Stadtspaziergang

Der Frühling erwacht und die Stadt mit ihm. Zeit für den Erkundungsgang durch das neue Viertel. Teenager spielen Basketball im Burggraben. An der Eisdiele stehen Menschen Schlange, Kinder auf Laufrädern fahren quietschvergnügt und eisbefleckt umher. Ein alter Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl durch den Park. Auf der Straße radelt ein junger Mann mit grünem Hut und Gitarre auf dem Rücken barfuß an mir vorbei. Ein Rotkehlchen erkundet neugierig die frisch bepflanzten Blumenkästen. Unter altem Laub dringen vorwitzig hellgrüne Triebe hervor. Blüten öffnen sich zur Sonne hin, die Menschen tun es ihnen nach.

Fernfreundschaft

Zehn Jahre. So lange kenne ich meine beste Freundin schon. Wir haben uns in der Schule kennengelernt, haben zusammen viele verrückte Dinge erlebt und unternommen und unglaublich viel Zeit miteinander verbracht. Dann kam der Abschluss, erst meiner, dann ihrer, Ausbildung, Studium, Wegziehen, Jobs, neue Orte, Freunde, Männer, Beschäftigungen, Prioritäten, Wegbegleiter. 300 km Entfernung tun ihr übriges. Man sieht sich zwei, drei, vielleicht vier Mal im Jahr, bei Geburtstagsfeiern oder zu einem Kaffee auf halber Wegstrecke, so dass jeder nur eine Stunde mit dem Auto fahren muss. Zwischendurch E-Mails, Facebook-Nachrichten, SMS, ein paar Telefonate. Und dann, das erste Mal seit sehr langer Zeit, anderthalb freigeschaufelte Tage zu zweit. Es ist nicht mehr wie früher. Wir sind keine Teenager mehr. Inzwischen ist die Zeit, in der wir zusammen zur Schule gingen, kürzer als die, in der wir auf unterschiedlichen Wegen unterwegs waren. Und trotzdem, gerade jetzt, erst recht: Wir können immer noch zusammen auf dem Sofa Eis in pervers-süßen Kombinationen essen und dazu furchtbar kitschige Filme sehen, und es fühlt sich einfach richtig an. Verschlafenes Frühstück mittags um halb zwölf, ungeschminkt, in Schlafanzug und Kuschelsocken, aber mit reich gedecktem Esstisch. Wir haben uns abends verquatscht, tun es auch beim Frühstück wieder. Es gibt so viele Gesprächsthemen, und es zeigt sich, dass trotz völlig unterschiedlicher Lebenssituationen die essentiellen Fragen und Probleme die selben sind. Freundschaft ist: Wenn man weiß, dass Zeit vergangen ist und es trotzdem nicht merkt, weil alles immer noch genauso passt wie früher.

 

Frühlingsgefühle

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Trotz mehrfacher Umzüge kam ich nie über ein 2000-Seelen-Dorf hinaus. Als Kind war das toll, spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät wurde es nervig und immer nerviger. Die bestandene Führerscheinprüfung war wie eine Befreiung, und das erste eigene Auto anderthalb Jahre später veränderte alles. Unabhängig vom beinahe nicht existierenden Nahverkehr sein, fahren wohin ich will wann ich will mit wem ich will – ich liebte die Möglichkeiten, die mir mein Auto bot. Inzwischen wohne ich in der Stadt und erledige 98 % meiner Alltagsgeschäfte mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr, weil das Autofahren hier einfach unpraktisch ist. Behalten habe ich das Auto trotzdem, als kleinen Luxus und Reminiszenz an vergangene Zeiten – selbst wenn ich inzwischen sogar das Zugfahren wieder zu schätzen gelernt habe, weil sich die Fahrzeit dabei weniger verschwendet anfühlt.

Heute fuhr ich einmal wieder mit dem Auto, zu einem Kaffeetrinktreffen in einem zwanzig Kilometer entfernten Städtchen. Das Wetter war schön, beinahe frühlingshaft; meinen dicken Parka konnte ich offen lassen und im blendenden Sonnenschein war ich mit Mütze vollkommen overdressed. Auf dem Rückweg sauste ich über die Autobahn – zu schnell, ich gebe es zu. Aber bei gutem Wetter und leeren Straßen kommt gelegentlich der Geschwindigkeitsfanatiker in mir zum Vorschein. Wieder im innerstädtischen Bereich angelangt, öffnete ich die Fenster und drehte die Musik noch ein bisschen weiter auf. Der CD-Player spielte wunschgemäß einen meiner persönlichen Feelgoodsongs, durchs Fenster zog eine angenehme leichte Brise frühlingsfrischer Luft, ich gab Gas und fuhr metaphorisch und wortwörtlich der Sonne entgegen. So sehr man aus ökologischer und unfallstatistischer Sicht auch auf den Individualverkehr schimpfen mag: Ein überfülltes Regionalexpressabteil kommt eben doch nicht an das Glücksgefühl einer frühlingsfreien Autofahrt heran.

Märchenfrühling

Nach einer wunderschönen warmen und leider viel zu kurzen Frühlingswoche Anfang März war es heute das erste Mal wieder so draußen, dass ich das Gefühl hatte, der Winter geht jetzt vorbei. Auf einmal ist alles so leicht und so fröhlich; ich hatte meinen freien Tag und bin trotzdem früh aufgestanden, weil die Sonne so schön in mein Schlafzimmer schien. Im Bad habe ich mir zwei Zöpfe geflochten – der Frühling ist eine mädchenhafte Zeit, finde ich. Dazu meinen knallroten dünnen Mantel, der endlich den Tweedmantel in sanftrosa ablöst und somit auch farblich signalisiert: Jetzt wird’s bunt! Mit Zöpfen und Mantel muss ich ausgesehen haben wie Rotkäppchen, aber das störte mich nicht weiter. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, die Luft zu genießen, die bei fünf oder sechs Grad mehr auf einmal ganz anders riecht. Zurück zu Hause habe ich hochtrabende Pläne für künftige Frühlingsmode gemacht und im Internet Stoffe bestellt; hoffen wir, dass meine Selbstdisziplin ausreicht, die dann auch wirklich zu hübschen Kleidern zu verarbeiten und nicht in der überquellenden Stoffkiste alt werden zu lassen. Hach, ich mag die Zeit, in der man wie aus einem Winterschlaf erwacht, in der auf einmal alles hell und freundlich erscheint, in der die Menschen wieder das Lächeln und die Blumen das Blühen anfangen. Frühling, bleib nur da!