Konsumrausch

Seit letzter Woche funktionierte mein Wecker wegen eines einfachen mechanischen Problems nicht mehr zuverlässig. Nach einem gescheiterten Reparaturversuch war der Wecker dann völlig hinüber und ich beschloss, mir bei Ikea, woher das alte Exemplar stammte, das jahrelang ordentlich seinen Dienst verrichtete, einen neuen Wecker zu kaufen. Ikea ist für mich Segen und Fluch zugleich; ich mag ihre Produkte und ihre Designideen, aber ich schaffe es nie, dort wirklich nur das zu kaufen, weshalb ich hinfuhr. Irgendwie schafft dieser Laden es immer wieder, sämtliche Diziplinhebel in meinem Kopf auszuschalten und dafür direkt und ungefiltert lauter „Will ich haben!“-Botschaften an das dafür zuständige Gehirnareal zu senden. Nichtsdestotrotz fuhr ich heute zum nahegelegenen blau-gelben Möbelhaus. Aus weiser Voraussicht drehte ich gar nicht die ganze Runde durch die Ausstellung im ersten Stock, sondern schaute mich oben nur kurz in den zwei Abteilungen um, die strategisch günstig an der Treppe nach unten zur Selbstbedienungshalle liegen. Und schon geht es los.

Die Stofftiere sind ja niedlich! Das hier könnte ich toll verschenken, an meinem kleinen Cousin oder als Insidergag an meine beste Freundin. Und unter den ganzen Reisesachen gibt es gerade aufblasbare Nackenrollen. Sowas wollte ich schon länger. Aber jetzt schnell ein Stockwerk tiefer, wohin ich eigentlich wollte. Oh, die haben ja schöne Gewürzgläser! Die würden sich gut in meiner Küche machen. Und Salz- und Pfefferstreuer – klasse, meine Katze hat die alte Porzellan-Kombi neulich erst vom Küchentisch in den frühen Tod gestürzt. Ach, die Auflaufform hat genau die richtige Größe! Meine zuhause ist immer zu groß, wenn ich nur für mich alleine koche. Und die Glasschüsseln, schön und schlicht und günstig. Ich mache meinen Salat immer in Plastik an, Glas wäre doch viel schöner und bei 1,99 kann man nun wirklich nicht meckern. Oh, jetzt muss ich aufpassen, jetzt kommt die Textilien-Abteilung. Ich liebe Stoffe. Nein, meine Restekisten sind schon voll genug, die leere ich erst mal, bevor ich mir ohne konkretes Nähprojekt noch mehr schöne bunte Stoffe kaufe. Aber die sind so schön! Ne, wirklich nicht, lieber schnell weiter gehen. Ich habe daheim doch noch ganz tolle Sachen. Na gut. Ooooh, aber jetzt kommt die Bettwäsche! Bettwäsche liebe ich noch viel mehr als unverarbeitete Stoffe. Da, die hier, blaues Paisley, die ist ganz toll und schön dünn, das ist doch perfekt für dieses Wetter! Dann brauche ich natürlich noch ein Betttuch dazu, meine Katze macht die mit ihren Krallen ohnehin immer so schnell kaputt. Hier, in apfelgrün, das ist doch ein toller Kontrast! Okay, aber jetzt schnell raus aus dieser Abteilung und weiter. Da, dort drüben gibt es Scheren! Meine Küchenschere ist eigentlich ziemlich hinüber, das wäre doch eine gute Gelegenheit für eine Neuanschaffung… Und weiter geht es in die Schreibwarenabteilung. Notizbücher! Schöne, handgemachte Notizbücher! Kann man immer brauchen undoder verschenken. Da dürfens auch mal zwei sein. Oder drei. Daneben gibt es Geschenkpapier. Hach, da kann ich ins Schwärmen kommen. Nein, das auf alt getrimmte „Historisk“-Papier im Dreierpack lassen wir schön hier. Aber dafür vielleicht das hier? Ja, das nehmen wir mit. So schönes Papier mit so niedlichen Garnichtscheißherzchen, das fleht mich ja geradezu an, mich seiner zu erbarmen. Sieh mal an, was für schöne kunterbunte Servietten! So was mag ich, die kommen in die Tasche. Und da vorne, sind das… ja, das sind wirklich Kühlschrankmagnete mit kleinen Klemmen dran, und das auch noch in einer so schönen, perfekt in meine Küche passenden Farbe! Das ist ja sozusagen ein Zeichen. Jetzt noch schnell an den Blumen vorbei und dann haben wir es auch schon in die Halle geschafft. Wo ist die Kasse mit der kürzesten Schlange? Moment, was ist denn das? Lampions? Das sieht ja hübsch aus! Ach, die haben sogar Lichter drin? Solarlichter gar? Wie praktisch! Gut, ich habe zwar nicht mal einen Balkon, aber diese Lichterkette mit den kleinen roten Kugelschirmen, die möchte ich trotzdem mitnehmen. Die schenke ich Mutti für ihre Gartenparty im Sommer, das gefällt ihr sicher. Na gut, aber jetzt schnell zur Kasse. Alles schön einzeln abscannen. Hui, da läppert sich ganz schön was zusammen. Aber was beklage ich mich eigentlich – habe ich es etwa schon jemals geschafft, ohne Spontankäufe aus dem Ikea herauszukommen? Und die Sachen sind doch wirklich schön und praktisch. Nur noch schnell zum Auto tragen, und schon kann es wieder nach Hause gehen!

Mein Wecker-Modell hatten sie übrigens nicht mehr und alle anderen konnten mich nicht überzeugen. Aber hey, wer braucht schon einen Wecker?

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13 Kommentare zu “Konsumrausch

  1. Der erste Stock bei IKEA ist nicht gefährlich, Es ist das EG. Ich gehe nur auf Druck zu IKEA, aber der Rest meiner Familie liebt es. Ich bin immer wieder erstaunt wieviel Zeug man da „hamstern“ kann.

  2. Und wo sind die Teelichter und Servietten? 😉
    In der Nähe meines Wohnortes gibt es zur Freude meines Kontos keinen IKEA. Und der noch nicht gefundene Wunsch-Wecker ist zumindest ein Grund, bald wieder die „heiligen Hallen“ zu betreten.

  3. Also wenn der defekte Wecker wirklich kein Vorwand für einen gemütlichen Einkaufsbummel war, besteht der Trick darin, die IKEA zum Zeitpunkt des grössten Besucherstromes aufzusuchen; idealerweise an einem verregneten Samstag um 14 Uhr. Der grosse Andrang an Kaufwilligen mit grossen Einkaufswagen und unzufriedenen, schreienden Kindern in den engen Gängen sorgt dafür, den Einkaufsbummel so kurz und konzentriert wie möglich zu halten 🙂

    • Der beste Zeitpunkt, einen Ikea aufzusuchen, ist während eines WM-Deutschland-Spiels. Unvergessen der Tag, als ich mit meiner Mutter durch beinahe menschenleere Flure wandelte, außer uns nur noch ein paar wenige Frauen unterwegs, und über die Lautsprecher wurde live das Elfmeterschießen Deutschland-Argentinien mitgeteilt. Großartig!

  4. ..ich möchte auch immer nur schnell “ Kerzen “ kaufen. Leider landen neben den Kerzen, wenn ich sie denn überhaupt kaufe, noch mindestens 5 andere Artikel im Wagen.

  5. Das letzte Mal, als ich mich doch überreden ließ, mitzufahren in diesen Hort des Grauens, schaffte mich der Liebstelieblingsfamosgeselle gerade noch rechtzeitig wieder herauszubugsieren, bevor ich anhub, mit Gardinenstangen Menschen zu erdolchen und Teelichtbombardements anzuzetteln. Das ist Jahre her, er frug nie wieder, ob ich ihn in die Hölle begleitet will. Ich habe wohl eine Ikeaallergie. Herzlichst, Käthe Knobloch, Ikeaterroristin.

    • Merkwürdig, dass diese an sich banale Möbelhauskette wie kein anderer Laden sonst fähig ist, die Menschen streng in zwei Gruppen, die Liebhaber und die Furchtbarfinder zu separieren. Aber: Ikeaterroristin, welch vorzügliche Wortwahl! (Das böse Wort in zwei Kommentaren hintereinander – hallo, liebe NSA-Jungs!)

      • Ähem, kurz nach dem Veröffentlichen des Kommentars krawummste das Telephon im Florallabor immens…Jungs? Juhungs, alles gut! Was a joke! I’m not a terrorist, I’m a Flowerpowergirl…

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