Notiz an Oma

Liebe Omama,

ich war heute in der Kirche. Morgen ist es ein Jahr her, dass du gestorben bist. Ich habe eine Kerze für dich angezündet. Ich weiß nicht, ob du es witzig findest oder belanglos oder unpassend, dass ich die Kerze in einer evangelischen Kirche angezündet habe, für dich, die damals einen Evangelischen heiraten wollte und das vom katholischen Vater verboten bekam. Ich jedenfalls gehe gerne in diese Kirche, obwohl ich auch katholisch bin, und die Leute dort sind alle sehr nett. Die Pfarrerin ist furchtbar sympathisch und heute hat ein Chor gesungen, der mich zum Weinen gebracht hat, so schön war die Musik.

Gestern habe ich Opa besucht. Normalerweise reden wir übers Wetter, dann über die Verwandtschaft, dann über Autos, ein bisschen über Politik und dann gehen uns die Gesprächsthemen aus. Gestern haben wir über Kirche geredet, und über Glauben. Wir waren beide überrascht davon, dass unsere Auffassungen ähnlich sind, jeder dachte, der Andere würde gegensätzlicher Meinung sein. Da ist mir aufgefallen, dass ich mit dir nie über so etwas geredet habe. Ich weiß nicht, ob du daran geglaubt hast, dass dein Körper eines Tages aus dem Grab aufersteht, oder daran, dass deine Seele in den Himmel wandert oder in ein neugeborenes Baby schlüpft oder auch an gar nichts, nur an ein endgültiges Ende. Ich jedenfalls glaube daran, dass wir beide uns irgendwann wiedertreffen, in welcher Form auch immer, und dass du von irgendwoher auch jetzt noch ein Auge auf mich wirfst.

Ich hab dich lieb, Oma.

Deine C.

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9 Kommentare zu “Notiz an Oma

  1. Das hast du so schön geschrieben ❤ Ich bin ganz gerührt.
    Bestimmt wird deine Omama von diesen Zeilen wissen und wenn du sie irgendwann in ferner Zukunft wiedersehen wirst, kannst du dich ja mit ihr über all diese Dinge unterhalten. Ich wünsche es dir.

    Wünsche dir noch einen wunderbaren 3. Adventssonntag mit vielen besinnlichen Wohlfühlmomentent
    Liebe Grüße
    Heike

      • Pardöngsche, das ich mich hier einsilbenwebe, aber Schutzengel-Brigade ist zu schön. Danke dafür, werte Frau Modepraline.

        Liebes, trage Omama einfach weiter so herznah bei Dir. Und schön, daß Du mit Opa darüber sprechen kannst, ich mutmaße, es wird auch ihm gut tun. Alles Liebe, ich denke an Dich, ich habe heute nochmal den Brief aus Monte gelesen, mit dem Du Dich endgültig in meine Sinne schrubest, hach…
        Ich grüße adventssonntäglichgestimmt, Deine Käthe.

        • Ach, Opa und Omama, das ist eine komplizierte Geschichte. Sie trennten sich zu einer Zeit, als Scheidung gesellschaftliche Ächtung bedeutete, weigerten sich fortan für Jahre, auf eine Feier zu gehen, wo auch der Andere zu erwarten war; später dann, als Oma nicht mehr so fit war, kam auch Opa nicht mehr zu Feiern, denn: wenn deine Oma nicht da ist, kenne ich da ja niemanden. Ich weiß bis heute nicht so recht, was Opa für Oma empfand.
          Ich freue mich, wenn mein Monte-Brief auch Monate später noch lesenswert ist – ich würde ihn auch heute nochmal so schreiben. Herzfeine Grüße, die Deine.

  2. Dafür dass ich es eigentlich gar nicht mag, Tote anzureden…
    bin ich eigenartig berührt.
    Gedenken, begegnen, hoffen – das teilst du mit. Es ist wohl gerade diese Verbindung, die mich anspricht. Danke!

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