Körpergedächtnis

Ich war 16 Jahre alt und auf der Suche, nach Wissen, nach Erfahrung, nach Gott, nach Freunden, nach Gemeinschaft, nach Sinn, nach mir. Sie war viel älter als ich, in Jahren und in allem anderen und zuvorderst in Weisheit, und nahm sich Zeit für meine Fragen, meine Entdeckungen, meine Bedürftigkeit. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, worüber wir redeten, aber ich erinnere mich an diesen Abend, an dem irgendein Saalprogramm in einem Familienurlaub geboten wurde, vielleicht war es ein Bunter Abend, das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass ich im Schneidersitz vorne saß, vor der ersten Stuhlreihe, und dass sie in der ersten Reihe saß und ich vor ihr und dass ich mich so gerne anlehnen wollte, weil ich mich nach Nähe sehnte, und dass ich gleichzeitig Angst davor hatte, mich anzulehnen, weil ich nicht wusste, ob ihr das unangenehm ist, es wäre nur Rücken an Beinen gewesen, nichts Schlimmes eigentlich, aber ich wollte mich keinesfalls aufdrängen, nicht die unsichtbare Linie überschreiten, hinter der auch nur die sanfteste Zurückweisung droht, und so lehnte ich mich ganz absichtlich nur versehentlich manchmal ein bisschen zurück und richtete mich gleich wieder nach vorne und dann kam der Moment, in dem ich ihre Hand auf meiner Schulter spürte, die da ganz liebevoll lag und mir signalisierte „du bist ok, Nähe ist ok, Berührung ist ok, bleib hier“, und ich lehnte mich an sie und spürte Beine im Rücken und eine Hand auf der Schulter und war beseelt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s