Sichtweisen

Besuch beim Großvater. Drei Generationen sitzen am Tisch, Vater, Tochter, Enkelin. Das Gespräch dreht sich um alte Zeiten, um entfernte Verwandte, ich höre nur zu und versuche, mir im Geiste Stammbäume aufzumalen, um einen Überblick über Cousins zweiten Grades und Tanten von Schwiegermüttern zu bekommen. Irgendwann geht es um Kindheitserlebnisse und familiäre Brüche. Interessant: Die Erinnerungen von Vater und Tochter sind fundamental unterschiedlich, nicht nur in Details oder Bewertungen. Baut sich jeder seine eigene Vergangenheit?

Später am Tag blättere ich in alten Fotoalben. Ich bin drei, vier Monate alt auf diesem Gruppenbild, Maman, glücklich wirkend, hält mich im Arm; neben mir ihre Schwägerin ebenfalls als stolze Mutter meines gleichaltrigen Cousins, hinter uns ernst dreinblickende Väter, stolz lächelnde Großeltern, im Hintergrund ein introvertierter junger Mann, der schon früh Onkel wurde. Ich rechne nach, wie alt waren sie alle damals? Die zwei Brüder, die fast zeitgleich Väter wurden, waren 29, 27, das ist nicht mehr weit weg von meiner Gegenwart. Sie sehen ernst aus auf dem Foto, erwachsen, älter als sie sind. Neulich hatte ich dieses Treffen mit einem 27-jährigen. Er studierte, wohnte noch bei seinen Eltern, war auf der Suche nach Leichtigkeit und Lebensfreude und Optimismus, wollte sich lieber keine schweren Gedanken aufladen. Ein ganz anderes Bild. Maman ist auf dem Foto gerade mal ein knappes Jahr älter als ich es jetzt bin. Eine andere Lebenswirklichkeit. Eine andere Zeit.

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3 Kommentare zu “Sichtweisen

  1. Die Küchentischgespräche mit Mama Löwenherz, teils telephonisch, drehen sich derzeit auch viel um die veränderten Lebensweisen und die schiere Überfülle der Möglichkeiten. Da höre ich sogar bei meiner stets unverdrossenen Maman ein wenig Bitterkeit ob der entgangenen Abenteuer heraus. Und wir werden die nächste Generation bestaunäugen. Geht mir jetzt schon so, wenn ich mich mit den Abiturienten unterhalte. Praktikas und Auslandsaufenthalte, da krawummst es mächtig in mir…
    Schönstmontagsgrüße, Ihre Frau Knobloch.

    • Überfülle der Möglichkeiten trifft es. Aber herauszufinden, was davon man wirklich will, das ist nicht so leicht, erst Recht nicht mit 18, 19 Jahren, wenn man fast ohne Lebenserfahrung die ersten Weichen stellen muss. Und spätere Kursänderungen sind schwierig. (Aber immerhin möglich, auch das war ja nicht immer so.)

  2. Meine Eltern sehen auf solchen Bildern auch total ernst und gediegen aus. Dabei sind sie nun wirklich nicht die absolut typischen Japaner. Nur Altersmäßig gibt es nichts zu meckern, Asiaten sehen so gut immer wesentlich jünger aus. Und nun komme ich meist in Cargohosen, Schlabbershirt und Baseballkappe auf dem Kopf. Elegant ist anders 😀

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