Durch dick und dünn

Manche kenne ich schon ein halbes Leben lang: Wir waren zusammen in der Schule, spielten Theater, betranken uns an den Minibars unserer Eltern, sahen nächtelang Disneyfilme, drückten einander die Daumen für unsere Führerscheinprüfungen und malten uns gegenseitig Abiplakate. Wir waren unterschiedlich und sind es noch: Da ist die eine, die Ehrgeizige, die Sportliche, die immerzu lernte und übte, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere immer Beschäftigte, etwas Chaotische, die auf hundertundeiner Hochzeit tanzte, die tausend Talente hatte und sich auf zwanzig verschiedene Studienfächer bewarb. Da ist die Aufgedrehte und dennoch Zurückhaltende, die immer wie eine Diva wirkte und trotzdem entschied, einem langweiligeren, aber sicheren Job nachzugehen.

Und dann sind da die, die ich erst später kennenlernte: Eine, die häufig für meine Mutter gehalten wird, an der ich mich manchmal reibe, die aber immer hundertprozentig ehrlich ist, ohne verletzend zu sein. Die Andere, die so frech und verrückt aussieht und von einem Leben als Bohemienne träumt, die kitschig und freigeistig zugleich ist.

Jede von ihnen ist einzigartig, jede ist ein großartiger, widersprüchlicher, spannender, komplizierter, durch und durch liebenswerter Mensch. Mit jeder verbringe ich gerne Zeit und mit keiner schaffe ich es, genügend Zeit zu verbringen. Aber heute, zum Tag der Freundschaft, denke ich an sie alle und bin froh, so froh, dass sie Teil meines Lebens sind, das ohne sie so viel langweiliger und trostloser wäre.

Beijing II – Schönheit

Auch wenn ich eigentlich zum Arbeiten in Peking war, blieb dennoch genügend Zeit, um die Stadt zu erkunden. Dabei fand ich Pracht und Armut sehr nahe nebeneinander – für mich ist Peking eindeutig eine Stadt der Gegensätze. Eine der deutlichsten Erinnerungen ist ein Café, in dem ich mit meiner Lieblingskollegin eine kleine Pause einlegte: Die Einrichtung war typisch shabby chic, unterschiedlichste Möbelstücke, aber alle hübsch und gepflegt, an den Wänden alte Blechschilder mit amerikanischen Werbeslogans und auf antik getrimmte Landkarten der USA. Es gab leckeren Kaffee zu westlichen Preisen, appetitlich anzusehenden Cheesecake und das Passwort für das WLAN gleich auf dem Kassenzettel. Und erst nachdem wir uns einen Platz auf der Dachterrasse gesucht, die kunstvollen Muster im Cappucchino-Schaum bewundert und die Aussicht auf die Wolkenkratzer fotografiert hatten, fiel uns das Nachbardach auf, auf dem inmitten von Gerümpel ein totes Huhn in der Sonne lag, das wohl aus dem kleinen Maschendrahtverschlag ausgebrochen war, der an der Hauswand lehnte und noch einige weitere Hühner beherbergte.

Beijing I – Fremdheit

Ich war noch nie ein großer Asienfan. Dieser Kontinent hatte für mich nie etwas so interessantes, dass ich in die Versuchung gekommen wäre, dort Urlaub zu machen. Aber manchmal passieren Dinge ja ganz unverhofft, und so verschlug es mich kürzlich für zwei Wochen nach Peking, um dort zu arbeiten.

Wir waren in einer größeren Gruppe von Deutschen unterwegs, was meine Nervosität linderte – denn als jemand, dem Sprache sehr wichtig ist, fand ich es extrem beunruhigend, in ein Land zu fahren, von dessen Sprache ich absolut nichts verstehe. Ich hatte es mit Chinesisch versucht, so wie ich es immer vor Auslandsaufenthalten mit den jeweiligen Landessprachen versuche – aber anders als beim Portugiesischen, Italienischen oder sogar Polnischen verweigerte mein Gehirn vollständig den Dienst, als es mit so ganz fremdartigen Zeichen und Lauten konfrontiert wurde. Also ohne Sprachkenntnisse. Meine Hoffnung, dass man in einer Großstadt auch mit Englisch gut zurechtkäme, bestätigte sich leider nicht; dafür wurden wir sehr einfallsreich, was die Kommunikation mit dem gesamten Körper betraf, oft halfen Übersetzungs-Apps und Smartphone-Fotografien und manchmal vertrauten wir einfach darauf, dass man es gut mit uns meinte und ließen die Chinesen mal machen, ohne zu wissen, was genau passieren würde.

Es war spannend, in eine völlig fremdartige Kultur einzutauchen, es war aber auch anstrengend. Nicht nur, weil wir in begrenzter Zeit so viel Besichtigungsprogramm wie möglich einbauen wollten und natürlich trotzdem arbeiten mussten, sondern weil man ständig mit einer ganz anderen Denkweise konfrontiert war. Ich war noch nie außerhalb von Europa, deshalb kam es mir sicherlich besonders fremd vor; denn zum ersten Mal befand ich mich an einem Ort, an dem nicht nur Sprache, Landschaft und eventuell die Wohlstandsverteilung anders waren als zuhause, sondern an dem auch Verhaltensweisen, Ideale, Moral- und Wertvorstellungen ganz eklatant von meinen Gewohnheiten abwichen. Das war für mich teilweise nur skurril – wenn es etwa um die sehr differenzierten Sauberkeitsvorstellungen ging und ein kleiner Straßenabschnitt über eine Stunde lang mit Wasser abgespritzt und geschrubbt wurde, während sich an anderen Orten der Plastikmüll in der Natur stapelte und das niemanden interessierte -, teilweise empfand ich Dinge als lästig, aber tolerierbar, zumindest für unseren begrenzten Aufenthalt – wie zum Beispiel die andauernden Sicherheitskontrollen und Überwachungsmechanismen -; andere Dinge hingegen stießen mir sehr unangenehm auf: Eine Frau verlor ihren Job, weil sie in der Zusammenarbeit mit uns, den repräsentativen Gästen aus Europa, einen Fehler gemacht hatte. Ein kleiner ärgerlicher Faux-pas, nichts Dramatisches. Aber am nächsten Tag war sie nicht mehr da und jemand anderes hatte ihre Stelle übernommen. Das passierte bereits am zweiten Tag unseres Aufenthaltes, und von da an nahmen wir bei jedem Missgeschick die Schuld auf uns, um keine weiteren Arbeitsstellen zu gefährden. Diese Kultur, die keine Fehler duldet und damit jedes Lernen, jedes Verbesserungspotential verunmöglicht, war für mich nur sehr schwer hinnehmbar.

Palmer und Pegida

Wir haben uns drei Tage in München gegönnt, Monsieur und ich. Mal rauskommen, ausgepowerte Batterien wieder aufladen, eine schöne Zeit verbringen. Und vor allem hatten wir Karten für Amanda Palmer & Edward Ka-Spel. Amandas musikalisches Schaffen verfolge ich seit einigen Jahren und hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, sie wohl nie live sehen zu können, weil ich nicht vorhabe, in näherer Zukunft in die USA zu reisen. Aber jetzt kam sie her, juche! Das Konzert war fabelhaft und die Musik ganz anders als alles, was ich bisher von ihr kannte, was mich in der Auffassung bestärkt, dass sie der David Bowie unserer Generation ist.

Am Tag darauf beim Flanieren durch die Münchner Innenstadt kamen wir an einer absurden Absperrung vorbei – ein Quadrat, vielleicht zehn mal zehn Meter, mit Gittern abgezäunt, Polizei an allen Seiten. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es sich scheinbar um eine NPD-Demo handelte. Innerhalb der Absperrung befanden sich ungefähr fünf Menschen: eine Frau las eine nicht einmal rhetorisch gute Rede vor, daneben ein dicker Mann mit Arbeitslatzhose, der eine NPD-Fahne schwenkte und für einen fotografierenden Schaulustigen mit der anderen Hand ein Victoryzeichen formte. Drumherum eine Gegenparolen-skandierende Jugendgruppe, die aber nach wenigen Minuten auch die Lust verlor, und Mengen an wenig bis überhaupt nicht interessierten Innenstadtspaziergängern, darunter viele Touristen, die wahrscheinlich nicht einmal etwas verstanden. Keine Gegen-Demo, kein Bündnis gegen rechts oder ähnliches – aber das wäre auch nicht angemessen gewesen für fünf Menschen hinter Polizeiabsperrung. Da verstehe ich die Entscheidung aus Karlsruhe.

Eine Straße weiter hatte Pegida eine Art Infostand. Wieder ein abgezäunter Bereich, in dem ein paar Menschen saßen und auf einem Bildschirm ein französisches Videointerview zeigten, in dem irgendjemand den Islam für allerhand Unheil verantwortlich machte. Drumherum groß plakatiert zehn pegidaeigene Thesen, die so vage formuliert waren, dass sie wahrscheinlich von jeder Partei unterschreibbar wären. Eine Frau verteilte Flyer, wir lehnten ab. Blöd, denke ich mir im Nachhinein, ein Flyer für uns wäre ein Flyer weniger für jemanden gewesen, der sich wirklich beeinflussen lassen könnte. Aber auch hier zum Glück wenig Aufmerksamkeit, wenig Interesse. Trotzdem, gleich zwei derartige Veranstaltungen nach einem Abend mit Künstlern aus den USA und Großbritannien, denen ihre Enttäuschung über Entscheidungen ihrer Mitbürger und ihrer Politiker deutlich anzumerken war, das hinterlässt ein schales Gefühl.

Die andere Seite

Gerade beschäftige ich mich überproportional viel mit dem Umgang mit einer bestimmten Sorte Menschen. Genauer gesagt, mit exakt zwei Menschen aus meinem Umfeld. Es geht dabei um unterschiedliche politische Meinungen, um deren Begründung und ihre lautstarke Kundgabe. Einer dieser beiden Menschen ist ein Arbeitskollege, ein älterer Herr um die 60. Einer der sogenannten Spätaussiedler, hat die Schule nicht länger als nötig besucht, einen bodenständigen Handwerksberuf erlernt, in seinem Leben viel geschuftet, durch harte Arbeit und ein bisschen Glück genügend Geld zur Seite gelegt, um sich auf die wohlverdiente Rente zu freuen. Und er ist CSU-Wähler aus Tradition. Allein deshalb führen er und ich, als links-grün-öko-feministisch eingestelltes Wesen, schon seit langem Debatten, die natürlich nie in einem Konsens enden. Dennoch war es durchaus interessant, mit ihm zu diskutieren, weil er manchmal wirklich Argumente hatte, die ich eben so nicht auf dem Schirm hatte, weil sie einer anderen Lebenswirklichkeit als meiner entstammen. Und dieser Austausch von Argumenten, von Dingen, die einer wichtig findet und der andere gar nicht bedenkt, ist ja spannend und lehrreich und ein Hauptbestandteil von Demokratie. Aber seit einem guten Jahr, seit Flüchtlinge ein beherrschendes Thema geworden sind, seit die AfD ihre Erfolge feiert, werden unsere Diskussionen unfruchtbarer. Seine Hauptinformationsquellen sind Blogs und Compact, sobald ich mit Zahlen argumentiere, werden diese angezweifelt und wenn ich Beispiele nenne, sind das nur Einzelfälle. Seine Hauptsorge, die AfD betreffend, ist, dass diese der CSU die Wähler wegnimmt. Weil ich ja weiß, wie die Einstellungen sind und auch eigentlich wenig Lust habe, meine Arbeitszeit mit unfruchtbaren politischen Diskussionen zu verbringen, versuche ich, das Thema Politik einfach zu vermeiden. Er leider nicht. Zwar fängt er auch selten das Gespräch direkt mit mir an, aber regelmäßig taucht er mit den neuesten Erkenntnissen (oder Verschwörungstheorien, das ist Ansichtssache) bei meiner Kollegin auf, die im rechts-links-Schema wohl irgendwo zwischen uns beiden steht. Meistens höre ich erst nur schweigend zu, aber wenn seine Erzählungen zu weit von den Fakten abdriften, kann ich nicht anders, als mich in die Diskussion einzumischen. Und dann geht es wieder los. Mein Dilemma ist dabei folgendes: Einerseits bin ich die Debatten leid. Ich weiß, dass ich seine Meinung nicht ändern werde, egal was ich sage. Was soweit ja auch in Ordnung ist. Was ich nicht mehr in Ordnung finde, ist der Versuch, andere mit halbwahren oder unwahren Behauptungen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Und weil ich diese spezielle eigene Meinung auch noch äußerst schädlich für ein friedliches Miteinander finde, habe ich das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, mich einzumischen und meine Argumente zumindest ebenso auszubreiten, so dass Dritte zumindest beide Bilder sehen können. Was ich äußerst schade finde, ist, dass in dem Raum, in dem sich das Ganze regelmäßig abspielt, außer mir und diesem Kollegen noch fast 20 andere Menschen arbeiten. Von wenigstens drei oder vier weiß ich, dass sie meine Meinung teilen. Dennoch bin es immer nur ich, die diskutiert. Niemand springt mir bei, mischt sich ein, und wenn am Ende sein Totschlagargument kommt – ich sei nämlich zu jung und zu unerfahren und zu naiv, um die großen Gefahren zu erkennen -, ist niemand da, der sagt „hey, ich bin 25 Jahre älter und sehe das genauso.“

Und dann gibt es da noch einen anderen Menschen, bei dem ich im Umgang noch weniger weiß, wie ich mich verhalten soll. Denn wo ich bei meinem Kollegen, wenn auch nicht den Unwillen zur Akzeptanz anderer Argumente, doch zumindest noch den eklatanten Meinungsunterschied durch die äußeren Umstände (Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad, Freundeskreis) erklären kann, ist das alles hier nicht mehr gegeben. Eine junge Frau, mit der ich in Schulzeiten befreundet war, wir spielten zusammen Theater, ist vor einiger Zeit aus der CDU aus- und in die AfD eingetreten. Ja, schon zu Schulzeiten war klar, dass wir unterschiedliche politische Auffassungen hatten. Aber da bewegte sich alles noch im Rahmen zwischen Grüner Jugend und Junger Union. Wir waren beide auf derselben Schule, verbrachten einen großen Teil unserer Freizeit zusammen, hatten denselben Freundeskreis, wir sind fast genau gleich alt und vermutlich auch etwa gleich intelligent. Ihre Eltern sind wohlhabender als meine, aber trotzdem sind wir beide in kleinen bis mittelgroßen Dörfern in Einfamilienhäusern aufgewachsen und verstanden uns über eine lange Zeit eigentlich recht gut. Inzwischen haben wir persönlich so gut wie keinen Kontakt mehr, sind allerdings noch auf Facebook miteinander befreundet. Und auch hier wurden ihre Posts im Laufe des letzten Jahres immer krasser, radikaler, ja, auch: hasserfüllter. Ich habe schon öfters hin- und her überlegt, auch das letzte Band, die Facebookfreundschaft, aufzukündigen. Bislang habe ich das noch nicht gemacht, aus zwei Gründen: Erstens möchte ich ganz bewusst meine links-grüne Filterblase ein Stück weit offen halten. Gerade Facebook führt mit seinen Algorithmen ja dazu, dass man meistens nur noch Beiträge und Artikel angezeigt bekommt, die man tendenziell gut findet. Durch die Posts jener Dame bekomme ich auch die andere Seite ein Stück weit zu sehen. Und zweitens habe ich auch hier manchmal den Drang, manchmal auch eine Art Pflichtgefühl, zu widersprechen. Ich mache das nur selten, weil es immer einen Rattenschwanz hinter sich herzieht: Erst muss das erste Antwortposting sorgfältig formuliert und wasserdicht faktengeprüft sein. Dann kommt eine lange Antwort von ihr, auf die muss ich mindestens noch einmal ebenso sorgfältig antworten. In der Zwischenzeit haben sich meistens schon AfD-nahe Freunde von ihr eingeschalten, die ihren Postings applaudieren. Meistens gebe ich dann irgendwann auf, denn, siehe oben: überzeugen kann ich dort sowieso niemanden mehr. Aber zumindest stehen meine Argumente auf ihrer Seite als permanente, wenn auch kleine Störenfriede in ihrer rechten Filterblase. Und auch hier im Internet wie im realen Leben frage ich mich immer wieder, warum sich auch dort nie jemand auf meiner Seite in die Diskussion einschaltet, obwohl ich von etlichen unserer gemeinsamen Facebookfreunde weiß, dass ihre Haltungen definitiv eher meiner als ihrer entsprechen. Wahrscheinlich fühlen sie sich ähnlich ohnmächtig, auch genervt, angesichts von Posts, die zur Zeit zum Beispiel den Sieg von Trump als Sieg über zukünftige Quotenfrauen, -mexikaner und -muslime deuten und sich unter Berufung auf die Stärkung der traditionellen Familie gegen eine Erwähnung von Homosexualität im Unterricht aussprechen (und das, obwohl in unserem ehemaligen gemeinsamen Freundeskreis die Homosexualität von zwei unserer Freunde nie irgendein Problem darstellte).

Ich frage mich immer häufiger, ob unsere liberale Gesellschaft, die ich so schätze, noch lange weiterbestehen kann und wird. Monsieur ist äußerst skeptisch, ich habe meinen Optimismus noch nicht ganz aufgegeben. Aber es wird immer schwerer, gegen die Windmühlen anzukämpfen. Trotzdem: Noch gebe ich nicht auf.

Einfach anfangen

An diesen nasskaltgrauen Herbsttagen ist es gefühlt immer am schönsten, einfach drin zu bleiben, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und mit einer Tasse heißem Tee auf dem Sofa zu lümmeln. Aber manchmal ist es doch gut, trotz Regenwetter aufzubrechen und den Winterschlaf noch ein bisschen zu verschieben. Und alles wird besser mit dem richtigen Soundtrack dazu.

Alleinsitzendstehend

Es gibt ja viele Leute, die nicht oder nur äußerst ungern alleine zu Abendveranstaltungen wie ins Kino, ins Theater oder ein Konzert gehen. Mir macht das nicht so wahnsinnig viel aus. Ja, es stimmt, die Pausen sind etwas merkwürdig. Alles steht in Paaren oder Kleingruppen herum, nur man selbst läuft ein bisschen ziellos durch den Raum. Doch auch daran gewöhnt man sich. Ich hole mir meistens ein Getränk und beobachte dann die Menschen. Oder nehme den Raum wahr. Das macht man alleine viel intensiver. Heute war ich bei einem Liederabend. Monsieur ist kein besonders großer Fan von Chansons und die Freundin, die ich fragte, war auch verhindert, so fuhr ich alleine dorthin. Und stand erst einmal an der ausverkauften Abendkasse. Zum Glück bin ich mit der Sängerin lose bekannt, die für mich doch noch einen Platz organisieren konnte, und zum Glück war ich allein – für mehr Personen wäre das schon wieder schwierig geworden. Das Konzert, eine Hommage an Edith Piaf, fand in einer kleinen Kirche statt, in einem Örtchen, in dem ich noch nie war. Bis zum Konzertbeginn war noch etwas Zeit, die ich mit einer Begleitung wohl plauschend und sektchentrinkend im Eingangsbereich verbracht hätte. Stattdessen spazierte ich um die Kirche und über den angrenzenden Friedhof. Ich mag Friedhöfe. Sie strahlen eine angenehme Ruhe aus. Außerdem finde ich die Geschichten spannend, die die Grabmäler mit ihren knappen Inschriften nur andeuten und der Phantasie überlassen. Mit einer Begleitung hätte ich diesen Friedhof wohl nicht angesehen. Ich hätte auch nicht ungefähr fünf Minuten lang auf der Wiese stehen und nur die durch die untergehende Sonne wunderschönen Farbkontraste von Himmel und Kirche betrachten können. Vielleicht hätte ich mich in Begleitung auch während des Konzertes mehr zusammengerissen und nicht ganz so viele Tränchen verdrückt, mich von den teilweise sehr traurig-lakonischen Chansons weniger mitnehmen lassen. Auf der Rückfahrt hätte ich wahrscheinlich nicht in absurd hoher Lautstärke die originale Edith Piaf aufgelegt und laut mitgeschmettert. Ich hätte mich auch später wohl nicht mehr hingesetzt und diesen Text verfasst, weil ich schon alles über diesen Abend gesagt, ihn schon von vorne bis hinten durchgesprochen und zerredet hätte. Es gibt Momente, Erlebnisse, Begegnungen, die muss man erstmal für sich selbst klarmachen. Es gibt auch Dinge, von denen kann ich zwar erzählen, aber schon in dem Moment, in dem ich den Mund öffne, ist klar, dass die Bedeutung, die diese Dinge für mich haben, niemals so beim anderen ankommen wird, egal wer dieser Mensch ist, wie gut er mich kennt, wie sehr er mich mag. Leider ging mir das heute nach dem Konzert ebenso, als ich mich von der Sängerin verabschiedete und merkte, wie mir statt meiner aufrichtigen Begeisterung für ihr Programm, statt einer Anerkennung ihrer Leistung, mich zum Lachen und zum Weinen und zu beidem gleichzeitig zu bewegen, nur saftlose und tausendmal wiederholte Floskeln entfuhren. Manchmal wünsche ich mir, ein Händedruck, eine Umarmung, ein Blick würden ausreichen, um mich wahrhaftig mitzuteilen, um die emotionalen Vernetzungen, die auf dem Umweg über die Zunge blass und zweidimensional werden, originalgetreu abzubilden. Aber es bleibt wohl beim Wunsch.

Klinkersteingefühle

Als kleines Mädchen habe ich mit meiner Mutter unzählige Tage im Münsterland verbracht: Meine Großmutter kam von dort, und deren beide Schwestern lebten noch in der Gegend. Obwohl der Weg aus Süddeutschland weit war, machten wir regelmäßig für ein paar Tage oder auch etwas länger dort Station. Beide Großtanten waren alleinstehend, mit großen Häusern, in denen wir nicht nur gut unterkommen konnten, sondern die für ein Kind auch viel Platz zum Spielen und eine Menge spannende Dinge zum Entdecken bereithielten. Da gab es ein Klavier, auf dem ich manchmal herumklimpern durfte. Der Garten war gut bestückt mit Obst und Gemüse, so dass eigentlich immer irgendetwas reif war, was ich direkt vom Strauch oder Baum naschen konnte. Und mit einem Backstein, der im Hof herumlag, konnte man in einem ausrangierten Topf mit Wasser eine perfekte Tomatensuppe kochen – wenn auch mit weniger Geschmack als die, die es zum Mittagessen gab… Nach dem Essen war eine Partie Halma verpflichtend. Die Regeln konnte ich schnell, es gab zu Anfang auch noch hilfreiche Hinweise, wenn ich mal wieder eine gute Chance übersah – aber absichtlich gewinnen ließen sie mich nie. Umso stolzer war ich auf jeden errungenen Halma-Sieg. Besser war ich allerdings im Rummikub, das meistens nach dem Abendessen gespielt wurde. Für die Erwachsenen gab es ein Gläschen Wein oder einen Likör, für mich Limonade, und dann wurde gespielt, was das Zeug hielt. Sogar meine Mutter, ansonsten eine bekennende Nicht-Spielerin, war beim Rummikub immer dabei. So vergingen die Abende im Flug. Zum Glück waren die Tanten Langschläferinnen, so dass die Tage entsprechend auch erst später begannen…

Wenn ich heute durch Westwestfalen fahre, reicht schon der Anblick von Klinkersteingebäuden, um in mir wieder dieses alte Kindergefühl, eine merkwürdig-heimelige Mischung aus Fremde und Vertrautheit hervorzurufen. Wenn ich dann noch den Dialekt höre, der schon fast wie Niederländisch klingt, und die einzige noch lebende der drei Schwestern mich mit dieser, für meine kulinarisch fränkische Prägung fremden, aber doch irgendwie leckeren Mischung aus süß und herzhaft bekocht und mich für den Heimweg noch mit Vorräten bepackt, als wäre ich zwölf Stunden unterwegs und käme in eine Wohnung mit leerem Kühlschrank und ohne Einkaufsmöglichkeiten, dann lasse ich mich für eine kurze Weile wieder in die Vergangenheit fallen. Eine große Verwandtschaft ist unübersichtlich, manchmal kompliziert und anstrengend, aber die schönen Momente begleiten ein Leben lang.