Dazwischen

In meiner hessischen Schule habe ich immer Bayern verteidigt, woher ich stammte. In Bayern trat ich vehement für das hessische Schulsystem ein. Nach der Schule brannte ich darauf, endlich etwas Praktisches zu machen. Als ich das Arbeiten anfing, vermisste ich die theoretischen Überlegungen und Gedankenspielereien. In der christlichen Jugendgruppe, in der ich eine Zeit lang Mitglied war, war ich immer viel progressiver eingestellt als der Rest. Meine anderen Freunde fanden es merkwürdig, dass ich überhaupt in die Kirche ging. In unserem Dorf war ich stets die Neuzugezogene. Außerhalb war ich die aus dem Dorf am Ende der Welt.

Es scheint eine Tatsache in meinem Leben zu sein, dass ich mich immer in einem Dazwischen befinde. Zwischen Orten, zwischen Berufen, zwischen Träumen, zwischen Menschen. Und sogar meine Einstellung zu diesem Dazwischen ist, irgendwie, dazwischen: Einerseits ermöglicht es mir eine Vielzahl an Blickwinkeln und eine Multiperspektivität, die bei weitem nicht alle in ähnlichen Situationen besitzen; andererseits fühle ich mich dadurch zwar überall ein bisschen, aber nirgends so richtig heimisch und zugehörig. Wenn ich in meiner Erinnerung krame, ist die einzige Zugehörigkeit, mit der ich keinerlei Ambivalenzen verbinde, die in meiner alten Theatergruppe. Also dort, wo ich in Rollen schlüpfen konnte. Wo ich ausprobieren durfte und zwischen Entwürfen hin- und herspringen, wo immer wieder neu interpretiert wurde und jedes Stück neue Aspekte meines Wesens wachrief.

Ein Mensch, den ich sehr schätze und der mich besser kennt als jeder andere, stellte kürzlich fest, ich sei wohl doch keine Künstlerin. Und auch keine Wissenschaftlerin. Sondern am ehesten eine Intellektuelle, die Wissen in sich einsaugt, alles begreifen möchte, aber weder kreativ schafft noch analytisch seziert, sondern etwas ratlos mit all den Einflüssen umgeht und nicht so recht weiß, wohin damit.
Als er mir das sagte, widersprach ich. Fürs Selbstbild und aus Prinzip. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass er mit dieser schonungslosen Analyse absolut Recht hatte. Unser Gespräch beschäftigte mich noch einige Tage lang. Wohin mit mir? Ich möchte in meine eigenen Schubladen passen.

Inzwischen glaube ich, begriffen zu haben. Mich begriffen zu haben. Ich bin keine Künstlerin, ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich bin dazwischen. Ich bin Schauspielerin. Ich mag Kunst, ich mag Hintergrundwissen, ich mag es, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Ich schlüpfe in Rollen, ich kann mich einem Rahmen anpassen und doch den Fokus auf den Teil des Gemäldes richten, den ich am wichtigsten finde. Ich schaffe nicht, und ich seziere nicht, aber ich kann Dinge mit Leben füllen. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe.

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7 Kommentare zu “Dazwischen

  1. Na immerhin ist es so auch unheimlich schwierig, dich in eine Schublade zu packen 😉 ich finde es gut, wenn man sich nicht auf ein Gebiet festlegt und es immer mehr vertieft und schlussendlich darüber definiert wird. Da lobe ich mir doch einen Freigeist, der selbst nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll, sich aber wohl fühlt.

    • Das mit den Schubladen ist so eine Sache. Ich bin ja prinzipiell dagegen, andere Menschen einzusortieren (man macht es trotzdem, aber wenn man sich dessen bewusst ist, ist man doch aufgeschlossener), und ich will auch gar nicht in fremde Schubladen passen, aber für mich selber ist es doch irgendwie wichtig zu wissen, wo ich hingehöre.

  2. Nimm Dir einen Zehnkämpfer als Beispiel. Der war wahrscheinlich in keiner Disziplin so gut, dass es für den großen Würd gereicht hätte. Und doch ist er ein sehr guter Zehnkämpfer.

    Irgendwo dazu zugehören hat immer Vor- und Nachteile. Du bekommst Stabilität aber verlierst Freiheit. Je nach Phase ist das eine wichtiger als das andere. Das Umfeld ist allerdings dynamisch und nicht statisch. D h selbst wenn Du meinst die passende „Schublade“ gefunden zu haben, so kann es sein, dass sich die Schublade bereits wieder verändert hat.

    Von daher macht es absolut Sinn, dass Du immer wieder mit offenen Augen durch die Gegend gehst.

    Bzw, auch wenn Dir die Charakterisierung nicht gepasst hat, so solltest Du Dir bewusst sein, dass wahrscheinlich der größte Teil der Bevölkerung eine solche mit Kusshand genommen hätten.

    • Das Zehnkämpfer-Beispiel gefällt mir sehr gut, danke für dieses Bild. Ansonsten, kwasi wie üblich, aber nicht aus Prinzip: Du hast natürlich sowas von Recht. (Und fortan mit geschlossenen Augen durch die Welt zu stolpern, hatte ich ohnehin nicht vor.)

  3. nicht nur eine wichtige aufgabe, um deinen letzten satz aufzunehmen, sondern auch eine wichtige fähigkeit. interessanter text! was mir gut gefällt, ist, dass du nicht „außen vor“ bist, sondern „dazwischen“. herzliche grüße zu dir.

  4. Dazwischen ist ja auch mittendrin. Und was will man mehr? Mir geht es – obwohl ich mich vermutlich schon etwas mehr Jahre im Fluss des Lebens behaupte – ähnlich wie dir. Ich habe mich noch nie richtig und wenn, dann immer nur partiell irgendwo dazugehörig gefühlt. Aber es fühlt sich gut an. Wenn ich andere Menschen meines Alters beobachte, dann tun mir eher diejenigen leid, die fest zu einer Welt gehören, darin aber auch gefangen sind. Mag es sich nun um regionale, soziale oder berufliche Schubladen handeln: Ich bin froh und glücklich, in keine hineinzupassen. Ein sezierender Wissenschaftler hat selten einen Blick für Gesamtästhetik, ein Künstler kann nicht unbedingt analysieren , ein gut situierter Familienmensch in Festanstellung weiß kaum, wie sich Freiheit anfühlt, dem Intellektuellen fehlt es oft an praktischen Fertigkeiten usw..
    Mir gefiel schon immer der gerne für Goethe verwendete Begriff des „Universalgenies“, der sich für alles interessiert, stets offenen Auges durch die Welt geht, punktuell gerne in die forschende Tiefe geht, aber darin nicht verharrt, sondern immer wieder auftaucht, um weiter zu leben und das Leben in seiner Fülle zu genießen. Nun muss ja nicht jede(r) ein Universalgenie sein, aber auch ein Leben als nicht schubladentauglicher „Universalmensch“ kann meiner Erfahrung nach glücklich machen. Ich wünsche dir einen guten und glücklichen Weg!

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