Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

Alleine reisen

Meine Reise nach Madeira startete ich alleine. Ich hatte sie kurz nach meiner Trennung gebucht, versuchte vorher halbherzig, eine andere Reisebegleitung zu finden, aber ich hatte auf eine gewisse Weise auch das nur halbbewusste Bedürfnis, einmal alleine zu verreisen. Ich war schon in verschiedensten Konstellationen unterwegs, mit Familie und Freunden und Jugendgruppen, aber nie ganz auf mich gestellt. Dieses Mal wollte ich es probieren. Mein erster Plan war, völlig auf mich allein gestellt mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden, aber nach einigem Hin und Her und Bedenken zwischen „Alleine, als Frau, das ist doch viel zu gefährlich“ und „Dann ist da ja niemand, mit dem ich die schönen Urlaubsmomente teilen kann“ entschied ich, mich doch einer Gruppe anzuschließen und das erste Mal in meinem Leben eine Pauschalreise zu buchen – immerhin nicht all-inclusive-Cluburlaub, sondern eine Wanderreise. Laut Programm sollte es am ersten Abend nach der Ankunft ein gemeinsames Abendessen mit allen Teilnehmern und dem Wanderguide geben; ich rechnete mit 10 – 12 Teilnehmern und war etwas irritiert, als außer mir nur noch ein einziges Pärchen in den Vierzigern aufkreuzte. Unsere Wanderführerin erklärte uns schließlich, dass über „unseren“ Anbieter tatsächlich nur wir drei gebucht hätten, sie die Reise aber trotzdem stattfinden lassen wollten und die Touren einfach mit Gästen, die die Ausflüge einzeln gebucht hätten, auffüllen würden. Leichte Ernüchterung. Nicht, dass das Pärchen unsympathisch gewesen wäre, aber so einzeln mit einem Paar, immer als fünftes Rad am Wagen, dazu wechselnde andere Teilnehmer, die man gar nicht kennt… kurz, der erste Abend endete unverhältnismäßig früh auf dem Balkon, alleine und leicht desillusioniert. Am nächsten Tag frühstückte ich früh und alleine, um mich kurz darauf zum Start der ersten Ganztageswanderung einzufinden. Positiv: Es hatten sich letztendlich 16 Leute eingefunden. Negativ: 14 davon kamen als Pärchen, und die einzige andere alleinreisende Frau war nur mäßig sympathisch. Ganz zu schweigen davon, dass ich den Altersdurchschnitt erheblich senkte. Im Bus zu unserem Startpunkt saß ich auf einem Einzelsitz, schweigend und mit Natollwashastdudirdawiedereingebrocktgedanken. Dann wanderten wir los. Und auf einmal kam ich ins Gespräch. Ganz einfach so. Ohne Anstrengung, wie das ja manchmal ist in aufgezwungen sozialen Situationen. Die Frau, mit der ich mich unterhielt, D., war wahnsinnig nett, witzig, gesprächig, eine interessante Persönlichkeit. Die Stunden, die wir zusammen wanderten, vergingen schnell, wir hatten Spaß. Abends im Hotel luden sie und ihr Mann J. mich ein, mit ihnen zusammen zu Abend zu essen. Und auch hier, obwohl ich sie gerade einmal ein paar Stunden kannte, obwohl beide fast dreißig Jahre älter waren als ich, fühlte ich mich richtig wohl und gar nicht fünftradmäßig, wie ich das sonst von Treffen mit Paaren kenne. Wir waren dann noch gemeinsam zu einem Abendspaziergang in Funchal, und zuerst dachte ich, dass sie mich nur aus Mitleid gefragt hätten, ob ich mitkommen wollte. Aber ich stellte recht schnell fest, dass sie beide mich und meine Gesellschaft scheinbar wirklich schätzten – was mich natürlich sehr freute. Als ich dann am späteren Abend wieder am Hotel angelangt war, traf ich dort noch eine junge Frau, die sich im Innenhof zu einer Katze gesetzt hatte, die mir schon am Morgen dort aufgefallen war. Auch mit ihr wechselte ich ein paar Worte, ganz ungezwungen, und es ergab sich ein längeres Gespräch. Am folgenden Morgen ging es wieder zum Wandern, und bereits beim Frühstück sprach mich ein weiteres Paar, A. und A., an, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte; und auch wenn von der neuen Wandergruppenkonstellation nur der kleinere Teil bereits bekannt war, waren meine Erwartungen gleich viel besser als am Tag zuvor. Sie bewahrheiteten sich; ich hatte mit A. und A. und anderen Leuten eine gute Zeit, zum Abendessen traf ich D. und J. wieder, und auch in den folgenden Tagen musste ich nie alleine zu Tisch sitzen, schweigend wandern oder meine Abende einsam verbringen, wie ich anfangs befürchtet hatte. Noch besser: Als sich herausstellte, dass D. und J. und ich am selben Abend mit dem Flieger in die selbe Stadt abreisen würden, von wo sie nur noch eine kurze Taxifahrt zu ihrer Wohnung antreten bräuchten, ich hingegen die Nacht am Flughafen verbringen müsste (unser Flieger kam erst spätabends an) und am nächsten Morgen sehr früh noch vier Stunden Zugfahrt vor mir hätte, boten sie mir spontan an, bei ihnen zu übernachten – „J. steht ohnehin immer so früh auf, da kann er dich auch zum Bahnhof fahren“ -; ein Angebot, das ich nach kurzem Zögern gerne annahm. Und sie waren so unglaublich gastfreundlich, machten mir morgens um fünf Uhr ein großartiges Frühstück unter tausend Entschuldigungen, dass nach dem Urlaub der Kühlschrank leider nicht so gut gefüllt sei, drängten mir förmlich Verpflegung für nicht nur vier, sondern eher vierundzwanzig Stunden im Zug auf und verabschiedeten mich mit dem ehrlich klingenden Wunsch, mich bald wieder einmal bei ihnen zu melden.

Die Moral von der Geschicht‘? Es ist gar nicht so schwer, Menschen kennenzulernen, wie ich befürchtet hatte. Man kann Freundschaften schließen, auch wenn die äußeren Lebensumstände sehr unterschiedlich sind. Ich bin vielleicht umgänglicher, als ich es selber wahrnehme. Manchmal muss man den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt so viele gute Menschen da draußen in der Welt, es ist gar nicht so schwierig, welche davon zu finden. Man muss bloß mal die Augen aufmachen.

Berlin Wedding

Nun ist sie also vorbei, die erste Hochzeit im Freundeskreis, und ich bin um einige Eindrücke reicher. Meine letzten Hochzeitserfahrungen liegen mehr als zehn Jahre zurück, damals heirateten die jüngsten Geschwister und Cousins meiner Eltern, und die Bilder in meinem Kopf, die auftauchten, wenn das Stichwort „Hochzeit“ fiel, beinhalteten schicke Kleider, hektische Bräute, Kirchen, gutbürgerliche Gasthäuser, Gruppenfotos und Partyspiele. Dieses Wochenende reiste ich nach Berlin, um meine Freundin auf dem Weg in die traute Zweisamkeit zu begleiten, und allein das kann als Gegensatz zu den Verwandtschaftshochzeiten zwischen Würzburg und München gesehen werden, die ich als Kind miterlebte.

Auf dieser Hochzeit gab es kein Brautkleid mit Reifrock, keinen Pfarrer, kein 4-Gänge-Menü, keinen Alleinunterhalter, keine Bierzeltgarnituren und keine Trauringe. Dafür gab es Hängematten, veganes Essen, Picknickdecken, Schlauchboote, einen Zeremonienmeister, Cookies mit besonderen Inhaltsstoffen und Nacktbaden. Interessant war die Reaktion der Gäste auf diese Feier: Die Berliner Freunde des Brautpaares waren allesamt bestens gelaunt und schienen einen sehr netten Abend zu verbringen. Die Freunde der Braut aus ihrem kleinen Heimatdorf hingegen waren fasziniert bis schockiert, fühlten sich in jedem Fall aber nicht besonders heimisch und waren die ersten, die sich abends auf den Heimweg machten. Ich kannte auf der Feier niemanden außer der Braut und gesellte mich, schon der geographischen Verbundenheit halber, erst einmal zu jenen alten Freunden aus dem Dorf; aber im Laufe des Abends hatte ich definitiv mehr Spaß mit den anderen Gästen (und einem der alten Heimatfreunde, den es in der Zwischenzeit ebenfalls in eine Großstadt verschlagen hatte – ein Detail, das alle meine Klischees über Stadt und Land bestätigte). Man kann nicht behaupten, dass ich in dieser Nacht besonders viel Schlaf in meiner Hängematte bekommen hätte, während der DJ bis morgens um acht, als das Benzin für den Generator endgültig leergelaufen war, Wald und See mit Technobeats beschallte, aber ich hatte wirklich einen unvergesslichen Abend. Und ich denke, das Brautpaar auch.

haengematte

PS: Alec, sämtliche Prophezeiungen über Freundinnen der Braut und Freunde des Bräutigams wurden übrigens wahr…

Hommage an gute Menschen

Manchmal halten dir fremde Menschen einfach die Tür auf oder lassen dir den Vortritt, wenn in der U-Bahn nur noch ein einziger Platz frei ist. Manchmal macht dir ein Kollege ein Kompliment über dein Kleid oder deine Ohrringe oder deine Frisur, selbst wenn du dich heute gar nicht besonders schön fühlst. Manchmal triffst du alte Bekannte wieder, die du jahrelang nicht gesehen hast, und du dachtest, sie hätten dich schon längst vergessen oder zumindest ganz weit hinten in einer Gedankenschublade abgelegt, aber dann freuen sie sich wahnsinnig, dich wieder zu sehen und interessieren sich wirklich ernsthaft für dich und dein Leben. Manchmal ruft ein guter Freund an, zufällig, ohne zu wissen, dass du gerade jetzt wirklich dringend einen Menschen brauchtest, dem du dein Herz ausschütten kannst. Manchmal lächeln Menschen einfach so, ohne ersichtlichen Grund, aber du bekommst davon unwillkürlich gute Laune. Manchmal sind Menschen stark und mutig und sagen ganz nebenbei ungeheuer weise Weisheiten, die du am liebsten mitschreiben würdest, um sie niemalsnie zu vergessen. Manchmal fegt ein Wort, eine Umarmung, ein Seelenblick eines guten Menschen alles Ungemach hinweg. Manchmal vergehen Tage wie im Flug, die du mit guten Menschen verbringst, weil jede Sekunde gleichzeitig ganz neu und schon ewig vertraut ist. Manchmal triffst du einen Menschen und obwohl du dich nicht lange mit ihm unterhältst, obwohl du keine tiefen Gedanken austauschst oder radikale Geheimnisse teilst, fühlst du dich diesem Menschen auf mysteriöse Weise tief verbunden, so als ob ein unsichtbares, elastisches Band euch nach langer Zeit wieder zusammen hat finden lassen. Manchmal ist ein Mensch alles, was dich noch mit der Welt verbindet. Immer sind es Menschen, wegen denen es sich zu leben lohnt.

 

Freundschaften

Wenn man Frauenzeitschriften Glauben schenken darf, haben Menschen normalerweise eine Handvoll enger Freunde; Freunde, denen sie vorbehaltlos vertrauen, mit denen sie alles teilen würden, die ihnen sehr wichtig und wertvoll sind. Dazu kommt ein etwas größerer Kreis von Freunden, zu denen das Verhältnis immer noch gut, aber nicht mehr ganz so eng ist. Und schließlich gibt es noch den relativ großen Kreis lockerer Bekanntschaften, zu dem Menschen gehören, die man ganz sympathisch findet, mit denen man ins Kino oder zum Bowling geht, aber mit denen man keine tiefergehenden Dinge austauscht.

Bei mir, so scheint es mir, ist das Verhältnis umgekehrt. Ich kenne relativ viele Menschen, mit denen ich teilweise sehr private Dinge besprechen kann, denen ich vertraue und die auch mir Vertrauen entgegenbringen. Leider leben ausnahmslos alle dieser Menschen weit weg, und manche kenne ich gar nur in der virtuellen Welt. Ich habe Austausch mit vielen tollen Leuten, aber wenn ich mal etwas unternehmen möchte, gibt es nur drei, vier Personen, bei denen es logistisch denkbar erscheint, auch spontan ein Treffen zu arrangieren, zu dem niemand mehr als zehn Kilometer zurücklegen muss. Niemanden von diesen drei, vier Personen kenne ich so gut, dass ich einfach mal so vor der Tür stehen könnte, ob nun verheulten Blickes oder unternehmungslustig mit Picknickkorb unter dem Arm.

Nun bin ich ohnehin eher der Typ Einzelkämpfer – mir fällt es schwer, neue Menschen kennenzulernen und dafür etwas leichter, Dinge dann eben allein zu unternehmen. Aber ab und zu, da wünsche ich mir doch, einfach mal ganz real in den Arm genommen zu werden.

An T.

Lieber T.,

ich weiß nicht, ob du das hier lesen wirst. Du last früher regelmäßig diesen Blog, aber vielleicht tust du es nicht mehr, weil es dich nicht mehr interessiert, oder aus Selbstschutz. Ich schreibe hier und nicht persönlich an dich, weil ich keine frischen Wunden aufreißen will. Aber vielleicht findest du den Text trotzdem irgendwann, und dann hätte er sein Ziel erreicht.

Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Was ich tat, war notwendig, für mich, und damit auch für uns beide, für dich, weil eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied, und trotzdem war das Schlimmste, dich zu verletzen und vorher gewusst zu haben, dass ich dich verletzen werde. Der Schritt fiel mir schwer, sehr schwer, obwohl etwas in mir wusste, dass er notwendig war. Ich zögerte, weil ich dir niemals Schmerzen zufügen wollte, und tat es doch, weil es keine Alternative dazu gab. – Letztes Jahr sagtest du ähnliche Worte zu mir, und ich verstand sie nicht. Ich war erfüllt von Trauer und Schmerz und Zorn und hätte dich am liebsten angebrüllt: „Wieso siehst du nur das Dunkel und nicht das Licht, das dahinter kommt, kommen wird, kommen muss, wenn wir nur immer geradeaus gehen?“ Heute, da die Rollen umgedreht sind, weiß ich, wie du dich damals fühltest. Und wenn du mir heute meine Frage von damals stelltest, lautete die Antwort: „Weil geradeaus kein Licht mehr kommt, mein Lieber. Weil du nach rechts und ich nach links abbiegen müssen, um das Licht zu finden, oder irgendetwas, zumindest etwas anderes als diese dunkelgraue Nebeldecke, auch wenn wir es jetzt noch nicht sehen und vielleicht nicht einmal erahnen können. Aber was wir auch finden werden, es wird besser sein als das ewige Schwarz, das geradeaus vor uns liegt, selbst wenn wir das Schwarz ab und zu mit unseren Streichhölzern erleuchten können. So hell unser entfachtes Licht auch scheinen mag, das Streichholz ist schnell heruntergebrannt und dann ist es wieder finster. Und irgendwann wird die Schachtel mit den Streichhölzern leer sein.“

Ich mag dich, ich mag dich sehr. Du warst lange Zeit der wichtigste Mensch in meinem Leben, nicht nur Geliebter, sondern auch bester Freund, Weggefährte, der Mensch, der meinen Alltag teilte und meine Geheimnisse kannte. Du wirst in meinem Leben eine Lücke hinterlassen, genauso, wie ich das in deinem Leben tue. Aber die Lücken werden sich langsam schließen, so wie eine Wunde, die verheilt. Erst entsteht Schorf, und man ist versucht, daran zu kratzen, aber dann blutet es nur wieder, und der Prozess beginnt von neuem. Irgendwann wirst du es schaffen, die Wunde in Ruhe heilen zu lassen, bis die Haut wieder ganz neu und rein ist. Dann, wenn die Erinnerungen an mich, an uns, nicht mehr von Schmerz und Wehmut, sondern von Gelassenheit getragen sind.

Ich wünsche dir ganz ehrlich und aus vollem Herzen nur das Beste. Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was du suchst, bis du dich auf den Weg machen kannst, es zu finden. Ich wünsche dir Freude und Erfolg und Menschen, die es gut meinen mit dir. Ich wünsche dir, dass du glücklich wirst.

Deine C.

Fernfreundschaft

Zehn Jahre. So lange kenne ich meine beste Freundin schon. Wir haben uns in der Schule kennengelernt, haben zusammen viele verrückte Dinge erlebt und unternommen und unglaublich viel Zeit miteinander verbracht. Dann kam der Abschluss, erst meiner, dann ihrer, Ausbildung, Studium, Wegziehen, Jobs, neue Orte, Freunde, Männer, Beschäftigungen, Prioritäten, Wegbegleiter. 300 km Entfernung tun ihr übriges. Man sieht sich zwei, drei, vielleicht vier Mal im Jahr, bei Geburtstagsfeiern oder zu einem Kaffee auf halber Wegstrecke, so dass jeder nur eine Stunde mit dem Auto fahren muss. Zwischendurch E-Mails, Facebook-Nachrichten, SMS, ein paar Telefonate. Und dann, das erste Mal seit sehr langer Zeit, anderthalb freigeschaufelte Tage zu zweit. Es ist nicht mehr wie früher. Wir sind keine Teenager mehr. Inzwischen ist die Zeit, in der wir zusammen zur Schule gingen, kürzer als die, in der wir auf unterschiedlichen Wegen unterwegs waren. Und trotzdem, gerade jetzt, erst recht: Wir können immer noch zusammen auf dem Sofa Eis in pervers-süßen Kombinationen essen und dazu furchtbar kitschige Filme sehen, und es fühlt sich einfach richtig an. Verschlafenes Frühstück mittags um halb zwölf, ungeschminkt, in Schlafanzug und Kuschelsocken, aber mit reich gedecktem Esstisch. Wir haben uns abends verquatscht, tun es auch beim Frühstück wieder. Es gibt so viele Gesprächsthemen, und es zeigt sich, dass trotz völlig unterschiedlicher Lebenssituationen die essentiellen Fragen und Probleme die selben sind. Freundschaft ist: Wenn man weiß, dass Zeit vergangen ist und es trotzdem nicht merkt, weil alles immer noch genauso passt wie früher.

 

Schreibend verliebt

Käthe schrieb vor kurzem hier, sie hätte sich „lesend und schreibend verliebt“. Der Kontext war verklärtkitschigplatonische Herzchenromantik. Aber beim Lesen dieses Satzes fiel mir auf, dass ich mich in meinem ganzen Leben nahezu immer lesend verliebt habe. Und zurückschreibend auf Antwort hoffend, selbstverständlich.

Es begann mit einer Menschin, die mir mentoresk zur Seite stand, als ich ein Teenager war und hunderte von Fragen über Gott und die Welt hatte (wobei „Gott und die Welt“ hier nicht als Füllwort, sondern wörtlich verstanden werden soll). Ich schrieb E-Mails, seitenlange, manchmal mehrmals wöchentlich, und bekam Antworten, die mich zum Nachdenken, manchmal auch Widersprechen brachten, die mir aber immer zeigten, dass ich gemocht, ernst genommen, vielleicht geliebt im reinsten Wortsinne werde. Inzwischen haben die Menschin und ich nur noch losen Kontakt. Aber von der Sorte, dass, wenn man sich sieht, die Zeit seit der letzten Begegnung stillgestanden zu sein scheint.

Dann gab es da eine kleine Zahl guter Freundinnen, ebenfalls zu Schulzeiten. Wir gingen in die gleiche Schule und hatten ein gemeinsames Hobby, so dass wir beinahe mehr Zeit zusammen als ohneeinander verbrachten. Da braucht nichts mehr gelesen und geschrieben zu werden, könnte man denken. Aber das wurde trotzdem getan. Meistens in Freundschaftskrisenzeiten. In E-Mails, auf Briefpapier oder einer herausgerissenen, dicht bekritzelten Collegeblockseite. Heute sind wir alle in verschiedene Ecken des Landes gezogen. Man sieht sich dreimal im Jahr. Aber die Briefe, die sind noch da, in meiner Schatzkiste, und manche habe ich so oft gelesen, dass ich sie auswendig weiß.

Der erste Mann, der ernsthaft ein Interesse an mir bekundete, tat dies ebenfalls schriftlich. Mit einer Nachricht in einem sozialen Netzwerk, zugegebenermaßen nicht besonders elegant, aber die Worte waren schmeichelhaft. Ich las die Nachricht illegalerweise während des Unterrichts in Datenverarbeitung und fiel Lehrern und Mitschülern den Rest des Tages durch übermäßiges Mundwinkelnachobengeziehe auf. Leider beendete der Mann die kaum aufgeflammte Liebschaft ebenfalls per E-Mail, was in mir ein wütendes Ohnmachtsgefühl und eine gewisse Abneigung gegenüber dem Medium erzeugte.

Aber nur bis zur ersten, völlig lakonischen und dadurch erst interessanten digitalen Nachricht von Monsieur. Unserem ersten Treffen gingen zwei Wochen intensivsten Mailverkehrs voraus, was das merkwürdige Gefühl hervorbrachte, den Anderen vollständig zu kennen, ohne ihn nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Nach einer Woche des Schreibens war ich so verliebt, dass ein Kontaktabbruch bereits Liebeskummer bedeutet hätte. Ich drängte auf ein schnelles Treffen, um die Abhängigkeit von E-Mails nicht zu sehr ins Extreme driften zu lassen. Seine Stimme war anders als erwartet, und er sah besser aus als auf den Fotos. Ein eigentümlich vertrautes und trotzdem völlig neues Herzgefühl bei der ersten Berührung, den ersten mündlich getauschten, verlegenen Worten. Verliebtsein fühlt sich so unverschämt gut an.

Und immer noch sind es die geschriebenen Worte, die für mich beinahe am allerwichtigsten sind. Gesprochene Worte sind wunderschön, aber flüchtig. Geschriebenes bleibt.