Alleinsitzendstehend

Es gibt ja viele Leute, die nicht oder nur äußerst ungern alleine zu Abendveranstaltungen wie ins Kino, ins Theater oder ein Konzert gehen. Mir macht das nicht so wahnsinnig viel aus. Ja, es stimmt, die Pausen sind etwas merkwürdig. Alles steht in Paaren oder Kleingruppen herum, nur man selbst läuft ein bisschen ziellos durch den Raum. Doch auch daran gewöhnt man sich. Ich hole mir meistens ein Getränk und beobachte dann die Menschen. Oder nehme den Raum wahr. Das macht man alleine viel intensiver. Heute war ich bei einem Liederabend. Monsieur ist kein besonders großer Fan von Chansons und die Freundin, die ich fragte, war auch verhindert, so fuhr ich alleine dorthin. Und stand erst einmal an der ausverkauften Abendkasse. Zum Glück bin ich mit der Sängerin lose bekannt, die für mich doch noch einen Platz organisieren konnte, und zum Glück war ich allein – für mehr Personen wäre das schon wieder schwierig geworden. Das Konzert, eine Hommage an Edith Piaf, fand in einer kleinen Kirche statt, in einem Örtchen, in dem ich noch nie war. Bis zum Konzertbeginn war noch etwas Zeit, die ich mit einer Begleitung wohl plauschend und sektchentrinkend im Eingangsbereich verbracht hätte. Stattdessen spazierte ich um die Kirche und über den angrenzenden Friedhof. Ich mag Friedhöfe. Sie strahlen eine angenehme Ruhe aus. Außerdem finde ich die Geschichten spannend, die die Grabmäler mit ihren knappen Inschriften nur andeuten und der Phantasie überlassen. Mit einer Begleitung hätte ich diesen Friedhof wohl nicht angesehen. Ich hätte auch nicht ungefähr fünf Minuten lang auf der Wiese stehen und nur die durch die untergehende Sonne wunderschönen Farbkontraste von Himmel und Kirche betrachten können. Vielleicht hätte ich mich in Begleitung auch während des Konzertes mehr zusammengerissen und nicht ganz so viele Tränchen verdrückt, mich von den teilweise sehr traurig-lakonischen Chansons weniger mitnehmen lassen. Auf der Rückfahrt hätte ich wahrscheinlich nicht in absurd hoher Lautstärke die originale Edith Piaf aufgelegt und laut mitgeschmettert. Ich hätte mich auch später wohl nicht mehr hingesetzt und diesen Text verfasst, weil ich schon alles über diesen Abend gesagt, ihn schon von vorne bis hinten durchgesprochen und zerredet hätte. Es gibt Momente, Erlebnisse, Begegnungen, die muss man erstmal für sich selbst klarmachen. Es gibt auch Dinge, von denen kann ich zwar erzählen, aber schon in dem Moment, in dem ich den Mund öffne, ist klar, dass die Bedeutung, die diese Dinge für mich haben, niemals so beim anderen ankommen wird, egal wer dieser Mensch ist, wie gut er mich kennt, wie sehr er mich mag. Leider ging mir das heute nach dem Konzert ebenso, als ich mich von der Sängerin verabschiedete und merkte, wie mir statt meiner aufrichtigen Begeisterung für ihr Programm, statt einer Anerkennung ihrer Leistung, mich zum Lachen und zum Weinen und zu beidem gleichzeitig zu bewegen, nur saftlose und tausendmal wiederholte Floskeln entfuhren. Manchmal wünsche ich mir, ein Händedruck, eine Umarmung, ein Blick würden ausreichen, um mich wahrhaftig mitzuteilen, um die emotionalen Vernetzungen, die auf dem Umweg über die Zunge blass und zweidimensional werden, originalgetreu abzubilden. Aber es bleibt wohl beim Wunsch.