Line Dance mit den Woippyanern – Sixième jour

Der Tag beginnt mit der Suche nach einem Bäcker in Rouen. (Ja, Essen ist eine wichtige Motivation während dieses Roadtrips.) Allerdings finden wir eine ganze Weile keinen, dafür stolpern wir beinahe über die Kathedrale, die riesengroß ist (überraschend, dass wir sie trotzdem nicht wahrnahmen, bis wir direkt vor ihr standen), wunderbar filigran verziert und von innen nochmal ganz anders aussieht als von außen. Tatsächlich muss ich sagen: Dagegen kann Notre-Dame in Paris einpacken.

Weil wir aber immer noch hungrig sind, laufen wir weiter und finden nicht nur eine Bäckerei, sondern stranden gleich noch an einem großen Markt, wo nicht nur Blumen, Lebensmittel, Kleidung und Gebrauchsgegenstände angeboten werden, sondern der im hinteren Bereich auch noch einen Flohmarkt umfasst. Wir lassen uns darüber treiben, essen dabei unser Frühstück und beschließen kurzerhand, den angedachten Besuch im Musée des Beaux Arts sein zu lassen – es ist viel spannender, die Stadt direkt zu erleben. Wir gehen noch etwas in eine andere Richtung und kommen schließlich an der Abbatiale Saint Ouen heraus, einer weiteren beeindruckenden Kirche, die in einer weitläufigen Grünfläche liegt. In der Kirche befindet sich eine Ausstellung von Jean-Marc de Pas, der kleine Tonskulpturen zum Thema Exodus angefertigt hat – eine Art Assoziationskette vom biblischen Exodus über Vertriebene in den Weltkriegen und vietnamesische Boatpeople bis hin zu den Flüchtlingen von heute und den Mauern, die zwischen Arm und Reich aufragen. Obwohl ich eigentlich kein Fan von Skulpturen und auch nicht von Ton als Material bin, war das eine sehr interessante, sehr nachdenklich machende Ausstellung und damit hätten wir sogar den eigentlich schon verworfenen Punkt Kunst abgehakt.

Gegen Mittag fahren wir weiter, wir wollen heute noch bis kurz vor die Grenze kommen. Trotz Staus und Baustellen schaffen wir es bis auf die Höhe von Metz und übernachten in einem kleinen zweckmäßigen Durchreisehotel an der Autobahnabfahrt bei Woippy. Wie so häufig fahren wir nach dem Einchecken erst mal weiter, hinein nach Woippy, um unseren schon recht aufmerksamkeitsfordernden Hunger zu bekämpfen. Das Städtchen wirkt auf den ersten Blick sehr leer, kaum Menschen, wenig Läden und wenn, dann geschlossen, nur ein einsames Schnellrestaurant hält die Stellung. Auch dort sind wir die einzigen Gäste, doch wir lassen uns unsere Assiettes Kebap schmecken. Während wir draußen sitzen und essen, fällt uns auf, dass auf einmal immer mehr Menschen, teilweise sehr schick angezogen, auftauchen und an uns vorbei in die selbe Richtung gehen. Wir werden neugierig und folgen schließlich der Menge, bis wir an einem Dorffest herauskommen. Doch das Interessanteste an diesem Fest sind weder die Bratwurstbuden noch die Kinderkegelbahn im Heu, sondern die Tanzfläche im großen Festzelt: Eine Band spielt, zwei Akkordeone, Country-Sound, und eine ganze Menge Menschen stehen auf der Tanzfläche und tanzen eine Art Line Dance. Und nicht nur das: Beim nächsten Lied geht es mit dem Line Dance weiter, allerdings dieses Mal mit einer anderen Choreographie. Auch beim dritten Song gibt es einen neuen Move, erst danach löst sich die große Tänzergruppe auf und es bilden sich klassische Tanzpaare. Vom Zuschauen juckt es mir in den Füßen, so dass ich meine Freundin zu einem kurzen Abstecher auf die Tanzfläche überzeugen kann. Danach geht es wieder ins Hotel und wir lassen den Abend mit einem französischen Animationsfilm ausklingen (verständlich auch ohne alles zu verstehen), bevor es am nächsten Tag auf die Heimreise geht. So endet unser Roadtrip – und ich bin glücklich, eine verrückte, aufregende, tolle Reise mit einer guten Freundin gemacht zu haben.

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Cabourg, mon amour – Cinquième jour

Am fünften Tag starten wir Richtung Deauville, was laut Reiseführer ein eher teurer Ort mit hoher Promi-Dichte sein soll – wir wollen uns das gerne mal anschauen. Allerdings hat auch dieser Ort wieder extrem hohe Ähnlichkeit mit allen Küstenorten der letzten Tage, so dass wir eigentlich schon wieder gehen wollen, als wir an einem Flohmarkt vorbeikommen und beschließen, darüber zu schlendern. Wir verlieben uns beide spontan in ein wunderhübsches schulterfreies, altrosanes Lederkleid und überlegen schon, es einfach zu kaufen – eine von uns würde mit Sicherheit hineinpassen -, doch der Preis übersteigt unser Budget leider mehr als deutlich, so dass das Lederkleid weiter am Flohmarktstand hängen bleibt. Es scheint sich grundsätzlich um einen Flohmarkt mit sehr hohem Preisniveau zu handeln, aber da uns außer dem Kleid ohnehin nichts weiter interessiert, ist das nicht so tragisch und wir verlassen Deauville recht bald wieder.

Unsere nächste Station ist Cabourg, das Marcel Proust viele Sommer lang besuchte und das er als Balbec in seiner Recherche Du Temps Perdu verewigte. Da verwundert es auch nicht, dass man kaum durch die Stadt kommt, ohne ein Porträt von Proust, eine Gasse mit seinem Namen, einen Stein mit einem Zitat von ihm zu bemerken. Vor allem im Grand-Hotel, in dem er immer abstieg und das heute natürlich wahnsinnig teuer und luxuriös ist, aber durch dessen Lobby wir immerhin mal hindurchspazieren, gibt es auf engstem Raum Portrait, Zitate und das Schild zum „Salle M. Proust“.

Auf der Rückseite des Grand-Hotels ist auch gleich das Meer. Und zum ersten Mal während unserer Reise finden wir nicht nur einen Strand, sondern sogar einen Sandstrand! Eigentlich wollten wir nur unser Frühstücksgebäck vom hiesigen Bäcker mit Meerblick verzehren, aber bei diesen Aussichten – Sand und reichlich Sonne – beschließen wir, doch noch mal zum Auto zu laufen und mit Badesachen wiederzukommen. Wir verbringen mehrere Stunden im Meer und in der Sonne, sind danach leider ziemlich gerötet, aber das war es wert. Zum Abschluss gönnen wir uns noch Galettes in einer Crèperie in der Nähe und machen uns dann auf die Weiterfahrt: Langsam müssen wir schon wieder an die Heimreise denken, verabschieden uns wehmütig vom Atlantik und starten nach Rouen.

Unser Hotel in Rouen ist nicht nur schwierig zu finden, sondern auch ansonsten eher medium statt wow, aber da wir nur eine Nacht hier sind, ist das nicht weiter relevant. Wir pflegen unsere Sonnenbrände (doch heftiger als erwartet), aber am späteren Abend wollen wir doch noch einmal raus und die Stadt erkunden. Das Hotel liegt südlich der Seine in einem nicht ganz so schönen Viertel, aber es gibt immerhin auch hier eine schöne kleine Crèperie, in der wir ein kleines süßes Abendessen zu uns nehmen und den Cidre dazu irritierenderweise in Tassen eingeschenkt bekommen – aber egal, er schmeckt auch daraus vorzüglich. Danach laufen wir noch bis in die Altstadt, über die Seine und an vielen kleinen Bistros und großen Kirchen vorbei. Die Stadt hat einen eigentümlichen Charme, es gefällt mir gut hier.

Höhenangst überwinden – Quatrième jour

Der Tag beginnt gemütlich – wir haben nichts besonderes vor und schlafen entspannt aus, auch, weil unsere Gastgeberin uns zusicherte, es gäbe keine festen Frühstückszeiten und wir sollten uns wie zuhause fühlen. Was wir tun. Es ist himmlisch ruhig, wir werden von der Sonne geweckt, stehen nur widerwillig auf und als wir kurz nach zehn den Frühstücksraum betreten, sind wir die letzten. Wir entdecken vor allem uns bis dato unbekannte Hefeteigtaschen, gefüllt mit einer Art Vanillepudding und Schokostückchen, für uns (obwohl wir nach dem Kuchenfrühstück vom Vortag dachten, wir könnten nie wieder etwas Süßes essen). Wir sind so begeistert von diesem Ort, dass wir uns erst gegen zwölf Uhr aufraffen können, auszuchecken.

Unser nächster Weg führt uns Richtung Honfleur, das uns nun schon drei Leute empfohlen haben; ein Küstenort, in dem Boudin geboren wurde und die Kunstszene auch heute noch präsent sein soll. Doch um dorthin zu kommen, müssen wir erst einmal an Le Havre vorbei (das zwar als Weltkulturerbe zählt, uns aber alleine durch die Reiseführerfotos abschreckt) und über den Pont de Normandie. Diese Brücke ist die größte ihrer Art in Europa, sie ist über 850 Meter lang und überbrückt die Seine-Mündung. Auch wenn es mir mit meiner latenten Höhenangst nicht gerade wohl dabei zumute ist, hinauf zu fahren, ist es doch beeindruckend, wenn man erst einmal auf der Brücke ist – es ist ein bisschen, als wäre man direkt über dem Meer.

Schließlich kommen wir in Honfleur an, das allerdings zunächst denselben Eindruck macht wie Étretat, Fécamp und die anderen Küstenorte, durch die wir schon fuhren: sehr voll, ziemlich touristisch, eher teuer. Wir sehen uns die Stadt trotzdem an, gönnen uns eine Runde auf dem großen Karussell am Ortseingang, schlendern durch die pittoresken Gässchen und entspannen im kleinen, aber schön gemachten Park. Doch allzu lange wollen wir nicht bleiben und buchen die nächste Unterkunft einige Kilometer entfernt, zu der wir uns gleich auf den Weg machen.

Dort angekommen, erwartet uns leider eine schlechte Überraschung: Die Dame ist untröstlich, aber leider gab es einen Wasserschaden und wir können doch nicht dort übernachten. Zum Glück gibt es inzwischen EU-Roaming und es ist kein Problem, etwas länger mit dem Smartphone im Internet zu surfen, um eine Alternative zu finden. Unser Alternativhotel ist leider keine charmante kleine Pension mehr, sondern eine anonymere Ferienanlage, aber wir bekommen sogar ein kleines Apartment und das beste: es gibt einen Pool! Diesen nutzen wir gleich ausgiebig, bevor wieder das Abendessen ansteht. Auch dieses Mal fahren wir aufs Geratewohl los und immer geradeaus, bis wir in einen etwas größer aussehenden Ort kommen, in dem wir aber weniger Glück haben als am Vortag. Es gibt zwar Schilder, die allem Anschein nach zu Restaurants führen sollen, aber sie führen ins Nichts. Also fahren wir weiter und landen schon wieder in Honfleur, wo wir uns für einen American Diner entscheiden, den wir am Nachmittag noch absurd fanden (vor der Einfahrt stehen lebensgroße Plastikpferde), der uns jetzt mit Hunger aber gleich viel attraktiver erscheint. Ironischerweise esse ich in diesem Diner zum ersten Mal ein typisches normannisches Fondue, das für meine Verhältnisse arg fleischlastig, aber sonst sehr lecker ist. Mit leckeren alkoholfreien Cocktails klingt der Abend aus.

Bambus, Schotter, Bäume – Troisième jour

Zu Beginn unseres dritten Roadtrip-Tags stand das hausgemachte Frühstück in unserer kleinen Pension an. Pünktlich um neun Uhr, das war unserem Vermieter sehr wichtig, sollten wir uns im Wohnzimmer einfinden. Gesagt, getan. Der Esstisch, ein Modell für etwa acht bis zehn Personen, war bis zur letzten Ecke mit Essen gefüllt: Außer Brot, Brötchen, hausgemachter Butter, ungefähr acht Sorten hausgemachter Marmeladen und potentiell hausgemachtem Joghurt gab es sage und schreibe fünf verschiedene Kuchen plus Brioche – für vier Personen. Außerdem noch eine crème caramel und einen selbst gemachten Apfelsaft für jeden. Wir und das französische Ehepaar aus dem Nachbarzimmer aßen also, was das Zeug hielt, und bekamen nach leichten Anfangsschwierigkeiten sogar eine einigermaßen flüssige Konversation hin, in deren Verlauf wir nicht nur lernten, dass diese Art von Frühstück sehr „exceptionel“ und definitiv umfangreicher als das typische französische Frühstück war, sondern auch noch Tipps für unsere weitere Reise bekamen.

Schließlich machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Etappenziel Étretat, das auch von den Franzosen für gut befunden wurde. Auf dem Weg dorthin fuhren wir auf ihre Empfehlung hin noch durch Veules-les-roses, das vor ein paar Jahren zum schönsten Dorf Frankreichs gekürt worden sei. Leider war Veules-les-roses, vielleicht auch deshalb, von Menschen überrannt, weshalb wir uns zügig auf den Weiterweg machten. In Étretat gestaltete sich zwar die Parkplatzsuche ebenfalls schwierig, aber die Technik „ich fahre einem anderen Auto mit einheimischen Kennzeichen, das offensichtlich ebenfalls einen Parkplatz sucht, hinterher“ funktionierte erstaunlich gut und leitete uns zu einem sehr versteckten, leeren Parkplatz nur wenige Gehminuten vom Strand. Perfekt!

In der Stadt bummelten wir erst einmal etwas durch die sehr touristisch geprägten Geschäfte, kauften Postkarten und machten uns dann auf den Weg zu den Steilklippen. Einige Stufen später konnten wir auch schon einen wirklich fabelhaft schönen Ausblick genießen. Zum Postkartenschreiben setzten wir uns dann aber doch wieder an den Strand, an dem man sich auf den großen Kieselsteinen zwar erst mal eine gemütliche Sitzmulde schaffen musste, dann aber doch gut die Sonne genießen konnte. Wir versuchten es auch mit dem Wasser; allerdings war das hier noch kälter als am Vortagesstrand, so dass es bei nassen Füßen blieb. Die sehr großen, etwas gruseligen Möwen und ein leichtes Hüngerchen vertrieben uns schließlich von diesem Ort und wir beschlossen, erst einmal unsere nächste Unterkunft zu suchen und einzuchecken, bevor wir uns etwas zu essen organisieren würden.

Den Ort unserer Unterkunft, die den klingenden Namen „Croissant de Lune“ trug (wirklich! Hab ich mir nicht ausgedacht!), fanden wir schnell. Das Haus zu finden, war schwieriger: Das hatten wir schon befürchtet, als eine lange, französische SMS der Besitzerin mit einer Wegbeschreibung kam. Leider verstand ich nicht alles so genau, nur: wir müssten rechts abbiegen, wo es viel Bambus gäbe; der Weg wäre geschottert; und es gäbe gerade Baumfällarbeiten. Also suchten wir das ganze Dorf nach Bambus ab und fanden erst nach längerer Zeit die sehr versteckte, geschotterte Auffahrt am äußersten Rand des Ortes. Die langwierige Suche war allerdings schnell vergessen, da die Besitzerin äußerst liebenswert, das Zimmer geräumig und gemütlich und die Lage herrlich ruhig war.

Blieb nur noch die inzwischen relativ dringliche Essensfrage. Im Ort selbst, worauf wir gehofft hatten, gab es keinerlei Gastronomie, also fuhren wir aufs Geratewohl geradeaus und landeten bald in einem etwas größeren Ort, in dem das nächstbeste Lokal mit Pizza und Kebap warb. Wir bestellten Kebap in der Erwartung etwas Dönerähnlichens; dass wir die beiden Kebaps allerdings erst 15 Minuten später abholen sollten, verwunderte uns schon etwas. Also nutzten wir die Zeit, um im nahegelegenen Supermarkt die obligatorische Flasche Cidre zu besorgen, holten die Kebaps ab und machten es uns kurz später auf der Hotelterrasse gemütlich. Unser Essen überraschte uns aufs Positivste: Das Kebap hatte mit einem Döner lediglich gemeinsam, dass es sich um Teigtaschen gefüllt mit Fleisch und Gemüse handelte. Aber die Taschen waren größer, das Fleisch krosser, das Gemüse vielfältiger und die Sauce leckerer, so dass auch dieser Abend für uns satt und zufrieden zu Ende ging.

Mit Familienanschluss – Deuxième jour

Tag zwei unseres Roadtrips begann stilecht in einer Bäckerei, in der mein Französisch ausreichte, um uns Schokoladencroissants zum Frühstück und ein Baguette für den Abend zu organisieren. Das Baguette, später durch Cidre und Ziegenkäse komplettiert, erschien uns wie die Verkörperung eines Klischees; als wir jedoch im Laufe des Tages gleich einige Baguette-Träger und -Verzehrer auf den Straßen entdeckten (Highlight: das Mädchen auf Inline Skates mit dem Baguette unterm Arm, von dem sie sich während des Fahrens Stücke abriss und entspannt unterwegs aß), mussten wir konstatieren, dass in jedem Klischee auch ein Funken Wahrheit steckt.

Nach einigen Stunden auf Frankreichs Landstraßen, während denen wir unzählige hübsche Kirchen und pittoreske Ortschaften an uns vorbeiziehen sahen, war es schon später Nachmittag, als wir endlich in Dieppe ankamen (den eigentlich geplanten Abstecher nach Rouen hatten wir zugunsten des Meeres kurzerhand auf die Rückfahrt verschoben). Meer, endlich Meer! Allerdings erstmal nur von weiter weg, denn am Strand einen Parkplatz zu finden, war ein illusorisches Unterfangen und der Boulevard sur mer, den wir um seines Namens willen als Zieladresse im Navi eingegeben hatten, führte uns zwar dicht ans Meer, aber einige Höhenmeter trennten uns doch noch – wir waren am oberen Ende der Steilküste gelandet. Dennoch, der Anblick allein schaffte es, uns zu euphorisieren. 

Weil wir aber trotzdem direkt an den Strand wollten, beschlossen wir, Dieppe zu überspringen und gleich zu unserer Unterkunft im Nachbarort zu fahren, in der Hoffnung, dass an deren Strandzugang etwas weniger los wäre. Also schön dem Navi nach, das uns zu einem Haus lotste, das ganz und gar nicht nach Hotel aussah. Dreimalige Adresskontrolle – doch, wir waren richtig. Die Situation wurde mysteriöser, als wir nicht mal eine Haustür fanden, sondern nur eine halb offene Terrassentür, die in ein offenbar privates Wohnzimmer – inklusive Katze auf dem Sofa – führte. Nach mehrfachem Um-das-Haus-herumschleichen entschieden wir uns, dass das trotz allem noch am ehesten eine potentielle Eingangstür sein könnte und schließlich fanden unsere zaghaften Bonjour-Rufe auch einen Empfänger: Die kleine Pension, mit der wir gerechnet hatten, war ein privates Haus mit zwei Gästezimmern im oberen Stockwerk. Der Besitzer, der zusammen mit seiner Mutter das Erdgeschoss bewohnte, sprach nur Französisch, aber wir verstanden uns erstaunlich gut, was mein Vertrauen in meine Sprachkenntnisse weiter steigen ließ. 

Dann aber wirklich ans Meer. Es war eine absurde Situation – der Wind wehte heftig, ich hatte einen Pullover und einen Schal an, aber wir wollten unbedingt ins Wasser, also wechselten wir im Auto zu Bikinis und stürzten uns quasi todesmutig in die Wellen (wie einige Einheimische auch, bei denen die Situation allerdings entspannter wirkte). Aber nicht zu lang, das Wasser war kalt und der Wind noch kälter – schnell wechselten wir wieder in die Pullover und trotzten nur noch dem Wind, als wir uns mit Picknickdecke an den Steinstrand setzten und unser Klischee-Abendessen verzehrten. 

Nach einer Weile wurde uns allerdings auch das zu kühl – Zeit, aufzubrechen und das zu nutzen, weshalb wir unseren eigenen Hashtag #dekadenterroadtrip eingeführt hatten: die Whirlpool-Badewanne! So beendeten wir den Tag also im Bikini im Blubberbad, mit Cidre und Tiramisu in Greifweite. Ein herrlich verrückter Abend.

Roadtrip! – Prèmier jour

Monsieur wollte gerne alleine in den Urlaub fahren. Die Reise, die ich eigentlich geplant hatte, musste aufgrund äußerer Umstände leider ausfallen. Also haben eine gute Freundin und ich sehr spontan beschlossen, den „ROADTRIP!“ nach Frankreich, über den wir schon so lange sagten, wie müssten ihn mal machen, auch wirklich zu unternehmen. Eine Herausforderung für mich: nicht planen, nichts vorher buchen, nicht wissen, wohin, weshalb ich beim Packen leicht eskalierte und das Auto bis an den Rand vollpackte: warme Sachen, Badesachen, Picknicksachen, Campingsachen und so weiter. Derart ausgerüstet konnte es also heute Morgen losgehen. 

Wir wollen gerne ans Meer, aber das ist nicht an einem Tag zu schaffen. Also fahren wir so weit wir kommen und freuen uns irre, als wir die Grenze überqueren (nicht nur, aber auch, weil wir damit die traurige Gegend, in der wir vor der Grenze Mittagspause machten und in der es nur triste Orte ohne Menschen, dafür mit massig AfD-Plakaten gab, hinter uns ließen). Wir meistern die erste Hürde Mautautomat semi-elegant (unser beider erstes Mal Frankreich mit dem Auto) und landen letztendlich in Verdun. Ein Ort, den ich bislang nur als schrecklichen Kriegsschauplatz abgespeichert hatte; das war es zweifellos und das lässt die Stadt den Besucher auch nicht vergessen, aber es ist eben auch ein wunderschönes Städtchen mit kleiner Flaniermeile an einem Fluss, dessen Name den deutschen Touristen zu sehr schlechten flachen Witzen einlädt (La Meuse), mit leckeren Restaurants und einer abendlichen Illumination, die alles noch hübscher wirken lässt. Vielleicht ist es auch nur die Urlaubseuphorie, aber wir sind an unserem ersten Abend in Frankreich sehr glücklich.

Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

Alleine reisen

Meine Reise nach Madeira startete ich alleine. Ich hatte sie kurz nach meiner Trennung gebucht, versuchte vorher halbherzig, eine andere Reisebegleitung zu finden, aber ich hatte auf eine gewisse Weise auch das nur halbbewusste Bedürfnis, einmal alleine zu verreisen. Ich war schon in verschiedensten Konstellationen unterwegs, mit Familie und Freunden und Jugendgruppen, aber nie ganz auf mich gestellt. Dieses Mal wollte ich es probieren. Mein erster Plan war, völlig auf mich allein gestellt mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden, aber nach einigem Hin und Her und Bedenken zwischen „Alleine, als Frau, das ist doch viel zu gefährlich“ und „Dann ist da ja niemand, mit dem ich die schönen Urlaubsmomente teilen kann“ entschied ich, mich doch einer Gruppe anzuschließen und das erste Mal in meinem Leben eine Pauschalreise zu buchen – immerhin nicht all-inclusive-Cluburlaub, sondern eine Wanderreise. Laut Programm sollte es am ersten Abend nach der Ankunft ein gemeinsames Abendessen mit allen Teilnehmern und dem Wanderguide geben; ich rechnete mit 10 – 12 Teilnehmern und war etwas irritiert, als außer mir nur noch ein einziges Pärchen in den Vierzigern aufkreuzte. Unsere Wanderführerin erklärte uns schließlich, dass über „unseren“ Anbieter tatsächlich nur wir drei gebucht hätten, sie die Reise aber trotzdem stattfinden lassen wollten und die Touren einfach mit Gästen, die die Ausflüge einzeln gebucht hätten, auffüllen würden. Leichte Ernüchterung. Nicht, dass das Pärchen unsympathisch gewesen wäre, aber so einzeln mit einem Paar, immer als fünftes Rad am Wagen, dazu wechselnde andere Teilnehmer, die man gar nicht kennt… kurz, der erste Abend endete unverhältnismäßig früh auf dem Balkon, alleine und leicht desillusioniert. Am nächsten Tag frühstückte ich früh und alleine, um mich kurz darauf zum Start der ersten Ganztageswanderung einzufinden. Positiv: Es hatten sich letztendlich 16 Leute eingefunden. Negativ: 14 davon kamen als Pärchen, und die einzige andere alleinreisende Frau war nur mäßig sympathisch. Ganz zu schweigen davon, dass ich den Altersdurchschnitt erheblich senkte. Im Bus zu unserem Startpunkt saß ich auf einem Einzelsitz, schweigend und mit Natollwashastdudirdawiedereingebrocktgedanken. Dann wanderten wir los. Und auf einmal kam ich ins Gespräch. Ganz einfach so. Ohne Anstrengung, wie das ja manchmal ist in aufgezwungen sozialen Situationen. Die Frau, mit der ich mich unterhielt, D., war wahnsinnig nett, witzig, gesprächig, eine interessante Persönlichkeit. Die Stunden, die wir zusammen wanderten, vergingen schnell, wir hatten Spaß. Abends im Hotel luden sie und ihr Mann J. mich ein, mit ihnen zusammen zu Abend zu essen. Und auch hier, obwohl ich sie gerade einmal ein paar Stunden kannte, obwohl beide fast dreißig Jahre älter waren als ich, fühlte ich mich richtig wohl und gar nicht fünftradmäßig, wie ich das sonst von Treffen mit Paaren kenne. Wir waren dann noch gemeinsam zu einem Abendspaziergang in Funchal, und zuerst dachte ich, dass sie mich nur aus Mitleid gefragt hätten, ob ich mitkommen wollte. Aber ich stellte recht schnell fest, dass sie beide mich und meine Gesellschaft scheinbar wirklich schätzten – was mich natürlich sehr freute. Als ich dann am späteren Abend wieder am Hotel angelangt war, traf ich dort noch eine junge Frau, die sich im Innenhof zu einer Katze gesetzt hatte, die mir schon am Morgen dort aufgefallen war. Auch mit ihr wechselte ich ein paar Worte, ganz ungezwungen, und es ergab sich ein längeres Gespräch. Am folgenden Morgen ging es wieder zum Wandern, und bereits beim Frühstück sprach mich ein weiteres Paar, A. und A., an, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte; und auch wenn von der neuen Wandergruppenkonstellation nur der kleinere Teil bereits bekannt war, waren meine Erwartungen gleich viel besser als am Tag zuvor. Sie bewahrheiteten sich; ich hatte mit A. und A. und anderen Leuten eine gute Zeit, zum Abendessen traf ich D. und J. wieder, und auch in den folgenden Tagen musste ich nie alleine zu Tisch sitzen, schweigend wandern oder meine Abende einsam verbringen, wie ich anfangs befürchtet hatte. Noch besser: Als sich herausstellte, dass D. und J. und ich am selben Abend mit dem Flieger in die selbe Stadt abreisen würden, von wo sie nur noch eine kurze Taxifahrt zu ihrer Wohnung antreten bräuchten, ich hingegen die Nacht am Flughafen verbringen müsste (unser Flieger kam erst spätabends an) und am nächsten Morgen sehr früh noch vier Stunden Zugfahrt vor mir hätte, boten sie mir spontan an, bei ihnen zu übernachten – „J. steht ohnehin immer so früh auf, da kann er dich auch zum Bahnhof fahren“ -; ein Angebot, das ich nach kurzem Zögern gerne annahm. Und sie waren so unglaublich gastfreundlich, machten mir morgens um fünf Uhr ein großartiges Frühstück unter tausend Entschuldigungen, dass nach dem Urlaub der Kühlschrank leider nicht so gut gefüllt sei, drängten mir förmlich Verpflegung für nicht nur vier, sondern eher vierundzwanzig Stunden im Zug auf und verabschiedeten mich mit dem ehrlich klingenden Wunsch, mich bald wieder einmal bei ihnen zu melden.

Die Moral von der Geschicht‘? Es ist gar nicht so schwer, Menschen kennenzulernen, wie ich befürchtet hatte. Man kann Freundschaften schließen, auch wenn die äußeren Lebensumstände sehr unterschiedlich sind. Ich bin vielleicht umgänglicher, als ich es selber wahrnehme. Manchmal muss man den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt so viele gute Menschen da draußen in der Welt, es ist gar nicht so schwierig, welche davon zu finden. Man muss bloß mal die Augen aufmachen.

Berlin Wedding

Nun ist sie also vorbei, die erste Hochzeit im Freundeskreis, und ich bin um einige Eindrücke reicher. Meine letzten Hochzeitserfahrungen liegen mehr als zehn Jahre zurück, damals heirateten die jüngsten Geschwister und Cousins meiner Eltern, und die Bilder in meinem Kopf, die auftauchten, wenn das Stichwort „Hochzeit“ fiel, beinhalteten schicke Kleider, hektische Bräute, Kirchen, gutbürgerliche Gasthäuser, Gruppenfotos und Partyspiele. Dieses Wochenende reiste ich nach Berlin, um meine Freundin auf dem Weg in die traute Zweisamkeit zu begleiten, und allein das kann als Gegensatz zu den Verwandtschaftshochzeiten zwischen Würzburg und München gesehen werden, die ich als Kind miterlebte.

Auf dieser Hochzeit gab es kein Brautkleid mit Reifrock, keinen Pfarrer, kein 4-Gänge-Menü, keinen Alleinunterhalter, keine Bierzeltgarnituren und keine Trauringe. Dafür gab es Hängematten, veganes Essen, Picknickdecken, Schlauchboote, einen Zeremonienmeister, Cookies mit besonderen Inhaltsstoffen und Nacktbaden. Interessant war die Reaktion der Gäste auf diese Feier: Die Berliner Freunde des Brautpaares waren allesamt bestens gelaunt und schienen einen sehr netten Abend zu verbringen. Die Freunde der Braut aus ihrem kleinen Heimatdorf hingegen waren fasziniert bis schockiert, fühlten sich in jedem Fall aber nicht besonders heimisch und waren die ersten, die sich abends auf den Heimweg machten. Ich kannte auf der Feier niemanden außer der Braut und gesellte mich, schon der geographischen Verbundenheit halber, erst einmal zu jenen alten Freunden aus dem Dorf; aber im Laufe des Abends hatte ich definitiv mehr Spaß mit den anderen Gästen (und einem der alten Heimatfreunde, den es in der Zwischenzeit ebenfalls in eine Großstadt verschlagen hatte – ein Detail, das alle meine Klischees über Stadt und Land bestätigte). Man kann nicht behaupten, dass ich in dieser Nacht besonders viel Schlaf in meiner Hängematte bekommen hätte, während der DJ bis morgens um acht, als das Benzin für den Generator endgültig leergelaufen war, Wald und See mit Technobeats beschallte, aber ich hatte wirklich einen unvergesslichen Abend. Und ich denke, das Brautpaar auch.

haengematte

PS: Alec, sämtliche Prophezeiungen über Freundinnen der Braut und Freunde des Bräutigams wurden übrigens wahr…