Klinkersteingefühle

Als kleines Mädchen habe ich mit meiner Mutter unzählige Tage im Münsterland verbracht: Meine Großmutter kam von dort, und deren beide Schwestern lebten noch in der Gegend. Obwohl der Weg aus Süddeutschland weit war, machten wir regelmäßig für ein paar Tage oder auch etwas länger dort Station. Beide Großtanten waren alleinstehend, mit großen Häusern, in denen wir nicht nur gut unterkommen konnten, sondern die für ein Kind auch viel Platz zum Spielen und eine Menge spannende Dinge zum Entdecken bereithielten. Da gab es ein Klavier, auf dem ich manchmal herumklimpern durfte. Der Garten war gut bestückt mit Obst und Gemüse, so dass eigentlich immer irgendetwas reif war, was ich direkt vom Strauch oder Baum naschen konnte. Und mit einem Backstein, der im Hof herumlag, konnte man in einem ausrangierten Topf mit Wasser eine perfekte Tomatensuppe kochen – wenn auch mit weniger Geschmack als die, die es zum Mittagessen gab… Nach dem Essen war eine Partie Halma verpflichtend. Die Regeln konnte ich schnell, es gab zu Anfang auch noch hilfreiche Hinweise, wenn ich mal wieder eine gute Chance übersah – aber absichtlich gewinnen ließen sie mich nie. Umso stolzer war ich auf jeden errungenen Halma-Sieg. Besser war ich allerdings im Rummikub, das meistens nach dem Abendessen gespielt wurde. Für die Erwachsenen gab es ein Gläschen Wein oder einen Likör, für mich Limonade, und dann wurde gespielt, was das Zeug hielt. Sogar meine Mutter, ansonsten eine bekennende Nicht-Spielerin, war beim Rummikub immer dabei. So vergingen die Abende im Flug. Zum Glück waren die Tanten Langschläferinnen, so dass die Tage entsprechend auch erst später begannen…

Wenn ich heute durch Westwestfalen fahre, reicht schon der Anblick von Klinkersteingebäuden, um in mir wieder dieses alte Kindergefühl, eine merkwürdig-heimelige Mischung aus Fremde und Vertrautheit hervorzurufen. Wenn ich dann noch den Dialekt höre, der schon fast wie Niederländisch klingt, und die einzige noch lebende der drei Schwestern mich mit dieser, für meine kulinarisch fränkische Prägung fremden, aber doch irgendwie leckeren Mischung aus süß und herzhaft bekocht und mich für den Heimweg noch mit Vorräten bepackt, als wäre ich zwölf Stunden unterwegs und käme in eine Wohnung mit leerem Kühlschrank und ohne Einkaufsmöglichkeiten, dann lasse ich mich für eine kurze Weile wieder in die Vergangenheit fallen. Eine große Verwandtschaft ist unübersichtlich, manchmal kompliziert und anstrengend, aber die schönen Momente begleiten ein Leben lang.

Ewiger Kreislauf

Draußen ist Frühling, die Sonne wärmt, überall fängt es zu blühen an, Aufbruchsstimmung. Auch der kirchliche Kalender ist gefüllt mit Ritualen zum Beginn, das Auferstehungsfest Ostern, gestern der weiße Sonntag mit Erstkommunionsfeiern allerorten. Obwohl das neue Jahr schon zu mehr als einem Viertel vorbei ist, fühlt es sich so an, als wäre jetzt erst der richtige Anfang.

Gestern gab es anlässlich einer Kommunion im Verwandtenkreis ein Familienfest, zu dem ich das erste Mal seit der Beerdigung meines Großvaters wieder im Heimatstädtchen meines Vaters weilte. Nach dem Gottesdienst besuchte ich den Friedhof, im Familiengrab liegen Groß- und Urgroßeltern. Mit dem Neunjährigen der Blick nach vorne, mit den Vorfahren der Blick zurück. Es ist immer ein Kreislauf.

Morgen werde ich Abschied nehmen von meinem Opa, der als letzter von fünf Großeltern nun auch aus diesem Leben trat. Nur einen Tag nach der Nachricht von seinem Tod erreichten mich Hochzeitsbilder einer alten Freundin, das Paar unter blühenden Kirschbäumen. Leben stirbt, Leben erwacht. Es geht weiter.

Friedhofsnarzissen

Weihnachtsvorbereitungen IV – Krippe

Als wir Kinder klein waren, war es Tradition, dass unsere Mutter an einem der Adventswochenenden die alte Krippe herausholte und mein Bruder und ich sie aufstellen und bestücken durften. Zuallererst wurde das Holzhäuschen aufgestellt; dann mussten wir Moos aus dem Garten oder aus dem Wald beschaffen, um damit den kahlen Holzboden etwas hübscher und weicher zu gestalten. Im Stall fand die Krippe ihren Platz, außerdem gab es noch ein Lagerfeuer für draußen, einen eingezäunten Weideplatz für die Schafe und einen Stapel mit Feuerholz, der in einer Ecke überdachten Platz fand. Zum ursprünglichen Krippenpersonal gehörten die wichtigsten Figuren, also das Jesuskind, Maria und Josef, der Engel, Hirten und Schafe, die drei Könige. Letztere wurden weiter weg aufgestellt, weil sie bis zum sechsten Januar schließlich noch den weiten Weg über den Wohnzimmerschrank bewältigen mussten, bis sie schließlich beim Christkind ankommen durften… Ich weiß nicht, ob mein kleiner Bruder am Krippenaufbau genauso viel Spaß hatte wie ich, aber für mich war dieses Prozedere ein fester Bestandteil des Advents und ein wesentlicher Schritt auf das Weihnachtsfest zu, und ich legte einen außerordentlichen Ehrgeiz an den Tag, wenn es darum ging, das kuscheligste Moos zu finden, den Abstand zwischen den einzelnen Teilen schön zu bemessen und die Krippe ganz genau in der Mitte des Stalls aufzubauen.

Das Grundgebäude dieses Krippenszenarios existiert immer noch in Mamas Weihnachtskiste. Von den Figuren sind allerdings schon einige kaputt gegangen oder anderweitig verschwunden. Dafür sind neue Figuren und Elemente hinzugekommen: Inzwischen wohnt in unserem kleinen Holzstall eine bolivianische heilige Familie aus Ton, und auch ein getöpfertes Paar aus Ochs und Esel ist eingezogen. Die drei Könige werden von einem Pinguin begleitet, zwischen den Schafen weiden Lamas. Die Schäfer haben kein Lagerfeuer mehr, aber immerhin einen Brunnen, und weil von irgendwoher eine Holzbrücke den Weg in unsere Weihnachtskiste gefunden hat, gibt es auch immer einen Fluß aus einem blauen Halstuch in der Nähe. Der ernste Erzengel ist abgelöst worden durch einen etwas zerzausteren, fröhlichen und buntgewandeten Juniorengel mit Wäscheklammer an den Füßen, und goldene Sterne zeigen jetzt den Hirten und Königen den Weg zum Kind. Vieles hat sich geändert, nur eines ist gleich geblieben: Das Aufbauen und Bestücken der Krippe bleibt mein Ressort. Inzwischen wird die Krippe erst am 24. aufgebaut, wenn ich komme, und Jahr für Jahr habe ich beinahe kindlichen Spaß daran, das selbe Geschehen mit den selben Figuren immer wieder ein wenig abgewandelt, aber so perfektionistisch wie eh und je aufzubauen.

Krippe2012

 

Familienbande

Der Sommer ist ja immer auch eine Zeit der Feierei verschiedenster Anlässe. Bei mir waren die größeren Feiern der letzten Wochen, neben jener Hochzeit, eine Silberhochzeit und ein runder Geburtstag im näheren Familienkreise. Beides waren Gartenparties, bei beiden war ich von mittags bis spätnachts dabei, bei beiden waren die jeweilige Verwandtschaft so wie gute Freunde eingeladen und es ergab sich ein bunter Mix aus Altersstufen vom Kleinkind bis zum Senior. Ich feiere ja ohnehin gerne und fand es insbesondere sehr schön, ein paar der entfernteren Verwandten wieder zu sehen. Bei der Silberhochzeit unterhielt ich mich gefühlte Stunden mit zwei alten Großtanten, die ich sehr gerne mag, denen ich aber nur äußerst selten begegne – seit von fünf Großeltern vier tot sind und der fünfte eher Einsiedler als Großgastgeber ist, sind wichtige Bezugs- und Treffpunkte weggefallen, deren Wert man erst so richtig erkennt, wenn sie nicht mehr da sind. Auch mit meinem Lieblingscousin, den ich sehr schätze, aber ebenfalls höchstens alle ein bis zwei Jahre sehe, habe ich mich lange am Lagerfeuer unterhalten, wobei wir dringend beschlossen, uns auch mal zwischendurch zu treffen – eigentlich wohnen wir nur siebzig oder achtzig Kilometer auseinander, das ist ja keine Entfernung.

Ich habe eine große Verwandtschaft und schätze das sehr, insbesondere, seit mir klar wurde, dass meine Kinder, wenn ich denn mal welche haben werde, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so etwas nicht haben werden. In meiner Generation ist es üblich, eine Schwester bzw. einen Bruder zu haben, auch Einzelkinder sind nichts ungewöhnliches; hingegen ist es wirklich außergewöhlich, jemanden mit mehr als zwei Geschwistern zu treffen. Da mein Bruder ziemlich sicher niemals Kinder bekommen wird, hätten meine Kinder nur Cousins oder Cousinen, wenn mein zukünftiger Partner Geschwister hätte, die ebenfalls zeugungswillig sind. Ich dagegen habe fünf Tanten und Onkels mit jeweils Partnern und insgesamt zehn Cousins und Cousinen; hinzu kommen Dutzende weitere Großtanten und -onkels, Cousins und Cousinen meiner Eltern mit ihren Kindern, deren Verwandtschaftsgrad zu mir ich schon gar nicht mehr benennen kann, und ich kenne sie nicht einmal alle (mein Opa hatte zehn Geschwister, da kommen in der Nachfolge eine Menge Menschen zusammen!). Und ich finde es unglaublich spannend, all den Familiengeschichten zuzuhören, Lebensgeschichten zu verfolgen, vielleicht festzustellen, dass es da noch einen entfernten Verwandtschaftszweig gibt, der auf einem anderen Kontinent lebt, Parallelen zwischen Müttern und Töchtern und Vätern und Söhnen zu beobachten… Es gibt ja diesen Spruch „Blut ist dicker als Wasser“. Früher fand ich das total absurd – wieso sollte ich, nur weil ich zufällig einen Teil meiner DNA mit einem Menschen teile, diesen lieber haben oder höher schätzen als die Freunde, die ich mir aussuche, weil ich sie gerne mag? Inzwischen sehe ich das etwas differenzierter. Meine Freunde sind mir immer noch so wichtig wie meine Familie. Und es gibt mit Sicherheit auch einige Menschen, die zwar mit mir verwandt sind, mit denen ich aber so gar nichts gemeinsam habe. Die Familie ist das, was man sich nicht aussuchen kann. Aber genau das macht es auch unmöglich, sich so ganz davon zu lösen. Natürlich kann man den Kontakt abbrechen, oder er schläft einfach ein, absichtlich oder aus Unachtsamkeit. Und trotzdem, trotz aller Streitereien, trotz anstrengender Eltern und unverständlichen Geschwistern und fettnäpfchenhüpfenden Onkeln und überkandidelten Tanten, Familie bleibt Familie. Auch dann, wenn nach Lebenskatastrophen jedweder Art alles andere auf den Kopf gestellt wird. Die Familie wird man nicht los. Und irgendwie kann das ja auch etwas Tröstliches haben.

Sichtweisen

Besuch beim Großvater. Drei Generationen sitzen am Tisch, Vater, Tochter, Enkelin. Das Gespräch dreht sich um alte Zeiten, um entfernte Verwandte, ich höre nur zu und versuche, mir im Geiste Stammbäume aufzumalen, um einen Überblick über Cousins zweiten Grades und Tanten von Schwiegermüttern zu bekommen. Irgendwann geht es um Kindheitserlebnisse und familiäre Brüche. Interessant: Die Erinnerungen von Vater und Tochter sind fundamental unterschiedlich, nicht nur in Details oder Bewertungen. Baut sich jeder seine eigene Vergangenheit?

Später am Tag blättere ich in alten Fotoalben. Ich bin drei, vier Monate alt auf diesem Gruppenbild, Maman, glücklich wirkend, hält mich im Arm; neben mir ihre Schwägerin ebenfalls als stolze Mutter meines gleichaltrigen Cousins, hinter uns ernst dreinblickende Väter, stolz lächelnde Großeltern, im Hintergrund ein introvertierter junger Mann, der schon früh Onkel wurde. Ich rechne nach, wie alt waren sie alle damals? Die zwei Brüder, die fast zeitgleich Väter wurden, waren 29, 27, das ist nicht mehr weit weg von meiner Gegenwart. Sie sehen ernst aus auf dem Foto, erwachsen, älter als sie sind. Neulich hatte ich dieses Treffen mit einem 27-jährigen. Er studierte, wohnte noch bei seinen Eltern, war auf der Suche nach Leichtigkeit und Lebensfreude und Optimismus, wollte sich lieber keine schweren Gedanken aufladen. Ein ganz anderes Bild. Maman ist auf dem Foto gerade mal ein knappes Jahr älter als ich es jetzt bin. Eine andere Lebenswirklichkeit. Eine andere Zeit.

Scheidungskinder

Die hier schon einmal thematisierte und an anderer Stelle fortgeführte Gehen-oder-Bleiben-Diskussion um die Halbwertszeit von Beziehungen hat mich daran erinnert, dass ich schon öfters Artikel wie diesen oder diesen las, in denen Studien zitiert werden, nach denen statistisch gesehen das Risiko, selbst eine gescheiterte Beziehung zu führen bzw. besser geführt zu haben, signifikant steigt, wenn sich die eigenen Eltern trennten. Nun, wenn das so ist, bin ich quasi ein unvermittelbarer Fall: Meine Eltern trennten sich, als ich 17 war. Die Eltern meiner Mutter trennten sich, als diese ein Teenager war. Die Eltern meines Vaters trennten sich nicht – führten aber eine unglückliche Ehe, zumindest aus der Sicht meiner Großmutter, die (mit Sicherheit auch dadurch beeinflusst) schon früh an Krebs erkrankte und letztlich starb. In ihren letzten Tagen sagte sie noch zu meiner Mutter, ihrer Schwiegertochter: „Mach nicht den selben Fehler, den ich gemacht habe!“ Ich entstamme also sozusagen einer Dynastie von Kindern aus unglücklichen Beziehungen. Immer waren es die Frauen, von denen eine Trennung ausging (auch wenn Großmutter diesen letzten Schritt nicht ging, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Pflichtgefühl). Die Männer machten unter Umständen blöde Sachen, wie mit anderen Frauen zu flirten, im Extremfall ihre Frauen sogar zu betrügen oder kurzzeitig zu verlassen, vielleicht vernachlässigten sie auch einfach nur ihre Frauen und Kinder emotional, möglicherweise sogar ohne Absicht. Aber den Schritt hinaus aus der Beziehung, hinein in ein ungewisses Leben, auf sich allein gestellt und finanziell nur schlecht ausgestattet, den machten die Frauen.

Wenn es einen Glaubenssatz gibt, den ich von meiner Mutter mitbekommen habe, durch unzählige implizite und explizite Wiederholungen über die Jahre verinnerlicht, dann den: „Bewahr dir deine Unabhängigkeit! Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ Alternativ dazu vielleicht noch die Weisheit „Beziehungen vergehen, Freundschaften bestehen“ verbunden mit der Mahnung, mich nicht zu sehr in die Zweisamkeit zu stürzen und darüber meinen Freundeskreis zu vernachlässigen. Aber sind diese Mantren das Resultat einer gescheiterten Beziehung – oder auch ein Stück weit der Grund dafür? Irgendwo habe ich einmal das Statement gelesen oder gehört, wenn in einer Beziehung die Trennung eine denkbare Option wird, dann ist die Beziehung schon gescheitert. Aber ist nicht, wenn man selbst miterlebt hat, wie die Beziehung der Eltern auseinanderbrach, eine Trennung immer eine denkbare Option? Und schließlich ist es oft genug so, dass man als Kind, selbst wenn man sich eigentlich heimlich gewünscht hätte, die Eltern wären friedlich freundlich eierkuchenmäßig bis ans Ende ihrer Tage zusammengeblieben, doch auch die Entspannung bemerkte, die sich nach der Trennung ausbreitete. All die Streitereien oder wahlweise das Anschweigen beim Abendbrot, die zum Schneiden dicke Luft im Wohnzimmer, die mühsam zurückgehaltenen Tränen der Mutter oder der Knall, wenn die Tür hinter dem Vater ins Schloss fällt – vorbei. Glückliche Eltern sind bessere Eltern, ob sie nun zu zweit oder alleine glücklich sind. Wenn man um diese Wirkung von Trennungen weiß, fällt vielleicht auch selbst der Schritt vom bisherigen, nicht mehr glücklich machenden Lebenspartner weg leichter. Wenn man weiß, dass es auch alleine weitergehen kann. Dass es immer irgendwie weitergeht. Dass Glück nicht nur in Beziehungen, sondern auch in anderen Lebensbereichen gefunden werden kann.

Aber andererseits sind alle Scheidungskinder, die ich kenne (was etwa 50 % meines gleichaltrigen Freundeskreises entspricht), an sich zutiefst romantisch veranlagt, Menschen, die daran glauben, dass es so etwas wie die große Liebe wirklich gibt und die bestenfalls aus den Fehlern ihrer Eltern lernen, auf jeden Fall aber alles besser als diese machen wollen. Bei manchen sieht es aus, als ob sie das schaffen werden, bei manchen ist zumindest meine Prognose negativ, aber wir sind alle noch einigermaßen jung und ein abschließendes Urteil darüber muss noch mindestens 30 bis 40 Jahre warten. Ich habe mal gehört, dass Kinder aus gescheiterten Beziehungen sich häufig Partner suchen, die sie unbewusst an ein Elternteil erinnern. Tatsächlich hatte mein Exfreund in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten mit meinem Vater, auch wenn er das immer entrüstet weit von sich schob. Umgekehrt gab es vielleicht auch ein paar Parallelen zwischen mir und seiner Mutter, die ebenfalls schon seit vielen Jahren geschieden ist. Jetzt könnte man natürlich tiefenpsychologische Erklärungsversuche starten (in etwa so: wir wuchsen beide bei unseren Müttern auf, haben beide ein viel engeres Verhältnis zu den Müttern als zu den Vätern, von daher ist es kein Wunder, dass ich ihn, der mich an meinen Vater erinnerte, verließ, während er, den ich an seine Mutter erinnerte, mich nicht aufgeben möchte). Aber ich bin auch skeptisch, wenn es darum geht, alle aktuellen Lebensereignisse auf frühere Erlebnisse zurückzuführen; ich glaube durchaus an 1. den freien Willen und 2. die Fähigkeit, Dinge zu verarbeiten (auch wenn man sein Päckchen natürlich immer mit herum trägt, aber es muss nicht zwangsläufig immer beeinflussen). Letztendlich ist es wohl eine Kombination aus verschiedensten Faktoren, die zu den Entscheidungen führt, die wir treffen. Ergründen kann man diese Kombination nur gelegentlich und im Einzelfall  – aber es ist spannend, darüber nachzudenken.

Heimat

Zum ersten Mal zog ich um, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater bekam einen Job in 200 km Entfernung von unserem damaligen Wohnort. Mit neun Jahren kam der nächste Umzug. Meine Eltern kauften sich ein Haus. Dann wieder mit siebzehn. Meine Eltern trennten sich. Als ich zwanzig war, wohnte ich für ein Praktikum ein Vierteljahr lang knapp 200 km entfernt. Mit einundzwanzig zog ich schließlich „richtig“ von zuhause aus, in die Stadt, in der ich jetzt lebe, die ganz okay, aber mit Sicherheit nicht die letzte (und wahrscheinlich auch nicht die vorletzte oder vorvorletzte) Station auf meinem Lebensweg ist.

Es gibt ja Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einem Ort, oder doch zumindest in einem sehr eng gesteckten Gebiet leben. Die mit ihren Nachbarn in den Kindergarten und in die Schule gingen. Die jeden kennen, der mit ihnen in der Schlange beim Bäcker steht, und mit dem Großteil dieser Menschen auch noch weitläufig verwandt sind. Das ist ein Leben, das ich mir kaum vorstellen kann.

Ich besuchte den Kindergarten in einem anderen Ort als die Grundschule, und in meiner Klasse im Gymnasium war niemand mehr aus meiner Grundschule. Freunde kamen und gingen, die ältesten Freunde, die ich noch habe, lernte ich erst als Teenager kennen und nicht in der Krabbelgruppe. Ich war immer eine Neuzugezogene. Keine von den Alteingesessenen. Ich sprach nicht den selben Dialekt wie die anderen; genau genommen sprach ich nie einen richtigen Dialekt, sondern mehr oder weniger Hochdeutsch mit Einsprengseln aus allen Gegenden, in denen ich je zuhause war. Hochdeutsch kann ein Fremdheitskriterium sein.

Manchmal frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt, einen Ort als Heimat bezeichnen zu können. Na klar, es gibt einige Orte, zu denen ich Geschichten erzählen kann. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, freue ich mich, wenn auf einem Schild der Name des Ortes steht, in dem ich meinen ersten Nebenjob hatte, und wenn ich im ICE fahre, schaue ich immer aus dem Fenster an dieser einen Stelle, wo man für anderthalb Sekunden meine alte Schule sehen kann. Aber es gibt keinen Ort, in dem ich mich wie in meiner Westentasche auskenne. Wo ich alle Leute kenne und alle Leute mich, wo ein Elternhaus steht und die ganze Verwandtschaft wohnt, wohin ich immer wieder zumindest für Besuche zurückkehre. Ich stelle es mir schön vor, dadurch ein kleines bisschen äußerlichen Halt zu haben. Allerdings glaube ich, dass dieser Halt zumindest in manchen Fällen durch ein dumpfes Gefühl des Kontrolliert-werdens und des Nicht-ausbrechen-dürfens erkauft ist.

An meinem Leben mag ich, dass ich durch die Umzieherei meiner- und bekannterseits inzwischen in nahezu ganz Deutschland und sporadisch auch darüber hinaus Anlaufstellen habe. Vorausgesetzt, es verschlägt mich nicht gerade nach Salzgitter oder Braunschweig, kenne ich eigentlich überall irgendjemanden. Und ich habe auch das Gefühl, dass das Umherziehen und immer wieder Neuanfangen eine gewisse Offenheit und Flexibilität bewahrt, die mir wichtig ist und die das Über-den-Tellerrand-schauen vereinfacht. Das Immer-ein-bisschen-fremd-fühlen gehört dann wohl einfach dazu.

Hol das Stöckchen!

In den Blogs in der Nachbarschaft werden ja seit einer Weile Fragen-„Stöckchen“ munter hin und her geworfen – und nun kam ein selbiger von der wundervollen perlenmama auch zu mir. Dann legen wir doch mal los!

  1. Vervollständige den Satz: “Ich blogge weil…”
    … es für mich die ideale Art des Schreibens ist. Weil ich mich im Schreiben austoben und ausprobieren kann, ohne Erfolgsdruck, weil ich bestimmte Dinge aus meinem Leben gerne teile, weil ich auch gerne die Kommentare zu meinen Gedanken lese, mich freue, dass sich überhaupt jemand für mein Geschreibsel interessiert und durch Anmerkungen manchmal selbst ganz neue Blickwinkel entdecke.
  2. Welche drei Dinge hast du immer dabei?
    Mein Smartphone, meinen dicken Schlüsselbund und mein Portemonnaie. Aber weil das langweilig ist, da diese Dinge fast jeder immer dabei hat: Unverzichtbar in meiner Handtasche sind außerdem der Lippenpflegestift, die niedliche Pflasterbox mit der Aufschrift „Hosentaschen-Schutzengel“, die ich meiner besten Freundin zu verdanken habe, und meistens auch irgendetwas Essbares.
  3. Es brennt und du kannst noch eine Sache retten, was ist das? (Die Mitmenschen laufen selbst raus).
    Mmh, zählt die Katze als Sache oder als Mitmensch? Falls ich außer meiner kleinen Mitbewohnerin noch etwas retten darf, wäre das meine Schatzkiste.
  4. Du wirst beim Lügen ertappt. Wie reagierst du?
    Je nachdem, welche Lüge und welche Person mir gegenüber: a) Ich werde rot, senke den Blick und versuche, mich irgendwie rauszureden – oder b) ich atme einmal tief durch, schaue dem Gegenüber in die Augen und sage: „Okay, das war gelogen. Eigentlich war es so und so.“
  5. Frühling, Sommer, Herbst, oder Winter? Was hast du am liebsten?
    Frühling. Definitiv. Es gibt nichts Schöneres als die ersten Sonnenstrahlen im Jahr, die wirklich wärmen und für dieses Licht verantwortlich sind, das gute Laune macht und alles viel leichter erscheinen lässt.
  6. Was ist der eigenartigste Familienbrauch bei euch zu Hause?
    Das ist eine schwierige Frage, zumal ich im Moment alleine (mit Katze) lebe und sich so allenfalls Marotten, aber keine Familienbräuche ergeben. Bei meiner Familie, wo ohnehin alles etwas anders ist als bei anderen Leuten, gehört zu den untypischen Ritualen vielleicht das manchmal exzessive Züge annehmende Seriengucken, staffelweise auf DVD, weil es keinen Fernsehempfang gibt, aber doch alle gerne abends zur Entspannung ein bisschen vor dem Fernseher fläzen.
  7. Wenn du die eine Sprache aussuchen könntest, die du noch lernen könntest, welche wäre das?
    Wenn ich nur noch eine Sprache perfektionieren könnte, wäre das Niederländisch. Mmh. Oder doch Italienisch? Wenn ich mich für eine Sprache entscheiden soll, von der ich bis zum heutigen Zeitpunkt überhaupt keine Ahnung habe, dann fiele meine Wahl auf Dänisch.
  8. Wo würdest du gern einmal für eine Zeit wohnen?
    In Paris. Um zu gucken, ob man es da immer noch so bohème-mäßig haben kann wie das Klischee es verspricht.
  9. “Als Kind dachte ich…”
    … dass es ein Traumberuf sein müsste, wenn man den ganzen Tag mit Kindern zu tun hat, als Kindergärtnerin oder Grundschullehrerin. Ein Praktikum im Kindergarten und einen Aushilfsjob als Kleinkindbetreuerin später weiß ich: Diese Jobs wären eher Albtraumberufe für mich.
  10. In welchen Situationen verhälst du dich wissenderweise irrational? Warum?
    Wenn ich emotional aufgepeitscht bin und unsicher darüber, wie die Person, wegen der die Emotionen hochkochen, über mich denkt bzw. zu mir steht. Ich muss immer wissen, was Menschen (über mich) denken – und kann dabei deutlich besser mit Enttäuschungen als mit Unsicherheit umgehen. Wenn ich nur im Trüben fischen kann, werde ich total fuchsig und mache gelegentlich dumme, unüberlegte Dinge.

Weil das Stöckchen-Thema in den Blogs links und rechts größtenteils schon abgefrühstückt ist, verzichte ich auf eine Weitergabe von neuen Fragen. Wer sich dennoch beteiligen mag, dem seien die Fragen von perlenmama ans Herz gelegt. 🙂

Drachenfliegen

Drachen1Heute war ich mal wieder zu Besuch bei meiner Familie. Anlass war ein Geburtstag, der gebührend mit Gästen zum Mittagessen und Kaffeetrinken gefeiert wurde – aber vormittags hatten mein Bruder und ich noch ein, zwei Stunden Zeit zur freien Verfügung. Meine Familie wohnt in einer ziemlich abgelegenen und hohen Lage in einem Mini-Dorf in der Rhön , das heißt: viele freie Flächen und noch viel mehr Wind. Und da kam Brüderchen auf die grandiose Idee, die alten Drachen vom Dachboden zu holen und steigen zu lassen. Nach kleinen Startschwierigkeiten, ich habe das vermutlich mindestens seit zehn Jahren nicht mehr gemacht, funktionierte es dann auch richtig gut (mit meinem Anfängerdrachen sowieso und auch Brüderchen hatte nach einer Weile den Dreh mit seinem Lenkdrachen raus). Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mir fest vorgenommen habe, meinem kleinen Patensohn auch mal einen Drachen zu schenken und mit ihm steigen zu lassen. Aber weil der Kleine gerade erst das Laufen gelernt hat und es bis zur Drachenzeit bei ihm wohl noch etwas dauert, kaufe ich mir halt für die Zwischenzeit einfach selber einen.

Babybäuche

Heute war ich zu Besuch bei meinem kleinen Patenkind, das jetzt stolze fünf Monate alt ist, bestaunte seine Mutter, die zur Zeit hauptberuflich den Alltag mit einem Kindergartenkind und einem Säugling managt und dachte dabei im Stillen, dass mein aktuelles Leben dagegen das reinste Freizeitparadies ist – obwohl ich mich ansonsten ja auch gerne über zu kurze Tage aufrege, wenn ich es wieder mal nicht schaffe, Vollzeitjob, Fernstudium, Haushalt, Beziehung, Freunde und so weiter unter einen Hut zu bekommen.

Ich bin auch noch nicht in dem Alter, in dem man auf 30 aufrundet; ich stehe erst am Anfang der Zwanziger, denke über Berufswechsel und Werkstudentenjobs nach und plane, mit meinem Freund zusammenzuziehen, um zu testen, ob die Beziehung nicht nur fern, sondern auch jeden Tag funktioniert. Das sind die „großen“ Zukunftspläne, die mich zur Zeit bewegen.

Und dann lese ich, so ganz nebenbei auf Facebook, dass eine ehemalige Mitschülerin ja eben gerade ein hübsches „Bellypainting“ auf ihren Babybauch gemalt bekommen hat – von einer anderen ehemaligen Mitschülerin, die vor zwei Wochen heiratete. Eine andere aus dem Klassenbunde ist schon seit zwei Jahren verheiratet und wird ebenfalls in diesen Tagen Mutter, eine ehemalige, kaum ältere Kollegin aus meinem Nebenjob hat seit Mitte des letzten Jahres eine Tochter und auch ein jetziger junger Kollege ist vor kurzem Vater geworden. Und ich bin irritiert: Heißt es nicht immer und überall, die Menschen würden keine Kinder mehr bekommen, und wenn, dann erst viel später? Und warum bin ich dann auf einmal gefühlt die einzige, bei der eine Schwangerschaft noch nicht im entferntesten in Frage kommt? Denn ja, ich möchte Kinder, und mein Freund ebenso – aber wir sind uns auch beide einig, damit noch ein bisschen zu warten. Bevor ich 30 werde, das ist der Plan, aber bis dahin ist noch so viel Zeit. Ändert unsere Generation wieder alle Statistiken und wir werden mit Ende Zwanzig schon die richtig Alten unter den zukünftigen Eltern sein? Wir werden sehen.