Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

Abwarten und Tee trinken

Ich glaube, es ist ein Problem meiner Generation, dass wir nicht ertragen können, wenn etwas schief läuft. Dass wir, wenn andere Menschen anders denken und fühlen und handeln als wir das tun oder möchten, lieber schnell beschließen, dass das mit diesen Menschen eben nicht hat sollen sein und einen Schlussstrich ziehen, einen lauten oder einen leisen, anstatt eine Weile abzuwarten. Seid glücklich!, das haben wir von unseren Eltern mitbekommen, Geht euren eigenen Weg!, und das ist ja auch schon ein Fortschritt gegenüber einem So war es aber schon immer! oder einem Nein, sonst reden die Leute!. Aber Glück, das ist eine schwierige Sache, es gibt die kurzen Glücksmomente, die aufblitzen und dann wieder verschwinden und es gibt das tiefe Glück, von dem man erst merkt, dass man es hatte, wenn es nicht mehr da, ergo es zu spät ist. Und der eigene Weg – natürlich ist es gut und wichtig, nicht nur die ausgetretenen Pfade zu nehmen, aber wenn man immer alleine durchs Dickicht stapft, um ganz sicher den ganz eigenen Weg zu schaffen, ist das auf Dauer auch eine recht einsame Geschichte.

Jetzt ist es doch so: Wenn ein Job doof ist, wird gekündigt und ein neuer gesucht. Wenn die Stadt nicht passt, zieht man eben um. Wenn die Beziehung kriselt, wird sich lieber zeitig getrennt, dann war es wohl doch nicht der Richtige und von neuem kann Ausschau nach dem weißen Pferd samt Reiter gehalten werden. Aber Menschen sind nicht statisch, sie verändern sich, sie machen Fehler, manchmal richtig blöde, manche sehen sie ein und andere nicht, ihre Wünsche und Erwartungen und Prioritäten ändern sich, sie haben gute und mittlere und schlechte Phasen, es gibt Hochgefühle und Euphorie und an einem anderen Tag einen Tatendrang, der gerade mal bis aufs Sofa vor den Fernseher reicht. Die Kunst ist, zu unterscheiden, wo Menschen sich dauerhaft in zwei verschiedene Richtungen entwickeln und wo einer vielleicht nur einen kleinen Umweg macht. Um das herauszufinden, muss man eben manchmal eine Weile abwarten und akzeptieren, dass jetzt gerade eine nur so mittelmäßige Zeit ist, im festen Glauben daran, dass es auch wieder besser wird. Dieses Abwarten und Akzeptieren, so scheint mir, schaffen nicht viele aus der Y-Generation. Aber ob das Glück zuverlässiger kommt, wenn man ihm von hier nach dort hinterherhüpft, das wage ich zu bezweifeln.

(Gedanken, angeregt durch das sehr sehenswerte „Alle lieben George“ von Alan Ayckbourn am Nürnberger Staatstheater. Drei Paare mittleren Alters, scheinbar geordnete Kleinstadtverhältnisse; ein Freund, der durch einen Ausnahmezustand alle Beziehungen durcheinander wirbelt und alles Brodelnde an die Oberfläche bringt. Sechs Personen, die ertragen, dass der Mensch an ihrer Seite Dinge tut, die sie nicht nachvollziehen können, die sie vielleicht sogar verletzen. Drei Paare, bei denen am Ende sicher nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, die aber auf einem guten Weg zu sein scheinen.)

Frohe Weihnachten!

Ihr lieben Blogleserinnen und -leser,

es ist zwar erst Weihnachten und noch nicht Silvester, aber ich bedanke mich trotzdem schon einmal für ein Jahr voll spannendem Austausch, Lesen und Gelesenwerden, mit einem genialen, definitiv zu wiederholenden Abend in Hamburg, ganz realer Briefkastenpost und lauter kleiner und großer Zeichen, dass das hier mehr ist als nur ein öffentliches Tagebuch. Vielen Dank für alles!

Ich wünsche jeder Einzelnen und jedem Einzelnen von euch so wie all euren Lieben ein wunderschönes Weihnachtsfest, im besten Fall auch ein paar freie Tage und in einer Woche dann einen guten Abschied vom alten und Ankunft im neuen Jahr und verabschiede mich mit einem kleinen Ohrwurm:

Alles Liebe, eure Lebenliebenlernende

Von der Liebe

… Sieh, Liebster, ich habe immer gewußt – schon als Gör -, daß ich wirklich nur existieren kann in der Liebe. Und hatte gerade darum solche Angst, daß ich einfach verloren gehen könnte. Und nahm mir meine Unabhängigkeit. Und bei der Liebe der andern, die mich für kalt erklärten, dachte ich immer: habt ihr ’ne Ahnung, wie gefährlich das ist und für mich wäre.
Und als ich Dich dann traf, da hatte ich endlich keine Angst mehr – nach jenem ersten Schreck, der eigentlich noch ein Kinderschreck war und sich nur erwachsen aufspielte. Immer noch scheint es mir unglaubhaft, daß ich beides habe kriegen können, die „große Liebe“ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiß aber nun endlich auch, was Glück das eigentlich ist…

[Genf, 18. September 1937, Hannah Arendt an Heinrich Blücher]

Notiz an Oma

Liebe Omama,

ich war heute in der Kirche. Morgen ist es ein Jahr her, dass du gestorben bist. Ich habe eine Kerze für dich angezündet. Ich weiß nicht, ob du es witzig findest oder belanglos oder unpassend, dass ich die Kerze in einer evangelischen Kirche angezündet habe, für dich, die damals einen Evangelischen heiraten wollte und das vom katholischen Vater verboten bekam. Ich jedenfalls gehe gerne in diese Kirche, obwohl ich auch katholisch bin, und die Leute dort sind alle sehr nett. Die Pfarrerin ist furchtbar sympathisch und heute hat ein Chor gesungen, der mich zum Weinen gebracht hat, so schön war die Musik.

Gestern habe ich Opa besucht. Normalerweise reden wir übers Wetter, dann über die Verwandtschaft, dann über Autos, ein bisschen über Politik und dann gehen uns die Gesprächsthemen aus. Gestern haben wir über Kirche geredet, und über Glauben. Wir waren beide überrascht davon, dass unsere Auffassungen ähnlich sind, jeder dachte, der Andere würde gegensätzlicher Meinung sein. Da ist mir aufgefallen, dass ich mit dir nie über so etwas geredet habe. Ich weiß nicht, ob du daran geglaubt hast, dass dein Körper eines Tages aus dem Grab aufersteht, oder daran, dass deine Seele in den Himmel wandert oder in ein neugeborenes Baby schlüpft oder auch an gar nichts, nur an ein endgültiges Ende. Ich jedenfalls glaube daran, dass wir beide uns irgendwann wiedertreffen, in welcher Form auch immer, und dass du von irgendwoher auch jetzt noch ein Auge auf mich wirfst.

Ich hab dich lieb, Oma.

Deine C.

Gänseblümchenblütenzupfen

Er liebt mich. Sagt er. Und ich glaube ihm, was ich keinem anderen glauben würde, was ich bei jedem anderen für Schmeichelei und Verliebtheitsrhethorik halten würde; ihm glaube ich.

Er will um mich kämpfen. Sagt er. Tut er. Er hat sich geändert, das sagt er und erzählt von den letzten Monaten, und ich bin erstaunt und ehrlich beeindruckt von den kleinen Dingen, die große Paradigmenwandel zeigen.

Er will viel von mir. Im guten Sinne. Aber trotzdem, ich zögere und weiß selbst nicht genau warum. Ist es nur wegen Prinzipien? Wegen Konventionen und dem was-die-Leute-denken? Oder ist es, weil ich selbst nicht sicher bin und nicht erneut enttäuscht werden und enttäuschen möchte?

Jeden, den ich in der Zwischenzeit kennenlernte, verglich ich mit ihm. Keiner konnte ihn erreichen. Als ich einsam war, als ich herzschmerzend andere Pärchen beobachtete, war es seine Nähe, die ich vermisste. Er war präsent in meinem Leben, auch ohne ein Teil der Gegenwart zu sein. Ich sprach so oft von ihm, dass es mich selbst wunderte.

Dennoch. Irgendwo in mir ist ein Widerstreit, den ich noch nicht richtig verorten kann. „Es hat zwei Mal nicht geklappt, sinnlos, es ein drittes Mal zu versuchen.“ „Aber er ist der Eine!“ „Vielleicht kann ich mit Liebe gar nicht richtig umgehen. Vielleicht kann ich gar nicht richtig ganz und gar und dauerhaft lieben.“ „Er liebt mich jedenfalls. Das ist sicher.“ „Es ist ein großes Risiko, jemanden zu lieben. Man macht sich verwundbar, und man kann so viel leichter schwere Verletzungen verursachen, selbst wenn man das gar nicht will.“ „Dafür macht eine gute, große Liebe das Leben so viel schöner und bunter und leichter und tiefer zugleich.“ „Überhaupt, wie soll ich das denn meiner Familie und meinen Freunden beibringen, und irgendwie auch mir selbst, ich wollte nie so wankelmütig sein.“ „Aber denk an die guten Gespräche, an das federleichte Wort-Ping-Pong, das nur mit ihm geht. Denk daran, wie gut sich seine Haut anfühlt und wie es ist, wenn er dich so intensiv anschaut, dass du verlegen lächelnd den Blick senkst.“

Ich muss eine Entscheidung treffen, eine Entscheidung, an der die Zukunft – und, wer weiß?, vielleicht auch das Glück zweier Menschen hängt. Aber ich werde mir Zeit damit lassen.

Versucht.

Ich habe es versucht. Ehrlich und ernsthaft. Ich habe versucht, ihn zu lieben. Habe versucht, eine gute Freundin zu sein. Versucht, ihn genau so anzuerkennen, wie er ist. Ihn zu nehmen mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Ich habe ihn verteidigt vor meinen Freunden und meiner Familie und vor mir selbst. Ich habe versucht, die Dinge zu tun, über die ich mich auch freuen würde. Ich habe mich interessiert für Dinge, die ich sonst nicht besonders interessant fände, weil sie ihn interessierten. Ich habe eine kleine Welt mit ihm gebaut und große Pläne geschmiedet. Aber irgendwann passte ich nicht mehr hinein in das Bild. Das Bild war schön, aber es war nicht mehr meines. Ich habe versucht, mich ihm anzupassen, mich in den Rahmen zu zwängen, aber das funktionierte nicht. Nicht auf Dauer. Also kletterte ich aus unserem Bild und ließ ihn alleine mit seinem zerbrochenen Herzen. Ich fühle mich schuldig, aber ich kann nicht zurück. Es tut mir so leid.