Professorenplausch

So ein Fernstudium ist ja per definitionem eine einsame Angelegenheit. Um das ein bisschen zu ändern, Gesprächspartner zu finden und Motivationstiefs zu überwinden, haben wir hier einen kleinen Stammtisch, angehende Kulturwissenschaftler und Philosophen treffen sich einmal monatlich zur gemütlichen Runde im Bistro. Durch diverse Zufälle lief einem der Kommilitonen vor kurzem ein emeritierter Professor jener unserer fünfhundert Kilometer entfernten Fernuni über den Weg, und irgendwie wurde daraus eine Einladung zu gemeinsamem Essen und Diskussionsrunde – Was würde Kant zur Flüchtlingsdebatte sagen? – mit eben jenem Philosophieprofessor, Herr B.. Ich machte mich ganz unbedarft auf den Weg, in Erwartung einer größeren Runde und eines sympathischen, mittelerfolgreichen Ex-Professors. Tatsächlich waren wir nur zu viert und der Professor B. durchaus sympathisch, allerdings nicht nur mittelerfolgreich, sondern mit Koryphäencharakter, und als ich im Nachhinein feststellte, dass es über ihn nicht nur eine Wikipedia-Seite gibt, sondern diese auch noch ganz ohne Trivia reichlich gefüllt ist, erschien es mir erst recht merkwürdig, dass ich nur eine halbe Stunde zuvor noch mit diesem Mann in der U-Bahn gesessen und über Urlaubsziele geplauscht hatte. Und obwohl wir ja nur einen Abend miteinander verbrachten, ich nur einen winzigen Ausschnitt von ihm kenne und er noch weniger von mir, hat diese Begegnung und vor allem die völlige Unvoreingenommenheit und Aufgeschlossenheit eines sehr klugen, erfolgreichen Mannes gegenüber uns Studenten mir einen gerade wirklich notwendigen Motivationsschub gegeben, mich auf meine anstehende Klausur vorzubereiten, die mir derzeit ziemlich fest im Nacken sitzt. Bei der Klausur müssen wir Fragen zu einem von vornherein feststehenden Kurs und zu einem weiteren aus der Auswahl von drei Kursen beantworten; welcher der dreien es sein wird, wurde heute bekannt gegeben. Geschrieben hat ihn Professor B..

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3 Kommentare zu “Professorenplausch

    • Herr Kant würde die verschiedenen Optionen (also die Erlaubnis, in Europa zu bleiben vs. zurückschicken) anhand des kategorischen Imperativs auf ihre Verallgemeinerungsfähigkeit prüfen und zu dem Schluss kommen, dass wir selbstverständlich Menschen schützen müssen, die vor Verfolgung fliehen; im Grunde wäre Kant also wohl einverstanden mit unserer Asylgesetzgebung. Es gibt wohl einen Passus bei Kant, der für Verhältnismäßigkeit eintritt, also Hilfe nur im Rahmen der Möglichkeiten; wir diskutierten dann noch eine Weile darüber, ob das nur individuell oder auch kollektiv anwendbar ist, ob man also jeweils die Situation Einzelner berücksichtigen muss (die vielleicht gerade so selber über die Runden kommen) oder ob Deutschland als reiche Industrienation verpflichtet zu mehr Hilfe ist; aber ich muss gestehen, dass wir aus dieser Diskussion in andere Bereiche abrutschten und somit nicht zu einem einheitlichen Ende kamen.

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