Mein Land

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich bin froh, Deutsche zu sein – weil das heißt, in Sicherheit und relativem Wohlstand zu leben, weil ich noch nie Angst um mein Leben haben musste, weil das Recht hier zwar manchmal mühsam ist und lange dauert, aber für jeden gleichermaßen gilt, weil ich als Frau genau die selbe Wertschätzung und Bildung erfahren durfte und darf wie mein Bruder, weil ich meiner Religion nachgehen darf und genau so ihre Regeln schleifen lassen oder meinen eigenen Maßstäben anpassen, weil ich sagen und schreiben kann, was ich denke, ohne mich vor Repressalien fürchten zu müssen, weil ich wirklichen Hunger nur aus Erzählungen meiner Großmutter kenne.

Ich bin Tochter einer Deutschen und eines Deutschen. Ich spreche und schreibe fehlerfreies Deutsch, ich kenne mich mit der hiesigen Geschichte, Politik und den vielen ungeschriebenen Regeln aus. Außerdem bin ich weiß, heterosexuell und gebildet. Das alles zusammen ergibt ziemlich gute Chancen, hier ein gutes Leben führen zu können. Das freut mich natürlich. Aber ich möchte mehr: Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der auch Menschen, die nicht weiß, heterosexuell, gebildet, mit deutschem Pass und deutscher Abstammung sind, ein ebenso gutes Leben führen können. Ich möchte, dass meine dunkelhäutigen Cousins nicht andauernd nach ihrer Herkunft gefragt werden. Ich möchte, dass mein Bruder und sein Freund nicht wieder von ihrer Vermieterin gewarnt werden, doch besser die Fensterläden zu schließen, wenn sie vorhaben, sich in der Wohnung zu küssen. Ich möchte, dass die Freundin meines Cousins nicht genervt behandelt wird, weil ihr Deutsch noch nicht perfekt ist und ihr manchmal Vokabeln fehlen. Ich möchte, dass meine Schulfreundin in ihrem Rollstuhl ohne Probleme überall hinkommt, wo sie hinkommen will. Ich möchte, dass mein Freund sich nicht für seinen Atheismus rechtfertigen muss und ich mich nicht für meinen Glauben. Ich möchte, dass das Kind, das meine Cousine und ihre Frau adoptieren wollen, nicht bemitleidet wird, weil es keinen Papa hat.

In einer solchen Gesellschaft könnte ich nicht nur sagen: Ich bin froh, Deutsche zu sein – sondern sogar: Ich bin stolz, Deutsche zu sein.

Advertisements

5 Kommentare zu “Mein Land

  1. Im Gegensatz zu anderen Nationen, ist es mit dem Nationalstolz der Deutschen nicht weit her. Aus Angst (wieder) ins „Rechte Lager“ gerückt zu werden, vermeiden sie das Wort „stolz“ sehr gern. Ich bin stolz darauf (wieder) 2 Pässe zu haben und eine in Japan geborene Deutsche zu sein.

  2. Bin gerade auf deinen Blog gestoßen und wollte einfach mal sagen, wie gut mir dieser Beitrag gefällt. Du hast den Kern der Sache getroffen, wirklich gut auf den Punkt gebracht! Das Wort „stolz“ hört sich immer so falsch an, was letzendlich aber schade ist… Liebe Grüße 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s