Was lange währt…

Ich hatte diesen Blog vor langer langer Zeit ja eigentlich wegen meines Studiums erstellt. Es sollte eine Art Hilfestellung sein, eine selbst geschaffene Öffentlichkeit, die dafür sorgen sollte, dass mir ein Studienabbruch so unangenehm wäre, dass ich das Studium auf jeden Fall durchzöge. Nun ist das Studium in den letzten Jahren im Blog ziemlich ins Abseits geraten; das „Lernen“ im Titel spielte höchstens indirekt noch eine Rolle. Umso mehr freue ich mich, dass ich es auch ohne virtuelle Tritte in den Allerwertesten geschafft habe, immerhin bis zu dem Punkt zu kommen, an dem mir das Prüfungsamt mein Thema für die Bachelor-Arbeit zustellt. Schreiben muss ich sie natürlich noch, und eine Prüfung kommt danach auch noch, aber so langsam nähert sich der Abschluss. Ein wirklich gutes Gefühl.

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Absage

Als ich mit meinem Fernstudium anfing, war ich wahnsinnig optimistisch und völlig von mir selbst überzeugt: Ich hatte den Plan, jedes Semester zwei Module abzuschließen, das ist das Arbeitspensum eines Vollzeitstudenten. Ich war mir aber sicher, dass ich das – neben meinem Vollzeitjob – auch noch hinbekomme. Ziemlich schnell, genau genommen bei der ersten Prüfungsvorbereitung, wurde mir aber klar, dass das doch etwas hoch gepokert war. Ein Modul pro Semester ist schon sehr viel Aufwand, zwei würden nicht gehen (da ich doch noch ein wenig Privatleben beanspruche). Aber dieses eine Modul im Semester, damit war ich mir sicher. Auf keinen Fall darunter, schließlich will ich auch mal fertig werden.

Und dann kam dieses Semester. Ich lernte auf einem Seminar, das ich hauptsächlich deshalb besuchte, weil es in meiner Stadt stattfand, eine nette und höchst engagierte Kommilitonin kennen, die genauso wie ich leicht in Panik gerät, wenn es um mündliche Prüfungen geht. Wir verabredeten uns spontan, zu diesem Modul, zu dem das Seminar gehörte, bei dem Dozenten, der das Seminar hielt, am selben Tag eine mündliche Prüfung zu absolvieren, um uns zumindest vorher gegenseitig beruhigen zu können. Das klang wie eine sehr gute Idee. Nur leider hatte ich mich zu diesem Modul noch kein bisschen vorbereitet, da ich eigentlich etwas anderes belegen wollte und nur durch das zufällig stattfindende Seminar dazu kam. Aber egal, das Seminar war sehr spannend und ich ganz sicher, dass ich daraus tolle Themen ziehen könnte – auch, wenn ich erst mal schlucken musste, als der Dozent uns seine Anforderungen erklärte, die im Umfang alles überstiegen, was ich bisher für Prüfungen vorbereitet hatte. Egal, wir vereinbarten trotzdem einen Termin, noch lange hin, erst Ende März, und ich war sicher, dass das alles klappen würde.

Das war im Oktober. Bis Ende November wollte ich meine Themen und ein Exposé dazu fertig haben, damit ich mich aufs Lernen konzentrieren könnte. Im November verschob ich meine persönliche Deadline auf Ende Dezember. Zwischen den Jahren bekam ich Panik und schrieb eine hilfesuchende Mail an den Dozenten. Der antwortete Anfang Januar sehr lapidar, dass meine gewählten Themen zwar schwierig seien, „aber wenn Sie sich das zutrauen, gerne.“ Den Satz mit der Bitte um Literaturtipps hatte er wohl überlesen. Ich setzte meine Deadline auf Ende Januar. Ich las und las und las, und je mehr ich las, umso klarer wurde mir, dass meine Themen sich für alles mögliche eignen würden, für Hausarbeiten, vielleicht sogar für Bachelorarbeiten, aber ganz sicher nicht für eine mündliche Prüfung in diesem Modul. Ich las trotzdem noch weiter, die Unibibliothek lieferte zuverlässig. Ich hatte dauernd schlechte Laune. Verspannungen. Ich war permanent müde. Ich hatte keinen richtigen Appetit, aber aß trotzdem ständig. Ich war gefrustet, weil ich zunahm. Vor allem aber, weil ich keinen Zentimeter weiter kam. Mitte Januar, die Bücher stapelten sich neben dem Sofa, aus dem Mülleimer quollen die Schokoladenpapierchen, mein Literaturverwaltungsprogramm hatte schon 16 Titel mit unzähligen Zitaten verzeichnet, aber das Exposé enthielt immer noch nicht mehr als zwei Sätze, beschloss ich eines Vormittags sehr spontan und sehr überzeugt, die Prüfung abzusagen. Meiner Kommilitonin schrieb ich als erstes, denn es war vor allem unserer gemeinsamen Verabredung geschuldet, dass ich diesen Schritt nicht schon früher ging. Dann meldete ich mich offiziell bei meinem Prüfer ab. Schließlich noch eine Absage ans Prüfungsamt, fertig. An diesem Tag, ich hatte frei, sah ich mir mehrere Folgen von „white collar“ an, nahm ein heißes Bad, fing an, „The Circle“ zu lesen und kochte etwas Leckeres zum Abendessen. Und es ging mir gut, so richtig gut. Vielleicht schaffe ich nächstes Semester ausnahmsweise mal zwei Prüfungen, ich kann ja zumindest einen Teil meiner Recherchen für eine andere Themenstellung verwenden. Und wenn nicht, dann eben nicht. Dann dauert es eben ein Semester länger bis zum Abschluss. Dafür habe ich gelernt, meinem Instinkt mehr als meinem Pflichtgefühl zu trauen. Diese Lektion ist ein Semester wert.

Professorenplausch

So ein Fernstudium ist ja per definitionem eine einsame Angelegenheit. Um das ein bisschen zu ändern, Gesprächspartner zu finden und Motivationstiefs zu überwinden, haben wir hier einen kleinen Stammtisch, angehende Kulturwissenschaftler und Philosophen treffen sich einmal monatlich zur gemütlichen Runde im Bistro. Durch diverse Zufälle lief einem der Kommilitonen vor kurzem ein emeritierter Professor jener unserer fünfhundert Kilometer entfernten Fernuni über den Weg, und irgendwie wurde daraus eine Einladung zu gemeinsamem Essen und Diskussionsrunde – Was würde Kant zur Flüchtlingsdebatte sagen? – mit eben jenem Philosophieprofessor, Herr B.. Ich machte mich ganz unbedarft auf den Weg, in Erwartung einer größeren Runde und eines sympathischen, mittelerfolgreichen Ex-Professors. Tatsächlich waren wir nur zu viert und der Professor B. durchaus sympathisch, allerdings nicht nur mittelerfolgreich, sondern mit Koryphäencharakter, und als ich im Nachhinein feststellte, dass es über ihn nicht nur eine Wikipedia-Seite gibt, sondern diese auch noch ganz ohne Trivia reichlich gefüllt ist, erschien es mir erst recht merkwürdig, dass ich nur eine halbe Stunde zuvor noch mit diesem Mann in der U-Bahn gesessen und über Urlaubsziele geplauscht hatte. Und obwohl wir ja nur einen Abend miteinander verbrachten, ich nur einen winzigen Ausschnitt von ihm kenne und er noch weniger von mir, hat diese Begegnung und vor allem die völlige Unvoreingenommenheit und Aufgeschlossenheit eines sehr klugen, erfolgreichen Mannes gegenüber uns Studenten mir einen gerade wirklich notwendigen Motivationsschub gegeben, mich auf meine anstehende Klausur vorzubereiten, die mir derzeit ziemlich fest im Nacken sitzt. Bei der Klausur müssen wir Fragen zu einem von vornherein feststehenden Kurs und zu einem weiteren aus der Auswahl von drei Kursen beantworten; welcher der dreien es sein wird, wurde heute bekannt gegeben. Geschrieben hat ihn Professor B..

Prokrastination – once again

Es ist Mitte Februar, das Semesterende naht und mit ihm auch die Abgabefrist für die aktuell in Arbeit befindliche Hausarbeit, für die mich alleine die Themenfindung fast vier Monate gekostet hat und mit der ich endlich, endlich das furchtbare Modul, das ich jetzt schon seit fünf Semestern mit mir herumschleppe, abhaken möchte. Was tut man, also ich, in dieser Situation wohl am besten mit ein bisschen verfügbarer Freizeit? … Richtig: Ich habe mir von meiner Lieblingskollegin das Rundstricken beibringen lassen und meine erste selbstgestrickte Mütze fertig bekommen (heute Morgen um halb drei), zur Zeit miste ich auch meinen Kleiderschrank aus, arbeite den Stapel mit Klamotten-an-denen-irgendwas-zu-reparieren-ist auf und lerne Amanda-Palmer-Songs auf der Ukulele zu spielen. Das Ukulele-Anthem klappt schon einigermaßen, mein Favorit ist aber ein anderer Song:

And in my mind
When I’m old, I am beautiful
Planting tulips and vegetables
Which I will mindfully watch over
Not like me now
I’m so busy with everything
That I don’t look at anything
But I’m sure I’ll look when I am older
And it’s funny how I imagine that I could be that person now
But that’s not what I want, if that’s what I wanted then I’d be giving up somehow
How strange to see – that I don’t want to be the person that I want to be

Vielleicht bin ich einfach so, ein bisschen chaotisch, ein bisschen herumtrödelnd und Dinge ausprobierend, und weniger ehrgeizig und selbstoptimierend und dizipliniert als das gerade im Trend ist. Um es mit Amanda Palmers Worten zu sagen: And maybe it’s funniest of all to think I’ll die before I actually see / That I am exactly the person that I want to be!

Es geht weiter

Dieser Januar ist anstrengend. Schön, aber anstrengend. Viele private Termine, Geburtstagssausen, Menschen treffen, dazu dringende Studienabgabefristen und mal wieder eine Menge Krankheitsfälle im Kollegenkreis. Deshalb ist dies ein Lebenszeichen und eine Entschuldigung für meine temporäre Abwesenheit im WordPress-Universum (ich lese etappenweise, dann gestapelt; nur zum Schreiben und Kommentieren reicht es gerade nicht). Gestern dann blätterte ich in einer freien Minute in meiner Lieblingszeitschrift und fand dort das Zitat, das mich sofort ansprach und das jetzt – und auch sonst – einfach passt.

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Erich Kästner

Die ersten wirklich dicken Bücher, die ich als lesehungrige Grundschülerin von meiner Mutter geschenkt bekam, waren zwei Bände „Kästner für Kinder“: Die Geschichten von Emil, die vom doppelten Lottchen, vom kleinen Mann und auch der kleinen Miss, die Ereignisse rund um das fliegende Klassenzimmer und den 35. Mai – was habe ich sie geliebt. Die zwei Bände verloren im Laufe der Zeit ihre Schutzumschläge, auch die Bindung schwächelt ein bisschen und die Buchrückseiten sind schon ordentlich ausgeblichen – aber sie stehen auch nach fast zwanzig Jahren und mehreren Umzügen immer noch in meinem Regal, und sie werden noch weitere Umzüge und Umbrüche miterleben, bis ich irgendwann einmal meinen Kindern daraus vorlesen kann.

Vor kurzem habe ich, teils studienbedingt, teils aus privatem Interesse, nicht nur das erste Mal einen von Kästners „Erwachsenen“-Romanen, nämlich den „Fabian“, gelesen, sondern auch eine Biographie über ihn. Und ähnlich wie damals, als ich mich intensiver mit Hannah Arendt auseinandergesetzt habe, hinterlässt mich die Lektüre einerseits schockiert – über die Umstände, in denen die Autoren lebten, leben mussten, auch wenn gerade diese beiden, Kästner und Arendt, äußerst unterschiedliche Entscheidungen trafen, dennoch beide nachvollziehbar. Andererseits ringt mir auch Kästners Lebens- und Schaffensgeschichte große Bewunderung ab – ich habe ja bekannterweise ein Faible für authentische Schreiberlinge, bei denen Lebenswerk und hinterlassene Schriften sich nicht widersprechen, sondern ergänzen. Und drittens denke ich mir regelmäßig beim Lesen aus und von der Weimarer Republik, dass wir auch heute ordentlich aufpassen müssen. Geschichte wiederholt sich spiralförmig.

Home, sweet home

Ich bin wieder zuhause! Naja, noch nicht ganz zuhause. Aber nur noch 250 km statt 3000 km entfernt und somit schon glückliche Überlebende des Rückfluges. (Ja, ich weiß, dass das statistische Risiko, auf den restlichen Kilometern bei einem Autounfall zu sterben, viel größer ist als das, mit dem Flugzeug in den Atlantik zu krachen. Trotzdem… ich bin immer froh, wenn ich wieder auf dem Erdboden stehe.) Demnächst gibt es also auch wieder mehr Lesefutter. Das heißt, eigentlich müsste ich dringend für meine Klausur in der nächsten Woche lernen. Aber ich kenne mich gut genug, um mit Sicherheit sagen zu können, dass ich trotzdem gelegentlich Lernpausen zum Bloggen verwenden werde. Und für Urlaubsendmelancholie. Denn eigentlich wäre ich ja gestern lieber auf der Insel geblieben als ins regnerische Deutschland zu fliegen. Aber man muss nun mal das Beste aus dem machen, was man hat, und wenn das heute Fotosortiererei und das Nerven der Familie mit allzu ausführlichen Reiseberichten ist, dann ist das eben so.

Was ist Philosophie?

Weil ein Fernstudium ganz schön einsam sein kann, hat eine Kommilitonin in unserer Stadt einen „KuWi-Stammtisch“ gegründet, bei dem sich einmal im Monat angehende Kulturwissenschaftler aus der Gegend treffen können. Im Allgemeinen ist unter den drei Schwerpunktfächern Geschichte, Literatur und Philosophie, die in unserem Studiengang möglich sind, zwar die Geschichte am stärksten nachgefragt, aber aus irgendwelchen Gründen hat unsere kleine Runde bisher außer mir beinahe nur Philosophen angezogen – was spannend ist, mir schon zu vielen neuen Blickwinkeln und Denkanstößen verhalf und nicht zuletzt gelegentlich bei der Studienorganisation und Modulwahl Einfluss nimmt. Bei unserem letzten Treffen ergab sich, schon später am Abend, wir waren nur noch zu dritt, die Frage, wie man eigentlich Nicht-Studenten, die sich interessiert nach Studieninhalten im Sinne von „Und was machst du da so?“ erkundigen, treffend, kurz und verständlich zusammenfasst, was wir da so tun, wenn wir studieren, speziell auf die Philosophie bezogen, in der das Erklärproblem sich am deutlichsten äußert. Was machen wir, was lernen wir, womit beschäftigen wir uns? Was unterscheidet die Philosophie eigentlich von den anderen Disziplinen, von anderen Bereichen der Wissenschaft? Obwohl wir drei alle schon eine Weile studieren, alle schon einige Prüfungen erfolgreich abgelegt haben, eine bereits an ihrer Abschlussarbeit schreibt, fanden wir bei dieser eigentlich einfach klingenden Frage keine Antwort. Ich versuchte es mit „wir lernen Denken“ und verzettelte mich heillos, als ich das näher ausführen wollte. Einer meinte gar, das sei eine Frage, die man jetzt, mit unserem unvollständigen Wissensstand, noch gar nicht beantworten könne und dass genau das der Unterschied zwischen der Philosophie und allen anderen Fächern sei. Das gute alte Wikipedia definiert Philosophie als Wissenschaft, die „versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen“. Vielleicht ist der springende Punkt, dass andere Wissenschaften Antworten geben, während die Philosophie Fragen stellt.

Weg damit!

In den letzten vier Wochen kam ich nicht gerade regelmäßig zum Bloggen. Das hatte auch einen Grund: Eine Hausarbeit mit dem furchtbar sperrigen Titel „Die Bestimmung des Verhältnisses von Leben und Arbeit bei Hannah Arendt und Karl Marx“. Im Prinzip beschäftigte mich diese Arbeit schon seit Ende September, so richtig akut aber erst in den letzten Wochen, in denen dann ganz offiziell die Bearbeitungsfrist lief. Zwischenzeitlich bin ich wegen des Themas schon geistig Amok gelaufen, wünschte Marx zum Teufel und fühlte mich trotzdem selbst fast wie eine angehende Kommunistin, als ich die Bibliothek mit „Das kommunistische Manifest“ so wie „Das Kapital“ Band eins bis drei unter dem Arm verließ. Aber jetzt – welch Freiheitsgefühl – ist die Arbeit im Briefkasten, sowohl im realen wie auch zur Plagiatsprüfung im virtuellen, und morgen nutze ich vielleicht das gute Wetter, um mit einer großen Tasche voller Bücher zur Unibibliothek zu radeln und ohne Bücher, dafür mit einem einem Umweg über die Eisdiele wieder zurückzufahren. Bis das neue Semester anfängt – also noch zwei Wochen lang – gönne ich mir eine kleine Uni-Pause und mache all die Dinge, die ich mir in der letzten Zeit verkniffen habe: Die erste Staffel von „Paradise“ fertig gucken, die zugeschnittene Hose fertig nähen, „Anna Karenina“ endlich fertig lesen, in all den schönen Blogs stöbern, die ich völlig vernachlässigt habe, noch eine ganze andere Reihe Bücher, die durch Weihnachten und Geburtstag im Regal gelandet sind, lesen – und wenn ich mit dem ganzen Freizeitstress durch bin, freue ich mich vielleicht sogar wieder auf Studienbriefe.