Sehnsuchtsfenster

Ich weiß nicht, warum mich gerade dieses Fenster so magisch anzieht. Liegt es an der Aussicht, die doch nur normales Stadtgeschehen zeigt, eine Kreuzung, eine Eisenbahnbrücke, einen kleinen Platz mit ein paar Bäumen? Liegt es an dem extrabreiten Fensterbrett, das dazu einlädt, sich darauf zu stützen, zu setzen, zu knien? Ist es der Fliegengitterrahmen, der nur hauchdünn ist, mir besten Durchblick gewährt und trotzdem eine feste Barriere zwischen mir und der Welt ist?

Den Raum, in dem sich das Fenster befindet, betrete ich nicht allzu häufig. Aber stets führt mich der erste Gang zum Fenster. Ich blicke melancholisch auf leere Äste im Bindfadenregen. Ich drücke mir die Nase platt, wenn winterliche Schneeflocken tänzeln. An den ersten Frühlingstagen öffne ich das Fenster sperrangelweit und lasse die klare Luft in meine Lungen strömen. Wenn es draußen warm geworden ist, setze ich mich auch mal in das offene Fenster, den Rücken links angelehnt, die Füße rechts aufgestützt. Eigentlich ziemlich unbequem, aber ich liebe es, nach draußen zu schauen, Sommerluft zu atmen, gleichzeitig Teil und Beobachterin zu sein. Unter mir laufen Menschen vorbei, die meisten von ihnen sehen mich nicht. Einmal entdeckte mich ein Kind, ich winkte dem kleinen Jungen und er winkte zurück. Alltag, Banalität, aber auch: drei Sekunden Glück.

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Stille

Eine der schönsten Eigenschaften des Winters ist die Stille. Stille, die draußen ist, wenn du abends aus der U-Bahn-Station nach oben steigst und es außen kalt und windig und nieselig ist, fast niemand unterwegs außer dir, du hörst nur die Regentropfen auf deiner Kapuze und den Wind, der zwischen den Häusern pfeift und ein paar übrig gebliebene Herbstblätter über den schmutzigen Boden wirbelt. Da sind keine anderen Menschen mehr, nicht mal Autos oder die Straßenbahn, und die Stille von draußen erlaubt es deinem Kopf, die ganze Klangwelt in Beschlag zu nehmen und zu füllen mit der Musik, die gerade in deinem inneren Radio läuft, oder den mehr oder weniger kuriosen Selbstgesprächen, in denen du einem imaginären Freund von deinem Leben erzählst, oder einfach mit – Stille. Eine Leerstelle, die einfach mal leer bleibt und nicht sofort ausgefüllt werden muss, die sich vielleicht ganz langsam und allmählich füllen kann, aber eben nicht notwendigerweise. So mag ich auch kaltwindignieselige Wintertage.

Gedankenweide

Ich hätte gerne eine Gedankenweide. Eine große, grüne, reichhaltige Wiese mit einem Zaun drumherum, auf die ich meine Gedanken lassen kann. Die Sorte, die gerne im Kreis herum rennt. Da könnten sie sich austoben wie junge Pferde, sich aneinander messen, miteinander laufen und traben und rennen, vielleicht im Kreis, vielleicht fällt ihnen aber auch eine neue Richtung ein, wenn sie genügend Platz haben. Und spät am Abend, wenn sie sich ausgetobt haben und müde sind, beschränkt aufs Wesentliche, dann hole ich sie wieder ab und lasse sie in meinen Kopf hinein und wer weiß, vielleicht entdecke ich dann ja auch ganz neue Seiten an ihnen. Denn im Moment machen sie mich mit ihrer andauernden im-Kreis-Rennerei ganz schön fertig.

Fetzende Famosgesellen und andere Begleiter

Beim ziellosen Hinundherschlendern durch Blogs und Kommentare, online prokrastinierend und sozusagen fliehend vor allen Reallebenbedürfnissen kam mir heute einmal wieder die eigentliche Merkwürdigkeit der Onlineschreiberei in den Sinn. Nun blogge ich seit anderthalb Jahren, mal mehr, mal weniger regelmäßig, über alles, was mir so einfällt. Im ersten Jahr schrieb ich fast ganz für mich alleine, ein virtuelles Tagebuch sozusagen, öffentlich verfügbar aber weitestgehend unbeachtet. Dann, ich weiß nicht wie, stießen die ersten Personen dazu, kommentierten und folgten, was der Schreiberei einen ganz neuen Anstrich verlieh: Auf einmal war da ein Publikum, und aus dem fürmichschreiben wurde ein fürmichundandereschreiben, ein größerer Anspruch, aber mit einem viel größeren Lohn, nämlich der Gedankenaustausch mit anderen Menschen, von denen ich nichts weiter kenne als Pseudonyme, die mit der Realität viel oder wenig gemeinsam haben können, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Frau Käthe Knobloch auch im Alltag so eloquent mit Wörtern jongliert, ob Sir Alec Guinness stets pragmatisch-vernünftig handelt, ob Ben Fröhlich seine Lebenslust auch außerhalb seiner Texte zeigt, ob MmeContraires feinsinnige Gedankenweberei auch offline sichtbar wird, ob Candy Bukowski im wahren Leben die leidenschaftlich-starke Frau ist, die aus ihren Texten spricht. Aber, und das ist das Erstaunlichschöne daran: Obwohl ich niemanden davon in Wirklichkeit kenne, von niemandem die Telefonnummer eingespeichert habe, noch nie mit jemandem zum Picknicken im Park verabredet war, fühlt es sich beinahe wie Freundschaft an, in ihrer platonischsten Ausprägung. Ich habe noch kein Gesicht gesehen, aber durfte in Seelen spitzen, und das ist unendlich wertvoller. Ich hebe das (imaginäre, es ist schließlich noch Vormittag) Glas auf all die Menschen hinter den Blogs, die ihre Gedanken teilen mit uns. Sentimentalgefärbterherzchenförmiger Dank.