Ansichtssache

Vor einer Weile kam ich schlecht gelaunt, unlustig und überhaupt einfach nicht gut drauf in die Arbeit. Ein Raum, in dem ein Teil meiner Arbeit stattfindet und den Kollegen aus verschiedenen Abteilungen nutzen, war vollgestellt mit allerlei Kram, der am Tag davor noch nicht dort stand. Ich war davon genervt und begrüßte eine Kollegin, die kurz nach mir ankam, mit einem „Oooh, das ist alles wieder so voll hier“ – in der Erwartungshaltung, sie würde in mein Lamento einstimmen. Stattdessen lächelte sie mich an und sagte: „Ach, wir schaffen das trotzdem, meinst du nicht?“

Manchmal ist es einfach eine Frage der Betrachtungsweise. Schaue ich das an, was mich nervt, suche ich danach, was andere vielleicht falsch gemacht haben, oder mache ich einfach das Beste aus dem, was mir zur Verfügung steht? Manchmal braucht es einen anderen Menschen, der einen aus einer eingefahrenen Haltung oder auch nur einer schlechten Stimmung herausschubst. Jener Kollegin bin ich jedenfalls sehr dankbar für ihren kleinen feinen Satz, der mich daran erinnert hat, dass ich ein äußerst glücklicher Mensch bin, wenn mein größtes Problem ein paar herumstehende Dinge sind.

Abwarten und Tee trinken

Ich glaube, es ist ein Problem meiner Generation, dass wir nicht ertragen können, wenn etwas schief läuft. Dass wir, wenn andere Menschen anders denken und fühlen und handeln als wir das tun oder möchten, lieber schnell beschließen, dass das mit diesen Menschen eben nicht hat sollen sein und einen Schlussstrich ziehen, einen lauten oder einen leisen, anstatt eine Weile abzuwarten. Seid glücklich!, das haben wir von unseren Eltern mitbekommen, Geht euren eigenen Weg!, und das ist ja auch schon ein Fortschritt gegenüber einem So war es aber schon immer! oder einem Nein, sonst reden die Leute!. Aber Glück, das ist eine schwierige Sache, es gibt die kurzen Glücksmomente, die aufblitzen und dann wieder verschwinden und es gibt das tiefe Glück, von dem man erst merkt, dass man es hatte, wenn es nicht mehr da, ergo es zu spät ist. Und der eigene Weg – natürlich ist es gut und wichtig, nicht nur die ausgetretenen Pfade zu nehmen, aber wenn man immer alleine durchs Dickicht stapft, um ganz sicher den ganz eigenen Weg zu schaffen, ist das auf Dauer auch eine recht einsame Geschichte.

Jetzt ist es doch so: Wenn ein Job doof ist, wird gekündigt und ein neuer gesucht. Wenn die Stadt nicht passt, zieht man eben um. Wenn die Beziehung kriselt, wird sich lieber zeitig getrennt, dann war es wohl doch nicht der Richtige und von neuem kann Ausschau nach dem weißen Pferd samt Reiter gehalten werden. Aber Menschen sind nicht statisch, sie verändern sich, sie machen Fehler, manchmal richtig blöde, manche sehen sie ein und andere nicht, ihre Wünsche und Erwartungen und Prioritäten ändern sich, sie haben gute und mittlere und schlechte Phasen, es gibt Hochgefühle und Euphorie und an einem anderen Tag einen Tatendrang, der gerade mal bis aufs Sofa vor den Fernseher reicht. Die Kunst ist, zu unterscheiden, wo Menschen sich dauerhaft in zwei verschiedene Richtungen entwickeln und wo einer vielleicht nur einen kleinen Umweg macht. Um das herauszufinden, muss man eben manchmal eine Weile abwarten und akzeptieren, dass jetzt gerade eine nur so mittelmäßige Zeit ist, im festen Glauben daran, dass es auch wieder besser wird. Dieses Abwarten und Akzeptieren, so scheint mir, schaffen nicht viele aus der Y-Generation. Aber ob das Glück zuverlässiger kommt, wenn man ihm von hier nach dort hinterherhüpft, das wage ich zu bezweifeln.

(Gedanken, angeregt durch das sehr sehenswerte „Alle lieben George“ von Alan Ayckbourn am Nürnberger Staatstheater. Drei Paare mittleren Alters, scheinbar geordnete Kleinstadtverhältnisse; ein Freund, der durch einen Ausnahmezustand alle Beziehungen durcheinander wirbelt und alles Brodelnde an die Oberfläche bringt. Sechs Personen, die ertragen, dass der Mensch an ihrer Seite Dinge tut, die sie nicht nachvollziehen können, die sie vielleicht sogar verletzen. Drei Paare, bei denen am Ende sicher nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, die aber auf einem guten Weg zu sein scheinen.)

Sehnsuchtsfenster

Ich weiß nicht, warum mich gerade dieses Fenster so magisch anzieht. Liegt es an der Aussicht, die doch nur normales Stadtgeschehen zeigt, eine Kreuzung, eine Eisenbahnbrücke, einen kleinen Platz mit ein paar Bäumen? Liegt es an dem extrabreiten Fensterbrett, das dazu einlädt, sich darauf zu stützen, zu setzen, zu knien? Ist es der Fliegengitterrahmen, der nur hauchdünn ist, mir besten Durchblick gewährt und trotzdem eine feste Barriere zwischen mir und der Welt ist?

Den Raum, in dem sich das Fenster befindet, betrete ich nicht allzu häufig. Aber stets führt mich der erste Gang zum Fenster. Ich blicke melancholisch auf leere Äste im Bindfadenregen. Ich drücke mir die Nase platt, wenn winterliche Schneeflocken tänzeln. An den ersten Frühlingstagen öffne ich das Fenster sperrangelweit und lasse die klare Luft in meine Lungen strömen. Wenn es draußen warm geworden ist, setze ich mich auch mal in das offene Fenster, den Rücken links angelehnt, die Füße rechts aufgestützt. Eigentlich ziemlich unbequem, aber ich liebe es, nach draußen zu schauen, Sommerluft zu atmen, gleichzeitig Teil und Beobachterin zu sein. Unter mir laufen Menschen vorbei, die meisten von ihnen sehen mich nicht. Einmal entdeckte mich ein Kind, ich winkte dem kleinen Jungen und er winkte zurück. Alltag, Banalität, aber auch: drei Sekunden Glück.

Von der Liebe

… Sieh, Liebster, ich habe immer gewußt – schon als Gör -, daß ich wirklich nur existieren kann in der Liebe. Und hatte gerade darum solche Angst, daß ich einfach verloren gehen könnte. Und nahm mir meine Unabhängigkeit. Und bei der Liebe der andern, die mich für kalt erklärten, dachte ich immer: habt ihr ’ne Ahnung, wie gefährlich das ist und für mich wäre.
Und als ich Dich dann traf, da hatte ich endlich keine Angst mehr – nach jenem ersten Schreck, der eigentlich noch ein Kinderschreck war und sich nur erwachsen aufspielte. Immer noch scheint es mir unglaubhaft, daß ich beides habe kriegen können, die „große Liebe“ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiß aber nun endlich auch, was Glück das eigentlich ist…

[Genf, 18. September 1937, Hannah Arendt an Heinrich Blücher]

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.

Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, daß ich… Daß ich mich freu.

(Mascha Kaléko)

Hommage an gute Menschen

Manchmal halten dir fremde Menschen einfach die Tür auf oder lassen dir den Vortritt, wenn in der U-Bahn nur noch ein einziger Platz frei ist. Manchmal macht dir ein Kollege ein Kompliment über dein Kleid oder deine Ohrringe oder deine Frisur, selbst wenn du dich heute gar nicht besonders schön fühlst. Manchmal triffst du alte Bekannte wieder, die du jahrelang nicht gesehen hast, und du dachtest, sie hätten dich schon längst vergessen oder zumindest ganz weit hinten in einer Gedankenschublade abgelegt, aber dann freuen sie sich wahnsinnig, dich wieder zu sehen und interessieren sich wirklich ernsthaft für dich und dein Leben. Manchmal ruft ein guter Freund an, zufällig, ohne zu wissen, dass du gerade jetzt wirklich dringend einen Menschen brauchtest, dem du dein Herz ausschütten kannst. Manchmal lächeln Menschen einfach so, ohne ersichtlichen Grund, aber du bekommst davon unwillkürlich gute Laune. Manchmal sind Menschen stark und mutig und sagen ganz nebenbei ungeheuer weise Weisheiten, die du am liebsten mitschreiben würdest, um sie niemalsnie zu vergessen. Manchmal fegt ein Wort, eine Umarmung, ein Seelenblick eines guten Menschen alles Ungemach hinweg. Manchmal vergehen Tage wie im Flug, die du mit guten Menschen verbringst, weil jede Sekunde gleichzeitig ganz neu und schon ewig vertraut ist. Manchmal triffst du einen Menschen und obwohl du dich nicht lange mit ihm unterhältst, obwohl du keine tiefen Gedanken austauschst oder radikale Geheimnisse teilst, fühlst du dich diesem Menschen auf mysteriöse Weise tief verbunden, so als ob ein unsichtbares, elastisches Band euch nach langer Zeit wieder zusammen hat finden lassen. Manchmal ist ein Mensch alles, was dich noch mit der Welt verbindet. Immer sind es Menschen, wegen denen es sich zu leben lohnt.

 

Momentaufnahme

Manchmal gibt es Momente, die einfach so überwältigen. Ohne, dass etwas Außergewöhnliches passiert wäre, ohne einschneidende Ereignisse, ohne persönliches Zutun, sondern einfach so, weil gerade alles passt. Weil für einen Moment lang alles in dir drin explosionsartig aufschäumt, um sofort danach ruhig zu werden, so wie ein See, dessen Oberfläche in der Abendsonne vor sich hin funkelt und nur von einer leichten Brise gekräuselt wird. In deinem Kopf formt sich eine Erkenntnis nach der anderen, und selbst, wenn du sie eine Sekunde später alle wieder vergisst, weißt du doch, dass sie einmal da waren und wieder kommen können, was eine ungemein beruhigende Erfahrung ist. Und du merkst, dass dir Tränen in die Augen schießen, was dir ein bisschen peinlich ist, wegen der Menschen um dich herum, die dich möglicherweise für total bescheuert halten, weil doch gar nichts passiert ist, nicht im Guten und nicht im Schlechten, es ist nur ein Moment unter vielen, aber für dich ist es der eine Moment, und weil es genau dieser eine Moment ist, ist es dir eigentlich schon fast wieder egal, was die anderen Leute denken. Es ist dein Moment, dein Wimpernschlag Ewigkeit, der dich wieder an Gott und an das Gute im Menschen glauben lässt, der dir Kraft gibt und Stärke und Zuversicht, einfach so, ohne dass du danach gefragt hättest. Ein Moment Frieden, der dich mit der Welt versöhnt. Du atmest tief aus, hebst den Blick und spazierst hinaus in diese Welt, und die ganz lebendige Erinnerung an diesen Moment strahlt von deinem Herzen bis in dein lächelndes Gesicht.

Planlos

Als Teenager fuhr ich häufig mit Bayern-, Schönes-Wochenend- und anderen Bummelzugtickets durch die Weltgeschichte, damals, als ich wenig Geld, aber viel Muße hatte. Eine Freundin, mit der ich viel Zeit in Zügen verbrachte, zog mich oft auf, weil ich im Gegensatz zu allen anderen nicht nur einen Zettel mit Umsteigebahnhöfen und -zeiten dabei hatte, sondern sogar noch eine ausgedruckte Liste mit allen Zwischenhalten – ich fand das hilfreich, um immer zu wissen, wie viele Haltestellen es noch sind, bis ich umsteigen muss und um auf dem Laufenden zu sein, ob der Zug Verspätung hat, ohne auf beschönigende Lokführerdurchsagen angewiesen zu sein. Kurzum, ich wollte Kontrolle. Meine Freundin fand das albern bis übertrieben und erklärte mir jedes Mal, was ich machen müsste, sei eine völlig spontane Zugtour mit einem ebensolchen Bummelzugticket, einem Tag Zeit und ganz ohne Plan, sich treiben lassen, dorthin fahren, wo es gerade gefällt. Wir hatten immer vor, das eines Tages gemeinsam zu machen. Aber die Freundschaft verblasste, ohne diese Tour je umgesetzt zu haben. Diese Vorgeschichte – und natürlich auch der noch ausstehende Punkt 9 auf der To-Do-Liste – führten dazu, dass ich für diesen Samstag plante, nichts zu planen.

Ich kaufe das Bayern-Ticket und schlendere anschließend zum Abfahrtsplan in der Bahnhofshalle. Während ich noch etwas unschlüssig auf Zeiten und Ziele starre, höre ich hinter mir auf einmal Trommeln und eine außergewöhnlich große Menschenmenge und stehe plötzlich inmitten einer Gruppe Demonstranten mit gelben Warnwesten, Plakaten, eben Trommeln und habe kurzzeitig das Gefühl, in irgendeinem skurrilen französischen Arthousefilm gelandet zu sein. Aber die Demonstranten ziehen weiter, während ich weiterhin unschlüssig stehen bleibe und mich schließlich dafür entscheide, in Richtung Süden (hoffentlich besserem Wetter entgegen) aufzubrechen und den RE nach Augsburg ins Auge fasse. Bis zu dessen Abfahrt dauert es noch zwanzig Minuten; ich überlege, wie immer in solchen Fällen die Bahnhofsbuchhandlung aufzusuchen. Im Schaufenster hängt Werbung für ein neues Magazin, das auf dem Titel mit „Veränderung: Was dich dazu bringt, deine Komfortzone zu verlassen“ wirbt. Kurz denke ich über den Kauf nach. Aber nein: Mich lesend in den Zug zu setzen wäre absolute Komfortzone, und ich habe mir vorgenommen, heute offen für Menschen und Eindrücke zu sein. Im Zug setze ich mich in einen leeren Vierer, kurz darauf stoßen zwei Frauen mittleren Alters hinzu. Über den unhöflichen Zugbegleiter am Nachbargleis kommen wir schnell ins Gespräch und freuen uns gemeinsam darüber, dass „unsere“ Zugbegleiter deutlich freundlicher sind. Die beiden fahren zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte irgendwo hinter Treuchtlingen und zeigen sich angetan von meinem Planlos-Plan. „Augsburg ist eine schöne Stadt für einen freien Nachmittag, vielleicht können Sie sich das Fuggerhaus ansehen!“ Ich nicke höflich, während sich in mir die Erkenntnis festsetzt, dass ich eigentlich weder Lust auf Stadtbummel noch auf Stadtgeschichte habe. Aber was dann? Ich bin unruhig beim Gedanken daran, hier möglicherweise einen Tag mit Dingen zu verschwenden, die ich gar nicht will. Planlosigkeit ist nicht meine Stärke. Weiterlesen