Ewiger Kreislauf

Draußen ist Frühling, die Sonne wärmt, überall fängt es zu blühen an, Aufbruchsstimmung. Auch der kirchliche Kalender ist gefüllt mit Ritualen zum Beginn, das Auferstehungsfest Ostern, gestern der weiße Sonntag mit Erstkommunionsfeiern allerorten. Obwohl das neue Jahr schon zu mehr als einem Viertel vorbei ist, fühlt es sich so an, als wäre jetzt erst der richtige Anfang.

Gestern gab es anlässlich einer Kommunion im Verwandtenkreis ein Familienfest, zu dem ich das erste Mal seit der Beerdigung meines Großvaters wieder im Heimatstädtchen meines Vaters weilte. Nach dem Gottesdienst besuchte ich den Friedhof, im Familiengrab liegen Groß- und Urgroßeltern. Mit dem Neunjährigen der Blick nach vorne, mit den Vorfahren der Blick zurück. Es ist immer ein Kreislauf.

Morgen werde ich Abschied nehmen von meinem Opa, der als letzter von fünf Großeltern nun auch aus diesem Leben trat. Nur einen Tag nach der Nachricht von seinem Tod erreichten mich Hochzeitsbilder einer alten Freundin, das Paar unter blühenden Kirschbäumen. Leben stirbt, Leben erwacht. Es geht weiter.

Friedhofsnarzissen

Versucht.

Ich habe es versucht. Ehrlich und ernsthaft. Ich habe versucht, ihn zu lieben. Habe versucht, eine gute Freundin zu sein. Versucht, ihn genau so anzuerkennen, wie er ist. Ihn zu nehmen mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Ich habe ihn verteidigt vor meinen Freunden und meiner Familie und vor mir selbst. Ich habe versucht, die Dinge zu tun, über die ich mich auch freuen würde. Ich habe mich interessiert für Dinge, die ich sonst nicht besonders interessant fände, weil sie ihn interessierten. Ich habe eine kleine Welt mit ihm gebaut und große Pläne geschmiedet. Aber irgendwann passte ich nicht mehr hinein in das Bild. Das Bild war schön, aber es war nicht mehr meines. Ich habe versucht, mich ihm anzupassen, mich in den Rahmen zu zwängen, aber das funktionierte nicht. Nicht auf Dauer. Also kletterte ich aus unserem Bild und ließ ihn alleine mit seinem zerbrochenen Herzen. Ich fühle mich schuldig, aber ich kann nicht zurück. Es tut mir so leid.

Die Liste – Woche 7 und Abschluss

1. Alleine in den Urlaub fahren, an einen Ort, an dem ich noch nie war.

2. Ein Wochenende lang nur tun, worauf ich gerade Lust habe, und nicht an Verpflichtungen denken.

3. Portugiesisch lernen. (noch 3)

O meu Português não é muito bom já, mas eu estou a aprender constante e diligente (na maioria das vezes).

4. Lesen. Ganz viel lesen, all die Bücher, die bislang unbeachtet im Regal stehen. (4 von 10)

Siri Hustvedts „Der Sommer ohne Männer“, mit dem ich vor einem Jahr oder so schon einmal begonnen hatte, aber nie bis zum Schluss kam, habe ich mir jetzt wieder vorgenommen und es dieses Mal auch zu Ende gelesen. Ich mag, wie man in den Gedankenstrudel der Ich-Erzählerin hineingezogen wird, wenn auf einmal Bilder, Gedichtzeilen, Erinnerungen in ihrem Kopf auftauchen. Inhaltlich war es weniger spannend, als ich erhofft hatte, aber formal gefiel es mir (und ich bin in diesem Bereich ausnahmsweise eher konservativ).

5. Meine Studienbriefe nicht nur als abzuspeichernde Informationen betrachten, sondern als Einladung, in eine spannende Wissenswelt zu tauchen.

6. Freunde einladen. Besuch bekommen, Zeit mit lieben Menschen verbringen.

7. Briefe und E-Mails schreiben. Telefonieren. Kontakte pflegen.

Mit einem spontanen, sehr schönen Zweistundengespräch mit einer alten Freundin, einem kurzen, aber nicht weniger schönen Telefonat mit der besten Freundin von allen und einem unerwarteten Anruf von einer neuen Bekannten hake ich auch diesen Punkt ab.

8. Scheu überwinden und auf fremde Menschen zugehen. Den ersten Schritt machen.

9. Etwas Verrücktes tun. Wildfremde Leute zu einem Picknick einladen. Aufs Operndach klettern und einen Freudenschrei ausstoßen. Ein Bayernticket kaufen und mich in den nächsten Zug setzen, ganz egal wo er hinfährt.

10. Trinken. Flirten. Dinge nicht ernster nehmen, als sie sind. Leichtigkeit lernen.


Wie man sieht, ist die Liste inzwischen größtenteils abgehakt, und die zwei noch offenen Punkte sind auch schon in Arbeit. Wobei „abgehakt“ nicht ganz das richtige Wort ist, denn eigentlich geht es in den Punkten auf dieser Liste insgesamt eher um eine veränderte Lebenseinstellung bzw. Grundhaltung zu manchen Dingen als um einzelne, konkrete Handlungen, auch wenn ich das Abhaken immer mit einer solchen Handlung verbunden habe, die aber eher als Initialzündung zu sehen ist und nicht als abgeschlossene Entwicklung. Diese Entwicklung anzustoßen, war die Aufgabe dieser öffentlich gemachten Liste, und ich danke euch Lesern, die ihr mich immer wieder zum Überdenschattenspringen motiviert habt. Aber jetzt hat die Liste ihren Sinn erfüllt, weshalb ich die wöchentlichen Updates hiermit beende. Im Moment fühle ich mich listenfrei ganz wohl. Sollte ich aber einmal wieder an einen Punkt kommen, an dem eine Liste angebracht wäre (und ich mag Listen!), werdet ihr es als erstes erfahren. 🙂

Gedanke

Die Menschen erzählen von Scheidungen und Streitereien und Ehekrisen, aber niemand sagt einem, was es für ein schreckliches Gefühl ist, im Hinausgehen die Tür hinter sich zu schließen, wenn im Inneren ein vor Trauer weinender Mensch steht.

Boote in der Nacht

Liebe kann vieles, doch manchmal ist Liebe nicht genug.
Glaube ist stark, doch manchmal ist Glaube Selbstbetrug.
Wir wollten Wunder, doch sie sind nicht geschehn.
Es wird Zeit, dass wir uns endlich eingestehn:
Wir sind wie zwei Boote in der Nacht
Jedes hat sein eig’nes Ziel und seine eigene Fracht.
Wir begegnen uns auf dem Meer, und dann fällt der Abschied uns schwer.
Doch was uns treibt, liegt nicht in uns’rer Macht.
Wir sind wie zwei Boote in der Nacht
Jedes hat sein eig’nes Ziel und seine eigene Fracht.
Wir begegnen uns auf dem Meer, und sind mehr allein als vorher.
Warum wird uns das Glück so schwer gemacht?

(„Boote in der Nacht“ aus dem Musical „Elisabeth“)

An T.

Lieber T.,

ich weiß nicht, ob du das hier lesen wirst. Du last früher regelmäßig diesen Blog, aber vielleicht tust du es nicht mehr, weil es dich nicht mehr interessiert, oder aus Selbstschutz. Ich schreibe hier und nicht persönlich an dich, weil ich keine frischen Wunden aufreißen will. Aber vielleicht findest du den Text trotzdem irgendwann, und dann hätte er sein Ziel erreicht.

Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Was ich tat, war notwendig, für mich, und damit auch für uns beide, für dich, weil eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied, und trotzdem war das Schlimmste, dich zu verletzen und vorher gewusst zu haben, dass ich dich verletzen werde. Der Schritt fiel mir schwer, sehr schwer, obwohl etwas in mir wusste, dass er notwendig war. Ich zögerte, weil ich dir niemals Schmerzen zufügen wollte, und tat es doch, weil es keine Alternative dazu gab. – Letztes Jahr sagtest du ähnliche Worte zu mir, und ich verstand sie nicht. Ich war erfüllt von Trauer und Schmerz und Zorn und hätte dich am liebsten angebrüllt: „Wieso siehst du nur das Dunkel und nicht das Licht, das dahinter kommt, kommen wird, kommen muss, wenn wir nur immer geradeaus gehen?“ Heute, da die Rollen umgedreht sind, weiß ich, wie du dich damals fühltest. Und wenn du mir heute meine Frage von damals stelltest, lautete die Antwort: „Weil geradeaus kein Licht mehr kommt, mein Lieber. Weil du nach rechts und ich nach links abbiegen müssen, um das Licht zu finden, oder irgendetwas, zumindest etwas anderes als diese dunkelgraue Nebeldecke, auch wenn wir es jetzt noch nicht sehen und vielleicht nicht einmal erahnen können. Aber was wir auch finden werden, es wird besser sein als das ewige Schwarz, das geradeaus vor uns liegt, selbst wenn wir das Schwarz ab und zu mit unseren Streichhölzern erleuchten können. So hell unser entfachtes Licht auch scheinen mag, das Streichholz ist schnell heruntergebrannt und dann ist es wieder finster. Und irgendwann wird die Schachtel mit den Streichhölzern leer sein.“

Ich mag dich, ich mag dich sehr. Du warst lange Zeit der wichtigste Mensch in meinem Leben, nicht nur Geliebter, sondern auch bester Freund, Weggefährte, der Mensch, der meinen Alltag teilte und meine Geheimnisse kannte. Du wirst in meinem Leben eine Lücke hinterlassen, genauso, wie ich das in deinem Leben tue. Aber die Lücken werden sich langsam schließen, so wie eine Wunde, die verheilt. Erst entsteht Schorf, und man ist versucht, daran zu kratzen, aber dann blutet es nur wieder, und der Prozess beginnt von neuem. Irgendwann wirst du es schaffen, die Wunde in Ruhe heilen zu lassen, bis die Haut wieder ganz neu und rein ist. Dann, wenn die Erinnerungen an mich, an uns, nicht mehr von Schmerz und Wehmut, sondern von Gelassenheit getragen sind.

Ich wünsche dir ganz ehrlich und aus vollem Herzen nur das Beste. Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was du suchst, bis du dich auf den Weg machen kannst, es zu finden. Ich wünsche dir Freude und Erfolg und Menschen, die es gut meinen mit dir. Ich wünsche dir, dass du glücklich wirst.

Deine C.

Die roten Schuhe

Sie sieht noch einmal in den Spiegel. Schön ist sie, in ihrem weichfallenden Kleid und mit den vom Tanzen gefärbten Wangen. Dann zieht sie die roten Schuhe aus, die Schuhe, die sie so liebt, weil sie sich in ihnen wie eine Prinzessin fühlt. Sie setzt sich auf die Holztruhe, die in dem Raum mit dem Spiegel steht, aber sie schiebt sie in eine Ecke, weil sie ihr Gesicht im Spiegel nicht mehr ertragen kann. Ihre Körperspannung fällt in sich zusammen, als sie ihre Knie an ihr Kinn zieht und die Hände vor den Schienbeinen verschränkt. Die nackten Zehen wippen unschlüssig hin und her. Ihr Gesicht, inzwischen blass, erstarrt, aus der sich auflösenden Frisur fallen Strähnen in ihre Stirn. Sie schiebt sie nicht zurück an ihren Platz. Bis eben tanzte sie. Nun ist der Tanz vorbei.

Filmtipp

Heute mal ein Filmtipp, noch völlig aus der Euphorie des abendlichen Kinobesuchs: Auf dem Programm stand „Mr. Morgan’s last love“ – ein wunderschöner und berührender Film, der mit wenigen Figuren eine dichte Atmosphäre zu schaffen vermag. Im Mittelpunkt der Handlung steht Mr. Morgan, der seit dem Tod seiner Frau vereinsamt in Paris lebt und nur wenige Kontakte hat; auch zu seinen Kindern in den USA hat er keine stabile Beziehung mehr. Eines Tages tritt die junge Tanzlehrerin Pauline, die er zufällig im Bus kennenlernt, in sein Leben. Sie werden Freunde – eine Freundschaft, die manchen nicht passt und auch für die beiden nicht immer einfach ist.

Wer französische Filme wie „Die Eleganz der Mme Michel“,“8 Frauen“ oder „Odette Toulemonde“ mag, der wird „Mr. Morgan’s last love“ ebenfalls lieben. Auch wenn es kein originär französischer Film ist, so scheint doch der Drehort Paris positiv einzuwirken und eine ruhige, aber beeindruckende Grundstimmung zu schaffen. Allerdings sollte man den Film lieber in Begleitung ansehen: Optimal wäre ein Mensch, dessen Hand man bei gewissen Szenen fest drücken kann und dessen Schulter einen angenehmen Liegeplatz für den eigenen Kopf bietet. Sollte ein solcher Mensch aber gerade nicht zur Verfügung stehen, tut es auch eine gute Freundin, die gelegentlich ein Taschentuch reicht – denn ich zumindest habe szenenweise richtig geheult.

Verdammt, ich vermisse dich

Ich vermisse dich. Dich oder einfach nur jemanden? Gute Frage. ‚Jemand‘ könnte Linderung verschaffen. Aber eigentlich vermisse ich dich. Deine Umarmungen und deine Küsse. Deine Gedankengänge, deine Ansichten, die fast immer so anders waren als meine und deswegen jedes Mal Anlass zu spannenden Diskussionen gaben. Überhaupt unsere Gespräche, am Telefon und am Küchentisch. All die Dinge, die wir miteinander unternommen und erlebt haben. Aber viel mehr noch die ereignislosen gemeinsamen Abende. Wenn wir uns beim besten Italiener des Stadtviertels etwas zu essen bestellten – du Lasagne, ich Gnocchi Gorgonzola – und den Tag mit einer Folge der Big Bang Theory ausklingen ließen. Ich hab die Staffel noch nicht weiter angeschaut, weißt du? Es kommt mir seltsam vor, so alleine. Außerdem müsste ich bei jedem Witz von Sheldon über Experimentalphysik, bei jeder selbstherrlichen Antwort und bei jedem seiner T-Shirts doch nur wieder an dich denken. Und das tue ich schon oft genug. Heute habe ich es eine Weile geschafft, den Gedanken zu entkommen. Aber dann, Facebook ist schuld, sah ich, dass du bei einem Bild von mir „Gefällt mir“ angeklickt hast. Und irgendwie macht mich das traurig und wütend zugleich. Du warst es, der eine Pause wollte. Du wolltest, wenn auch zeitlich auf ein ganzes, endloses Jahr beschränkt, nichts mehr von mir hören. Vielleicht war dir das alles zu viel. Die Telefonate. Die nervige, zeitaufwendige, teure Pendelei jedes Wochenende. All die Ansprüche, die man aneinander hat und die der andere unmöglich in der kurzen Zeit von Samstag bis Sonntag erfüllen kann. Aber weißt du was? Das gehört dazu in einer Beziehung. Eine Beziehung zu haben, bedeutet nicht nur, dass es jemanden gibt, mit dem man in den Urlaub fahren kann und all die Dinge unternehmen, die zu zweit mehr Spaß machen. Nicht nur regelmäßigen Sex und jemanden, der deine Manuskripte Korrektur liest. Eine Beziehung zu haben heißt auch: Wissen, wie es dem anderen geht. Sich langweilige Geschichten über den Stress in der Arbeit anhören. Akzeptieren, dass der andere deine Vorlieben nicht zu 100 % teilt. Sich auch mal für dessen Interessen interessieren, auch wenn du sie nicht besonders spannend findest. Kompromisse eingehen. Da sein, damit der andere sich auf dich verlassen kann. – Das hat dich überfordert? Du wolltest mal deine Ruhe vor allem? Bitte, jetzt hast du sie. Aber glaub bloß nicht, dass du einfach so wieder kommen kannst, wenn die Ruhe beginnt, dir auf den Geist zu gehen. Ich bin kein Möbelstück, das man auf den Speicher stellen kann, wenn es einem nicht mehr behagt, es ab und zu auf dem Dachboden betrachten und dann wieder runter holen, wenn es zur neuen Wohnungseinrichtung passt. Ach, und deinen Beziehungsstatus solltest du langsam wieder auf „Single“ stellen.