Familienbande

Der Sommer ist ja immer auch eine Zeit der Feierei verschiedenster Anlässe. Bei mir waren die größeren Feiern der letzten Wochen, neben jener Hochzeit, eine Silberhochzeit und ein runder Geburtstag im näheren Familienkreise. Beides waren Gartenparties, bei beiden war ich von mittags bis spätnachts dabei, bei beiden waren die jeweilige Verwandtschaft so wie gute Freunde eingeladen und es ergab sich ein bunter Mix aus Altersstufen vom Kleinkind bis zum Senior. Ich feiere ja ohnehin gerne und fand es insbesondere sehr schön, ein paar der entfernteren Verwandten wieder zu sehen. Bei der Silberhochzeit unterhielt ich mich gefühlte Stunden mit zwei alten Großtanten, die ich sehr gerne mag, denen ich aber nur äußerst selten begegne – seit von fünf Großeltern vier tot sind und der fünfte eher Einsiedler als Großgastgeber ist, sind wichtige Bezugs- und Treffpunkte weggefallen, deren Wert man erst so richtig erkennt, wenn sie nicht mehr da sind. Auch mit meinem Lieblingscousin, den ich sehr schätze, aber ebenfalls höchstens alle ein bis zwei Jahre sehe, habe ich mich lange am Lagerfeuer unterhalten, wobei wir dringend beschlossen, uns auch mal zwischendurch zu treffen – eigentlich wohnen wir nur siebzig oder achtzig Kilometer auseinander, das ist ja keine Entfernung.

Ich habe eine große Verwandtschaft und schätze das sehr, insbesondere, seit mir klar wurde, dass meine Kinder, wenn ich denn mal welche haben werde, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so etwas nicht haben werden. In meiner Generation ist es üblich, eine Schwester bzw. einen Bruder zu haben, auch Einzelkinder sind nichts ungewöhnliches; hingegen ist es wirklich außergewöhlich, jemanden mit mehr als zwei Geschwistern zu treffen. Da mein Bruder ziemlich sicher niemals Kinder bekommen wird, hätten meine Kinder nur Cousins oder Cousinen, wenn mein zukünftiger Partner Geschwister hätte, die ebenfalls zeugungswillig sind. Ich dagegen habe fünf Tanten und Onkels mit jeweils Partnern und insgesamt zehn Cousins und Cousinen; hinzu kommen Dutzende weitere Großtanten und -onkels, Cousins und Cousinen meiner Eltern mit ihren Kindern, deren Verwandtschaftsgrad zu mir ich schon gar nicht mehr benennen kann, und ich kenne sie nicht einmal alle (mein Opa hatte zehn Geschwister, da kommen in der Nachfolge eine Menge Menschen zusammen!). Und ich finde es unglaublich spannend, all den Familiengeschichten zuzuhören, Lebensgeschichten zu verfolgen, vielleicht festzustellen, dass es da noch einen entfernten Verwandtschaftszweig gibt, der auf einem anderen Kontinent lebt, Parallelen zwischen Müttern und Töchtern und Vätern und Söhnen zu beobachten… Es gibt ja diesen Spruch „Blut ist dicker als Wasser“. Früher fand ich das total absurd – wieso sollte ich, nur weil ich zufällig einen Teil meiner DNA mit einem Menschen teile, diesen lieber haben oder höher schätzen als die Freunde, die ich mir aussuche, weil ich sie gerne mag? Inzwischen sehe ich das etwas differenzierter. Meine Freunde sind mir immer noch so wichtig wie meine Familie. Und es gibt mit Sicherheit auch einige Menschen, die zwar mit mir verwandt sind, mit denen ich aber so gar nichts gemeinsam habe. Die Familie ist das, was man sich nicht aussuchen kann. Aber genau das macht es auch unmöglich, sich so ganz davon zu lösen. Natürlich kann man den Kontakt abbrechen, oder er schläft einfach ein, absichtlich oder aus Unachtsamkeit. Und trotzdem, trotz aller Streitereien, trotz anstrengender Eltern und unverständlichen Geschwistern und fettnäpfchenhüpfenden Onkeln und überkandidelten Tanten, Familie bleibt Familie. Auch dann, wenn nach Lebenskatastrophen jedweder Art alles andere auf den Kopf gestellt wird. Die Familie wird man nicht los. Und irgendwie kann das ja auch etwas Tröstliches haben.

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4 Kommentare zu “Familienbande

  1. Das kenne ich sehr gut. Ich finde es sehr spannend mit der älteren Generation zu sprechen. Schon seit Kindheit an. Jetzt in zunehmenden Alter werden halt die Älteren weniger, leider!

    • Ja, das ist traurig, aber der Lauf der Dinge. Und ein Grund, warum mich dieses Familiending seit etwa zwei Jahren vermehrt beschäftigt: Damals starb eine liebgewonnene, weiter entfernt lebende Großtante, die ich ein Jahr lang immer mal besuchen wollte, es immer weiter hinausschob, bis ich letztendlich erst zur Beerdigung dorthin fuhr. Das habe ich mir bis heute nicht ganz verziehen und versuche zumindest, es bei den noch Lebenden besser zu machen.

  2. Das Leben dünnt die Familienbande aus. Wir verstreuen uns immer weiter in die Welt, die Haltefäden werden dünner. Ich achte auf wenigsten telephonischen Kontakt und freue mich, wie von Ihnen beschrieben auf die Festivitäten als Grund, sich zu sehen. Der andere Anlaß, der traurige, übernimmt noch zeitig genug das Ruder.

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