Absage

Als ich mit meinem Fernstudium anfing, war ich wahnsinnig optimistisch und völlig von mir selbst überzeugt: Ich hatte den Plan, jedes Semester zwei Module abzuschließen, das ist das Arbeitspensum eines Vollzeitstudenten. Ich war mir aber sicher, dass ich das – neben meinem Vollzeitjob – auch noch hinbekomme. Ziemlich schnell, genau genommen bei der ersten Prüfungsvorbereitung, wurde mir aber klar, dass das doch etwas hoch gepokert war. Ein Modul pro Semester ist schon sehr viel Aufwand, zwei würden nicht gehen (da ich doch noch ein wenig Privatleben beanspruche). Aber dieses eine Modul im Semester, damit war ich mir sicher. Auf keinen Fall darunter, schließlich will ich auch mal fertig werden.

Und dann kam dieses Semester. Ich lernte auf einem Seminar, das ich hauptsächlich deshalb besuchte, weil es in meiner Stadt stattfand, eine nette und höchst engagierte Kommilitonin kennen, die genauso wie ich leicht in Panik gerät, wenn es um mündliche Prüfungen geht. Wir verabredeten uns spontan, zu diesem Modul, zu dem das Seminar gehörte, bei dem Dozenten, der das Seminar hielt, am selben Tag eine mündliche Prüfung zu absolvieren, um uns zumindest vorher gegenseitig beruhigen zu können. Das klang wie eine sehr gute Idee. Nur leider hatte ich mich zu diesem Modul noch kein bisschen vorbereitet, da ich eigentlich etwas anderes belegen wollte und nur durch das zufällig stattfindende Seminar dazu kam. Aber egal, das Seminar war sehr spannend und ich ganz sicher, dass ich daraus tolle Themen ziehen könnte – auch, wenn ich erst mal schlucken musste, als der Dozent uns seine Anforderungen erklärte, die im Umfang alles überstiegen, was ich bisher für Prüfungen vorbereitet hatte. Egal, wir vereinbarten trotzdem einen Termin, noch lange hin, erst Ende März, und ich war sicher, dass das alles klappen würde.

Das war im Oktober. Bis Ende November wollte ich meine Themen und ein Exposé dazu fertig haben, damit ich mich aufs Lernen konzentrieren könnte. Im November verschob ich meine persönliche Deadline auf Ende Dezember. Zwischen den Jahren bekam ich Panik und schrieb eine hilfesuchende Mail an den Dozenten. Der antwortete Anfang Januar sehr lapidar, dass meine gewählten Themen zwar schwierig seien, „aber wenn Sie sich das zutrauen, gerne.“ Den Satz mit der Bitte um Literaturtipps hatte er wohl überlesen. Ich setzte meine Deadline auf Ende Januar. Ich las und las und las, und je mehr ich las, umso klarer wurde mir, dass meine Themen sich für alles mögliche eignen würden, für Hausarbeiten, vielleicht sogar für Bachelorarbeiten, aber ganz sicher nicht für eine mündliche Prüfung in diesem Modul. Ich las trotzdem noch weiter, die Unibibliothek lieferte zuverlässig. Ich hatte dauernd schlechte Laune. Verspannungen. Ich war permanent müde. Ich hatte keinen richtigen Appetit, aber aß trotzdem ständig. Ich war gefrustet, weil ich zunahm. Vor allem aber, weil ich keinen Zentimeter weiter kam. Mitte Januar, die Bücher stapelten sich neben dem Sofa, aus dem Mülleimer quollen die Schokoladenpapierchen, mein Literaturverwaltungsprogramm hatte schon 16 Titel mit unzähligen Zitaten verzeichnet, aber das Exposé enthielt immer noch nicht mehr als zwei Sätze, beschloss ich eines Vormittags sehr spontan und sehr überzeugt, die Prüfung abzusagen. Meiner Kommilitonin schrieb ich als erstes, denn es war vor allem unserer gemeinsamen Verabredung geschuldet, dass ich diesen Schritt nicht schon früher ging. Dann meldete ich mich offiziell bei meinem Prüfer ab. Schließlich noch eine Absage ans Prüfungsamt, fertig. An diesem Tag, ich hatte frei, sah ich mir mehrere Folgen von „white collar“ an, nahm ein heißes Bad, fing an, „The Circle“ zu lesen und kochte etwas Leckeres zum Abendessen. Und es ging mir gut, so richtig gut. Vielleicht schaffe ich nächstes Semester ausnahmsweise mal zwei Prüfungen, ich kann ja zumindest einen Teil meiner Recherchen für eine andere Themenstellung verwenden. Und wenn nicht, dann eben nicht. Dann dauert es eben ein Semester länger bis zum Abschluss. Dafür habe ich gelernt, meinem Instinkt mehr als meinem Pflichtgefühl zu trauen. Diese Lektion ist ein Semester wert.

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Ein Kommentar zu “Absage

  1. Oh ja, manchmal ist eine Absage nach Außen eine Zusage zu dir!
    Tolle, dass du den Mut zusammen genommen hast. Ich kann dich sehr gut verstehen. Habe im Dezember 2013 ein Fernstudium zur psychologischen Beraterin begonnen und letztes Jahr mit der Abschlussarbeit gekämpft – immer wieder überlegt, ob ich alles hinschmeiße und dann wurde mir sogar mitgeteilt, dass sich zu April 2016 die Prüfungsordnung ändert und ich dann den Abschluss ohne Abschlussarbeit bekäme. Und nach dieser Nachricht hat es mich gepackt, ich habe unter anderen Bedingungen angefangen und wollte es auch unter diesen fertig machen. Fazit: Gestern kam die Bewertung zu meiner Abschlussarbeit und mein Abschlusszeugnis. Ich bin stolz auf mich, freu mich wie bolle und wünsch dir, dass du das machst und da dran bleibst, was deine Seele zum Schwingen und dein Herz zum Singen bringt!

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