ein-bisschen-alternativ-Markt in meiner Stadt, der zweimal im Jahr jeweils für zwei Tage stattfindet und ein klein wenig Festival-Atmosphäre ausstrahlen möchte, weshalb er außer den Verkaufsständen auch noch eine Bühne mit hauptsächlich musikalischem Rahmenprogramm bietet, hörte ich mir heute bei wundervollem Sommerwetter neben der durch-den-Park-Bummelei auch eine der dort auftretenden Bands an. Das Publikum war bunt gemischt, viele junge Leute, aber auch Ältere, und erstaunlich viele junge Familien mit Kindern zwischen null und fünf. Die Band war nicht schlecht, auch wenn sie es nicht schafften, mich völlig mitzureißen. Und das war gut so, denn so fiel mir das kleine Kind auf: Eigentlich noch eher ein Baby, vielleicht acht Monate alt, in eine zuckersüße rot gepunktete sommerliche Latzhose gekleidet, auf Mutters Schoß sitzend und die Musik offensichtlich bewusster wahrnehmend als alle anderen Menschen drumherum. Dieses kleine Mädchen wippte und gluckste und patschte mit ihren Händchen, war völlig fokussiert auf den Klang und ununterbrochen in Bewegung, und erst als das Lied schließlich zu Ende war, sah sie sich bis über beide Ohren grinsend unter ihrem Mitpublikum um, wohl erfreut von dem Klatschen, das von den Menschen um sie herum ausging und zwar eigentlich für die Band bestimmt war, aber von ihr mindestens genauso genossen wurde. Wenn ich inmitten dieser ganzen Atmosphäre, die ja durchaus darauf ausgelegt ist, bewusst zu konsumieren und zu erleben, etwas über das ganz-da-sein im Hier und Jetzt erfahren habe, dann von diesem Kind.