Zuhause

Heimat ist da, wo du kein Navi brauchst. Dachte ich mir vorhin bei der Besuchsrunde in der Gegend, in der ich immerhin über zehn Jahre verbrachte. In den Dörfchen kenne ich mich immer noch aus. 

Jetzt sitze ich in der Wohnung von Monsieur, die schon eine Weile leer steht und die er bald aufgeben wird zwecks endgültigem Zusammenziehen, in der ich heute aber übernachte, weil ich mich in der Nähe mit alten Schulfreundinnen treffen werde. Die Wohnung riecht immer noch nach ihm. Es fühlt sich heimelig an. 

Morgen fahren wir zu meiner Mutter, darauf freue ich mich schon. Ich habe in diesem Haus dort, in diesem Ort nie gelebt, trotzdem ist es wie nach Hause kommen. 

Nach Weihnachten geht es dann wieder zurück in die Stadt, in meine eigenen sechzig Quadratmeter. Mein Zuhause. Vielleicht gibt es viele Heimaten.

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Dazwischen

In meiner hessischen Schule habe ich immer Bayern verteidigt, woher ich stammte. In Bayern trat ich vehement für das hessische Schulsystem ein. Nach der Schule brannte ich darauf, endlich etwas Praktisches zu machen. Als ich das Arbeiten anfing, vermisste ich die theoretischen Überlegungen und Gedankenspielereien. In der christlichen Jugendgruppe, in der ich eine Zeit lang Mitglied war, war ich immer viel progressiver eingestellt als der Rest. Meine anderen Freunde fanden es merkwürdig, dass ich überhaupt in die Kirche ging. In unserem Dorf war ich stets die Neuzugezogene. Außerhalb war ich die aus dem Dorf am Ende der Welt.

Es scheint eine Tatsache in meinem Leben zu sein, dass ich mich immer in einem Dazwischen befinde. Zwischen Orten, zwischen Berufen, zwischen Träumen, zwischen Menschen. Und sogar meine Einstellung zu diesem Dazwischen ist, irgendwie, dazwischen: Einerseits ermöglicht es mir eine Vielzahl an Blickwinkeln und eine Multiperspektivität, die bei weitem nicht alle in ähnlichen Situationen besitzen; andererseits fühle ich mich dadurch zwar überall ein bisschen, aber nirgends so richtig heimisch und zugehörig. Wenn ich in meiner Erinnerung krame, ist die einzige Zugehörigkeit, mit der ich keinerlei Ambivalenzen verbinde, die in meiner alten Theatergruppe. Also dort, wo ich in Rollen schlüpfen konnte. Wo ich ausprobieren durfte und zwischen Entwürfen hin- und herspringen, wo immer wieder neu interpretiert wurde und jedes Stück neue Aspekte meines Wesens wachrief.

Ein Mensch, den ich sehr schätze und der mich besser kennt als jeder andere, stellte kürzlich fest, ich sei wohl doch keine Künstlerin. Und auch keine Wissenschaftlerin. Sondern am ehesten eine Intellektuelle, die Wissen in sich einsaugt, alles begreifen möchte, aber weder kreativ schafft noch analytisch seziert, sondern etwas ratlos mit all den Einflüssen umgeht und nicht so recht weiß, wohin damit.
Als er mir das sagte, widersprach ich. Fürs Selbstbild und aus Prinzip. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass er mit dieser schonungslosen Analyse absolut Recht hatte. Unser Gespräch beschäftigte mich noch einige Tage lang. Wohin mit mir? Ich möchte in meine eigenen Schubladen passen.

Inzwischen glaube ich, begriffen zu haben. Mich begriffen zu haben. Ich bin keine Künstlerin, ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich bin dazwischen. Ich bin Schauspielerin. Ich mag Kunst, ich mag Hintergrundwissen, ich mag es, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Ich schlüpfe in Rollen, ich kann mich einem Rahmen anpassen und doch den Fokus auf den Teil des Gemäldes richten, den ich am wichtigsten finde. Ich schaffe nicht, und ich seziere nicht, aber ich kann Dinge mit Leben füllen. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe.

Grenzgänger

Grenzgänger

Wandeln auf Seilen

Zwischen den Stühlen

Setzen sich mal hier, mal dort

Ohne jemals lange zu verweilen

Wechseln Standpunkte und Perspektiven

Wollen von vorne und hinten und links und rechts betrachten

Sind überall bekannt

Aber nirgends zuhause

Verbinden

Verknüpfen

Und tanzen auf dem Netz

Das Streben hat, aber keinen Mittelpunkt

Heimat

Zum ersten Mal zog ich um, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater bekam einen Job in 200 km Entfernung von unserem damaligen Wohnort. Mit neun Jahren kam der nächste Umzug. Meine Eltern kauften sich ein Haus. Dann wieder mit siebzehn. Meine Eltern trennten sich. Als ich zwanzig war, wohnte ich für ein Praktikum ein Vierteljahr lang knapp 200 km entfernt. Mit einundzwanzig zog ich schließlich „richtig“ von zuhause aus, in die Stadt, in der ich jetzt lebe, die ganz okay, aber mit Sicherheit nicht die letzte (und wahrscheinlich auch nicht die vorletzte oder vorvorletzte) Station auf meinem Lebensweg ist.

Es gibt ja Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einem Ort, oder doch zumindest in einem sehr eng gesteckten Gebiet leben. Die mit ihren Nachbarn in den Kindergarten und in die Schule gingen. Die jeden kennen, der mit ihnen in der Schlange beim Bäcker steht, und mit dem Großteil dieser Menschen auch noch weitläufig verwandt sind. Das ist ein Leben, das ich mir kaum vorstellen kann.

Ich besuchte den Kindergarten in einem anderen Ort als die Grundschule, und in meiner Klasse im Gymnasium war niemand mehr aus meiner Grundschule. Freunde kamen und gingen, die ältesten Freunde, die ich noch habe, lernte ich erst als Teenager kennen und nicht in der Krabbelgruppe. Ich war immer eine Neuzugezogene. Keine von den Alteingesessenen. Ich sprach nicht den selben Dialekt wie die anderen; genau genommen sprach ich nie einen richtigen Dialekt, sondern mehr oder weniger Hochdeutsch mit Einsprengseln aus allen Gegenden, in denen ich je zuhause war. Hochdeutsch kann ein Fremdheitskriterium sein.

Manchmal frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt, einen Ort als Heimat bezeichnen zu können. Na klar, es gibt einige Orte, zu denen ich Geschichten erzählen kann. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, freue ich mich, wenn auf einem Schild der Name des Ortes steht, in dem ich meinen ersten Nebenjob hatte, und wenn ich im ICE fahre, schaue ich immer aus dem Fenster an dieser einen Stelle, wo man für anderthalb Sekunden meine alte Schule sehen kann. Aber es gibt keinen Ort, in dem ich mich wie in meiner Westentasche auskenne. Wo ich alle Leute kenne und alle Leute mich, wo ein Elternhaus steht und die ganze Verwandtschaft wohnt, wohin ich immer wieder zumindest für Besuche zurückkehre. Ich stelle es mir schön vor, dadurch ein kleines bisschen äußerlichen Halt zu haben. Allerdings glaube ich, dass dieser Halt zumindest in manchen Fällen durch ein dumpfes Gefühl des Kontrolliert-werdens und des Nicht-ausbrechen-dürfens erkauft ist.

An meinem Leben mag ich, dass ich durch die Umzieherei meiner- und bekannterseits inzwischen in nahezu ganz Deutschland und sporadisch auch darüber hinaus Anlaufstellen habe. Vorausgesetzt, es verschlägt mich nicht gerade nach Salzgitter oder Braunschweig, kenne ich eigentlich überall irgendjemanden. Und ich habe auch das Gefühl, dass das Umherziehen und immer wieder Neuanfangen eine gewisse Offenheit und Flexibilität bewahrt, die mir wichtig ist und die das Über-den-Tellerrand-schauen vereinfacht. Das Immer-ein-bisschen-fremd-fühlen gehört dann wohl einfach dazu.