Wertvoll

In den letzten anderthalb Jahren hatte ich zunehmend das Gefühl, unzureichend zu sein. Nichts fertig zu bekommen. Nicht genügend Energie für Dinge aufzuwenden. Faul zu sein. Zu resignieren. Zur Zynikerin zu verkommen. Schwach zu sein. Gelähmt zu sein. Lustlos und unmotiviert zu sein. In meinem Kopf immer gleichzeitig eine metaphorische Wand, durch die man nicht hindurchkommt, und ein Zug, der auf den Abgrund zurast und keine Möglichkeit, ihn aufzuhalten. Und das alles in schmerzhaftem Kontrast zu dem Selbstbild, das ich doch eigentlich von mir hatte und schätzte, nämlich pragmatisch, hilfsbereit, optimistisch, zupackend, empathisch zu sein.

Ich weiß nicht, ob es an Corona liegt, an dem Job, mit dem ich nicht glücklich bin, oder an etwas anderem oder einer Kombination aus vielen Dingen. Aber ich weiß, dass sich etwas ändern muss. Umso froher bin ich, dass ich nächsten Monat eine andere Stelle anfange. Projektbezogen, befristet, in einer Institution, bei der ich auch noch nicht genau weiß, ob sie so richtig gut zu mir passt. Aber es ist ein Neuanfang.

In der letzten Woche haben mir zwei Menschen, unabhängig voneinander, gesagt, dass sie mich gerne sofort einstellen würden, wenn das Geld da wäre, das vor allem wegen Corona an so vielen Stellen gerade fehlt. Das tat so unendlich gut, zu hören, dass ich wertgeschätzt werde, mit meiner Arbeit, als Person. Ein Arbeitsplatz mit Wertschätzung, wo ich so sein kann, wie ich bin, wo ich hineinpasse mit all dem, was mich ausmacht und was ich mitbringe, das wär’s. Vielleicht wird es ja was.

Liebe, Geld, Gleichberechtigung, Lebensträume und solche Sachen

Gerade habe ich meinen gut bezahlten Job mit einem weniger guten Arbeitsklima, aber dennoch einigen sehr liebenswerten Kollegen gekündigt, um im nächsten Jahr ein hundsmiserabel bezahltes, auf zehn Monate befristetes Volontariat in einer ganz anderen Branche zu machen, von dem ich hoffe, dass es mir zusammen mit dem Studienabschluss berufliche Türen öffnen kann. Im Moment schwanke ich quasi minütlich zwischen Hochgefühl – endlich die lang ersehnte Veränderung! – und einer diffusen Existenzangst – wer kündigt schon einen unbefristeten Vertrag im öffentlichen Dienst?

Zu den widerstreitenden Gefühlen in mir drin kommen noch all die Meinungen aus meinem Umfeld, die zwischen optimistischer Risikobereitschaft und totalem Verzweifeln über diesen finanziellen und sicherheitstechnischen Abstieg alle Nuancen abdecken. Ein Teil des Umfelds ist Monsieur, der den Wechsel an sich recht kritisch betrachtet, mir aber seine Rückendeckung dafür versprochen hat. Die Rückendeckung wird, da wir gemeinsam wohnen und entsprechend gemeinsam unser Leben finanzieren, auch finanzieller Natur sein. Und da wird es für mich insofern kritisch, als dass eines der großen Mantras, die ich von klein auf von meiner Mutter eingeimpft bekommen habe, lautet: „Mach dich niemals von einem Mann abhängig! Sei selbstständig!“ Mein großes Thema im kommenden Jahr wird also die Frage sein, wie Gleichberechtigung in einer Beziehung funktionieren kann, wenn sehr große Einkommensunterschiede bestehen. Tatsächlich merke ich, dass ich jetzt schon sensibler auf entsprechende Themen reagiere – ob es sich nun darum dreht, wer den Wochenendeinkauf oder die Tankfüllung zahlt, wer Geschenke für die liebe Verwandtschaft besorgt und wer sich im Haushalt stärker einbringt. Zum Beispiel: Sollte sein größerer finanzieller Aufwand für eine bestimmte Sache durch einen größeren zeitlichen Aufwand von mir aufgewogen werden? Ist das fair (weil jeder leistet, was er kann) oder unfair (weil jeder von uns gleich viel Zeit hat, er aber deutlich mehr Geld, wodurch sein Anteil relativ gesehen kleiner ist)? Wessen „Schuld“ ist es, dass ich deutlich weniger verdienen werde? Ist es eine Glück/Pech-Sache? „Verdient“ er sein besseres Gehalt dadurch, dass er mit seiner Arbeit auch gelegentlich unzufrieden ist, aber aus Sicherheits- und Komfortinteressen nicht über einen Wechsel nachdenkt, während ich es ebenfalls hätte aussitzen können, aber um eines besseren Arbeitsklimas willen lieber ein Risiko auf mich nehme? … Fragen über Fragen, die im nächsten Jahr, wenn das Thema akut wird, sicher noch an Relevanz zunehmen werden.

Ein anderes damit verknüpftes Thema sind die Vorstellungen, die ich mir als Kind oder Jugendliche von meinem Erwachsenenleben machte. In meiner Fantasie wäre ich zum Beispiel mit spätestens 26 Mutter geworden. Ungefähr um meinen 25. Geburtstag herum wurde mir klar, dass das wohl eher unrealistisch sein dürfte und änderte die Vorstellung in „das erste Kind aber vor 30“. Inzwischen steht mein 29. Geburtstag vor der Tür und unabhängig davon, dass Monsieur und ich uns in der Kinder-oder-keine-Kinder-Frage nicht mehr ganz einig sind, ist klar, dass, falls wir überhaupt welche bekommen sollten, das keinesfalls vor meinem 30. Lebensjahr stattfinden wird – das werde ich schließlich in diesem Volontariat verbringen, mit dem ich meinen Berufsweg in eine andere Richtung lenken möchte. Und danach folgt im Idealfall eine neue, „richtige“ Anstellung, in der ich mich ebenfalls erst bewähren müsste – Elternzeit ist also auch dann nicht gerade passend. Das bedeutet also, dass ich mich von liebgewonnenen Überzeugungen (liebgewonnen, obwohl ich selbst nicht mehr weiß, wie sehr ich noch damit übereinstimme) verabschieden muss. Ein sicher nötiger, aber auch etwas schmerzhafter Prozess. Aber wie sagte schon Einstein (zumindest laut Postkartenweisheiten)? „Leben ist wie Fahrradfahren – wer stehenbleibt, verliert die Balance.“ Also vorwärts, im Vertrauen darauf, dass sich zeigen wird, was gut ist.

Hinterbühnenblues

Ich habe einen Hinterbühnenjob. Während auf der Bühne kleine oder große Kunst gemacht wird, wuseln meine Kollegen und ich dahinter herum und sorgen dafür, dass auf der Bühne alles seinen geplanten Gang gehen kann. Wenn wir unsere Jobs gut machen, sind wir unsichtbar. Und das ist vollkommen okay. Menschen sind häufig überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass selbst bei einem kleinen Vier-Mann-Stück manchmal vierzehn Leute hinter den Kulissen beschäftigt sind, damit alles funktioniert. Und dabei ist das Vorderhauspersonal, also all die Menschen, denen man an der Kasse, an der Garderobe oder bei der Kartenkontrolle begegnet, noch nicht mit eingerechnet.

Wir Hinterbühnenarbeiter sind ein gutes Team. Wir arbeiten gerne zusammen, wir freuen uns mit den Schauspielern über eine gute Vorstellung, genauso wie wir mit ihnen gefrustet sind von einem nicht reagierenden Publikum oder einer drögen Inszenierung. Und wir sind stolz darauf, Abend für Abend beizutragen zu den Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Wir sind unsichtbar, aber ohne uns würde es nicht funktionieren. Theoretisch weiß das auch jeder. Umso enttäuschender ist es, wenn im Alltag dann doch wieder zwischen „Technik“ und „Kunst“ in Hierarchieebenen unterschieden wird. Wenn der „Kunst“ zur gelungenen Premiere gratuliert wird, die „Technik“ aber leer ausgeht. Wenn die „Kunst“ beschließt, ein Vorstellungsjubiläum mit einem gemeinsamen Essen zu feiern und dabei vergisst, der „Technik“ Bescheid zu geben. Wenn sich „Künstler“ nur so lange mit „Techniker“ unterhält, bis jemand anderes von der „Kunst“ dazukommt und die „Technik“ dann keines Blickes mehr gewürdigt wird.

Es ist schade, dass diese hierarchische Unterscheidung immer wieder gemacht wird. Ja, die Kunst entsteht auf der Bühne, nicht dahinter. Aber ohne uns würde der Zauber, die Illusion, das Magische nicht funktionieren. Es gäbe keine Kostüme, keine Requisiten, keine Perücken und kein Make-Up, kein Bühnenbild, keine Beleuchtung, keinen Nebel und keine Musik. Wir bleiben gerne unsichtbar und lassen unsere Arbeit für uns wirken. Aber gleichberechtigt behandelt zu werden, das wäre schon schön.

Es geht weiter

Dieser Januar ist anstrengend. Schön, aber anstrengend. Viele private Termine, Geburtstagssausen, Menschen treffen, dazu dringende Studienabgabefristen und mal wieder eine Menge Krankheitsfälle im Kollegenkreis. Deshalb ist dies ein Lebenszeichen und eine Entschuldigung für meine temporäre Abwesenheit im WordPress-Universum (ich lese etappenweise, dann gestapelt; nur zum Schreiben und Kommentieren reicht es gerade nicht). Gestern dann blätterte ich in einer freien Minute in meiner Lieblingszeitschrift und fand dort das Zitat, das mich sofort ansprach und das jetzt – und auch sonst – einfach passt.

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