Weg damit!

In den letzten vier Wochen kam ich nicht gerade regelmäßig zum Bloggen. Das hatte auch einen Grund: Eine Hausarbeit mit dem furchtbar sperrigen Titel „Die Bestimmung des Verhältnisses von Leben und Arbeit bei Hannah Arendt und Karl Marx“. Im Prinzip beschäftigte mich diese Arbeit schon seit Ende September, so richtig akut aber erst in den letzten Wochen, in denen dann ganz offiziell die Bearbeitungsfrist lief. Zwischenzeitlich bin ich wegen des Themas schon geistig Amok gelaufen, wünschte Marx zum Teufel und fühlte mich trotzdem selbst fast wie eine angehende Kommunistin, als ich die Bibliothek mit „Das kommunistische Manifest“ so wie „Das Kapital“ Band eins bis drei unter dem Arm verließ. Aber jetzt – welch Freiheitsgefühl – ist die Arbeit im Briefkasten, sowohl im realen wie auch zur Plagiatsprüfung im virtuellen, und morgen nutze ich vielleicht das gute Wetter, um mit einer großen Tasche voller Bücher zur Unibibliothek zu radeln und ohne Bücher, dafür mit einem einem Umweg über die Eisdiele wieder zurückzufahren. Bis das neue Semester anfängt – also noch zwei Wochen lang – gönne ich mir eine kleine Uni-Pause und mache all die Dinge, die ich mir in der letzten Zeit verkniffen habe: Die erste Staffel von „Paradise“ fertig gucken, die zugeschnittene Hose fertig nähen, „Anna Karenina“ endlich fertig lesen, in all den schönen Blogs stöbern, die ich völlig vernachlässigt habe, noch eine ganze andere Reihe Bücher, die durch Weihnachten und Geburtstag im Regal gelandet sind, lesen – und wenn ich mit dem ganzen Freizeitstress durch bin, freue ich mich vielleicht sogar wieder auf Studienbriefe.

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Frühlingsgefühle

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Trotz mehrfacher Umzüge kam ich nie über ein 2000-Seelen-Dorf hinaus. Als Kind war das toll, spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät wurde es nervig und immer nerviger. Die bestandene Führerscheinprüfung war wie eine Befreiung, und das erste eigene Auto anderthalb Jahre später veränderte alles. Unabhängig vom beinahe nicht existierenden Nahverkehr sein, fahren wohin ich will wann ich will mit wem ich will – ich liebte die Möglichkeiten, die mir mein Auto bot. Inzwischen wohne ich in der Stadt und erledige 98 % meiner Alltagsgeschäfte mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr, weil das Autofahren hier einfach unpraktisch ist. Behalten habe ich das Auto trotzdem, als kleinen Luxus und Reminiszenz an vergangene Zeiten – selbst wenn ich inzwischen sogar das Zugfahren wieder zu schätzen gelernt habe, weil sich die Fahrzeit dabei weniger verschwendet anfühlt.

Heute fuhr ich einmal wieder mit dem Auto, zu einem Kaffeetrinktreffen in einem zwanzig Kilometer entfernten Städtchen. Das Wetter war schön, beinahe frühlingshaft; meinen dicken Parka konnte ich offen lassen und im blendenden Sonnenschein war ich mit Mütze vollkommen overdressed. Auf dem Rückweg sauste ich über die Autobahn – zu schnell, ich gebe es zu. Aber bei gutem Wetter und leeren Straßen kommt gelegentlich der Geschwindigkeitsfanatiker in mir zum Vorschein. Wieder im innerstädtischen Bereich angelangt, öffnete ich die Fenster und drehte die Musik noch ein bisschen weiter auf. Der CD-Player spielte wunschgemäß einen meiner persönlichen Feelgoodsongs, durchs Fenster zog eine angenehme leichte Brise frühlingsfrischer Luft, ich gab Gas und fuhr metaphorisch und wortwörtlich der Sonne entgegen. So sehr man aus ökologischer und unfallstatistischer Sicht auch auf den Individualverkehr schimpfen mag: Ein überfülltes Regionalexpressabteil kommt eben doch nicht an das Glücksgefühl einer frühlingsfreien Autofahrt heran.

Frei

Ich erinnere mich an einen Tag, es muss Spätsommer oder Frühherbst gewesen sein. Ich war bei meiner Familie und wurde von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Es war still im Haus, nur meine Mutter war schon auf den Beinen, die einzige Frühaufsteherin der Familie. Ich zog mich an und ging mit den beiden Hunden spazieren. Es war kühl, windig, nicht unangenehm, sondern frisch. Die Sonne blinzelte, aber wärmte noch nicht richtig. Ich trug meine grüne Regenjacke und hatte in jeder Hand eine Hundeleine. Die Hunde waren ausgeschlafen, bewegungsfreudig, sie tänzelten um mich herum, ich hatte Mühe, die Leinen immer entwirrt zu halten. Außer uns war niemand unterwegs, selbst die Kühe auf der Weide blickten noch ganz verschlafen drein. Wir liefen, die Hunde schnupperten ausgiebig an Bäumen, Grasbüscheln und Holzstapeln, dann rannten wir. Links ein weißer Wirbelwind und rechts ein grauer, in der Mitte der grüne Regenjackenfarbklecks, bergab, immer weiter, dem Wind getrotzt und der Sonne entgegen. Lange habe ich mich nicht mehr so frei gefühlt wie in diesem Moment.

Frei von Peinlichkeiten

Heute hatte ich Besuch von meinem Papa. Mein Papa ist ein netter Mensch, aber er hat eine Eigenschaft, die viele – inklusive mir – gelegentlich an ihm stört: Er macht im Allgemeinen, was er gerade möchte. Unabhängig von den Menschen um ihn herum. Das dörfliche „was sollen da die Leute sagen“ ist ihm – zumindest in den meisten Situationen – ziemlich egal. Das ist vermutlich nicht die schlechteste Lebenseinstellung, wenn auch eigentlich nur als Single zu verwirklichen; für die Menschen, die mit ihm zusammen sind, ist das häufig relativ anstrengend.

In meiner Stadt war heute Altstadtfest, und abends spielte die französische Gruppe „Paris la nuit“ (übrigens sehr zu empfehlen!). Dorthin wollten wir nach einem gemütlichen Bummel durch die Stadt gehen, das war der Plan. Leider begann es eine Dreiviertelstunde vor OpenAir-Konzertbeginn furchtbar zu schütten. Vor dem heftigsten Regen schützten wir uns in einem Bierzelt, aber auch zum Beginn des Konzertes regnete es noch Bindfäden. Trotzdem sagte mein Papa: „Lass uns doch zumindest mal dort vorbei gehen.“ Am Konzertort war die Band offenbar gerade unschlüssig, ob sie das Spielen anfangen sollten oder nicht. Außer uns waren noch zwei oder drei Frauen im vorderen Bereich und ein paar wenige Menschen, die im Eingangsbereich offensichtlich darüber diskutierten, ob sie nun im Regen Musik anhören wollten oder nicht. Mein Papa ging zielstrebig nach vorne bis zum Bühnenrand, ich ihm hinterher. Unterdessen hatte sich die Band zum Beginn formiert. Mal anhören, wie die so klingen. Und sie klangen gut! Aber im Regen, mit total durchnässten Stoffturnschuhen auf einem Betonboden, auf dem das Wasser teilweise bereits stand, noch Aufmerksamkeit auf die Musik richten? Das Problem mit dem im-Wasser-stehen löste mein Papa, indem er eine der nassen Bierbänke, die dort standen, aber von niemandem benutzt wurden, einfach umdrehte und sich darauf stellte. Gute Idee, wäre ich nicht drauf gekommen. Und hätte ich mich auch nicht getraut. Aber so standen wir beide nun im Regen auf der umgedrehten Bierbank einen guten Meter von der Bühne entfernt. Papa tanzte und sang ziemlich laut mit, obwohl er kein Wort französisch versteht. Peinlich, fand ich. Aber nachdem ich nun mal da war und man das beste aus der Situation machen musste, tat ich das, was mir am passendsten erschien: Ich tanzte einfach auch. Das hätte ich mich in einer anderen, wie ich angepassten Begleitung niemals getraut. Aber es war prima! Ich hatte großen Spaß dabei und als das Konzert nach knapp anderthalb Stunden vorbei war, hatte ich fast vergessen, dass meine Füße klatschnass sind. Zwischenzeitlich konnte man sogar mal den Schirm weglegen und sich so noch viel freier bewegen, das war richtig gut. Und die Sängerin reichte mir während des Konzertes ihren Fotoapparat mit der Bitte, ein paar Bilder von ihnen zu machen. Nach dem Konzert bedankte sie sich fürs Fotografieren und dafür, dass wir ganz vorne standen und tanzten. Dinge, die mir erst peinlich oder zumindest unangenehm waren und zu denen ich mich erstmal überwinden musste. Aber ich lerne daraus: Peinlich wird etwas erst, wenn es dir selbst peinlich ist. Und: Was du peinlich findest, finden andere Leute möglicherweise cool. Also sollten wir alle mal das blöde „Uuuuh, das mache ich nicht, das ist doch voll peinlich!“ aus unserem Vokabular streichen und stattdessen einfach machen, was uns gefällt. Und wer weiß, vielleicht wird genau das dann ja ein neuer Trend…?